Ausgabe 
5.7.1929
 
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Gewitter zu kommen), sage ich, daß die offenbar erst vor wenigen Mo­naten ausgehobenc Mannschaft des Pelotons, lauter hagere Knaben, denen die Äugen vor Entsetzen über den ihnen befohlenen blutigen Auf- irog fast aus dem Kops sprangen, ihre Erregung so sehr in körperliche Mattigkeit umzusetzen begann, daß dem und jenem der Schuß weitab an die Mauer spritzte statt dem Gegenüber ins Fleisch, und füge ich schließ­lich hinzu, daß auch den dicken Offizier, jenen Meier, Hitze und Verstört­heit allgemach so tief überwältigten, daß das schwere seiner sleischigen Wangen einem kranken Grau zu weichen begann so wird man es nicht mehr als verwunderlich ansehen, daß er, und zufällig eben als ich auf dem Schauplatz erschien, die flache Hand hob und eine kleine Pause ein- treten ließ.

Das gab mir Gelegenheit, die Männer, die da standen und auf ihre Kugel warteten, schärfer ins Auge zu fassen. Sie waren sehr verschiedener Art. Ich sah grauhaarige Männer und halbe Knaben, die kaum der Schule entwachsen sein konnten, ich sah Arbeiter in verschlissenen Klei­dern und Männer in behäbiger Bürgertracht. Und was auffiel: sehr im Gegensatz zu ihren Richtern oder Nachrichtern trugen sie alle, alte wie junge, arme wie reiche, trotz ihrer halben Fesselung ein würdig freund­liches, ein ruhiges, ja zum Teil fast ein freudiges Gehaben zur Schau, das nicht anders anmutete, als stünden sie da rein zufällig und in Er­wartung eines Schauspiels, das sie im Grunde nicht berührte. Das ging soweit, daß zwischen zweien von ihnen, einem älteren und ein wenig be­leibten Manne und einem zwar jüngeren, dem dafür die Kette der ge­ringeren Würdenträger um den Hals hing das zwischen diesen zweien, vor denen eben die erhobene Hand jenes Offiziers der Füsilierung für ein paar Atemzüge Einhalt geboten hatte, daß, sage ich, zwischen diesen bei­den, die als nächste daran kommen mußten, so etwas wie ein höflicher Widerstreit sich erhoben hatte, mit Blicken, Lächeln, kleinen Gebärden, darin es ganz offenbar darum ging, wer dem andern, wie an der Tür eines Salons, den Vortritt lassen sollte in die jenseitige Welt. Doch ehe ich etwa dem kleinen Vorfall Hütte nachhängen können, hatte der dicke Offi­zier endlich wieder die Hand gehoben, zwölf Schüsse krachten und die beiden verbindlichen Herren drückten ihre lächelnden Gesichter in den gelb­roten Lehm. Mir wurde davon ein wenig übel, und da ich das nicht merken lassen und nun erst recht nicht mich zurückziehen wollte, ging ich, meine Fassung wiederzugewinnen, mit einiger Hast die Reihe der zum Tode Bereiten entlang, schritt ohne mich umzuwenden und angespannt in Bemühung, auf das Knattern der Salven hinter mir nicht zu achten, diese ruhige Front zweihundert gleichmütig gleichgeformter Gesichter ab und merkte erst auf, stand erst still, als ich des Flügelmanns, des letzten, des zweihundertsten der Zweihundert ansichtig wurde.

Das war ein sehr magerer, sehr grobknochiger, und sehr hochgewach­sener Mensch er überragte mich um volle Haupteslänge und mochte zwanzig Jahre älter sein als ich. Und dieser Mensch, der dastand und des Todes gewärtig war ein halber Blick rückwärts ließ mich erkennen, daß ihrer kaum fünfzig waren, die aufrecht standen dieser Mensch also, dieser Kandidat, dieser halb schon Jenseitige stand da, hatte ein Buch «us der Tasche gezogen, stand da und las. Ich trat zu ihm ich sehe noch seine Kleider vor mir: säst lächerlich abgetragene Kleider, und ihnen entströmte ein seltsam milder und doch schwerer Geruch trat also zu ihm und nahm ihm das Buch aus der Hand. Es waren Buddhas Reden, in einer englischen Ausgabe.Sie sprechen englisch?" fragte ich ihn. Er nickte bejahend, nahm das Buch an sich, juchte, höflichen Gehabens, doch ein wenig unruhig offenbar über die ihm gewordene Störung, die ver­blätterte Stelle, fand sie alsbald und las weiter.Woher haben Sie das Buch?" fragte ich.Aus der Bibliothek des Konsuls", sagte er ruhig und las weiter.

