Ausgabe 
5.4.1929
 
Einzelbild herunterladen

SietzenerZainiliendlätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang <929 Freitag, den 5. April Nummer 26

Die Muschei.

Von Werner Bock.

Du sammeltest Muscheln am Meeresstrand Und nahmst jede lächelnd in deine Hand Was nicht bestand vor deinem Blick, Gabst du leichthin der Flut zurück.

So manches Herz spült an deinen Strand, Du nimmst es auf mit achtloser Hand.

Vielleicht warfst du ein bebendes Glück Schon oft in die kalte Brandung zurück.

Fräulein giesche.

Von Erich Kästner.

Am Bischofsplatz, auf dem Wege von der Schule nach Hause, sagte Klaus plötzlich zu Försters Fritz:Mensch, lauf mal solo weiter! Ich muß dringend hinter wem her ... Und geh zu meiner Mutter rauf und erzähle ihr, ich käme heute später. Vergiß es aber nicht!" Weg war er!

Fritz blieb noch eine Weile stehen und sah zu, wie Klaus über den Platz zurückrannte; wie er etwas zu suchen schien, rasch hinter einen Tor­bogen sprang, wartete, vorsichtig weiterstieg ... Wen mochte er nur ver­folgen? Am liebsten wäre Fritz nun seinerseits hinter Klaus herge­schlichen. Aber er sollte ja zu der Mutter gehen, drehte sich also um und überließ den andern einem vermutlich äußerst spannenden Abenteuer.

Klaus kam sich inzwischen vor wie Conan Doyle oder gar wie Stuart Webbs. Er nahm vorsorglich die Gymnasiastenmütze vom Kops und stopfte sie in die Büchermappe. Dann suchte er sich, einen dicke» Mann aus, hinter dem er bequem spazieren konnte, ohne von dem Fräulein, das er verfolgte, gesehen zu werden. Gelegentlich blickte er links oder rechts an seinem dicken Vordermann vorbei uitb vergewisserte sich, daß sie" noch in Sicht war. Sie lief ihres Weges, als ob sie gar nichts ver­brochen hätte. Na, sie konnte sich gratulieren! Wenn der Dicke bloß nicht so langsam gelaufen wäre ... Klaus kroch hinter ihm hervor und ver­suchte es mit anderen Passanten. Doch die Leute hatten keinen Schimmer von der Wichtigkeit ihres Amtes! Sie bogen unverm.ttelt in gänzlich un­wichtige Seitenstraßen ein oder blieben an Schaufenstern stehen oder überholten sein ahnungsloses Opfer ... Er verzichtete endlich auf jedes Bersteckspielen, zog ein unbeteiligtes Gesicht und bot der Gefahr die kleine Stirn. Die Verfolgte ging die Hauptstraße entlang, über die Augustus- brücke, durch die Schloßstraße. Klaus hatte heute, ganz gegen feine Ge­wohnheit, kein Auge für die Schleppdampfer, hinter denen die Obstkähne aus Böhmen schwammen. Er würdigte die Buch- und Bilderläden keines Blickes, sondern starrte unausgesetzt auf den schmalen Rücken der schänd­lichen Person. Doch das war gefährlich! Er hatte gehört, daß Menschen, die lange beobachtet werden, sich plötzlich unruhig umwenden und merken, daß man sie verfolgt.

Er bemühte sich, andere Leute zu betrachten. Er musterte die Häuser und sing sogar an, Fenster zu zählen. Aber immer schielte er nach dem Fräulein, das, keine zehn Schritte vor ihm, durch die Schloßstraße lief. Vielleicht würde sie sich seiner gar nicht mehr erinnern. Es war ja schon vierzehn Tage her ... Und sie hatte ihn damals kaum bemerkt ... Jetzt bog sie in das Schmiedegäßchen ein!

Klaus war besorgt, daß sie ihm entwische, beeilte sich und rannte mit dem Kopf gegen eine Laterne, daß es klirrte.So ein Blödsinn! sagte er und blieb stehen. Er klemmte die Mappe zwischen die Knie und begann, beide Hände fest gegen die Stirn zu pressen. Der Schmerz trieb ihm beinahe ein bißchen Wasser in die Augen ... gerade jetzl mußte ihm , das passieren! Wenn man Zeit hatte, rannte man niemals gegen eine Laterne!

Aber er durftesie" nicht verlieren. Wo war sie? Schon um die nächste Ecke? Er ließ die Stirn in Frieden und setzte sich in Trab Wäh­rend des Laufens spürte er, wie die Beule brannte und wuchs ... Heureka, da war die Madame! Sie schritt auf den Altmarkt zu, als wolle sie nach der Johannstraße, und bann war sie verschwunden.

*

Wo war sie hin? Er lief an die Stelle, wo er sie eben noch gesehen hatte, und befand sich vor den Flügeltüren der Konfektionsfirma Schle­singer & Co.; kurz entschlossen drängte er sich am Portier vorbei, geriet in die Backfisch-Abteilung, irrte an vielen kleiderbehängten Garderoben- stangen entlang und blickte verlegen um sich ... Da war eine Treppe! ®r sprang die Stufen hinauf und sah, oben in der ersten Etage, gerade noch, wie das Fräulein hinter einer Spiegeltür verschwand. Ob sie ihn bemerkt hatte und sich verstecken wollte? War hinter der Spiegeltur ein geheimer Ausgang? Wahrscheinlich nicht. Er würde warten ...

.Willst du ein Abendkleid kaufen?" fragte ihn jemand. Es war eine innge Dame mit Grübchen.

Nein, heute nicht," sagte Klaus,ich warte auf wen."

Aus wen denn, mein Herr?"

