Unterm Birnbaum.

Von Theodor Fontane.

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III.

Als Hradscheck bis an den Schwellsteln gekommen war, nahm er da» Grabscheit von der Schulter, lehnte die Krücke gegen das am Hause sich hinziehende Weinspalier und wusch sich die Hände, sauberer Mann der er war, in einem Kübel, drin die Dachtraufe mündete. Danach trat er in den Flur und ging aus sein Wohnzimmer zu.

Hier traf er Ursel. Diese sah vor einem Nähtisch am Fenster und war, trotz der frühen Stunde, schon wieder in Toilette, so noch sorglicher und geputzter als an dem Tage, wo sie die Kränze für die Kinder ge­flochten hatte. Das hochanschliehende Kleid, das sie trug, war auch heute schlicht und dunkelfarbig (sie wußte, daß Schwarz sie klei­dete), der blanke Ledergürtel aber wurde durch eine Bronzeschnalle von auffälliger Gröhe zusammengehalten, während in ihren Ohrringen lange birnenförmige Bummeln von venetianischer Perlenmasse hingen. Sie wirkten anspruchsvoll und ftörten mehr, als sie schmückten. Aber für der­gleichen gebrach es ihr an Wahrnehmung, wie denn auch der mit Schild­patt ausgelegte Nähtisch, trotz all seiner Eleganz, zu den beiden hellblauen Atlassofas nicht recht passen wollte. Noch weniger zu dem weihen Tru- meau. Links neben ihr, auf dem Fensterbrett, stand ein Arbeitskästchen, darin sie, gerade als Hradscheck eintrat, nach einem Faden suchte. Sie lieh sich dabei nicht stören und sah erst auf, als der Eintretende, halb scherzhaft, aber doch mit einem Anfluge von Tadel sagte:Nun, Ursel, schon in Staat? Und nichts zu tun mehr in der Küche?"

Weil es fertig werden muß."

Was?"

,,Das hier." Und dabei hielt sie Hradscheck ein Samtkäpssl hin, an dem sie gerade nähte. Wenig mit Liebe."

Für m'ch?"

Nein. Dazu bist du nicht fromm und, was du lieber Horen wirst, auch nicht alt genug."

Also für den Pastor?"

Geraten."

Für den Pastor. Nun gut. Kleine Geschenke erhalten die Freund­schaft, und die Freundschaft mit einem Pastor kann man doppelt brau« chcn. Es gibt einem solch Ansehen. Und ich habe mir auch vorgenommen, ihn wieder öfter zu besuchen und mit Ede Sonntags umschichtig in die Kirche zu gehen."

Das tu nur; er hat sich schon gewundert."

Und hat auch recht. Denn ich bin ihm eigentlich verschuldet. Und ist noch dazu der einzige, dem ich gern verschuldet bin. Ja, du siehst mich an, Ursel. Aber es ist so. Hat er dich nicht aus den rechten Weg gebracht? Sage selbst. Wenn Eecelius nicht war, so stecktest du noch in dem alten Unsinn."

Sprich nicht so. Was weiht du davon? Ihr habt }a gar keine Religion. Und Eecelius eigentlich auch nicht. Aber er ist ein guter Mann, eine Seele von Mann, und meint es gut mit mir und aller Welt. Und hat mir zum Herzen gesprochen."

Ja, das versteht er; das hat er in der Loge gelernt. Er rührt einen zu Tränen. Und nun gar erst die Weiber."

Und bann halt' ich zu ihm," fuhr Urfel fori, ohne der Unterbrechung zu achten,weis er ein gebildeter Mann ist. Ein guter Mann, und ein gebildeter Mann. Und ofsengestanden, daran bin ich gewöhnt."

Hradscheck lachte.Gebildet, Ursel, das ist dein drittes Wort. Ich weih schon. Und dann kommt der Göttinger Student, der dir einen Ring ge­schenkt hat, als du vierzehn Jahr alt warst (er wird wohl nicht echt ge­wesen sein), und bann kommt vieles nicht ober boch manches nicht ... verfärbe dich nur nicht gleich wieder . . und zuletzt kommt der Hildes­heimer Bischof. Das ist dein höchster Trumpf, und was Vornehmeres gibt es in der ganzen Welt nicht. Ich weih es seit lange Vornehm, vor­nehm. Ach, ich rede nicht gern davon, ober deine Vernehmheit ist mir teuer zu stehen gekommen."

