Ausgabe 
4.11.1929
 
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auf und niederging. Zwei Stimmen: dis eines Mannes kalt und ohne Klang, Wucher treibend und Wunden schlagend und die Stimme Si- doniens wie zersprungenes Glas, geschüttelt von Jammer und dem Schluchzen der Ohnmacht.

Gott soll mich bewahren, in die Geheimnisse fremder Leute zu drin­gen, die mich nichts angehen! Ich verstand kein Wort, keinen Satz von dem, was sie sagten ich schwöre euch, ich wollte nichts verstehen, aber ich wußte doch alles!

Dort, hinter der Mauer, stand ein Gespenst, wie um uns alle Ge­spenster stehen, ein Gespenst, vor dem sie geflohen und in diesen Winkel sich versteckt hatte. Ein Mann, der einmal Rechte besessen, wo kein Recht gilt, nur Gnade und Schenken, und der heute darauf pochte! Einer, der sie ausgesogen an Leib und Seele und nun gekommen war, ihre Leiche zu plündern! Alles im Namen der Liebe, die ein geduldiges Wort ist für Himmel und Hölle und was wir Menschentiere daraus machen!

Und jetzt schrie die Stimme Sidoniens o Gott des Erbarmens, wie sie aufschrie aus Oual und irrer Verzweiflung und ihren eigenen Schrei in Wimmern erstickte!

Ich wollte aufspringen und davonlaufen, weil ich nicht den Mut hatte, mit meinen Ohren zu hören, wie ein Mensch zerbrach vor Entsetzen und nach Alleinsein schrie. Da wurde es still. Totenstill. Aber die Stille war unheimlicher und grauenhafter als alles, was ich vorher vernommen.

Eine Tür schlug hart ins Schloß, und Fräulein von Gillfeldt, die im Garten saß, sah einen Herrn das Haus verlassen, mit einem Stöckchen in der Hand, das frech durch die Luft wippte, und einem Lächeln auf den Lippen. Er habe ausgesehen wie einer, der weiß, was er will, sagte die Gillfeldt, und das wird wohl stimmen. Ich kenne diese Gesichter, ich habe Angst vor ihnen wie vor Mördern!

Als Sidonie Beeskow am Abend zu Tisch kam, war keine Spur von Erregung in ihren Zügen zu lesen. Stumm und leergebrannt ging sie an meinem Platz vorüber und nickte mir zu wie alle Tage. Nur als Hanna einmal das Wort an sie richtete, verzerrte sich ihr Mund und eine dunkle Röte flammte aus ihrem Innern, Stirn und Wangen tief bedeckend.

Erst viel später, als alles längst vorbei war, erfuhr ich zufällig durch den Schreiber des Notars, daß Sidonie Beeskow am Tage nach dem Besuch jenes Mannes Wertpapiere und ihre Grabstätte in Braunschweig verkauft und den Erlös an die Adresse eines ihm unbekannten Herrn ge­schickt habe. Ja, auch ihre Grabstätte, und der Schreiber fügte hinzu, daß Fräulein Beeskow auf eine verwunderlich traurige Art gelächelt und den, Notar gesagt habe, nichts im Leben müsse man sich so teuer erkaufen, wie Frieden und Ruhe!

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Onkel Josua ist in sich versonnen und wortkarg. Wenn man ihn fragt warum, so schüttelt er bloß den Kopf und winkt mit der Hand ab; das ist ein Zeichen, daß er nicht darüber reden möchte. Aber so viel glaube ich doch zu wissen, daß es nicht seine eigenen Sorgen sind, die ihn drücken.

Vielleicht weiß er mehr als wir anderen oder er fühlt mit feineren Sinnen, daß ein Fluidum nahender Dinge uns umweht und dunkle Vögel vor der Sonne fliegen. Er hat mir zuweilen von der Gabe des zweiten Gesichts erzählt; vielleicht daß auch er sie besitzt, aber was weiß ich von Onkel Josuas geheimen Gaben! Ich bin kein Auserwählter, mir sind die Tore verschlossen!

Vielleicht auch kreisen seine Gedanken um Sidonie Beeskow, denn seine Augen, klug und alt, ruhen sehr oft auf ihr, wenn sie glaubt, daß niemand sie beobachtet. Ich habe längst schon bemerkt, daß Onkel Josua Anteil an ihr nimmt und stets gut und milde von ihr spricht, wenn er es auch vermeidet, in den Kreis ihres Lebens zu treten.

Wer sich ein wenig auf Menschen versteht und Fingerspitzen hat, die zu fühlen vermögen, der nimmt wohl wahr, daß die Luft um uns, der Lebensbereich, in dem wir atmen, auf eine seltsame Weise sich verändert hat. Es ist, als ob eine Spannung in ihr läge und als ob dieser und Mer ganz ohne Willen getrieben würde, seine Tage und Nächte unter heim­lichen und erhöhtem Druck zu leben. Merkt wohl auf, ich spreche von diesem und jenem, nicht von mir! Ich stehe außerhalb des Drucks und der Gewitter: mein Amulett ist gesegnet, meine Scheuer gefüllt! Ich habe ge­nug und kann in Frieden leben!