Sind Sie Buddhist?" fragte ich.Nein," sagte er,ich kenne dieses Buch nicht, ich habe dieses Buch nicht gekannt". Er las. Doch ich ließ nicht ab. Ich sagte:Es find keine zwanzig Mann mehr neben Ihnen. Sie lesen und haben keine vier Minuten zu leben!" Da blickte er zum erstenmal auf. Er suchte die Worte oh, er sprach ein lächerliches Englisch, immer L statt R, er sprach lächerlich und eben, als nebenan eine neue Salve krachte und vier Mann hintüber fielen, wog er das Buch in der Hand und sagte langsam:Das da ist schwerer. Das ist wichtiger." Ich weiß nicht, warum mich seine Antwort erbitterte vielleicht war es auch nur die lähmende Schwüle der grellen Lust, die mir das Blut kochen ließ. Ich schrie:Mensch! Sie sterben!" Roch einmal blickte er von dem Buche auf, blickte um sich, hob langsam einen langen, dürren Arm nach dem dicken Offizier, der schon zwanzig, schon fünfzehn Schritte nah die Exekution kommandierte und sagte:Dieser hohe Herr wird vor mir sterben." Dann blickte er suchend um sich, und plötzlich wies sein dürrer Finger nach meiner Brust und er sagte:Und auch dieser hohe Herr wird vor mir sterben." Er vertiefte sich in sein Buch und tat den Mund nicht mehr auf.

Ich bin ein alter Mann. In meinem Mer lügt man nicht. Sie dürfen mir glauben. Als der Chinese das sagte, standen mit ihm zusammen, ich habe sie gezählt noch zwölf Mann. Als noch acht Mann standen, ließ der dicke Offizier, jener Meier, sich auf das rechte Knie nieder, dann auf das linke Knie, und dann legte er sich ganz leicht hin. MaN rief den Arzt. Es war ein Gehirnfchlag. Ein Unteroffizier übernahm das Kom­mando. Aber eben als die nächste Salve krachte und nur mehr vier Mann aufrecht standen drei Mann und der mit dem Buch, der unentwegt weiterlas, der, als wäre das so feldstverständlich, nicht einmal aufgeblickt Mite, als der dicke Mann starb da also kamen ein paar Offiziere auf 7!. dchß, und ihnen voran Admiral Bellot, der sofort auf mich zutrat.

weiß im Gesicht, lieber S.", sagte er.Sind Sie krank?" Kann ich etwas für Sie tun?" Ich deutete auf den noch immer Lesenden und lngte mühsam:Schenken Sie mir diesen Mann, Exzellenz." Er lachte U" sagte:Selbstverständlich, mon ami! Wenn es nichts weiter ist!" dankte, löste dem Mann die Fuhfesiel, nahm ihm das Buch aus der r)md, schob es ihm in die Tasche, und eben, da die drei letzten fielen, l ihn an den Draht, schob über den Graben ein Brett und sagte: Gehen Sie. Sie sind frei." Er nickte einen knappen und ernsten Gruß, Sanz ohne Verwunderung, und obgleich hüben und drüben ein unregel­

mäßiges Gewehrfeuer aufgelebt war und die Kugeln um ihn pfiffen, ging er ganz langsam über den freien Platz nach den chinesischen Häusern hin. Er mochte von deren schützenden Mauern noch gegen hundert Schritte entfernt fein, da war es, als besänne er sich. Er blieb stehen; er zog das Buch, zog die Reden Buddhas aus der Tasche, fand die Stelle, da ich ihn unterbrochen hatte und von Kugeln umschwirrt, das Gesicht auf das Buch geneigt, ging er langsam weiter, bis er dort drüben irgendwo in einer Gasse verschwand. Ich habe ihn nicht wieder gesehen.

Sie sagten, der Chinese sei zwanzig Jahre älter gewesen als Sie," sagte ich zu dem hohen Offizier, der mir das erzählte,und er prophe­zeite Ihren Tod vor dem feinen. Sie zählen siebzig Jahre. Dann wäre der Chinese jetzt neunzig Jahre alt!"Er ist jetzt neunzig Jahre", sagte der Offizier und blickte mir klar und unbeirrt in die Augen.

Paris.

Von Dr. Ernst Robert Curtius, 0. ö. Profeffor der französischen Sprache an der Universität Heidelberg.

Das antike Rom und das moderne Paris sind die beiden einzigen Beispiele dafür, daß die politische Hauptstadt eines großen Staates der Mittelpunkt seines nationalen und geistigen Lebens geworden ist und daß sie darüber hinaus für die ganze bewohnte Welt die Bedeutung des kosmopolitischen Kulturzentrums erlangt hat.

Weder London, noch Wien, noch Berlin können gleiches von sich sagen.

Nur in Paris empfindet man, wie in Rom,ein Universales von Humanität", von dem man umgeben ist: der Geschichtsschreiber der Stadt Rom, Ferdinand Gregorovius, hat in feinen Pariser Tagebuchaufzeich­nungen diese Formel geprägt, die einen Wesenszug von Paris festhält.

Paris bedeutet für Frankreich die repräsentative Zusammenfassung des nationalen Daseins: aber zugleich ist es ein geistiger caput orbis. In demselben Maße, wie die geistliche Vorherrschaft Roms über das Abendland durch die Kirchenspaltung und die Aufklärung eingeschränkt wurde, hat sich die Weltbedeutung von Paris verstärkt.