Ursel legte das Samtkäpsel aus der Hand, steckte die Nadel hinein und sagte, 'während sie sich mit halber Wendung von ihm ab und dem Fenster zukehrte:Höre. Hradscheck. wenn du gute T-rqe w» »>lr hoben

Jahrhundert rund 80000 deutsche Bauern entschlossen, auf dem Land­wege in das Innere Rußlands auszuwandern, so ist das ein tressendes Gegenstück zu den mittelalterlichen Kolonisationsoersuchen in Preußen und in Livland. Während die Kolonisation Preußens gelang, weil der einwandernde Bauer mit allem Hab und Gut zu Lande hinkommen konnte, mußte die Kolonisation Livlands daran scheitern, baß die Reise durch das von den kriegerischen Litauern bewohnte Samogitien allzu gefährlich war, der Seeweg aber von den Bauern als zu beschwerlich abgelehnt wurde. Aber auch noch im 18. Jahrhundert war eine Reise durch Litauen, schon wegen der schlechten Wege, fast unmöglich.

Die rechtliche Grundlage für die deutsche Kolonie Hirschenhof verlieh der Kontrakt vom 21. November 1767, abgeschlossen mit der russischen Kaiserin. Er gibt den, im Gegensatz zu den umwohnenden Letten,frei­geborenen" Kolonisten die Ländereien der Kronsgüter Hirschenhof und Helfreichshof zumewigen eigentümlichen Besitze". Jede Familie erhält - dreißig Hektar Land. Die Kolonie genießt freie Selbstverwaltung, doch steht ihr bis zum Jahre 1830 ein Kolonieaufseher zur Seite. Obgleich Erbfolge des ältesten Sohnes festgesetzt ist, ist das zugeteilte Land nicht persönliches Eigentum der Familie, sondern Gemeindeeigentum der Kolonie. Schon in einem Verzeichnis des Jahres 1782 finden sich vier, ihrerschlechten und lüderreichen Wirtschaft wegen abgesetzte Wirte".

Mit voller Aufmerksamkeit haben die Kolonisten auf die Einhaltung der ihnen verbrieften Rechte geachtet, bis dann das Jahrzehnt vor Aus­bruch des Weltkrieges als Auswirkung der damaligen Rujfifizierungs- beftrebungen die Abschaffung der alten selbständigen Schulzenverfassung brachte. Ader nicht nur diesen Schlag haben die Hirschenhöfer über­standen: durch Krieg, Verbannung und Entbehrungen der Nachkriegszeit haben sie sich durchgekämpft, und die 108 Erbwirts- und 84 Handwerks- . plätze der Kolonie find heute alle wieder besetzt. Die Seelenzahl beträgt annähernd 2000, während weitere 8000 Hirschenhöfer größtenteils in Riga wohnen.

Bereits im Jahre 1808 wurde die erste Schule eingerichtet. Heute dienen der geistigen Erziehung der Kolonisten das im Zentrum gelegene Pastorat, sowie vier über das Gebiet verstreut liegende Schulen, deren größte ein Internat besitzt. Die Erziehung im Internat ist besonders wichtig, da die Kinder bei den Entfernungen zwischen den einzelnen Häusern sonst nur auf die Geschwister angewiesen sind..

Auch wirtschaftlich geht es wieder vorwärts. Zwar haben die beiden letzten Mißernten viele so getroffen, daß sie Brot kaufen und sich, mit Holzfuhren zur Düna helfen müssen, wohl aber wachsen allenthalben neben den Holzhäusern steinerne Ställe empor, und wer einmal auf einem Kolonistenschlitten in einer klaren Winternacht mit hellem Schlitten­klang über bas schöne weiße Land dahingeflogen ist, wird es bestätigen, daß der Kolonist Grund dazu hat, auf seine Pferde stolz zu {ein.

Der alte Kolonialstolz ist ihnen deshalb auch geblieben und er hält Iie auch noch heute von fremden Einflüssen rein. Sie nennen sich dieKo- oniften". , Bauern" sind die Letten; untereinander gebraucht, gilt dieses Wort als Schimpfwort. Als der Pastor kürzlich einen Kolonisten fragte, wieviel Insassen das Armenhaus habe, antwortete er:Fünf Herren und vier Damen."

Beziehungen zu Deutschland haben nur noch einige, wenngleich viele den Wunsch hoben, die alte Heimat einmal zu sehen. In einemJasch" ge­nannten Komplex wird heute noch die pfälzisch« Mundart gesprochen. Ihre Trgditioiwliebe geht so weit, daß ein Kolonist aus derJasch", wegen feines Dialekts gehänselt, zornig erklärte, er werde von seiner Muttersprache" nicht lassen. Daneben freilich weist der Hirschenhöfer Dialekt stark einheitliche Züge auf. Umlaute sind unbekannt. Haben aber die Schulkinder einmal erfaßt, daß es solches gibt, so zählen sie nur noch: euns, zweu, breu, vür", ober sprechen von einerflennen Eukatze" statt von einer kleinen Eichkatze. Auch sonst hat ihre Ausdrucksweise viel Eigen­tümliches an sich:Der Filler siehlt sich uf'n Wasem", bedeutet: Das Füllen roälri sich auf dem Rasen,bas Fasel hammelt", merkwürdiger­weise: die Kuh kolbt. Foppen heißt hierauf den Schwung nehmen", ermüdenmiet bleiben" ober garvermieten",auf Guck" auf Wieder­sehen. Sind Gäste im Hous, so werben ihnen Stühle und Schemel mit der Auffächerung:Seib besetzen" förmlich nachgetragen. Buchstaben, auch ganze Silben werden ausgelotzen ober zufammengezoaen. So: Au'en für Annen, Schwi-'ermutter, Toffeln für Kartoffeln.Mainz olle z'samm" heißt: Guten Morgen, alle zusammenI Spaßig sind auch die zahlreichen Flüche wieKreuzkrümmel" oberFasnacht verfiommtge" Die gebrauchten Fremdwörter sind häufig nicht wiederzuerkennen.Soschee" ist gleich Cbaussee",Fidament" oleich ..Fundament". Die Rebe des Gemeinde- ältesten bei der Zehn-Jahrfeier Lettlands im Oktober vorigen Jahres be­gann mit dem bentrofi*-higen Satz:Vor zehn Jahren war hierzulande ein furchtbarer Koas (Chaos)".