Auf die Straßenbahn, meine Dame", gab er unmutig zur Antwort.

Die Verkäuferin lachte vergnügt. Das ärgerte ihn noch mehr als ihre Neugier, und er begann, [eine Beule zu drücken.

Die dummen Laternen," meinte sie mitleidig,tut's weh?"

Nein, es ist kolossal angenehm", knurrte er.

Sie ging im Halbkreis um ihn herum und klopfte ihm mit der flachen Hand, eins hintendrauf. Er nahm Boxerstellung ein und ballte die Fäuste. Aber da öffnete sich auch schon die Spiegettür! Das Fräulein, das er bis hierher verfolgt hatte, trat heraus ohne Hut und Mantel und begab sich, als ob sie hier zu Hause wäre, mit einem Stullenpaket hinter einen entfernten Ladentisch.

Klaus ging wieder in Grundstellung und fragte bescheiden:Ist das eine Kollegin von Ihnen, mein Fräulein?"

Das Fräulein mit den Grübchen nickte und sagte: ,Lst das die Straßenbahn?"

Würden Sie mir sagen, wie das Wesen heißt?"

Du siehst ja aus, als wolltest du sie verhaften lassen! Was hat den» die Friedel angestellt?"

Das ist eine lange Geschichte, Sie werden mir nicht helfen können ..

Soll ich dir mal den Geschäftsführer ranschleppen?"

Er zuckte mit den Achseln. Sie lief die Treppe hinunter. Klaus holte seine Gymnasiastenmütze aus der Tasche, weil er sich aus dieser Art Kopfbedeckung einigen Effekt versprach, und legte sich zurecht, was er dem Herrn sagen würde ... Dann kam das Fräulein mit den Grübchen mit einem vornehm aussehenden Herrn die Treppe hinauf und sagte:Das i£t er." Sie nickte dem Knaben zu und blieb in Hörweite vor einem Schrank stehen, der unbedingt in Ordnung gebracht werden mußte ...

Vielen Dank, meine Dame", sagte Klaus, machte dann vor dem Herrn im Gehrock eine durchaus gelungene Verbeugung und stellte sich vor.Ich heiße Klaus Meidner. Klaus ist der Rufname. Und meine Mutter hat ein Friseurgeschäft. Das heißt, sie hat kein Friseurgeschäst. Sie frisiert in unserem Wohnzimmer. Weil ich ein guter Schüler bin und das Gymnasium besuche. Wenn es meine Mutter schafft, soll ich spater einmal auf die Technische Hochschule gehen. So etwas kostet natürlich eine Menge Geld ..."

Ich bin der Geschäftsführer Huback," sagte der Herr im Gehrock, und es freut mich außerordentlich, daß du ein guter Schüler bist. Ich wollte früher auch sehr gern studieren. Es war aber zu teuer."

Ihre Mutter hätte eben auch frisieren sollen", schlug Klaus vor.

Das ging nicht gut, denn sie starb schon, als ich sechs Jahre alt war." Mein herzlichstes Beileid, sagte Klaus und hielt Herrn Huback die Hand hin.

Herr Huback dankte für die wenn auch verspätete Kondolenz mit ge­bührendem Händedruck und fragte dann:Und was hat die Tatsache, daß du später einmal auf die Universität sollst, mit unserer Verkäuferin Ziesche zu tun?"

Klaus holte tief Atem ..Die Sache ist die ... Friedel Ziesche heißt sie? Die Adresse sagen Sie mir nachher, wenn ich bitten darf. Ja, die Sache ist die ... Fräulein Ziesche hat sich mehrmals von uns, von meiner Mutter meine ich, frisieren lassen. Wir haben unten am Haus ein Schild. Da steht's drauf ...Na ja. Und vor vierzehn Tagen war sie das letzte Mal bei uns und sagte zu meiner Mutter, sie wollte am 16. heiraten und als Braut frisiert werden. Mit Kranz und Schleier. Und ein paar Tanten von auswärts kämen auch. Insgesamt sieben Köpfe. Dann hat sie sogar noch einmal beim Fleischer nebenan wir selber haben kein Telephon anrufen lassen, meine Mutter möge die Hochzeit ja nicht vergessen. Die Trauung sei um drei in der Petri-Kirche. Meine Mutter nahm für den 16. keine anderen Bestellungen an; als sie aber mit ihren Ondulier» scheren und Haarnetzen und Kämmen nach der Iohann-Meier-Straße 4 kam, wo das Fräulein wohnen sollte, und in der zweiten Etage klingelte, da wohnte sie gar nicht dort!"

Herr Huback horte angelegentlich zu, und das Fräulein mit den Grüb­chen rückte immer näher.

So eine tolle Sache, was?" sagte Klaus und fuhr fort:Sie hatte auch gar keine Hochzeit! Meine Mutter war an der Petri-Kirche, aber ba verheiratete sich eine ganz andere Dame ... Wissen Sie, wir haben un» maßlos geärgert. Die Mutter hat doch Geld eingebüßt. Und außerdem ist es abscheulich, so wie Fräulein Ziesche zu schwindeln."

Warum habt ihr nicht schon längst ihre Adresse ausfindig gemacht, fragte Herr Huback.

Ja Kuchen!" sagte Klaus,sie hat uns doch gesagt, sie hieße Kault Und auf der Iohann-Meier-Straße wohnt kein Fräulein Kaul?

, Keine Spur."

Vielleicht ist unser Fräulein Ziesche gar nicht euer Fräulein Saut?1 Ausgeschlossen, mein Herr! Ich habe sie vorhin sofort wiedererkannt, und da bin ich ihr gleich nachgelaufen. Denn das geht, dock. Unter keinen