als ihm, kaum liegt er längsseits, nachts um zwei ein Neger samt Korb und Kohlenschaufel aus den Kops fällt und wir beschleunigte Gute Nacht und Adieu sagen. Ich denke, der schwarze Unglückswurm wird auch in dem Lotsenboot weiter keine Karessen empfangen haben.
Wir aber steuern, nun Afrika endgültig von Bord ist, mit voller Kraft vorwärts, Tunis zu, hinfchiffond auf silberner Straße, durch die warme Mondnacht.
Ein Besuch der deutschen Kolonie Hirschenhof in Lwland.
Von Erich Schmidt, Gießen (zur Zeit Riga).
An einem nordisch kalten Januarmorgen besteigen wir im livländischen Bahnhof zu Riga den Dünaburger Zug. In rascher Fahrt eilt er der sowjetrussischen Grenze und damit dem Land entgegen, in dem heute zwei Millionen deutsche Bauern unter den schwierigsten Verhälinifsen zu leben haben. Unser Reiseziel, die Kolonie Hirschenhof, ist zur gleichen Zeit entstanden wie die Kolonien in der Ukraine, an der Wolga und im Kaukasus. Das Manifest der Kaiserin Katharina II. vom 22. Juli 1763, das unter günstigen Bedingungen die deutschen Bauern zur Einwanderung nach Rußland aufrief, damit sie das menschenleere und brachliegende Land kolonisieren sollten, hat auch die 86 pommerschen, pfälzischen und darmstädtischen Familien, aus denen Hirschenhof entstanden ist, ins Land gelockt. Weit abgesprengt von allen anderen wurden sie noch in den 60er Jahren des 18. Jahrhunderts im Baltenland geschlossen angesiedelt. Und als man sie nach Kriegsende wieder entdeckte, stellte es sich heraus, daß sie trotz ihrer kleinen Zahl (2000 Seelen) sich nicht nur von ihrer lettischen Umgebung rein erhalten hatten, sondern sogar noch ihren überlieferten nord- oder süddeutschen Dialekt untereinander sprachen.
Noch während der Bahnfahrt erhebt sich die winterlich schöne Sonne über dem Land und läßt die weiße Schneefläche wie die Eisblumen der Wagenfenster in allen Regenbogenfarben glitzern. In Kokenhufen angelangt, wenden wir uns der Besichtigung des Ortes zu, bevor wir den Zwanzig-Kilometermarsch nach Hirschenhof antreten. Die Eindrücke, die diese landschaftlich reizvolle Ecke zwischen der Düna und der in sie mündenden Perse, sowie die dort stehenden Bauwerke aus den Besucher hinterlassen, sind vor allem deshalb so stark, weil er hier ein gutes Stück baltischer Geschichte auf engem Raum vor Augen sieht. Kokenhusen war einer der Brennpunkte der Dünafront. Aus dem rechten Ufer Ingen die Russen, drüben im Südwesten die Deutschen. So kommen die ersten und erschütterndsten Eindrücke von den Spuren des Weltkriegs. Vom ersten Gebäudekomplex, den wir durchschreiten, dem Gut Kokenhusen sind einige Ställe und Riegen bis auf die Grundmauern zusammengeschossen oder abgebrannt. Erschütternd ist der Anblick des Baron Löwensteinschen Schlosies. Die nach der Düna gekehrte Seite ist von unzähligen Einschlägen durchlöchert oder ganz eingestürzt. Das Ganze macht den Ein- dmck, als ob die Beschießung erst gestern stattgefunden hätte. Durch den tiefverschneiten Schloßpark steigen wir zum Persetal hinab. Zum Perse- fall wie auf den steilen Fels, der das genau in der Ecke zwischen den beiden Flüssen erbaute und von Peter dem Großen zerstörte Ordensschloß trägt, können wir wegen des fast kniehohen Schnees nicht durchdringen. Wir gehen also am Userrand um das Schloß herum; an manchen Stellen fällt der Fels fast senkrecht ab. Die Persemündung ist das Ziel zahlreicher, zum Teil von weither kommender und zum Weitertransport auf der Düna bestimmter Holzfuhren. Wie wir später hörten, beteiligen sich auch die Hirschenhöser Kolonisten daran. Dort deuten noch fetzt zahlreiche Stacheldrahtverhaue auf die Stärke der russischen Dünastellung hin. Auch in dem kleinen Waldstück, durch das uns der Weg an der farbenfreudigen russischen und der schönen protestantischen Kirch« vorbei zur Station zurückführt, ragen allenthalben Haufen zusammengetragenen Stachcldrahtes aus dem Schnee.
