r Aber eine neue Blütezeit begann mit der Renaissance. Für die Bau- aeschichte von Paris bedeutet sie ein stärkeres persönliches Eingreifen der Monarchen und das Durchdringen eines neuen Kunstgeschmacks, der huf Symmetrie und Perspektive abzielt. .
Die neue Renaissancebaukunst entfaltete sich zuerst rn den Komgs- schlössern an der Loire, wo die Valois zu residieren liebten. Erst nach der Niederlage von Pavia und der spanischen Gefangenschaft siedelte Franz I. nach Paris über. Der Konflikt mit den Habsburgern ließ ihm diese Verlegung seiner Residenz wünschenswert erscheinen: er brauchte die Stütze der Pariser Bevölkerung; er muhte sich mit dem Geld des hauptstädtischen Bürgertums finanzieren; und er durfte auch aus militärischen Gründen nicht zu weit von der offenen Nordgrenze residieren Die Ueber- siedlunq machte eine Erneuerung des Louvre notig. An Stelle des alten Festungsturms, der sich der Seine zukehrte, trat der neue Louvre, den Pierre Lescot 1546 begann. Für seine Mutter erwarb Franz I. das westlich anstoßende Gelände, wo bis dahin Ziegeleien (tmleries) betrieben wurden. Das Tuilerien-Schloß wurde 1871 ein Opfer des Aufstandes der Kommune, aber sein Park ist heute noch eine der beliebtesten Erholungsstätten der Pariser. . .
Ludwig XIV., der in seiner Jugend den Aufruhr der Fronde in Paris miterlebt hatte, liebte Paris nicht. Er hat fast niemals dort residiert sondern sich in den starren Prunk von Versailles zurückgezogen. Damit beginnt die Lösung der Monarchie vom Volke. Dennoch hat die Regierung des Sonnenkönigs und seiner Nachfolger im Stadtbild von Paris großartige Spuren hinterlassen. Beim Ausbruch der Revolution war Paris eine Weltstadt von 600 000 Einwohnern. Die politische Umwälzung hat dann vieles vom alten Paris zerstört, ^b^r endgültig wurde diese Zerstörung erst unter dem zweiten Kaiserreich. Es hat das Stadtbild von Paris mehr verändert als die vorausgehenden fünfzehn Jahrhunderte. Ein neues Prinzip griff damals in die Entwicklung ein: das der systematischen, rationalen Umgestaltung — der „urbavismo , wie die Franzosen sagen. Die Anregung dazu gab Napoleon Ul. selbst; die Ausführung leitete bet ©einepräfeft 23nron Hausmann. 9Jlcm wollte Paris durch großzügige Modernisierung zur Hauptstadt der zivilisierten Welt machen. Mitbestimmend war das Vorbild von London, dem auch die Anlage neuer Parks und „Squares" entlehnt wurde. Die Erweiterungen und Neubauten trafen in eine Epoche des Stilverfalls. Der Stil „Second Empire ist ein überlasteter innerlich unwahrer Eklektizismus; ferne charakteristische Schöpfung die große Oper. Die Erweiterung und Modernisierung der Stadt war eine unabweisbare Forderung. Aber die Art, wie Haußmann sie durchgeführt hat, ist mit Recht getadelt worden. Seine gradlinigen Straßendurchbrüche sind unorganisch und haben unnötig viel zerstört. Das Prinzip, mehrere große Berkehrsstraßen auf einem Platz zusammentreffen zu lassen (wie auf dem Opernplatz und an der Ctoile) hat sich als unheilvoll erwiesen, weil es den Verkehr hemmt und gefährdet. Eine unbeabsichtigte und vielfach unbemerkte Nebenwirkung des Systems Haußmann liegt übrigens darin, daß der Besucher von Paris meist in dem leicht überschaubaren Netz der breiten modernen Durchbruchstraßen gefangen bleibt und auf diese Weise die Schönheiten und Merkwürdigkeiten des alten Paris, die oft nur wenige Schritte entfernt sind, gar nicht kennen lernt. Wie viele von den Tausenden, die sich Liebhaber von Paris nennen, kennen die Rue Brise-Miche, die sich seit dem 14. Jahrhundert kaum verändert zu haben scheint, ober Die mit kabbalistischen Zeichen geschmückte Kolossalsäule des ehemaligen Hotel de Soissons, die dem Hofastrologen der Katharina von Medici als Sternwarte diente? .....
Die Geschichte von Paris ist wie die Roms em Stuck Weltgeschichte. Paris kennen lernen, ist ein Studium, das Monate und Jahre beansprucht und das dem Geist eine unerschöpfliche Nahrung bietet. Man kann den Längsschnitt der historischen Entwicklung und den Querschnitt des heutigen Lebens durch die Pariser Welt legen — und man wird auf beiden Wegen eine so große Fülle verschiedener Bilder entdecken, daß sie die Totalität des menschlichen Daseins aüszufüllen scheint. Der Gesamteindruck von Paris ist nicht nur durch eine Epoche, einen Stil, eine Stimmung beherrscht, sondern setzt sich zusammen aus einer fast unerschöpflichen Menge charakteristisch ausgeprägter Sonderaspekte. Pans ist eine symphonische Dichtung der Menschheit.
