Umständen, daß man meine Mutter so beschwindelt. Das werden Sie selber zugeben, mein Herr."
„Nein," sagte Herr Huback, „das gehl unter keinen Umständen."
Der Geschäftsführer legte die Hände unter seine Rockschöße und ging ein paar mal aus und nieder. Dann ries er laut: „Fräulein Ziesche, wollen Sie bitte sofort hierherkommen!"
Fräulein Ziesche kam und sagte: „Sie wünschen?"
„Kennen Sie den Jungen hier?"
„Richt, daß ich wüßte." Sie betrachtete Klaps ohne großes Interesse.
„Heißen Sic manchmal auch Kaul?" fragte da der Geschästsführer Und blickte sie scharf an. Sie wurde rot und schwieg.
„Seit wann wohnen Sie aus der Iohann-Meier-Stratze?"
Das Mädchen schwieg noch immer.
„Wir wußten auch nicht, daß Sie am 16. Hochzeit hatten. Ich möchte Ihnen nachträglich gratulieren."
Der Verkäuferin traten Tränen in die Augen.
„So, jetzt ziehen Sie sich rasch wieder an," sagte der Geschäftsführer ungerührt, „und begleiten diesen Jungen zu seiner Mutter. Und wenn Sie in die Angelegenheit keine Ordnung bringen, sind Sie am Ersten entlassen. Ist das klar? Heulen Sie nicht! Machen Sie schnell!" Die Verkäuferin verschwand eilends hinter der Spiegeltür. Der Geschäftsführer blätterte in einem Notizbuch und sagte: „Na, junger Mann, nun noch die Adresse. Sie wohnt Iordanftrahe 33, bei WUtuba. Schreib dir's gut auf! Und wenn deine Mutter sich mit ihr nicht einigt, schreibt ihr mir eine Karte. Aber es wird sich schon wieder einrenken, denke ich. Und nun auf Wiedersehen! Sei fleißig und werde ein großer Erfinder."
„Das verspreche ich Ihnen, Herr Huback," sagte Klaus, gab dem Geschäftsführer die Hand und verbeugte sich, „es ist ja nicht nur des Geldes wegen. Und eigentlich tut mir die ganze Geschichte schon leid. Aber meine Mutter hat sich zu sehr geärgert, denn wenn man ... Auf Wiedersehen!"
Fräulein Ziesche kam, in Hut und Mantel, hinter der Spiegeltür vor unb ging an Klaus, ohne ihn zu beachten, vorbei, der Treppe zu. Dieser Weg durch die Stadt, immer drei Schritte hinter dem Mädchen her, das wie eine. Gefangene marschierte, die den Polizisten verachtet, — dieser Weg war für Klaus viel schlimmer, als der Weg vor einer halben Stunde, Er.wußte nicht, ob er sich freuen sollte oder traurig sein ...
„Rana, Klaus, wen bringst du denn da?" fragte die Mutter erstaunt, als sic die Tür öffnete, „das ist ja Fräulein Kaul!"
„Fräulein Kaul heißt Ziesche, Mama," erklärte Klaus, „und Herr Huback hat gesagt, sie müsse sich mit dir einigen, sonst fliegt sie am Ersten. Und sie wohnt Iordanftrahe 33, bei Wistuba."
Die Mutter schickte Klaus in die Küche und besprach im Wohnzimmer mit Fräulein Ziesche, nach einigen Vorwürfen, die Art der Entschädigung. Die Verkäuferin versprach, drei Monate lang je fünf Mark zu zahlen, erledigte die erste Rate sofort und kehrte zu Schlesinger & Co. zurück
„Warum," fragte Klaus später, „hat sie das eigentlich gemacht? Warum hat ste erzählt, sie würde heiraten und Tanten kämen, sieben Köpfe, wo es doch gar nicht wahr war?"
Die Mutter fuhr ihm übers Haar und sagte: „Vielleicht wollte sie auch einmal spüren, wie das ist, wenn man heiraten will?"
Will you see Paris, gentlemen?
Von Hermann Otto B a übel.
Paris, Ende März.