Aber Hanna ist ein Füllen auf der Weide, toll und ausgelassen, voll ruheloser Lustigkeit. Sie lacht und springt den ganzen Tag, wie ein Irr­wisch ist sie bald hier, bald dort und plötzlich wieder verschwunden! Mutter Berg ruft ganz vergebens ihren Namen durch Haus und Garten; ich weiß, wo Hanna steckt: Seite an Seite mit Sidonie Beeskow, Arm in Arm mit ihr am See, auf den Dampfer und die Dämmerung wartend!

Ich weiß noch viel mehr, doch es berührt mich nicht. Hanna mag tun und lassen, was sie will. Was schön und köstlich an ihr war, habe ich ge­borgen! Mein Werk ist getan, meine Arbeit ist fertig ich brauche keinen Schuppen und keine Geräte mehr! Jugend mag'weitergehen, von Erleben zu Erleben ein Tor, wer sie schilt und hinter ihr herjammert!

Hanna trägt Ohrringe aus Schildpatt, wie man sie vor langen, langen Jahren einmal trug, hängende, zierlich geschnittene Ovale aus dunkelstem Schildpatt, die ihre leuchtenden Augen und den schweren, zuckenden Mund geruhsam rahmen. Wißt ihr, wer ihr die Ohrringe gab und den spanischen Seidenschal, der um ihre Hüften liegt? Still, nichts davon wir wissen es alle! Ihre Füße stecken in Goldkäserschuhen, die es weit und breit nicht zu kaufen gibt, und gestern trug sie ein Kleid, rehfarben und mit Knöpfen aus Korallen, von dem das ganze Städtchen spricht.

Habt ihr auch schon bemerkt, ihr neugierigen Gäste Mutter Bergs, daß Sidonie Beeskow zu neuem Leben erwacht ist und aufblüht unter Hannas Augen?! Wie war sie scheu und verschlossen und faßt in dieser verwandelten Zeit ein wunderlich blindes Vertrauen zu diesem Wesen, das halb Kind, halb Weib ist! Tut sie es nicht, weil sie muß, weil Allein­sein so furchtbar ist und langsam tötet? Seht, wie gegen alle Vernunft und böse Erfahrung ihre frierende Seele sich wärmt an Hannas jugend- leichtem Sinn, der sie ein Geschenk des Himmels dünkt, das sie niemals besessen! Ach, es liegt ein erster Schimmer von Glück auf Sidoniens

Zugen, aber uns, die wir Augen haben zu sehen, macht es über dis Maßen traurig. Denn sie tennt Hanna nicht, so wie ich sie kenne, und das ist schlimm für eine Frau wie Sidonie Beeskow. Sie ist so sehr im Tief­sten gläubig und hängt ein Letztes an die Schwingen des Vogels, bej morgen schon davonfliegt!

Und ein wenig verzeiht! muß ich lächeln und die Achseln zucken über die Menschen. War Sidonie Beeskow nicht in Qual und Verzweif­lung geschlagen und getroffen an der Wurzel ihres Seins? Und heute Wochen find vergangen, nicht Jahre wo ist heute ihr großer Jam­mer, wieviel ist übrig von ihrer Erkenntnis, daß unser Leben ein grauen­voller Betrug sei?! Ringsum war Nacht und plötzlich: ein Fünkchen der Ferne ist Licht genug, um alle Klugheit zu verscheuchen!

Sie hängt ihr Letztes an die Schwingen des Vogels, der morgen davonfliegt. Wohin? Gott weiß zu wem! Ganz gewiß nicht mehr zu mir. Mir kann Hanna nichts mehr geben, ich will dankbar fein bis ans Ende. Man muß in meinen Jahren nicht glauben wollen, daß Glück ein Ding fei, das länger währt als eine Stunde. Man muß endlich einmal aus der Schule heimkehren. Nein, nicht zu mir wird sie kommen, aber vielleicht zu dem, der ihre Bestimmung ist und dem sie gehört, weil er sie eines Tages für sich fordert!

Da ist Florian, der Land auf Land kauft und fein Sägewerk täglich erweitert, der fein Holz in großen Schiffen hinüberfchickt in die Schweiz und ein Haus baut. Denkt ihr, ich sähe nicht, daß seine Augen in Brand stehen und seine Hände vor Hanna schwer werden, weil er ihrer inne ge­worden ist und ihr Duft in fein Blut fiel?! Hanna tut, als ob sie nichts von alledem bemerke, aber in ihrer Stimme zittert mehr Furcht und heimlicher Jubel, als sie weiß und sich selbst gesteht. Es reizt sie, dicht an ihn heranzutreten, so oft er ihr begegnet, und den Bären in ihm mit ihrem Spott zu stacheln, aber wenn plötzlich seine Schwere über ihr wuchtet, wird sie ein kleines Mädchen, das sich fürchtet und auf List sinnt, zu entschlüpfen.