Das Lied der Arbeit.
Von vr. A. Götze, o. ö. Professor der deutschen Sprache an der Universität Gießen.
Es gibt einen seit Urzeiten wirksamen Quell, aus dem das Volkslied entsprang: die Arbeit. Den zahlreichen Freunden des Volkslieds unter unseren Lesern dürfte es willkommen {ein, in den nachstehenden Ausführungen eine Darstellung dieser interessanten Zusammenhänge zu finden. Wir entnehmen den Abschnitt dem soeben bei Quelle & Meyer (Leipzig) erschienenen Buche Prof. Götzes, „Das deutsche Volkslied".
Die rhythmisch gestaltete Arbeit herrscht im Leben des Menschen auf primitiver Stufe schon darum vor, weil bei seinen mangelhaften Werkzeugen der Arbeitsgang in gleichmäßiger Wiederkehr einfachster Hand- S viel länger dauert. Was unser Schlosser oder Drechsler in drei iten an Schraubstock und Drehbank bewältigt, kostet dem Naturmenschen mit Steinhammer und Knochennadel vielleicht drei Tage. Je schlechter das Werkzeug, um so geschickter und kräftiger muß die Hand fein, damit das endlos ausgedehnte Werk dennoch zum Ziel gelange. Ganz regelmäßig erzählen Afrikareisende, daß bei ihren freiwilligen oder gezwungenen Besuchen in Negerdörfern die Weiber die ganze Nacht hindurch die Handmühle gedreht haben. Das heißt zunächst doch, daß in aller Regel die Arbeit an der Handmühle den Tag der verfügbaren weiblichen Arbeitskräfte völlig ausfüllt. Der neue Esser setzt den Wirt, der au: dieser Stufe nie über Vorräte verfügt, in Verlegenheit; die Nacht muß zu Hilfe genommen werden, damit die Arbeit mit gleichbleibenden Kräf
ten und Verfahren bewältigt werde. So füllt eine höchst eintönige, langwierige und anstrengende Arbeit normalerweise den Tag der afrikanischen Frau vollkommen aus. Aber weiter wissen die Asrikareisenden ganz ebenso regelmäßig von den endlosen Mahlliedchen der Negerfrauen zu erzählen, die Urwald ober Steppe burchhallen. Der laute, gleichgemessene Schall ber Tagesarbeit bleibt burch ganz Afrika bas unvermeidliche Merkmal des gedeihlichen Negerdarfs. Notwendiger, als der Takt der Dresch- teget zum deutschen Bauerndorf in Winterszeit, gehört zum Negerborf bas gemessene Tud tud tud ber Keulen im Mörser. Im Suban tritt bas regelmäßige Klopfen ber Färber an bie Stelle, bei bett Beduinen bas Helle Läuten ber Kaffeemörser, bei ben Malayen ber Sübsee ber bumpfe Ton ber Reisstampfe. Nirgenbs aber wohnen Menfchen dieser Stufe bei- ammen ohne gleichtönende Arbeit, ohne Arbeitsrhythmus und Arbeitslied. So ist es schon feit Jahrtausenden gewesen; neben der entwicklungsgeschichtlichen Notwendigkeit haben wir hier einmal auch einen literari- chen Beweis. Wenn im Alten Testament Jeremias Kap. 48 Moad Verödung prophezeit, so drückt er das in Vers 33 so aus: „Man wird keinen Wein mehr keltern, der Weintreter wird nicht mehr sein Lied fingen." Oder Jeremias weissagt ben Juben ihre siebzigjährige Gefangenschaft und agt babei (25,10) von ihren Dörfern: „Ich will heraus nehmen allen röhlichen Gesang, bie Stimme ber Bräutigams unb ber Braut, bie Stimme ber Mühle und bas Licht ber Lampe." So ist das Arbeitslied uralt und gerade in den ältesten Zeiten untrennbar mit ber Arbeit verbunden.
Auch die älteste germanische Dichtung kennt das Arbeitslied und setzt vor allem das Lied zur Handmühle in selbstverständlicher Geltung allgemein voraus. Snorres Edda erzählt in einem der ältesten Lieder des Nordens, das wir überhaupt besitzen, dem Grottasöngr, wie König Fred! von Jütland zwei Riesenjungfrauen gekauft habe. Er fragt nicht lange nach ihrem Geschlecht, sondern stellt sie an eine Mühle, die sonst keiner drehen kann. Da heißt es nun:
Sie drehten rüstig die rollenden Steine Und fangen in Schlaf das Gesinde Frodis. Da nahm beim Mahlen Menja das Wort.
