(fiortl folgt)
Druck und Drrlag: Drühl'sche UnivrrsitätS-Duch. und St«inbruck«rei,R. Lang«, Giebea.
Verantwortlich: Or. Hans Thyriot. —
„Die Gerichte fragen nicht lange.
„Das darf nicht fein, sag' ich. Alles andre. Nein, Hrabscheck, das darfst du mir nicht antun, da nehm' ich mir das Leben und geh in die Oder, gleich auf der Stelle. Was Jammer und Elend ist, daß weih ich, das hab' ich erfahren. Aber gerade deshalb, gerade deshalb. Ich bin jetzt aus dem Jammer heraus, Gott fei Dank, und ich will nicht wieder Hin-
Oder is es 'ne Erbschaft?"
„Is so was. Aber nicht der Rede wert.'
ein. Du sagst, sie lachen über uns, nein, sie lachen nicht: aber wenn uns M>i passte,te, dann würden sie lachen. Und daß daua „Kätzch.^' ch,en Spatz haben und sich über uns lustig machen sollte, ober gar du gute Mietzel, die noch immer in ihrem schwarzen Kopftuch steckt und icht mal weih, wie man einen Hut ober eine Haube manierlich aufjetzt, bas trüg' ich nicht, da macht' ich gleich tot umsallen. Nein, nein, Hrabscheck, wie ich dir schon neulich sagte, nur nicht arm. Armut ist bas Schlimmste, schlimmer als Tob, schlimmer als ..."
Er nickte. „So denk' ich auch, Ursel. Nur nicht arm. Aber komm' tn den Garten! Die Wände hier haben Ohren."
Und so gingen sie hinaus. Draußen aber nahm sie seinen Arm, hing sich, wie zärtlich, an ihn und plauderte, während sie den Mittelsteig des Gartens aus und ab schritten. Er seinerseits schwieg und überlegte, bis er mit einem Male stehen blieb und, das Wort nehmend, auf die wieder zugeschüttete Stelle neben dem Birnbaum wies. Und nun wurden Ursels Augen immer größer, als er rasch und lebhaft alles, was geschehen müsse, herzuzählen und auseinanderzusetzen begann.
„Es geht nicht. Schlag' es dir aus dem Sinn.
Es ist nichts so fein gesponnen ..."
Er aber ließ nicht ab, und endlich sah man, daß er ihren Widerstand besiegt hatte. Sie nickte, schwieg, und beide gingen auf das Haus zu.
IV.
Der Oktober ging auf die Neige, trotzdem aber waren noch schöne warme Tags, so daß man sich im Freien aushalten und die Hrad- schccksche Kegelbahn benutzen konnte. Diese war in der ganzen Gegend berühmt, weil sie nicht nur ein gutes wagerechtes Laufbrett, sondern auch ein beguemes Kegelhäuschen und in diesem zwei von aller Welt bewunderte buntglasige Guckfenster hatte. Das gelbe sah aus den Garten hinaus, das blaue dagegen auf die Dorfstraße samt dem dahinter ich hinziehenden Oberdamm, über den hinweg dann und wann der Fluß selbst aufblitzte. Drüben am andern Ufer aber gewahrte man einen langen Schattenstrich: die neumärkische Heide.
Es war halb uier, und die Kugeln rollten schon seit einer Stunde. Der zugleich Kellnerbienste verrichtenbe Ladenjunge lief hm und her, mal Kaffee, mal einen Kognak bringend, am öftersten aber neugcsto sie Tonpfeifen, aus denen die Bauern rauchten und die Wölkchen m Cie klare Herbstlust hineinbliesen. Es waren ihrer fünf, zwei aus dem benachbarten Kienitz herübergekommen, der Rest echte Tschechmer: Del« Müller, Ouaas, Bauer, Mietzel und Bauer Kunicke. Hrabscheck, der, von Berufs wegen, mit dem Schreib- und Rechsnwesen am besten Be- scheid wußte, saß vor einer großen schwarzen Tafel, die die oorm eines Notenpultes hatte. „
„Kunicke steht wieder am besten." „Natürlich, gegen den kann keiner. „Dreimal acht um den König." Und nun begann em sich Ueberbicten in Kegelwitzen. „Er kann hexen", hieß es. „Er hockt m l oer Jeschke zusammen." „Er spielt mit falschen Karten." „Wer so viel Gluck hat, muß Strafe zahlen." Der, der bas von den „falschen Karten gesagt hatte, war Bauer Mietzel, des Oelmüllers Nachbar, ein kleines aus- getrocknetes Männchen, bas mehr einem Leinweber als einem Bauern glich. War aber doch ein richtiger Bauer, in dessen Familie nur von alter Zeit her der Schwind war.
„Wer schiebt?"
