zehntem Jahrhundert gespenstisch, mit glühenden Augen, das weite Achteck zu umschreiten, das war eine Lust für diesen Komödianten aus Leidenschaft. Aber hier gab's auch Sport: hinter meinem Fahrrad her das Höllental hinauf, höhnisch an gauzenden Dorfködern vorbei, Kletter­partien am Paulke, an den Felswänden des Feldberg, Duschbäder im Wasserfall, Freischwimmen in der Dreisam das war Leben! Höchsts Erfüllung brachte uns beiden der Wintersport. Die Uebungshänge hin­unter glitt ich, und hinterher, ein schwarzer Ball in Wellensprüngen, raste mein Tell, versank tief in den Schnee und schnellte wieder auf, war nicht tot zu kriegen, schleppte noch mit, was ich an Handschuhen oder sonstiger Habe verlor. An sich war er ja ein zartes Bürschchen, schwächer als die meisten Hunde. Aber ein Athlet in der durchgedachten, durchtrainierten Beherrschung seines Körpers.

Wir waren damals nicht mehr so arm wie zur Zeit unserer Begeg­nung, hatten Freunde und Freundinnen die Menge, aßen uns satt und genossen das Leben. Große, erwachsene Studenten mit richtigen Schnurr­bärten wurden manchmal eifersüchtig auf Tell, der mit jedem spielte, jeden begrüßte, aber nur mir gehorchte. Einmal kam es fast zum Duell, weil einer mich anbrüllte:Du hascht ihn gege mich aufg'hetzt, du Simpel!"

Im Herbst zog ich mit Tell und einem Kommilitonen als Ernte- arbeiter durch den Schwarzwald. Meine Arme leisteten nicht viel, aber wie der Tellebub die Herzen der Bauern gewann, wenn er sich von einem Felsen ins Wasser stürzt, aus Bäume kletterte, sich als müder Schläfer auf den Rücken legt und verschlafen die Augen wischte, lauter ganz unhündische, menschliche Bewegungen und Gewohnheiten zeigte, das war unsere Leistung. Wir bekamen alles, Zigarren und Kirschwasser dazu, brauchten kaum zu arbeiten, wenn wir nur abends den Tell bewundern ließen.

Bald darauf rückte ich ein, war Soldat. Tell stand draußen in der Zähringer Allee, Ecke Burgunderstraße, schnüffelte und spähte Trupp um Trupp ab, bis er mich im Glied entdeckt hatte. Das Exerzieren konnte er gleich nicht ertragen, dies seelenlose Stechschrittmachen und Griffe klopfen war ihm zuwider und schien ihm meiner menschlichen Stellung unwürdig. Hundert Burschen, die alle zugleich dasselbe taten, ein Hun­dertstel dieser Maschine sein Freund ... Felddienstübungen gingen schon eher, er war immer dabei, aber mehr beim Hauptmann, der das Ganze leitete, als in der Schützenlinie. Gern besuchte er mich auf der Schieß­standwache, weit draußen im Wald, trug dem Mädchen meinen Pro­viantkorb und begrüßte die Soldaten meiner Kompagnie herzlicher als alle andern. Aber er blieb nicht bei mir, sondern trottete mit dem Mäd­chen oder etwas später mit irgendeinem herumziehenden Trupp wieder nach Hause. Eine Rächt hat er nie meiner Wache geopfert!

Einmal machte er Sensation, als ichPosten vor Fahne" war, im Zentrum der Stadt zwischen der Hauptkaserne und dem Haus des Gene­rals. Dort hieß es dreißig- oder sechzigmal in der Stunde Gewehr präsentieren und jedesmal -sah neben dem Posten ein schwarzer Pudel mit rotem Seidenband am Hals in strammer Männchenhaltung!

Die Osfiziere, denen unser Doppelsalut galt, taten, als sähen fies nicht, winkten nur rasch ab, weil alles Volk, unberührbar ernste 'Korps­studenten sogar, von Lachen bebten. General de Fallois, der würfel­förmig gebaut und sehr rot im Gesicht war, wurde blaß, fein weißer Hängeschnurrbart bauschte sich vor Zorn. Man konnte ja weder ver­bieten, daß ein Hund neben mir saß, noch konnte man als säbelklirrender Ssfiziersoldat ein Pudeltier auf dem belebtesten Platz der Stadt wegen Verhöhnung der Armee unter Verfolgung setzen.

Ein riesengroßer Geistlicher, sein Bauernkopf war wie ein grauer Fels, blieb stehn und freute sich mit unbewegtem Gesicht.

Du hascht a gscheit's Hundle", sagte er zu mir, aber ich durste nicht antworten.Der gibt's ene."

Das war meine einzige Begegnung mit dem großen Volksschriftsteller Heinrich H a n s j a k o b , über dessen Werk ich damals in freien Stunden eine Doktorarbeit schrieb. Im übrigen hat dies vielbesprochene Schau­spiel meiner nie sehr aussichtsreichen Militärkarriere eher geschadet.

