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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

greitag, den4.Oktober~ ~ Kummeru

Kulinarische Gedichte.

Von Otto Julius B i e r b a u m.

Wenn der Most sich eben regt, Süß noch, doch schon pricklig. Sei dir dies ans Herz gelegt, Als besonders schicklich:

Daß zum Most

Auf dem Rost

Du Makronen braten so(ll)st. *

Wenn dich Weltschmerz packt,

Wenn dich Gram zerhackt,

Wenn die Liebe dich am Zwickel zwackt,

O dann hole dir

Schwarzes Porterbier, Mische Ale ein nach Formel 2:4.

Dieses schlürfe dann,

Schwer geprüfter Mann,

Chester Käse koste dazu dann und wann.

Tellebub.

Eine Hundegeschichte von Balder Olden.

Ich war einmal ein sehr armer Junge mit siebzehn Jahren, verein­samt in einer fremden Stadt, ohne Woher und Wohin; vor dem Ver­hungern, nicht vor dem Hungern, schützte mich ein Wechsel von 78,50 Mark monatlich; Freundschaften zu pflegen, eine Liebste auszuführen, da­zu reichte es nicht.

Zwecklos herumstromernd, weil nur die Straße irgend etwas an Hoff­nung trug, lernte ich einen anderen Einsamen und Ungesättigten kennen, einen schwarzen, schlecht geschorenen, im Alter dem meinen entsprechenden Pudel. Wir trafen uns häufig, unterhielten uns; er begleitete mich ein Stück Wegs und sah mir an stets derselben Straßenecke unentschlossen nach. Sein Wesen, obgleich auch gedrückt, war heiterer als das meine und tat mir wohl.

Tag um Tag wurde seine Begrüßung herzlicher, der Abschied schwerer. Ich ging in seine Straße, ging nur noch aus, um ihn zu treffen. Manch­mal fehlte er, dann war mein Spaziergang nichts als Enttäuschung. Na­türlich war er durch höhere Gewalt verhindert worden; aber mir blieb doch die schmerzliche Leere.

Als der Pudel zum erstenmal ganz sicheren Schrittes bei mir blieb, die Straßenecke, die ihm als Grenze gesetzt war, überschritt, als er mich be­suchen kam, die erste Nacht bei mir verbrachte, war ich glücklich, wie nur eine Eroberung machen kann. Auf seinem Halsband standTell" und der Name einesBesitzers".

Tell stand auf und tanzte hungrig auf den Hinterbeinen, wenn ich, manchmal aber ganz ohne Anlaß, nur um ins Plaudern zu kommen. Er bettelte mir ein Paket oder den Stock ab, denn ganz zwecklos ging er nicht gern spazieren. Irgend etwas zu tragen, eine'Rolle zu spielen und angeschaut zu werden, war ihm Bedürfnis. Raufereien ging er aus dem Weg, schon unter Berufung auf seine Tätigkeit als Page. Konnte er gar nicht ausweichen, dann wehrte er sich ganz tüchtig, bis ich ihm beisprang; nie verließ er die Walstatt, ohne seine Last wieder aufzunehmen.

Wie schwer Tell für seine dienstbare Freundschaft bei mir bezahlt hat, erfuhr ich bald; als ich nämlich erkannt hatte, daß das Leben ohne ihn nicht mehr ging und feinen Besitzer aufsuchte. Windelweich hatte der ihn für jeden Nachmittag und jede Nacht außer Hause geprügelt.

Cs nützt Ihnen nichts", sagte ich.Der Hund bleibt jetzt doch bei mir."

Das Lösegeld, das dieser schofle Sklavenhalter im Kleiderladen mir erpreßte, war enorm. Zehn Mark monatlich für vier Monate! Zehn Mark von Achtundsiebzigfünfzig, obwohl es jetzt zwei Mäuler zu stopfen gab! Es kam eine schlimme Zeit, ich vernachlässigte meine Vorbereitung aufs wilde Abitur und quälte mich um ein bißchen Erwerb. Wochenlang me wirklich satt sein, nie warm, nie richtig gebadet ... Dann fand sich em halbblinder Junge, der von mir Unterricht in Schönschreiben und kaufmännischer Korrespondenz hinnahm. Meine eigene Handschrift war eme solche Katastrophe, daß ich schon auf das Bewerbungsschreiben hin vom Abitur zurückgewiesen wurde, einen kaufmännischen Brief hatte ich

äetoIiebi"- Aber es ging, mein Schüler zeigte Engels­geduld! Jeden Ersten brachte er mir die zehn Mark, die ich zum Sklaven­händler trug, bis der Tell mein war.

Er weckte mich mit einem Sprung ins Bett und heftigen Zärtlich- 7'30 Uhr, pünktlich auf die Minute. Er begleitete mich zur Presse, wo ich meine vier Stunden lernen und zwei Stunden lehren mußte, zur Hochschule, wo ich als Hospitant Vorlesungen hörte wußte genau wann ich diese Häuser verließ und erwartete mich am Portal. Kam ieh durch Zufall früher heraus, verfehlten wir uns, dann raste er die Stadt ab, die Cafes, in denen ich manchmal faß, den Mittagstisch, den Bäckerläden, fragte immer wieder bei meiner Mutter, ob ich noch nicht zuruck sei.