„Hrabscheck." _ .
Dieser kletterte jetzt von seinem Schreiberfltz und wartete gerade aus seine die Lattenrinne langsam herunterkommende Lieblingskug ' als der Landpostbote durch ein auf die Straße führendes Türchen eintrat und einen großen Brief an ihn abgab; Hradfcheck nahm den Brief in d'e Linke, packte die Kugel mit der Rechten und setzte sie kräftig auf, zugleich mit Spannung dem Lauf derselben folgend.
„Sechs!" schrie der Kegeljunge, verbesserte sich aber sofort, als nach einigem Wackeln und Besinnen noch ein siebenter Kegel umfiel.
„Sieben also!" triumphierte Hrabscheck, der sich bei dem Wurf augenscheinlich was gedacht hatte. „ ,. ,,, , ...
„Sieben gehl", fuhr er fort. „Sieben ist gut. Kunicke, schiebe für mich und schreib' an. Will nur bas Porto zahlen."
Und damit nahm er den Briefträger unierm Arm und ging nut ihm von der Gartenseite her ins Haus.
Das Kegeln setzte sich mittlerweile fort, wer aber Spie! und Gäste vergessen zu haben schien, war Hradfcheck. Kunicke hatte schon zum dritten Male statt seiner geschoben, und so wurde man endlich ungeduldig und riß heftig an einem Klingeldraht, der nach dem Laden hinein- führte.
Der Junge tarn auch. ,
„Hrabscheck soll wieder antreten, Ede. Wir warten ja. Mach flink!
Und sieh, gleich darnach erschien auch der Gerufene, hochrot und aufgeregt aber, allem Anscheine nach, mehr in heiterer als verbießlichek Erregung. Er entschulbigte sich kurz, daß er habe warten lasten, und nahm bann ohne weiteres eine Kugel, um zu schieben.
„Aber du bist ja gar nicht dran!" schrie Kunicke. „Himmelwetter, raes ist denn los? Und wie der Kerl aussieht! Entweder is 'hm eine Schwiegermutter gestorben ober er hat das große Los gewonnen.
Hrabscheck lachte. _ , _
„Nu, so rede doch! Oder sollst du nach Berlin kommen und ein paar neue Rapspressen einrichten? Hast ja neulich unserm Ouaas erst vor- gerechnet, baß er nichts von der Oelpresie verstünde."
.Hab' ich, und ist auch so. Nichts für ungut, ihr Herren, aber Der Dauer klebt immer am alten.“
„Und die Gastwirte sind immer fürs Neue. Bloß, daß nicht viel Datei heraus kommt."
„Wer weiß!" , . .
„Wer weiß? Höre, Hradscheck, ich fange wirklich an zu glauben -«
willst, so sprich nich' so H st du Sorgen, so will ich sie m,»ragen, aber du darfst mich nichi nijüi verantwortlich machen, daß sie da sind. Was ich dir hunbeitmal gesagt habe, das muß ich dir wieder sagen Du bist kein guter Kaufmann, uenn du hast das Kaufmännische nicht gelernt, und du bist kein guter Wirt, denn du spielst schlecht ober doch nicht mit Glück und trinkst nebenher beinen eigenen Wein aus. Und was da nach drüben geht, nach Neu-Lewin hin, ober wenigstens gegangen ist (und dabei wies sie mit der Hand nach dem Nachbardorfe), davon will ,ch nicht reden, schon gar nicht, schon lange nicht. Aber bas bars ich dir fagen, Hrabscheck, so steht es mit bir. Unb anstatt bich zu beinern Unrecht zu bekennen, sprichst-du von meinen Kindereien und von dem hochwurbigen Bischof, dem^bu nicht wert bist, die Schuhriemen zu lösen. Und wirfst mir dabei meine Bildung vor."
Nein Ursel."
"Oder' daß ich's ein bißchen hübsch ober, wie du sagst, vornehm haben möchte.