Um ein Uhr mittags machen wir uns auf den Weg nach Hirschenhof. Braun und weih liegt die Landschaft vor uns ausgebreitet. Man könnte meinen, die braunrot und weiße lettische Fabne hätte den beiden hervortre- iendsten Farben des winterlichen Landes ihre Entstehung zu verdanken. Es ist die Eigenart der baltischen Landschaft, daß Feld und Wald in bunter Reihenfolae miteinander wechseln. So gibt ein schwarz ober bläulich erscheinender Streifen Waldes zu der weißen hier und da von braunen Hol-Häusern unterbrochenen Schneefläche fast stets den Hintergrund ab. Wir hatten uns die Geaend viel weniger bewohnt gedacht. Zahlreiche, auf der deutschen Generalstabskarte des Weltkrieas noch nicht verzeichnete Gesinde, die durch die Landenteignung der Deutschen geschaffenen lettischen Jungwirtschaften, stehen am Wege. Lange Kolonnen mit Holz beladener Pferdeschlitten, begleitet von in Pelz- und Lederwerk gehüllten Bauern, traben immer wieder an uns vorbei. Zweimal nehmen uns lettische Bauern ein Stück Meaes mit. Um drei Uhr langen mir in Alt Bewershol an. Schloß und Rittergut gehörten früher Baron M-men- borf. besten Schwester die Mutter des sowjetrufsiscken Außenkommistars Tschitscherin ist. In der „Tesniea" nehmen wir ein Glas Tee zu uns und erkundigen uns nach dem weiteren Verkauf des Weges. Wir hatten erst acht Werst zurückaelegt, also ein Drittel der Strecke. Es war auch furchtbar schwer zu gehen: bei sebem Schritt rutschte man nach hinten aus. Nun ging es in östlicher Richtung weiter. Der Weg war stärker verweht als vorher, der Südostwind blies uns fetzt von vorne ins Gesicht und neuer Schneefall setzte langsam ein. Die Pferdeschlitten waren sek- fenar geworben. Einmal brehen wir uns um: weit hinter uns sagt ein Schlitten übers Land. Deutlich zeichnet er sich am Horizonte ab. Don einem Wen« aber ist nichts zu sehen. Ein Stimmungsbild aus einer russischen Landschaft!
Als uns wieder einmal eine Fuhre einholt, bitten wir auf lettisch, ein Stück Mitfahrer, zu dürfen. Wir besteigen den hinteren leeren Schlitten. In schneller Fahrt aeht es bergab, bann hält der Bauer an und sagt: „Auf aut deutsch gesagt, war das ein« schöne Schlittenvartie. Da Sie nach N-m-B"w--r--bof wa'lcn. müsten Sie geradeaus weiter. Ich biene hier links ob." Unge-msini Überrascht frage ich ihn, ob er Hirschenbeler Kolonist sei. Er bestätigt bas, unb wenn er es auch nicht getan hätte: im
Augenblick, als ich ihn ansah, wußte ich, baß das kein Lette sein könne. Das war ein deutsches Vauerngesicht, wie ich es von der Heimat her kannte. Wir sagen ihm, daß wir Deutsche seien, was er geahnt hatte, und zu der Grundschule 14 wollten. Nun ist das Staunen auf seiner Seite. „Wenn Sie den Weg gehen wollen, wie Sie ihn planen, kommen Sie, wenn Sie bis dahin nicht im Schnee steckengeblieben sind, morgen früh dort an. Steigen Sie auf meinen Schlitten und fahren Sie mit mir nach Hause. Dann wollen wir sehen, wie Sie weiter kommen." Unb schon reicht er uns seine Decke unb macht uns klar, daß die auf meiner Karte verzeichneten drei Kolonien lediglich aus ein paar Häusern bestehen und von unserem Reiseziel weit abliegen, lieber ein Gebiet von zwanzig Kilometer in der Länge und zehn Kilometer in der Breite dehnt sich die Kolonie aus. Jedes Kolonistenhaus liegt vom anderen weit entfernt, da cs auf eigenem Grund und Boden steht. Geschloffene Dörfer gibt es im Baltikum ja nicht. — Lange Zeit über die Gefahr nachzudenken, in der wir geschwebt hatten, hatten wir jetzt nicht. Wir gaben uns lieber unserer Freuds über den Glückszusall hin, den guten Nicklas gesunden zu haben. Aus Wegen, die auf keiner Karte verzeichnet sind, und nur im Winter von den Schlitten der einheimischen Bauern befahren werden, ging es nun in den ehemaligen Kronwald hinein. Wollte man Photographien zeigen von dem Aussehen des tief verschneiten Waldes (mit häufig urwaldähnlichem Charakter), so würden sie, wenn überhaupt, nur eine schwache Vorstellung geben können von der ganzen Pracht des Winters, die sich uns hier offenbarte. Jetzt geht es im Galopp, fo daß ich bei einer scharfen Wendung einmal ein paar Meter mit dem Oberkörper im Schnee geschleift werde, dann wieder läßt unser Freund das erste Pferd allein laufen und geht hinter unjerm Schlitten her, um sich mit uns zu unterhalten. Einmal steigen wir aus, um ein botanisches Wunder zu besehen: zwei Espen, die in acht Meter Höhe zu einem Stamm zusammengewachsen sind und eine gemeinsame Krone haben. Als wir (ein an einen Geschicbe- hügel anlehnendes Haus erreichen, tritt uns seine hübsche Frau entgegen; unb sie lädt uns ein, hereinzukommen.