Wenn es ein Irrtum ist, zu meinen, Paris kennen, heiße Frankreich kennen, so ist Paris doch des Landes Herz und Hirn, was von keiner anderen Hauptstadt, auch nicht von Rom, gilt. Hier strömen alle Adern des gesamten Organismus zusanimen. Hier empfindet der Fremde nicht nur die Majestät einer tausendjährigen Geschichte, wie in Rom, nicht nur die Energie zeitgenössischer Kraftentfaltung wie in Berlin. Was ihn fesselt, ist vielmehr das Ineinander von Vergangenheit und lebendigster Gegenwart. Hier trifft er noch die ehrwürdigen Spuren Roms, hier die glorreichen Zeugen jener mittelalterlichen Christenheit, welche die Dome unseres nordischen Europa errichtet und den Glaubensmut der Kreuz­züge entfacht hat. Hier schuf sich der Ruhm des königlichen und des kaiserlichen Frankreich die großen Denkmäler. Und alle diese Ge­schichtswelten sind doch nicht abgeschlossen in der modrigen Luft der Museen, sondern umspült von einem wogenden Leben, von jenem Ge­heimnis des Lebens selbst, in das keiner fo tief hineingefchaut hat wie Balzac, in dem alle Fieber des Genusses und des Ehrgeizes, alle Be­gierden und alle Verzichte ihre letzte Steigerung finden. Wer an einem leuchtenden Sommerabend der schönen Steigung der Champs-Elysees folgt, dem kann es erscheinen, als ob hinter dem monumentalen Tor des Triumpfbogens ein Meer der Lust sich öffnen muffe. Aber unter diesem Vogen brennt die ewige Flamme des Totengedächtnisses. Man erfaßt einen Ewigkeitsafpekt von Paris in diesem Nebeneinander von Leben und Tod. Paris ist reich an solchen Kontrasten, lieber den Vergnügungs­stätten von Montmartre erhebt sich in geweihter Glorie die weiße Kuppel des Sacre-Coeur. Wenige hundert Schritte vom lärmenden Verkehr der Weltstadt winken alte Bäume, tönen Klosterglocken, laden stille Pro­vinzgassen zu besinnlichem Nachdenken. Alle diese Kontraste sind aber wieder befaßt in einer Einheit von Atmosphäre und Stimmung, worin die Anmut heiterer Gärten, das naive Kleinleben der Straße, die ge­schwungene Folge der Seinebrücken, die grauen Fluten des mächtigen Stromes, die Geometrie der Häuferwürfel, die so verschiedene Eigenart der einzelnen Stadtviertel zusammenklingen. Paris ist nicht nur eine Stadt, es ist auch eine Landschaft aus Wasser, Bäumen, Rasen, und sie hat ihren eigenen Himmel, dessen zart abgetönte Farben mit den blassen grauen und gelblichen Tönen der Häuser zusammenstimmen.

Weder Natur noch Geschichte schienen dem gallischen Lutetia, dem bescheidenen Hauptort des Stammes der Parisii, eine weltbedeutende Rolle zu prophezeien. Die beiden wichtigsten römischen Reichsstrahen, die Gallien durchquerten und es mit Rom einerseits, mit Britannien andererseits verbanden, berührten Lutetia nicht. Zwar bewahrt Paris noch heute zwei wichtige Denkmäler der Römerzeit: eine Arena und die sog. Thermen, deren Reste im Baukomplex des Cluny-Museums erhalten sind. Aber mit den Römerstädten des südlichen Frankreich hat es sich niemals an Glanz und Bedeutung messen können. Auch unter den Merowingern hat Paris keine große Rolle gespielt: noch weniger unter den Karolingern, die den Schwerpunkt des Reiches nach Osten ver­lagerten.

Anders wurde das erst seit dem Ende des 10. Jahrhunderts, als die Capetinger den französischen Thron bestiegen. Sie residierten in Paris, und das ist der einzige Grund, der es zur Hauptstadt von Frankreich gemacht hat. Der Äufstieg dieser Dynastie bedeutet zugleich den von Paris. Ihr verdankt Paris feinen ersten Mauergürtel, von dem heute noch Reste vorhanden sind. Ihr verdankt es den Louvre, dessen ältester Bau 1204 begonnen wurde: ihr die Gründung seiner Universität (1200). Schon im 13. Jahrhundert war Paris zum geistigen Mittelpunkt Euro­pas und zum Hauptschauplatz der französischen Geschichte geworden.

Der hundertjährige Krieg brachte dann einen schweren Rückschlag. Pest und Hungersnot rafften Zehntausende dahin. Wälse machten die ver­ödete Stadt unsicher. Der englische Thronsolger wird in Notre-Dame zum König von Frankreich geweiht. Das ist der Tiespunkt der Pariser totabt« geschschte wie des französischen Königtums.