'Mf'o^doch. Nun ober sage mir, was hab' ich getan? Ich habe mich in den ersten Jahren eingeschräntt unb in bei Küche gestanden und gebacken unb gebraten, und bes Nachts an der Wiege gesessen. Ich bin nicht aus dem Haus gekommen, so daß die Leute darüber geredet haben, die dumme Gans draußen in der Oelmühle natürlich an der Spitze (du hast es mir selbst erzählt), und habe jeden Abend vor einem leeren Kleiber- schrank gestanden unb die hölzernen Riegel gezahlt. Und so sieben Jahre, bis die Kinder starben, und erst als sie tot waren und ich nichts hatte, daran ich mein Herz hängen kannte, da hab' ich gedacht, nun gut, nun will ich es wenigstens hübsch haben und eine Kaufmannsfrau sein, jo wie man sich in meiner Gegend eine Kausrnannsfrau vorstellt. Und als bann der Konkurs auf Schloß Hoppenrade kam, da hab' ich dich gebeten, dies bißchen hier anzujch.iffen, und das haft du getan unb ich habe mich dafür bedankt. Und war auch bloß in der Ordnung. Denn Dank muß fein unb ein gebilbeter Mensch weiß es und wirb ihm nicht schwer. Aber all bas, worüber jetzt so viel geredet wird, als ob es wunder was wäre, ja was ist es denn groß? Eigentlich ist es doch nur altmodisch, unb die Seide reißt schon, trotzdem ich sie hüte wie meinen Augapfel. Unb wegen dieser paar Sachen stöhnst du unb hörst nicht auf zu klagen unb verspottest mich wegen meiner Bilbung unb Feinheit, wie du zu jagen beliebst. Freilich bin ich feiner als die Leute hier, in meiner Gegend ist man feiner. WM du mir einen Dorwurf daraus machen, daß ich nicht wie die Pute, die uuaas bin, die „mir" und „mich verwechselt und eigentlich noch in den Fnesrock gehört und 8ied!chasthaden für -oil- buna hält und sich „Kätzchen" nennen läßt, obschon sie bloß eine Katze ist und eine falsche dazu? Ja, mein lieber Hrabscheck, wenn bu mir daraus einen Vorwurf machen willst, bann hättest bu mich nicht nehmen sollen, das wäre bann bas Klügste gewesen. Besinne dich. 3d) bm Dir nicht nachgelaufen, im Gegenteil, bu wolltest mich partout unb hast mich beschworen um mein „ja' Das kannst bu nicht bestreiten Stein, bas kannst bu nicht, Hrabscheck. Und nun dies ewige „vornehm unb wieder „vornehm". Und warum? Bloß weil ich einen Trumeau wollte, ben man wollen muß, wenn man ein bißchen auf sich hält. Unb für einen Spott» Pre‘d‘u fagf^Spottpreis, Ursel. Ja, was ist Spottpreis? Auch Spottpreise können zu hoch sein Ich hatte bamals nichts unb hab es von geborgtem Gelbe kaufen müssen."
Das hättest bu nicht tun sollen, Abel, bas hättest du mir sagen müssen. Aber da genierte sich der werte Herr Gemahl unb mußte sich auch genieren. Denn warum war kein Geld da? Wegen der Person drüben. Alte Siebe rostet nicht. Versteht sich."
„Ach Ursel, was soll bas! Es nutzt uns nichts, uns unsere Vergangenheit" vorzuwerfen." , m
„Was meinst du damit? Was hecht Vergangenheit?
„Wie kannst bu nur fragen? Aber ich weiß schon, bas ist bas alte Sieb, bas ist Weiberart. Ihr streitet eurem eigenen Siebhaber die Liebschaft ab. Ursel, ich hätte dich für klüger gehalten. So sei doch nicht so kurz von Gedächtnis. Wie lag es denn? Wie sand ich dich damals, als du wieder nach Hause kamst, krank unb elenb und mit dem Stecken in Der Hand, und als der Alte dich nicht aufnehmen wollte mit beinern Kind und bu bann zufrieden warst mit einer Schütte Stroh unterm Doch? Ursel, da hab' ich dich gesehen, unb weil ich Mitleid mit dir hatte, nein, erzürne dich nicht wieder ... weil ich dich liebte, weil ich vernarrt in dich mar, da hab' ich dich bei der Hand genommen, unb wir sind hierher gegangen, unb der Alte drüben, dem du bas Kapsel da nahst, hat uns zufammengetan. Es tut mir nicht leib, Ursel, denn du weißt, daß ich in meiner Neigung unb Liebe zu dir der alte bin, aber bu darfst dich auch nicht aufs hohe Pferd setzen, wenn ich vor Sorgen nicht aus noch ein weiß, unb darfst mir nicht Vorwürfe machen wegen der Rese drüben in Neu-Lewin. Was da hinging, glaube mir, bas mar nicht viel und eigentlich nicht der Rede wert. Und nun ist sie lange tot unb unter Der Erde Nein, Ursel, Daher stammt es nicht, unb ich schwöre bir s, bas alles hält' ich gekonnt, aber Der verdammte Hochmut, daß es mit uns was sein sollte, bas hat es gemacht, bas ist es. Du wolltest hoch hinaus unb was Apartes haben, damit sie sich wundern sollten. Und was haben wir nun davon? Da stehen die Sachen, und das Bauernvolk lacht uns aus."
„Sie beneiden uns."
„Nun gut, vielleicht ober wenigstens, so lange es vorhalt. Aber wenn Das alles eines schönen Tages fort ist?"
„Das darf nicht fein."