Nicht unerwähnt soll bleiben, daß sogar eine literarische Produktion in bescheidenem Ausmaße vorhanden ist. 1927 erschien:Der alberne Hans als Freier, Deutsche Volksschnurren im Hirschenhöfer Dialekt". Die ölte Dichterin, Elfriede Lutz, wohnt blind und lahm in ihrem Kolonisten­haus. Ungedruckt blieb ihr LustspielDer Heiroter". Auch sonst ist viel eigentümliche Literatur der tanz- und fangesirohen Kolonisten von eff'sgen Sammlern aufgezeichnet; sogar Zaubersprüche sind darunter. Wenn stmond stirbt, kommen die Bekannten bis zur Bestattung {eben Abend im Trouerhouse zur Nachtwach' zusammen. Bei dieser Gelegenheit werden dann alte Schäferspiele aufaeführt. die von immerwährendem, mit der sonstigen Einstellung der Kolonisten stark kontrastierenden,Kitzen" (Küssen) begleitet sind. So steigt die Stimmung häufig auf bas Höchste. Um zwölf Uhr aber ist Schluß. An der Totenbahre wird bann ein geist­liches Lied gesungen, das Vaterunser gebetet, und man acht Innnfam miteinander. Wenn es besonders schön war, bleiben bann Kinder mit der Entschuldigung a»s der Schule weg:Wir waren zu einer befreinbeten Leiche gelodert. Die Leiche ober Hot sich in die Länge gezoaen."

Die Hirschenhöfer Kolonisten besitzen einen echt bäuerlichen Humor vnd eine Beobachtungsgabe, die sie Gehörtes und Gesehenes mit Hilfe emer reichen Phantasie stets treffend miebergeben läßt. Darin erinnern 1* genau so an die in Deutschlands Grenzen lebenden Bauern wie in

ihrem Aeuheren. Immer aufs neue überrascht, konnte sch die verschie» bcnsten deutschen Bauerntypen wiedererkennen.

Die Hoffnung, daß es mit Hirjchenhof weiterhin aufwärts geht, scheint heute um so mehr begründet, als seit 1923 hinter den Kolonisten helfend und beratend dieDeutsch-baltische Volksgemeinschaft Lettlands" steht. Sie sorgt für Kirche und Schule, hat eine Spar- und Darlehensgenossen- schask eingerichtet und vieles andere mehr.

Bis 1923 aber war kaum je ein Balte, viel weniger ein Reichs­deutscher, in Hirschenhof zu sehen. Der Gesinnungsumschwung der Deutsch­balten ist einmal dadurch begründet, daß infolge des Agrargefetzes und der damit verbunden gewesenen Landerteig! ung weniger als 3000 Balten auf dem flachen Lande übriggeblieben sind und der ganze Rest von 60 000 Balten heute in den Städten lebt, io daß der Landbesitz der Kolonisten für die Erhaltung des gesamten booenftänbigen Deutschtums von größter Bedeutung geworden Ist. Neben den 2000 Hirschenhöfer Kolonisten handelt es sich hier um die nach der russischen Revolution von .1905 06 aus Wolhynien ins Land gezogenen 8000 kurländischen Kolo­nisten, die in kultureller Hinsicht vorläufig noch bedeutend tiefer stehen. Andererseits hat die neue Stellungnahme ihre Ursache in der Erkenntnis, daß das Fehlen einer bodenständigen deutschen Bauernbevölkerung und des sich aus ihr entwickelnden deutschen Handwerkerstandes eine der Haupt- ursachen für all die schweren Schicksalsschläge gewesen ist, die bas Deutsch- baltentum seither betroffen haben. So gewinnt der deuifche Kolonist eine weit über fein bäuerliches Eigenleben hinausgehende Bedeutung: er ist zum Mitträger geworden an der großen Aufgabe, die 7v0jährige deutsche Kultur der Ostseelande zu erhalten.