Als ich vier Stunden später wieder aufzog, war kein Tell da, und er kam nie wieder, war tags darauf nicht in meiner Wohnung, stand nicht mehr in der Zähringer Allee, Ecke Burgunderstraße, wenn die Trupps zum Felddienst ausrückten, sah mich auf der Straße und muckste nicht, strich an mir vorbei, wenn ich auf dem Fahrrad saß, wie an dem fremdesten Fremden. Ein paarmal verfolgte ich ihn, einmal hab' ich ihn erwischt und verprügelt, das Herz voll Enttäuschung, die Hände voll Wut. Er benahm sich, als wäre er von einem Wildfremden mißhandelt, war danach nicht glücklich, sprang nicht an mir empor.

Tell hatte sich einer Familie mit Kindern und freien jungen Men­schen angeschlossen, in der jeder seine eigenen Bewegungen, seinen eigenen Geruch hatte. Es war unglaublich, aber mit Hände» zu greifen, daß er das Soldatentum haßte und mich vergaß, feit ich in dieser Schablone öüfging. Gehungert und gefroren hatte er mit mir, sich von feinem Sklavenhalter Tag um Tag für mich prügeln lassen. Aus der Straße hatte er mich erwählt unter 87 000 Darmstädtern und war mir treu ge­blieben unter 76 000 Freiburgern, war im ganzen drei Jahre lang, also die Essenz eines Hundelebens, mein Bruder gewesen. Jetzt wollte er nichts, aber auch nichts mehr von mir wissen.

Hätte der Tell gewußt, daß ich während dieses Jahres zweimal ohne- Urlaub in Basel war, mein heimliches Zivil wie einen Ornat trug, die Welt ganz neu genoß, im Rathaus Böcklins Farben inbrünstig er­lebte, daß ich beide Male bis zum letzten Nachtbummelzug entschlossen mar, zu bleiben, in die Knochenmühle der Infanterie nicht zurückzu­kehren und mich jedesmal nur überwand, weil eine Zukunft ohne Deutschland nicht vorstellbar war; hätte der Tell das gewußt, vielleicht hätte er wie ich das Dienstjahr überstanden. Soweit aber reichte das Verständnis dieses genialen Komödianten und Radikalindividualisten nicht. Er verstieß und vergaß mich: wir haben uns nicht wieder gesehen.

Das silberne Service.

Eine wahre Begebenheit von A. F. Koni.

Putilin war sehr stolz auf seine Findigkeit. Er sprach oft mit Hin­gebung von den Abenteuern vergangener Zeiten. Einmal hat er mir (laut den Aufzeichnungen in meinem Tagebuches folgendes erzählt:

Der vorliegende Kriminalfall ist doch etwas ganz Banales, ach, wirklich gute Sachen kommen ja heutzutage überhaupt nicht mehr vor' Und auch die wirklichen Verbrecher gibt es nicht mehr es ist gar nichts Rühmliches mehr daran, so einen heutigen zu fangen. Und dann auch die Diebe: wirkliche, famose Diebe sind gar nicht mehr vorhanden. Früher sagen wir einmal, spürtest du einem Diebe nach, und zittertest für dein Leben: er war wohl bloß ein Dieb, aber er ließ einem nichts durch! Früher war der Dieb solide in jeder Beziehung, aber jetzt? er ist er­bärmlich, er ist ekelhaft! Er wird bestraft, sitzt das Seine ab, wird bann in den Heimatsort abgeschoben, und kommt daraus gemütlich wieder zurück. Die nennen sich ja schon selberSpiridon-Kehrwiederum". Meine Agenten schnappen sie auf der Eisenbahn, nehmen sie am Kragen und führen sie mir vor verhungert, durchfroren, zitternd am ganzen Körper man schaut ihn lieber gar nicht an. Du sagst ihm also: du bist ja doch ein Dieb, mein Lieber. Was soll man machen, Iwan Dmitrijewitsch, die Sünde ist nicht zu verstecken, ich bin ein Dieb. So muß man dich also per Schub fortexpedieren. Haben Sie Mitleid, Iwan Dmitri­jewitsch! Nun sag' mal, was bist du für ein Dieb?! Ein Dieb muß nach etwas aussehen, stattlich sein, fein angezogen, aber du? Na, sieh dich doch mal im Spiegel an, was bist du für ein Dieb? Irgendein Waschlappen bloß, aber kein Dieb. Was soll man tun, Iwan Dmitri­jewitsch, Gott schickt mir kein Glück. Schieben Sie mich bloß nicht ab, tun Sie mir die Freude, lassen Sie mich dem Erwerb nachgehen ... Na, meinetwegen, eine Woche magst du spazieren und arbeiten, aber bann (falls du nicht vorher schon geklappt wirst) lasse ich dich abschieben: du sindet hier kein Feld für deine Tätigkeit ...

