Ausgabe 
5.8.1929
 
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GiehenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1929 Montag, den 5. August Nummer 60

An die Geliebte.

Von Eduard M ö r i k e.

Wenn ich, von deinem Anschaun tief gestillt, mich stumm an deinem Heilgen Wert vergnüge, dann hör ich recht die leisen Atemzüge des Engels, welcher sich in dir verhüllt.

Und ein erstaunt, ein fragend Lächeln quillt auf meinem Mund, ob mich kein Traum betrüge, daß nun in dir, zu ewiger Genüge, mein kühnster Wunsch, mein einz'ger, sich erfüllt?

Von Tiefe dann zu Tiefen stürzt mein Sinn, ich höre aus der Gottheit nächt'ger Ferne die Quellen des Geschicks melodisch rauschen.

Betäubt kehr ich den Blick nach oben hin, zum Himmel auf da lächeln alle Sterne; ich knie, ihrem Lichtgesang zu lauschen.

Anekdote.

Von Robert Reumann.

Der berühmte Wilson, Präsident der Vereinigten Staaten und durch das Zwiegesicht seiner 14 Punkte ein für allemal in Deutschland so bekannt wie berüchtigt, hat in Berlin einen Doppelgänger, Wilhelm Jaenicke mit Namen und seines Zeichens Oberkellner in einer Likör­stube im Westen der Stadt, nicht weit vom Wittenberg-Platz. Dieser Jaenicke hat mir seine Geschichte erzählt. Sie sei hier verzeichnet. Er sagte:

Bor dem Kriege war ich Kammerdiener, Herr. In Potsdam, im Schloß, acht Jahre lang. Und dem persönlichen Dienst bei Seiner Majestät zugeteilt. Schon damals, wenn ich servierte und wenn Majestät sich zurückgezogen hatten und die jüngeren Hoheiten noch einer Pulle den Hals brechen wollten, mit Verlaub damals schon sagten sie zu mir:Amerikaner, den Sekt in den Kübel!" Oder:Hier nachgießen, Amerikaner!" Und als dann 1914 kam und ich vor Verdun lag, erschienen einmal Seintz Kaiserliche Hoheit der Kronprinz persönlich bei uns im Graben und erkannten mich wieder:Der Amerikaner!" riefen Seine Kaiserliche Hoheit. Und traten bann plötzlich zwei Schritte zurück und schlugen sich auf den Schenkel und riefen:Mensch, du siehst ja aus wie der amerikanische Präsident! Du bist ja der Präsident Wilson!" Die Herren lachten und von da ab hieß ich der Präsident Wilson und war berühmt in der ganzen sechsten Armee in den Offiziersmessen muhte ich mich zeigen, und war irgendwo ein Fest, so wurde ich angefordert und mußte oft Stunden und Tage reisen, nur um dabei zu fein. Dann kam 1918 und das war zu Ende, auch nach Potsdam konnte ich ja nun nicht mehr zurück, ich war auf einem Gut in Mecklenburg, dann bei einem Bankier aber, Herr, wenn man einmal in Potsdam gewesen ist, dann kann man sich anderswo nicht so leicht einleben.

Ich war da schon drei Monate ohne Posten, als der Herr zu mir kam, auf mein möbliertes Kabinett, draußen an der Großen Frankfurter Straße. Es war ein dicker Herr mit Hornbrille, fein Auto wartete drun­ten auch den Namen könnte ich Ihnen sagen, aber der tut ja nichts zur Sache. Er sagte, er sei damals bei der sechsten Armee mit dabei gewesen und er habe sechsunddreißig Briefe geschrieben und einen Monat gesucht, ehe er meine Türe fand, und er sei Filmdirektor und er brauche mich für einen Film.Herr," sagte ich,ich bin kein Schau­spieler!"Um so besser," antwortete er,Sie sehen dem Präsidenten Wilson gleich das genügt!" Und klimpert mit dem Geld in der Tasche. Ich mar drei Monate ohne Arbeit, Herr, und meine Erspar­nisse waren zum Teufe! gegangen. Sonst hätte ich vielleicht nicht an­genommen. Und außerdem ein wenig eitel ist jeder Mensch auch, nicht wahr? Also unterschrieb ich.

Es war nicht übel, Herr, einen neuen Cutaway angemessen zu be­kommen, und auch das Spielen war nicht schwer. Es dauerte auch nicht länger als etwa zwei Stunden sie brauchten es, sagte sie mir, Mr als Einlage für einen Wochenbericht. Da stellten sie mich um elf Uhr vormittags auf die Treppe des Potsdamer Bahnhofs, und indes drunten einer bei feinem Apparat stand und kurbelte, hatte ich nur die Stufen niederzusteigen, mit meinem Zylinder, rechts hin und links hin eine Gruppe devoter Herren zu begrüßen und mich in eines der vor- fahrenden Autos zu setzen. Das war nicht schwer, und sie sagten, ich hätte es gut gemacht. Doch als sie mich nun Unter die Linden führten

