Kinder des Volks.
Von Alfred Bock.
(Fortsetzung.)
Einmal geschah es, daß er angeheitert die Kanzel bestieg, mitten in seiner Predigt „Marsch Katz', Amen!" rief und stände pede das Gottesbaus verließ. Das Konsistorium entkleidete ihn alsbald feines Amtes. Seit dieser Zeit führte er ein klägliches Leben. Eine Wäscherin erbarmte sich seiner, nahm ihn bei sich auf und sorgte für ihn, so gut sie konnte. Aus Dankbarkeit erhob er sie zu feiner Gemahlin. Die beiden bewohnten ein paar Mansardenstübchen im Stadlerschen Hause und waren als Hausgenossen geladen. „ . ~ m ,
Die Trauhandlung begann. Der Geistliche war ein Zelot. Im Verlause feiner Rede führte er die Worte des Apostels Paulus an: „Das aber ist eine rechte Witwe, die einsam ist, die ihre Hoffnung auf Gott stellt und bleibt am Gebet und Flehen, Tag und Nacht. Welche aber In Wollüsten lebt die ist lebendig tot." Daraus fußend zog er mit bewundernswerter Offenheit das Vorleben der Stadlern durch die Hechel, ermahnte sie zur Einkehr und Buße, auf daß sie ihre zweite Ehe rein und unbefleckt erhalte. „ . m r , „
Die Braut stand mit roter Glut übergossen, der Bräutigam sah den Pfarrer unwirsch an. Der ließ sich nicht im geringsten beirren, sondern predigte gewichtig weiter. Die Hochzeitsgäste wurden unruhig, die Sache war um so peinlicher, als allerlei Schaulustige der Trauung beiwohnten. Die Verehrer aber murrten laut:
„Der verdammte Pfaff. Das soll er uns büßen!"
Man atmete auf, als die Zeremonie beendet war, und beeilte sich, aus der Kirche zu kommen. _ r _
Glockenfchlaq zwölf nahm man im Haufe der neugebackenen Notar- fchreiberin an schön gedeckter Tafel Platz. Zur Rechten und Linken des Hochzeitspaars faßen der alte Schollas und feine Frau, die übrigen schloffen sich zwanglos an. Nach der Suppe brachte der Bahnmeister Zapf den Toast auf die jungen Eheleute aus:
Wann eine Eifenbahn gebaut wird — das weiß jeb Kmd — wird erst" der Unterbau in die Reih' geschafft. Wir Eisenbahner sprechen: Wenn der Unterbau gut ist, rollt der Zug von selbst. Wann eme Eheschaft geschloffen wird, fragt man wohl auch, wie steht's mit dem Unterbau? Seit Olims Zeiten streiten sich die Gelehrten herum, wer eigens lich den Unterbau in der Ehe ausmacht: der Mann oder die tf rou? Ich
Nsuss von der Rundfunk-Musik.
Verbesserte Mikrophone. — Der Dirigent vor der Glasscheibe.
Von Frank Warschauer.
Jedem, der aufmerksam die Rundfunkdarbietungen verfolgt, wird es ausgefallen sein, daß gerade in der letzten Zeit sich die Sendungen an ?ast allen europäischen Sendern ganz bedeutend gebessert haben. Die Zeiten, in denen der musikalisch Gebildete dem Rundfunk feindselig gegen« überstand, sind ja ohnehin längst vorbei. Jenes traurige Krächzen und Klirren, das so häufig die Ohren eines empfindlichen Hörers beleidigte, hat inzwischen fast ganz aufgehört, oder ist zum mindesten doch so selten geworden, daß es für den Gesamteindruck keine wesentliche Rolle mehr spielt. Ganz besonders deutlich ist dies bei denjenigen Instrumenten zu spüren, die früher ein Schmerzenskind der Technik gewesen sind, zum Beispiel beim Klavier. Tatsächlich war der Klavierklang im Rundfunk und beim Grammophon kaum auszuhalten, er klang zu blechern und dürr, man wurde eigentlich immer an die alte Bezeichnung „Drahtkommode" erinnert, und im besten Falle war eine Aehnlichkeit mit dem zirpenden und dünnen Klang der Vorgänger des Klaviers, also etwa des Cembalos, herauszuhören. Aber jene Fülle und Mafsigkeit, jene Farbigkeit und Dichte, die wir sonst vorn Klavier verlangen — die konnte der Lautsprecher nicht wiedergeben. Besonders deutlich sind auch die Fortschritte auf dem Gebiete des Orchesterklanges; wir finden nicht selten Rundsunkkonzerte, bei denen auch große Klangmassen von Chören und dicht besetzten Orchestern verhältnismäßig sehr gut wiedergegeben werden. Und das gleiche gilt auch vom Gesang. Wenn früher der Kreis der Sänger, die überhaupt für den Rundfunk in Betracht kamen, verhältnismäßig klein war, weil eine besondere Rundfunkeignung dafür vorausgesetzt wurde, so kann heute eine Stimme, die gut durchgeblidet ist und einen angenehmen Charakter hat, durch das Mikrophon naturgetreu wieder- gegeben werden. Freilich nur mit einem Unterschied, der die Gesangspädagogen besonders interessiert: Man hört die Fehler, die der Sänger macht, in Tongebung, Atemführung und Phrasierung ganz besonders deutlich, und das Mikrophon wirkt hier gleichsam wie ein Mikroskop; es macht Kleinigkeiten, die sonst leicht zu überhören find, deutlich, und insofern kommt es ja nun ganz besonders darauf an, daß der Sänger auch wirklich gut geschult ist und seine Partei bis in die kleinste Einzelheit beherrscht.