Die falschen „Anglais
Zwischen Engländern und Amerikanern macht der Durchschnittspariser keinen großen Unterschied. Beide sind für ihn die „Anglais", um derentwillen er „english spoken" an seine Schaufenster malt, und die er alle gern ein bißchen als „Greenhorn" behandelt und als dankbares Verdienstobjekt. Aber auch wenn man als Deutscher nach Paris kommt, und ist blond und nicht gerade klein, hat auch kein Jägerhütchen auf dem Kopf, dann wird man auf den Straßen totsicher von irgendeinem fremden Herrn englisch angesprochen: „Wollen Sie Paris sehen, meine Herrn?" Ändere, denen man mehr den Eindruck von Amerikanern macht, rufen einem etwas burschikosen „Hailob, Boys" nach. Wie oft passierte es uns auch in Geschäften auf den Boulevards, daß uns die Verkäufer, wenn sie Lins untereinander deutsch reden hörten, englisch anredeten. Sie hielten die deutsche Sprache anscheinend für einen besonderen englischen Dialekt. Aus dem Montmartre allerdings wird man abends auch deutsch ange- fprochcn. Als Führer zu den Geheimnissen des Nachtlebens sind anscheinend tiefere Volkspsychologen von den Besitzern der betreffenden Lokale an gestellt.
Die schien".
Daß die Franzosen die begabtesten Courmack)er der Welt sein können, wenn ste wollen, wird ihnen ihr bitterster Feind zugestehen müssen. Politisch macht man jetzt England den Hof, was aber nicht hindert, daß man, während man die Söhne Albions in Liebenswürdigkeit einwickelt, auf der anderen Seite sich sehr für die „pounds" interessiert, die sie nach Paris mitbringen. Auf den Boulevards steht an jedem zweiten Geschäft „english spoken" und an fast jedem Restaurant; in den Theatern spielt man die amerikanische Operette „Mississippi" und den „Prozeß der Mary Dugan", in jeder Revue macht man England Komplimente. In den Schaufenstern liegen die neuesten englischen und amerikanischen Bücher, Schlipse und Hemden. Breitspurig und selbstbewußt schreiten die „Anglais" an der vor ihnen aufgebauten Pracht vorbei, begleitet von ihren schlanken Damen. Abends aber im Smoking stehen sie in den Foyers der Theater oder sitzen in den Logen und rufen, wenn sie ihre Meinung über das S^ück austaufchen „beautiful" und „very nice". Noch später aber bevölkern. sie truppweise den Montmartre, wenn dort die roten Lichtreklamen rotieren, den Zylinder auf den Kops und den Schal um den Hals. Den Mantel aber haben sie im Hotel gelassen. Auch die Ladies mußten zu
Hause bleiben, d. h. das weiß man nicht genau, sie sind jedenfalls nicht dabei.
L’Allemagne.
In der Revue, die in den „Falles Bergere" augenblicklich jeden Abend gespielt wird, werden am Anfang die verschiedenen Länder charakterisiert. Deutschland steht im Programm als „Die Schöne von Essen", das den Franzosen ja seit dem Ruhreinbruch sehr bekannt ist. Wenn der Vorhang aufgeht, sieht man im Hintergrund eine Walküre stehen, mit schwarz-weißen Federn am Helm und emporgehobenem Speer, die ganze rechte Hälfte gepanzert und bewehrt, die linke aber rosig und bloß. Hinter ihr klassen unzählige Kanonenmäuler und starren Bajonette. Vor ihr aber kloppen die ähnlich kostümierten Jackson-Girls Parademarsch. Aber man darf das nicht zu tragisch nehmen. Man darf nicht vergessen- daß die Franzosen den Krieg zu sehr im eigenen Lande gespürt haben, als daß so schnell der Schatten der Kanonen und Bajonette aus ihrer Seele verschwinden könnte. Außerdem fehlt es nicht an Beispielen des Willens zur Objektivität. Denn zu gleicher Zeit veröffentlicht die linksgerichtete „Volonte" eine ausgezeichnete, sachliche Artikelserie über die Deutschen in Polen, in denen den Polen manches sehr Unangenehme gesagt wird. Auch die Bevölkerung im einzelnen ist, wenn sie merkt, daß sie einen Deutschen vor sich hat, durchaus nicht unfreundlich, sondern genau so höflich und zuvorkommend wie zu jedem andern. Selbst die am meisten gelitten haben, die Leute aus dem ehemaligen Frontgebiet, die z. T. noch heute in Barackenstädten hausen, zeigen keinen Haß. Man darf nie vergessen, daß ber „Matin" und der „Figaro" nicht Frankreich sind. Daran ändert auch nichts, daß die Pariser und Pariserinnen in diesen Tagen strahenlang vor dem Sterbehause Fachs anstanden, um den toten Marschall noch einmal zu sehen, der in Frankreich verehrt wird wie bei uns Hindenburg. Es ist ja nun eine allgemeine menschliche Schwäche, durch die Beziehung zu einem Größeren und Bedeutenderen die eigene Persönlichkeit zu heben, und so sonnt auch der Franzose sich gern in der „Gloire" seiner Volkshelden.
„La Gloire“.
