Ausgabe 
4.10.1929
 
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fettig, gutmütig, und was die Geschicklichkeit anbetraf, so werde ich seines- gieichen nimmer sehen! Er saß immer wieder im Gefängnis und genoß unser vollstes Vertrauen. Das war was anderes, als die heutigen Diebe. Die Erde sei ihm^leicht! Er kam also und brachte einen Sack: bitte, fugt er, belieben Sie nachzuzählen, es ist, glaube ich, alles. Da fingen roir mit Scherstobitow an, nachzuzählen: zwei Löffelchen mit Wappen waren überzählig.Wozu denn das, Jascha, fragen wir, wozu hast du denn das Ueberflüssige geklaut?"Ich habe mich nicht halten können", sagt er ...

Am nächsten Tag fährt Scherstobitow zum Oberpolizeimeister und sagt:Gott bewahre, Exzellenz, es hat überhaupt nie zwei Service ge­geben. Es gibt nur ein einziges Service, wie eh und je, und was die Franzosen anbetrifft, so ist das doch ein leichtsinniges Volk, denen kann man ja ^icht Glauben schenken." Und am nächsten Tage war auch der Botschafter von der Jagd zurückgekommen. Und sieht: es gibt tatsächlich nur ein Service, aber seine Lakaien sind dabei ganz grün im Gesicht vom Kater und stehen total windschief in den Türen. Da hat er mit der Hand abgewinkt und über die Sache weiter kein Wort geredet.

Deutsch von Sigismund von R a d e ck i.

Das Meer der Abenteuer.

Von E. v. Ungern-Sternberg.

Die Geschichten vom Roten Freibeuter, von Flibustiern und Buka­niern klingen heute wie Märchen aus einer längst entschwundenen Zeit. Damals, als die Gold- und Silberflotten zwischen dem Karibischen Meere und Spanien schwammen, als England und Frankreich und Holland Korsarenschiffe ausrüsteten, sich gegenseitig mit Krieg überzogen und in den Wassern Südamerikas durch einen Handstreich neue Kolonien er­oberten, damals war auch die Zeit romantischer Freibeuter und kühner Piraten, die auf versteckten, palmenbewachsenen Inseln ihre geraubten Schätze vergruben, ihren schwarzen Wimpel mit dem Totenkopf auf den Masten ihrer schnellen Segler hißten und Handelsschiffe und ganze Nie­derlassungen überfielen. In unseren Tagen las man nur nach von Pirateustreichen in den malaischen und chinesischen Gewässern. Aber es sind kleine Dschunken, die von Seeräubern überfallen werden, und die englischen Kanonenboote räumen dann bald darauf gründlich mit dem Gesindel auf. Die Aufständischen von Venezuela haben nun dafür ge­sorgt, daß der alte Ruf des Karibischen Meeres wieder zu Ehren kommt, sind Romantiker unserer nüchternen Zeiten, sie leben ein paar Jahrhun­derte zu spät auf der Welt, aber jedenfalls verstehen sie es, die Aufmerk­samkeit durch ihre ungewöhnlichen Methoden auf sich zu lenken.

Mitten im tiefsten Frieden überfielen sie die kleine, dem Festlands vorgelagerte holländische Insel Curapao, die einen Weltruhm durch den vortrefflichen Likör genießt, der aus einer dort wachsenden besonderen Orangenart gewonnen wird. Mit Hilfe ihrer dort lebenden flüchtigen Landsleute überrumpelten sie die kleine holländische Garnison, nahmen den Gouverneur und den Militärkommandanten gefangen, plünderten die Waffen- und Munitionslager, zwangen den Kapitän eines im Hafen liegenden Dampfers ihre kostbare Beute zu verladen, nahmen den hollän­dischen Gouverneur und einen höheren Offizier als Geiseln mit und kehr­ten heim, um ihre Negierung zu bekriegen. Als sie die Waffen ausge­laden und Gefechtsstellung eingenommen hatten, ließen sie ihre Geiseln ritterlich frei und erlaubten ihnen, nach Curacao zurückzukehren. Curapao ist heute ein Welthandelsplatz. Mit seinem geschützten großen Hafen ist die Insel, seit der Panamakanal seine gewaltigen Schleusen zwischen dem Stillen und Atlantischen Ozean öffnete, aufs engste mit dem holländischen Handel verbunden. Seit dann im Nordwesten von Venezuela das un­erschöpflich reiche Petroleumgebiet von Maracaibo erschlossen wurde, lausen die großen Oeldampser ständig Curapao an, um das gewonnene Petroleum einem ersten Reinigungsprozeß unterziehen zu lassen. Die holländische Insel ist also kein weltverlorenes Eiland im Karibischen Meere, es ist eine reiche und blühende, wenn auch kleine Kolonie. Es war ein tollkühner Flibustierstreich der venezolanischenGeneräle", wenn sie einen Ueberfall auf Curapao wagten und ihn auch erfolgreich durch- führten.