Die Verbesserungen, die zu diesem erstaunlichen Resultat geführt haben, sind zunächst einmal technischer Natur. Die Empfindlichkeit der Mikrophone und aller sonstigen Wiedergabeapparate ist auch beträchtlich gesteigert. Wenn früher sowohl die höchsten, als auch die tiefsten Töne nicht mit derjenigen Stärke übertragen werden konnten, wie es für einen naturgetreuen Eindruck notwendig war, fo ist jetzt dieser Fehler zum größten Teil beseitigt. Dies macht sich in doppelter Hinsicht bemerkbar: einmal durch die viel genauere und klarere Wiedergabe der Klangfarbe von Stimmen und Instrumenten. Denn diese ist bekanntlich bestimmt durch die Zahl und Stärke der Obertöne, die dabei mitschwin- gen; wenn sie zum Teil wegfallen, so verändert sich auch der Klangcharakter, und wenn sie schwächer werden, ebenfalls. Das war ja auch der Grund, daß früher etwa der Ton einer Geige dem einer Flöte ähnlich war; denn die zahlreichen Obertöne, die für den Streicherklang bezeichnend find, wurden nicht mit wiedergegeben, und infolgedessen ähnelte der schließlich erzielte Klang dem der Flöte, die von Natur nur wenige übertöne hat. Die Wiedergabe der tiefen Töne wiederum ist infofern von ganz besonderer Bedeutung, als erst hierdurch der Gesamiefsekt dem Unmittelbar Gehörten ähnlich werden kann. Denn die tiefen Töne sind es ja, welche Fülle und Mächtigkeit des Klanges Hervorrufen. Ohne einen ausgesprochenen und schön tönenden Baß klingt eine Reproduktion mit Hilfe einer technischen Apparatur immer dünn und piepsig. Je stärker die tiefen Töne durchkommen, desto angenehmer und wärmer wird der Ge- samtklang.
Aber es ist noch ein anderes Moment, daß zu diesen wesentlichen Verbesserungen geführt hat: die gesteigerte Mitarbeit der Musiker. Sie beschränkt sich nicht mehr auf eine mehr ober minder platonische Mitarbeit, sie begnügt sich auch nicht mit Verbesserungen, die im Einzelfall bei dem Auftreten eines Musikers vor dem Rundfunk zu erzielen find, es sind vielmehr von den verschiedensten Seiten grundsätzliche Studien gemacht worden, um von der rein musikalischen Seite den Eindruck so zu gestalten, daß er tatsächlich mehr ist als ein Surrogat, daß er etwas Endgültiges und Jnsichgefchloffenes hat, wie es ja vorn künstlerischen Gesichtspunkt aus verlangt werden muß. Immer mehr werden alle diesbezüglichen Fragen in der musikalischen Fachpresse diskutiert, und an verschiedenen Stellen gibt es nun auch die Möglichkeit für den Musiker, sich durch praktische Experimente mit dem ganzen Gebiet wirklich vertraut zu machen, und was ganz besonders wichtig ist, es auch lieb zu gewinnen. Denn solche Gefühlsbeziehung ist in der Tat der Anfang jeder wirklichen künstlerischen Gestaltung. Solange ein Künstler vor der technischen Apparatur geradezu Angst hat, sie als etwas Fremdes und vielleicht Feindseliges betrachtet, dem er sich nur notgedrungen ab unb au überantworten muß, — solange kann er natürlich auch auf diesen Gebieten nicht wirklich schöpferisch tätig sein. Hier hat das Bestehen der Versuchsanstalten für den Rundfunk eine vollständige Aenderung der Verhältnisse mit sich gebracht. Zu der Versuchsstelle, die im Mai des vorigen Jahres an der Berliner Hochschule für Musik errichtet wurde, sind noch andere hinzugekommen, vor allem eine an einem der größten Berliner Konservatorien, die von einem Führer moderner Musik geleitet wird, und auch in München wird jetzt in ähnlicher Weise gearbeitet.