An ber Front der beiden Seitenflügel des großen Versailler Königsschlosses steht in Riefenlettern „Allen Ruhmestaten Frankreichs". Liefer Kult. ber Trabition, der großen Vergangenheit, ist typisch für die Mentalität des ganzen Volkes. Ihm verdanken Riesenbauten wie der Jn- validendom, in dem das Grabmal Napoleons steht, unb das Pantheon feine Entstehung. Während das Pantheon, in dessen Krypta große Politiker, Schriftsteller, Künstler und Generale ihre letzte Ruhestätte sanden, einen ziemlich kalt läßt, ergreift ber Jnvalidendom desto mehr. Mag fein, daß es daran liegt, daß man als Deutscher eine engere Beziehung zu Napoleon hat; mag sein, daß das Künstlerische hier stärker sich auswirkt. Wenn man von ber Brüstung hinabschaut aus ben Sarkophag Napoleons in ber Rotunde unter ber Kuppel unb sieht die zerschlissenen Fahnenbündel in ben preußischen, österreichischen unb russischen Farben unb lieft die Namen Jena, Aspern, Wagram unb Moskau, wähvenb durch die hohen Fenster blau und golden das Sonnenlicht flutet, bann wird die deutsche Vergangenheit lebendig: Niederlagen unb Siege, Zertrümmerung unb 'Aufbau, Schicksal ber Völker unb bes Einzelnen. Ein paar Augenblicke später steht man bann in der kleinen Seitenkapelle vor ber Totenmaske Napoleons, vor diesem Kopf, der so ganz anders aussieht, als man ihn sich vorgestellt hat: Schmal unb hoch die Stirn, fein unb schlank bie Nase, mit einem kleinen Knick im Profil, leidenschaftlich unb doch fest ber Mund, breit unb willenskräftig das Sinn, alles andere im äußeren Typ als ein Franzose.
Die Pariserin.
Aber auch der Frau gegenüber war Napoleon kein Franzose. Der- französische Frauenkult lag ihm vollkommen fern, dieser Kult, dessen höchstes" Züchtungsprodukt die Pariserin ist. Sie ist meistens gar nicht so schwarz, wie man in Deutschland glaubt, sondern dunkelbraun, auch dunkelblond ist nicht selten. Sie ist auch nicht immer so klein unb zierlich, sondern man sieht viele Erscheinungen, die auch bei uns für groß gelten würden. Sie ist meist mehr interessant, als nach unseren Begriffen schön. Sie wirkt durch Temperament, Grazie unb Charme, durch souveräne Beherrschung aller sekundären weiblichen Machtmittel, einschließlich ber Virtuosität in ber Benutzung von Puderböschen, Lippenstift unb Parfüms. Immer ist sie ein bißchen blasiert, wie sich das als Kinb der Weltstadt, unb von Paris zumal, gehört. Die großen schlanken Pariserinnen haben leicht ein für unsere Begriffe sehr „rassiges" Profil, das durch bie stark entwickelten Nasen bestimmt wird. Die kleinen, etwas pumine- lidjeren haben nur ein Näschen, noch kleiner, als das bei uns oft üblich ist. Aber beide, bie große Muse ber Tragödie unb bie kleine ber Komödie, verstehen es ausgezeichnet, sich fo herzu richten, daß man sich nach ihnen umguckt. Die tragische Muse erreicht bas durch ihre imponierende Erscheinung, bie kühn geschwungene Nase, ohne große Mühe; bie kleine lustige, durch ganz raffinierte Mittel. Sie rasiert sich bie Augenbrauen ab, zieht sie in elegantem Bogen künstlich nach oben, entfernt auch die Haare vom aus ber Stirn, fo daß die größer unb höher erscheint, als sie ist. Dann aber setzt sie ihr Topfhütchen genau fo keck wie ihre große Schwester nach hinten in den Kopf, fo daß die große, unschuldige Kinber- stirn der kleinen Chinesin, bie auf diese Art entstanden ist, neben dem kleinen Münd, auf den ein zartes Rouge aufgesetzt ist, dem Gesicht einen ganz aparten Reiz gibt. Im Profil sieht sie bann aus wie bie kleine Pariserin des 18. Jahrhunderts von Houdon, die im Louvre steht, genau fo nett unb kokett.
Thealer, Kino, Buch.
Man sieht in Paris viel weniger Kinos als in anderen Großstädten. Der Franzose hat mehr Interesse für das weniger Abstrakte, die Einheit des Menschen in Sprache, Erscheinung und Geste als für bie reine, zweidimensionale Mimik. Infolgedessen sind die recht zahlreichen Theater meist gut besucht, wahrend man bas von den Kinos oft weniger sagen kann. Es gibt nur ganz vereinzelte Kinopaläfte, wie sie in Berlin