Sage mir, Hanna, für wen in weiter Welt trägst du Ohrringe aus Schildpatt und einen seidenen Schal? Für wen die Kleider, die ich nie an dir sah, klüglich auf den Leib geschnitten und wohl berechnet für eines Mannes Auge? Und für wen find deine Zärtlichkeiten, wenn du dich an die Schulter einer andern lehnst und Sidoniens Arm streichelst vor Flo­rians Augen? Du bist auf der Flucht, kleine Hanna auf einer Flucht, die bald enden wird! Mich täuscht du nicht; Thomas Wiehl kennt zu gut euer Spiel, es ist oft genug auch um seinetwillen gespielt worden.

Percy ist gekommen und hat sein kleines Zimmer im Dachgeschoß be­zogen. Aber bis lange nach Mitternacht fitzt er bet mir, und ich lasse ihn reden und erzählen. Percy ist geladen mit tausend Fragen und Plänen, die seinen Jahren sehr wichtig scheinen und von denen er findet, daß man sieunter Männern" besprechen müsse. Ich darf nicht lächeln, denn aus Percy spricht die Stimme des Jungseins und lehrt mich den Ernst des metgeftatten Lebens. Vornübergebeugt schau ich ihn an und entziffere ihn vom Scheitel bis zur Sohle, lese Vergangenes und Gegenwärtiges.

Percy hat die Stirn seiner Mutter und ihre Augen nun gut, ich verlange nicht, daß er in allem mein Ebenbild sei. Gott bewahre! Wenn im Gespräch hin und wieder der Name seiner Mutter fällt, sieht er mich zögernd an, wie wenn er fürchte, an eine Wunde gerührt zu haben. Nein, mein Sohn, so steht es nicht um mich! Dein Vater hat gelernt, einen Strich zu ziehen, einen Punkt zu setzen und auszulöschen, was seiner Art fremd ist. Zu Jahren kommen, heißt in die arktische Zone treten und dicht am Herzen die Vereisung der Welt spüren. Höre nidn zu, mein Junge, und lache unbesorgt; es wäre nicht gut, wenn du mich heute schon verstündest!

Wie alt bist du, Percy? Siebzehn Jahre und ein Weniges darüber. Mit den Fischern hinausfahren und Netze legen, in den Wäldern streiken und zwischen Mauerresten graben, wo der Boden hohl klingt noch verborgenen Gewölben, an den Hängen klettern, wo die Falken nisten und vor hundert Jahren der Räuberhauptmann Fidelis herumkroch und den Leuten ein Schnippchen schlug das ist Percys Lust und Leben und das Beste, was ich ihm geben kann!

Percy ist gut Freund mit Hanna und darf mit ihr hinausrudern und das Segel bedienen, auch bisweilen, wenn alles glatt geht und Hanna gnädig gelaunt ist, an der Pinne fitzen und versuchen, ihre leichte Jolle zwischen den Bohlen hindurch in den Hasen zu lenken.

So gehen Percys Tage vorüber, einer nach dem andern ... Wenn der Abend kommt, stehe ich bei Schillings, dem Angler, am Kai und laße mir erzählen von Felchen und Hechten und wie er mit Menschenschcaue die Klugen überlistet. Bis ein weißes, kleines Segel dort draußen zum letztenmal wendet und durch die Kühle der Abendschatten wie ein Pfeil heranschießt. Fast noch ein Knabe ist Percy, aber wenn er an Land springt und Hanna die Hand reicht, die sie lachend ergreift, bann leuchtet Erwachen aus seinen Augen, und sein Mund, der mein Mund ist, wird heiß von der Bedrängnis seiner Jugend und ungeküßten Küssen.

Auch Fräulein Beeskow hat abendliche Wege und weiß es fo ein« zurichten, daß sie am Ufer steht und Hanna erwartet. Ein wenig abfcife von mir, unter den Kastanien, geht sie auf und ab. Sie hat Angst um Hanna und blickt mit Sorge auf Percys leichten, federnden Schritt. Sie leidet Qual wie ein Armer, der nach Fahrt und Irrfahrt eine Freistatt gefunden hat und von allen Seiten Raub wittert. Endlich ist Warwe gekommen in ihre Einsamkeit, ein Mensch ist ihr nahe, dem sie geben kann von ihrer Güte, an den sie sich und ihre Dankbarkeit vcrschwcncen darf. Und der nur freundlich zu ihr fein soll, ein wenig menschlich und ihr Dasein duldend! Man kann nicht gut bescheidener sein als Sidonie Beeskow, die für sich nur um ein Lächeln bittet. Zum Teufel, wenn man s einmal auf die Waage legt: sie zahlt einen hohen Preis für das bißche« Wärme, und ein lächelnder Mund kommt sie teuer zu stehenl

(Schluß folgt.)

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl'fche Universitäts-Duch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.