Und nun folgt das ehrwürdige älteste Mahllied aus germanischer Urzeit:
„Wir mahlen Gold; die Mühle des Glücks Mache Frodi reich an funkelnden Schätzen. In Reichtum sitz' er, ruhe auf Daunen, Erwache vergnügt! Dann ist wohl gemahlen."
Arbeit des Mahlens und Gesang gehören notwendig unb selbstver- stänblich zusammen. Hier ist es ein aus bem Stegreif gebichtetes Mahllied voll tiefen Sinnes, beziehungsreich unb künstlich, bas ber germanische Dichter ben begabten Töchtern seines Volkes ohne weiteres zutraut und zu trauen barf. Anbers sieht die Stegreifdichtung aus, wenn Negerfrauen sie verüben. Livingstone hat auf feiner letzten Reife erlebt, daß korn- mahlende Baiusifrauen bei der Handmühle ihn selbst unb seine Leistungen befangen. Er belauschte sie babei; bie Stegreisbichtung löst sich mühsam aus ber Fülle unb bem Drang ber Naturlaute, bie sie umgibt unb zu ersticken broht.
Immerhin ist bas Mahllieb in Afrika eine vielgeübte Gattung, unb auch biefe bescheidene Stegreifdichtung setzt lange Uebung in bem Nebeneinander von Gesang unb Arbeit doch immer schon voraus. Eine viel größere Rolle noch als bie Mahlliebchen spielt für Afrikareisenbe ihr ftänbiger Begleiter, bas Arbeitslied ber Träger. In Ostafrika marschieren sie nach bem Schall der Kesselpauke im Gänsemarsch, oft hängt sich aber der einzelne Träger noch eine kleine Glocke an ein Bein unb, wenn er etwa einen Elefantenzahn trägt, eine größere Glocke an bas Elfenbein. Damit ist bem Arbeitsrhythmus eine bescheidene Musik beigefügt, die Ursprung und Maß ganz von der Arbeit selbst hernimmt. Die Weise oder gar der bescheidene Text, der sich dazu einstellt, sind völlig Nebensache: die Weise wiederholt einförmig ein paar Töne bis zum Ueberdrnß, der Text braucht nur aus ein paar sinnlosen Worten und Ausrufen zu bestehen. Der Rhythmus ist durchaus bie Hauptsache: er belebt bie Arbeit, bas Wohlgefallen an ihm hält bie Lust zur Arbeit aufrecht. Dabei ist nun von ausschlaggebender Wichtigkeit, daß weder der Rhythmus noch das melodische Element im Arbeitsgesang von Haus aus der Sprache innewohnt. Er stammt in unserm Fall von außen, von der Körperbewegung und dem Klang des Werkzeugs. Darum hat jede Arbeit ihr besonderes Lied, bas bei keiner anbern Arbeit gesungen wirb und auch zu keiner anbern taugen würbe. Ja, wo biefelbe Arbeit von ver- schiebenen Leuten getrieben wirb, wo sie von verschieben großen ober verschieden kräftigen Menschen abweichende Handgrisfe verlangt, da hat jeder Arbeiter sein eigenes Lied und wacht eifersüchtig über diesem seinem Eigentum. Die Gesänge werden durchaus van der Arbeit hervorgerufen, in Rhythmus unb Zeitmaß finb sie mit ber Arbeit gegeben, bie Arbeit ist ber metrische Regulator, nicht bort bie Kesselpauke unb Trommel ober hier bie klatschenden Hände und stampfenden Füße. Das alles sind erst nachträgliche Stützen, die man dem inneren Rhythmus der Arbeit von außen her gibt. Vor allem andern war die rhythmische Körperbewegung da, wie sie die Arbeit verlangt; sie hat durchaus die führende Rolle.
In der Arbeit unb ihrem Rhythmus haben wir ben außerhalb der Dichtung liegenben Ausgangspunkt bes Siebs gefunben, ben wir brauchen, um bie Frage nach bem Ursprung bes Liebs zu beantworten. Die Arbeit als notaenbige Zweckhanblung ist älter als ber Zierat bes Liedes, bas von ihr hervorgebracht wirb, sie erleichtert, ja vielleicht erst ertraglw) macht für ben Naturmenschen, aber doch nicht erst hervorruft. Man singi, um besser unb leichter zu arbeiten; man arbeitet nicht, um zu siE"/ Das Verhältnis von früher unb später steht hier außer jebem Zweiseu Zugleich haben mir aber damit einen weltlichen Ausgangspunktfur oa^ Lied gewonnen. Mit der Arbeit begleitet das Arbeitslied den MeiyaM durch alle Nöte und Freuden des weltlichen Lebens, durch Tag un Jahr, vom Morgen bis zum Abend.
Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, D. Lange, Gießen.