und zum Kaiserlichen Schloß und verlangten, nun sollte ich dort, indes der Mann bei seinem Apparat die Kurbel drehte, die von Seiner Majestät verlassenen Privatappartements besichtigen, da, Herr cs gab mir doch einen Stich durchs Herz. Mit ihren staubigen Schuhen gingen sie durch die Zimmer, und der Herr mit der Hornbrille behielt den Hut auf dem Kopf.Also besichtigen!" rief er, und dann wollte er, ich sollte vorangehen und mir selber die Türen öffnen. Ich glaube^ der Herr mit der Brille war noch niemals bei einer Besichtigung an­wesend. Als ich sagte, wie die preußische Hofvorschrift ist, standen sie alle um mich, und ich glaube, einige der Herren haben gelacht. Aber dann machte ich es ihnen vor, und der Herr mit der Brille rief: Ausgezeichnet! Jetzt Aufnahme!" So promenierte ich mit meiner Suite durch die Appartements Seiner Majestät, und ich darf wohl sagen: an dem Zeremoniell war nichts auszusetzen. Erfrischungen gab man an dem kleinen Büfett, und im Roten Salon nebenan nahm ich auch die kleine Defiliercour entgegen. Ich muß es gestehen, Herr: an den Mann mit seinem Kurbelkasten dachte ich damals nicht mehr. Eine Defiliercour! Ich weiß nicht, wie in Amerika die Etikette ist aber seine Exzellenz der Herr Präsident durften, ohne mich rühmen zu wollen, mit seiner Vertretung zufrieden sein.Ausgezeichnet", rief der Herr mit der Brille immer wieder. Dann kommandierte er:Das Ganze halt!" und trat auf mich zu.Ausgezeichnet!" sagte er.Und jetzt gehen Sie noch hinunter, gehen Sie quer über den Platz und legen Sie diesen Kranz da auf den Sockel des Denkmals Friedrichs des Großen."Gut", sagte ich nur. Denn, Herr, man hat nicht umsonst bei zwanzig oder fünfundzwanzig Kranzniederlegungen hinter dem Zeremonienmeister gestanden. Und daß der Amerikaner ich will nichts gegen ihn gesagt haben, aber daß er mit seinen 14 Punkten und mit seinem Wortbruch Deutschland ins Unglück gebracht hat, das wußte ja jeder daß der Amerikaner nun wenigstens dem Alten Fritz seine Reverenz machen sollte, das freute mich.Gut", sagte ich also und ging mit den Herren hinunter.

Ich weiß nicht, wie ich es Ihnen sagen soll, Herr. Als ich aus dem Schloß trat, sah ich die Straße von Menschen schwarz. Es war irgndwie bekannt geworden, der amerikanische Präsident Wilson fei von Paris dort war damals die Friedenskonferenz inkognito her­übergekommen. Da standen an die taufend Menschen und wollten den amerikanischen Präsidenten Wilson sehen, und Polizei war aufgeboten und hielt den Platz frei, und Photographen klebten an allen Fenstern, und der Mann mit der Kurbel war wieder da und kurbelte, kurbelte. Ich machte es, wie man es machen muß. Ich nahm den Kranz aus den Händen eines Herrn der Suite, ich legte ihn über den linken Arm, ich hielt den Zylinder in der Rechten und ging, die Suite zehn Schritt hinter mir, quer über den Platz bis an den Sockel des Monumentes. Nun blickte ich ein wenig um mich, denn eigentlich wäre da eine kurze Rede zu halten gewesen. Ich blickte also ein wenig suchend um mich, ich sehe den von einem Kordon Polizisten freigehaltenen Platz grell- Sinig: es war ein Sommertag ich sehe die Suite, ich sehe das onüment, ich lächle ein wenig für die Photographen, ich nehme den Kranz und will

Da löst sich drüben von der Menschenmasfe ein Mann und geht quer über den freien Platz auf mich zu. Ich denke noch: das ist unge­hörig. Aber ich denke zugleich: ach, eine jener unarrangierten Huldi­gungen, jener kleinen Aufmerksamkeiten, jener freundlichen unbedeu­tenden Zwischenfälle, von denen man dann in den Zeitungen liest. Ah, denke ich, da der Mann schon nahe kommt und ich seine sehr einfache Kleidung ausnehmen. kann, ah, und lege schon mein Gesicht in die Falten des Lächelns, verwundert, diskret, belustigt, leutselig erfreut wie es für solche Anlässe üblich ist.

Da tritt dieser Mann vor mich hin ein Arbeiter, Herr, in Ar­beiterkleidern da stellt sich dieser Mann vor mich hin, brüllt:Wil­son, wo sind deine 14 Punkte?" Und hebt seine rote Hand und schlägt mir den Zylinder vom Kopfe.

Ich will Sie nicht zu lange aufhalten, Herr. Auch wollen die Herr­schaften drüben am Ecktifch ihren Sherry bezahlen. Als wir alle auf dem Polizeirevier waren, stellte es sich heraus, daß auch dieser Mann von der Filmgesellschaft für fein Attentat engagiert war. Der Herr mit der Brille hatte mir im voraus nichts sagen wollen.Wilson hätte sonst nicht natürlich gespielt", gab er auf Befragen zu Protokoll.

Der FilmWilson auf Besuch in Berlin" wurde ein einzigesmal gespielt, auf dem Alexanderplatz, ich war dabei. Dann hat die Polizei ihn verboten. Aber der Herr mit der Brille hat den Schluß ortge- chnitten das Attentat und das andere nach Amerika verkauft. Er soll viel Geld dafür bekommen haben. Mir hat er meine zweihundert Mark erst bezahlt, als ich eben noch ein Paar Schuhe dafür bekam. Nun, das war besser als gar nichts. Und von der Kanzlei des Präsi­denten habe ich acht Monate später eine Zuschrift erhalten. Der Prä­sident hat dort drüben den Film gesehen und mir seine Anerkennung