Das gelungene Abenteuer gefiel den Venezolanern so gut, daß sie dem ersten Handstreich einen zweiten, fast noch aufregenderen folgen ließen. Sie bemächtigten sich des Hamburger DampfersFalke", der vorher in Gdingen durch Mittelspersonen Waffen und Kriegsmaterial geladen hatte, brachten eine große 'Anzahl ihrer Verbündeten auf denr Schiffe als Passa­giere unter und überrumpelten Kapitän und Mannschaft im Karibischen Meere. Auch dieser Piratenstreich glückte ihnen. Bei Nacht und Nebel nahmen sie von einem Leichterschiff noch weitere 200 bewaffnete Ver­schwörer an Bord und zwangen den Kapitän, den Fluß Manzanares an- zulauscn und die Stadt Cumana zu überfallen. In einem blutigen Gefecht wurde der venezolanische Rebellenführer, General Delgado Chalbaud, ge­tötet. Nachdem es aus beiden Seiten viele Tote gegeben, sah sich der Rest der Rebellen gezwungen, mit dem gekaperten DampferFalke" zu flüch­ten und sich in Genada, einer kleinen britischen Insel der Windward- gruppe, an Land setzen zu lassen. DerFalke" suchte Zuflucht im eng­lischen Hasen von Port of Spain, wo er sich nach seinem Abenteuer unter dem Schutz der britischen Flagge befindet. Die Regierung von Venezuela nämlich hat den deutschen Dampfer als Piratenschiff erklärt und ihre Kanonenboote sind bereit, so wie es in denguten alten Zeiten" im Karibischen Meere geschah, auf denFalken" Jagd zu machen, sollte er den schützenden englischen Hafen verlassen.

~ Die venezolanischen Revolutionäre verkünden, daß sie außer dem Falken" noch andere Dampfer zu kapern gedenken, daß also die Reihe der Abenteuer noch lange nicht abgeschlossen ist. Revolutionen in den Staaten am Karibischen Meere gehörten in früheren Jahrzehnten zu den Alltäglichkeiten. Es erhob sich irgendeinGeneral" als Gegenpräsident, die Staatskassen wurden als erste Regierungsmaßnahme mit Beschlag belegt, und wenn das Pronunziamento von Erfolg begleitet war, so zog der neue Präsident im Triumph in das Regierungsgebäude ein. Die früheren Gouverneure wurden, wenn es ihnen nicht gelang, rechtzeitig zu

flüchten, an die Wand gestellt oder eingekerkert; inzwischen aber fand sich schon ein neuer Retter des Vaterlandes und dasselbe Spiel wiederholte sich.

In Venezuela, ebenso wie in Kolumbien, liegen zwischen den Haupt­städten, die sich von denen Europas nur wenig unterscheiden, und den Provinzorten zum Teil noch unerforschte Urwälder, in denen wilde In» dianer leben, die den kühnen Eindringling mit ihren Giftpfeilen bedrohen. Dort, im endlosen Gewirr der Lianen, in die es weder Wege noch Siege gibt, in Gebieten, die doppelt so groß wie das Deutsche Reich sind, können sich die Verschwörer verstecken und sammeln, dort sind sie vor Verfolgung sicher und dort können sie ihre Piratenstreiche im Karibischen Meer un­gestört vorbereiten. Man spricht von etwa 100 000 Rebellen in Venezuela, was für ein Land mit nur etwa drei Millionen Einwohnern eine ganz stattliche Zahl ist. Im Urwald und in der Wildnis läßt sich keine Grenz­sperre durchführen, und int Reich der Riesenschlangen und Krokodile gibt es auch tein Waffenverbot, dort lauert aus den sonnendurchglühten Strömen und im Dickicht exotischer Bäume das Abenteuer und das Un­gewisse. In jenen fernen Urwäldern sind französische Gelehrte, die den Mut dazu hatten, noch ganz kürzlich auf einen bisher unbekannten bär­tigen Jndianerstamm gestoßen, dessen Vorfahren von den Polynesischen Inseln in vorgeschichtlichen Zeiten eingewandert sein müssen. Sie sind mit einem Bogen von etwa drei Meter Höhe und mit schweren Keulen aus Eichenholz bewaffnet, die Pfeilspitzen sind vergiftet. Sie kennen keinerlei Gewebe und gehen folglich nackt. Als Schmuck tragen sie eine Kette von Menschen- und Tierzähnen um den Hals. Eine bestimmte Religion kennen sie nicht, nur meinen sie, daß jeder belebte und unbelebte Gegenstand von einem guten oder von einem bösen Geist bewohnt wird. Auch eine Zeit­rechnung ist ihnen unbekannt. Zählen können sie nur bis fünf, jedoch mit Hilfe der Finger bis fünfzig. Ihre Toten begraben sie in einem Blätter- geflccht und lassen den Leichnam stehen, dis er sich zersetzt. Das Skelett hängen sie später als Schmuck vor ihre Hütten. Dort in der Tiese der Urwälder glauben einige Jndianerstümme, daß noch ein Nachkomme der Inkakaiser lebt, der bald in Glanz und Herrlichkeit erscheinen und das rote Volk von den Weihen befreien wird. Es gehen Sagen von ver­borgenen Schätzen um, die in Höhlen und Seen versenkt sein sollen und die die Habgier der Weißen reizen. Niemand weiß, wo dort die Grenze zwischen Märchen, Traum und Wirklichkeit liegt.