Manchmal mußte ich ihn einsperren, weil ich ein anderes Programm hatte, und allein, nach vielen Trostversuchen, davongehen. Dann saß er auf dem Fensterbrett, ich hatte ein Hofzimmerchen im ersten Stock, sah mir nach und schaute unentwegt zur Torfahrt, bis ich wiederkam

Einmal hatte ich Abschied genommen, zugesperrt, war die Treppe hinunter gegangen und trat auf den Hof hinaus da trat ein schwarzer Pudel vor mich hin, wand sich, lachte, winselte voll Glück und Stolz Ich sah hinauf kein Tell im Fenster. Es hatte zum erstenmal seitab von meinem Fenster ein Gartenteich im gepflasterten Hof gestanden. Am Vertrauen auf die Elastizität des eisernen Gestänges hatte sich Tell aus dem ersten Stock schräg längs der Wand herabgestürzt. Ein Meisterstück von exaktem Sprung, der auf den Zentimeter glücken mußte, sonst war der Hund zerschmettert.

Dressiert habe ich Tell nie, und trotzdem war er bald ein Ausbund von Kunstfertigkeit; was ich von ihm wollte, begriff er sofort, wir einig­ten uns auf die Tonlage, in der ich meinen Wunsch äußerte, und er führte ihn aus. Die athletische Beherrschung seines leichten Körpers und ein unglaublicher Mut halfen dabei. Er sprang über riesige Bernhardiner und Doggen fort und gab ihnen im Sprung einen Stupps mit den Hinterpfoten. Die Bestien brummten und wollten ihn zerfetzen. Aber er war zu schnell und zu sachlich; spielte nicht den Helden, der sich bis zum letzten Blutstropfen verteidigt, sondern hatte seine Rückzuqslinie schon vorher zurechgelegt und entwich ohne Gefechtspose. Er sprach junge Damen an und zeigte ihnen sein Ausgehpaketchen, wenn ich ihm zuqe- flustert hattedie da". Seinem Charme widerstand kein Mädchen es mußte sich erst mit ihm und dann mit mir über ihn unterhalten.' So kam ich zu Freunden. Aber nie sprach er Damen an, ohne daß ich ihm den Wink gegeben hatte. War eine Beziehung innig geworden, dann ge­hörte die junge Dame ganz zur Familie. Er begleitete sie nach Hause nahm ein Butterbrot bei ihr, trug Briefe hin und her. Mochten wir auch spater miteinander brechen, er brach nie mit einer einstigen Freundin.

Wir spielten Verstecken: ich zeigte ihm einen Gegenstand, hielt ihm die Augen mit seinen langen Persianer Ohrgehänge ein paar Sekunden lang zu und steckte das Ding in meine Tasche. Dann hieß es: such!

Tell raste unters Bett, kroch flach wie eine Kröte unter den Schrank, spähte unter Decken und Kopfkissen, turnte über meinen Schreibtisch auf den Ofen hinauf. Er konnte nicht nur springen, sondern wirklich klettern, machte wie ein Alpinist schroffe Wände, schnüffelte meine Besucher ab, jachterte und heulte vor Eifer. Bis es genug schien, bann sprang er an mir empor, zog das Ding aus meiner Tasche und gab sich ganz als er­folgreicher Sportsmann. Ich wählte nie ein anderes Versteck als meine Tasche, das Ganze war nur Theater. Tell hatte wenig Nase, kein bißchen Talent zum Suchen. Er spielte nur prachtvoll die Rolle eines prachtvoll dressierten Vorstehhundes.

Die ersten Studentensemester in Freiburg, obwohl sie mit einem Scheck begannen, wurden unsere glücklichste Zeit. Wir waren zusammen angekommen, hatten eine Bude gesucht, mit Rücksicht auf Tell ein Par- terrezirnrner nach der Straße, und hatten nach der Reisenacht dort eine Stunde geschlafen. Wohlgemerkt, mein Gepäck war noch auf der Bahn! Dann hatten wir uns die für Tell fremde Stadt angeschaut, irgendwo gegessen, irgendwo im Cafe gesessen, einen Besuch gemacht dann uns verloren!

Kein Polizeiamt wußte etwas von Tell, ich hatte einen Preis aus­gesetzt und gesucht, mich heiser gepfiffen und gebrüllt. Spät nachts kam ich nach Haus und tief vergrämt. Aber als ich in die dunkle Straße einbog, in der wir eine Stunde verbracht hatten, raste mir diese schwarze Kugel mit flammenden Lichtern entgegen, mein Tell mit feiner roten Zunge zwischen gleißenden Zähnen, tobte an mir hinauf, patschte mir die heiße Zunge ins Gesicht, rückwärts über die Schulter hinunter, vorn wieder herauf und schrie vor Glück. Er hatte gewußt, daß man dort wohnt, wo man eine Stunde geschlafen hat, war durchs offene Fenster in mein Zimmer hinein und heraus geklettert, hatte sich mit seinem zielbewußien Suchen und Warten in der Nachbarschaft sofort populär gemacht.

Freiburg war eine Stadt nach feinem Sinn. Nachts auf den Rand des Berthold-Schwarz-Brunnens zu springen und zwischen lauter sech-