Bei diesen Experimenten ist man vielfach so weit gegangen, die Technik der Künstler, besonders bei den Geigern, speziell für diesen Zweck in sinngemäßer Weise zu verändern. Aussichtsreicher sind aber Jene anderen Versuchsreihen, die darauf hinzielen, durch geeignete Umstellung der Mikrophone in Räumen verschiedenster Art die künstlerischste ®tr= »ung zu erzielen und auf diese Weise die Fehler- und Unzulänglichkeits- guellen, soweit es irgendwie möglich ist, zu beseitigen. Die Ausgabe ist immer: sich von der Technik nicht überraschen lassen. Der Hörer soll
schließlich am Lautsprecher wirklich den Eindruck haben, der vom Musiker beabsichtigt ist.
Originelle Wege zur Erreichung dieses Zieles ist man in Budapest gegangen; und die zahlreichen Hörer dieses Senders werden wohl alle bestätigen, daß sie zu bemerkenswerten Erfolgen geführt haben. Man hat nämlich dort einen besonderen Aufnahmeraum geschaffen, der nach ähnlichen Prinzipien konstruiert wurde, wie einzelne Räume am Londoner Sender. Dabei leitet der Dirigent ein Orchester, daß er zwar sieht, aber nicht unmittelbar hört, sondern nur auf dem gleichen Umwege wie jeder andere Rundfunkhörer auch, nämlich durch den Lautsprecher. Man denke sich einen großen Aufnahmeraum mit Orchester, wie gewöhnlich; aber an Stelle der einen Wand ist eine riesige Glasscheibe eingesetzt, und zwar derart, daß kein Ton durch sie hindurchdringen kann. Jenseits dieser Scheide sitzt der Dirigent, vor sich die Partitur, und neben sich einen Lautsprecher. Wenn er nun dirigiert, so können wohl die Musiker seine Bewegungen deutlich genug sehen; aber er hört das Orchester nicht so, wie es im Aufnahmeraum klingt, vielmehr so, wie es der Hörer vernimmt. Und das ist ja nun ein großer Unterschied. Wer jemals in einem Aufnahmeraum während eines Konzertes gewesen ist, der weiß, daß für den Dirigenten, der dort unter ganz anderen Bedingungen arbeitet als sonst, es fast unmöglich ist, sich wirklich ein richtiges Bild davon zu machen, ob er die von ihm gewünschten Wirkungen nun eigentlich erzielt ober nicht; der Raum ist meist eng, die Klangmassen überfluten ihn — und den Schaden hat der Hörer. In Budapest aber ist durch diese geschickte Anordnung die Möglichkeit geschaffen, das Klangbild in feiner endgültigen Fassung so zu gestalten, wie es dem Dirigenten vorschwebt.
An den anderen Sendern muh diese Möglichkeit durch viel kompliziertere Maßnahmen künstlerischer Prüfung und Ueberwachung ersetzt werden, die freilich in vielen Fällen auch zu den guten Resultaten führen, wie wir sie im Rundfunk jetzt immer häufiger zu hören gewöhnt sind.
Mißverständnis.
Von Dr. Owlglaß.
„Geh' hin zur Ameise, fauler Knecht!" gebot der Weise ... Ein grüner Specht mit rotem Schopf und leerem Magen ließ sich das Ding n.chk zweimal sagen und kam zum nächsten Ameisenhaufen höchst lernbefliffen angelaufen.
„Fürwahr, hier geht es fleißig her!" durchschaute und vermerkte er.
„Da woll'n wir denn nicht müßig bleiben und gleichfalls uns die Zeit vertreiben!" Stieß feinen Schnabel, lang und groß, in den Betrieb und fraß drauf los.
„He! Halt!", rief daß entsetzt der Weise, „du störst ja diese Lebenskreise!
Sie soll'u doch bloß ein Beispiel geben!
Kannst du das nicht verstehn?" — „Nu eben: ein Beispiel ist dazu bestimmt," versetzt der Specht, „daß man sich's nimmt!" ... Und ist in einem Zickzackbogen ironisch wiehernd fortgeflogen.