Was war das dagegen in den vierziger und fünfziger Jahren! Da­mals hatte den Apraxin-Markt unter sich der Revieraufseher Scherstobi­tow eine bekannte Persönlichkeit, ein ungewöhnlicher Kopf! Da saß er so in seinem mattierten Schlafrock, spielte Romanzen auf der Gitarre, und der Kanarienvogel im Käfig trillerte wie der Teufel. Ich war sein Gehilfe, und was wir zusammen schon Abenteuer gehabt haben, das macht einen noch in der Erinnerung fröhlich! Einmal ruft er mich zu sich und sagt:Iwan Dmitrijewitsch, wir beide werden Sibirien wohl schwerlich vermeiden können!"Warum, frage ich, ausgerechnet Sibi­rien?"Also darum," sagt er,weil beim französischen Botschafter, dem Herzog von Montebello, ein Silberservice verschwunden ist, und der Kaiser dem Oberpolizeimeister besohlen hat, daß es wiedergefunden wird. Und der Oberpolizeimeister hat dir und mir besohlen, das Service um jeden Preis zu beschaffen, und wenn nicht, sagt er, so werde ich euch beide per Postpaket an einen Ort versenden, wo das Quecksilber ein= friert. Na, sage ich, vorläufig ist es noch warm, versuchen wir, viel­leicht finden wir das Service."

Alle Diebe haben wir vorgenommen: nein, keiner hat es geflaut! Die haben sogar unter sich selber eine ganze Untersuchung angestellt (viel besser als unsere!) und sagen:Iwan Dmitrijeyitsch, wir wissen ja doch, wie wichtig die Sache ist, aber wir wollen es meinetwegen aus das Heiligenbild beschwören wir haben das Service nicht geklaut! Was war also zu tun? Wir haben geschwitzt mit Scherstobitow, geschwitzt, und endlich soviel Geld zusammengekramt, bis wir beim Goldschmied ein neues Service bestellt haben, genau nach den Bildern und Zeich­nungen, die die Franzosen noch hatten. Sowie das Service fertig war, haben wir es gleich ins Feuerwehrkommando gebracht: damit die es dort mit ihren Mäulern bearbeiten fo daß es den Anschein kriegt, als ob esgebraucht" fei. Dann überreichten wir das Service den Franzosen und warteten auf Anerkennung.

Allein, plötzlich ruft mich Scherstobitow wieder zu sich:Na, sagt er, Iwan Dmitrijewitsch, jetzt müssen wir beide schon totsicher nach Sibi­rien."Wieso?" frage ich,weshalb?"Deshalb, weil heute der Oberpolizeimeister mich gerufen hat, mit den Beinen gestampft hat, und ganz rot vor Zorn gewesen ist.Du und Putulin," sagt er,ihr seid beide Schwindler, aber mich werdet ihr nicht überschwindeln. Gestern auf dem Ball hat der Kaiser den Botschafter gefragt:Sind Sie mit meiner Polizei zufrieden?"Ich bin, Kaiserliche Hoheit, sogar sehr zufrieden: diese Polizei ist die kostbarste auf der ganzen Welt: Heute morgen hat sie mir das gestohlene Service wiedergebracht, und gestern abend hat mir mein Kammerdiener gestanden, daß dieses selbe Service gar nicht gestohlen worden sei, sondern daß er es bei einem Ausländer versetzt hat, und gab mir sogar die Quittung darüber, so daß ich jetzt also auf einmal zwei Service habe." Hierfür, Iwan Dmitrijewitsch, gibt es keinen Ausdruck als: Sibirien!- Na, sage ich, warum gleich Sibirien, aber die Sache riecht immerhin nicht gut." So hat er auf der Gitarre weitergespielt, wir haben beide dem Kanarienvogel zugehört ... und wußten endlich, was wir zu unternehmen hatten.

Wir erkundigten uns, was der Botschafter mache. Es stellt sich heraus, daß er mit dem Thronfolger auf die Jagd fahrt, Wir sofort hin zu einem Kaufmann auf dem Apraxin-Markt, wir kannten ihn, er lieferte alle Livreen für die Botschaft und war befreundet mit dem ganzen Lakaiengesindel.Guten Tag, lieber Mann, wann ist dein Namenstag?" Nach einem halben Jahr."Na, aber könntest du deine» Namens­tag, fuge» wir, morgen feiern, und die ganze Dienerschaft von der fran­zösischen Botschaft einlaben, die Bewirtung geht auf unsere Kosten." Na, er war natürlich einverstanden, das ist doch klar, wir waren doch unter uns! Und wir haben bann bei ihm solch einen Ball gegeben, daß selbst bem Himmel heiß geworben ist. Morgens mußte man alle in ihre Häuser schleppen: die Franzosen waren total unzurechnungsfähig, sie konnte» nur noch bumpf brüllen. Dabei, Gott behüte, nichts von- Schlafmitteln, sie konnte» es einfach nicht vertrage» ...

Na, aber um 3 Uhr nachts war unterbotenJascha, der Dieb" ge­kommen. Das war ein Mensch! Eine Seele! Ein goldenes Herz, dienst-