Die venezolanischen Revolutionäre, die das Abenteuer ins Karibische Meer getragen haben, sind zum Teil Desperados, die zu Tausenden vor dem eisernen Regime des Diktators Gomez flüchteten, unter ihnen viele verfolgte Politiker und Generäle, zum Teil auch Studenten, die letztens in Caracas in Streik getreten waren, zum Teil auch fozialrevolutionäre und kommuniftifche Elemente, die namentlich im Petroleumzentrum von Maracaibo an Boden gewonnen haben, und die überall dort zu finden find, wo es Aufruhr und Beute gibt. Wer weiß, ob nicht auch allmächtige Dollarinteressen die Flibustier unseres Jahrhunderts unterstützen; denn am Karibischen Meere sprudeln unerschöpflich reiche Petroleumguellen. Revolutionen und Waffen kosten sehr viel Geld, und Desperados pflegen im allgemeinen über kein Bankkonto zu verfügen. Auch Piratenstreiche im Karibischen Meer müssen teuer bezahlt werden.

Das ,^physikalische Weltbild".

Von Professor Dr. Paul Kirchberger.

(Nachdruck verboten.)

Wer die Zeit vor zehn Jahren denkend durchlebt hat, wird sich erin­nern, wie lebhaft der Streit damals um die E i n st e i n s ch e Rela­tivitätstheorie tobte. Nicht nur unter den Fachgelehrten son­dern leider auch in der Laienwelt fand die neue Lehre leidenschaftliche Freunde und Gegner, aber in einem Punkte schienen alle einig, näm­lich daß die neuen Gedanken etwas ganz Unerhörtes, allen bisherigen Denkgemohnheiten Zuwiderlauseudes bedeuteten.

Als kürzlich der ehrwürdige Max P la n ck, der nicht nur einer der größten Physiker der Gegenwart sondern auch unter seinen Fachgenossen wohl der tiefste philosophische Denker und zugleich der wirkungsvollste Redner ist, einen hochbedcutenden Vortrag über das physikalische Welt­bild der Gegenwart hielt, konnte er mit Recht darauf Hinweisen, daß wir heutzutage die Relativitätstheorie als eine Art großartigen Abschluß der nun hinter uns liegenden sogenanntenklaf'sisck)en" Physik betrachten können. Natürlich soll' damit nicht gesagt fein, daß die von Einstein aufgeworfenen Fragen etwa restlos geklärt seien; im Gegenteil! Was z. B. die Folgerungen über den Bau und die Größe der Welt anlangt, jo können wir nach Plancks Meinungauf Ueberraschungen gefaßt" fein. Und die kürzlich von E i n ft e i n aufgestellte einheitliche Feld­theorie, die den Zusammenhang zwischen Schwerkraft und Elektro­magnetismus bringen soll, liegt erst in ihren allerersten Anfängen vor.

Aber trotz der außerordentlichen Bereicherung, die diese Gedanken­gänge unserer wissenschaftlichen Weltanschauung gebracht haben, kom­men sie uns heute gegenüber den Erschütterungen fast harmlos vor, die das ganze Gebäude'physikalischer Lehren in den letzten Jahren erfahren hat. 'Hervorgerufen waren diese Erschütterungen durch die von Planck geschaffene sogenannte Quantentheorie, von der sich schon gleich die erste Behauptung, die zugleich ihre wichtigste Grundlage ist, unserer ganzen früheren Gedankenwelt nicht einfügen will. Diese GrundbeHäup­tling der Quantentheorie besagt, daß die Energie eines Strahlenbündels in einfachem Verhältnis zur Schwingungszahl der Strahlen stehe. Hierzu macht Planck auf eine eigentümliche Unstimmigkeit aufmerksam: Die Schwingmigszahl bezieht sich auf einen Raumpunkt. Wie bei Waffer- mellen können wir auch bei Lichtwellen oder überhaupt bei elektromag- neii'chen Wellen ihre Anzahl von einem ganz streng mathematischen Punkt aus scftstellen; denn letzten Endes ist es ja der Punkt, der die Schwingungen der Wellen ausführt. Die Energie aber kann niemals in einem Punkt vereinigt sein, sie kann nur in einem größeren Raumteil gedacht werden. Wie kann es zwischen zwei so himmelweit verschieden­artigen Größen wie Energie und Wellenzahl eine Beziehung geben? Sie besteht in der Tat; die merkwürdige Zahl, die den Zusammenhang zwi­schen ihnen vermittelt eine Zahl, die mit 27 Nullen beginnt, ehe sie