Es ist ein eigenartiaes Gefühl, wenn man zum erstenmal ein Kolonistenhaus betritt. Im'Halbdunkel der Petroleumbeleuchtung erkenne ich ein halbes Dutzend Kinder. Der älteste Junge steht vor einer Kommode unb lernt laut aus einem Schulbuch. Auf der Kommode steht eine Vase mit künstlichen Blumen und ein Handspiegel. Ueber dem mit einer Decke bekleideten Tisch hängt eine altertümliche pompöse Lampe. Bon den Stühlen weisen nur zwei ein ganzes „Gesäß" (wie die Kolonisten sagen) auf. Deshalb und weil wir durchgefroren sind, nehmen wir auf der Ofenbank Platz. An der vor ihr stehenden Haspel ist die älteste Tochter beschäftigt. Die Alten erzählen uns, daß ihr Haus schon über hundert Jahre steht. "An der Wand hänaen eingerahmt die Bilder des gepenuxirügen „Wirtes" auf dem 47 Hektar großen Besitz, seines Hafers, Großvmers unb Urgroßvaters. Unb der war der Sohn des 1769 mit feiner Familie aus Pommern eingewanderten Jakob Niclas.
Das Anerbieten, die Nacht dazubleiben, lehnen wir freundlich ab, da mir feit Mittag von den beiden Lehrerinnen der Schule 14 erwarte! werden. ~ t , ...
Voll von Romantik war auch der dritte Teil des Weges. Schon gleich das erste Bild. Hintereinander steigen wir den kleinen Abhang zur Stalliina hinab, zuvorderst die Tockter unseres Freundes mit der Laterne in der Hand. Das dritte Pferd wird jetzt herausgeholt und vor den Personenschlitten gespannt. Unser Freund will uns noch auf den richtigen Weg brinacn. Ein letzter Gruß, und schon trabt das Pferd in die Winternacht hinein. — Wir merken es sogleick, daß «s hier keinen Weg gibt. Bald links, bald rechts, bergauf unb bergab, mit einer unerklärlichen Drientierungsqabe geht es vorwärts. Zuweilen reicht der Schnee dem Pferde bis zum Bauch. Unfefe Sehnsucht, bald auf den „richtigen Weg zu kommen, ift nicht eben groß. Ein einsames Häuschen lassen wir lmks liegen, und fahren aleich darauf durch eine Pforte aus Tannengnm. Wir erfahren daß dort ein Bufchwächter gewohnt hat, der vor drei Atonalen vom Wirte eines nahen Kruges erschossen worden ist und daß ihm zu Ehren die Pforte errichtet wurde. Wirt und Bufchwächter waren Letten. — Bald danach weist unser Freund zur Rechten: „H'er kommt der Weg, der vom Zentrum nach der Grundschule 14 führt. Wenn Sie mich vurt gefunden hätten, unb tatsächlich noch im Laufe der Nacht bis in diest G»oenb gekommen wären, hätte sich Ihnen kein Ha'-s mehr geöffnet und Schlitten fahren um diese Zeit hier selten." Da der Mond noch nickt auj- gegaraen war, war es ziemlich dunkel. Eine Grenze zwiscken Himmel und Erde war nicht zu finden. Gleich grau gefärbt, verflossen beide in eins. Auf eine Weokreuzung wies leNalieh der Wegweiser bin. Vom Weg war nur zuweilen eine unverw-hte Schlittenspur zu sehen. Uns oraute vor dem Gedanken, was uns hätte bevorstehen können. Ohne ein IW ort zu verlieren, fuhr uns unser Freund in anbetracht der Schnee- verhältnttke weiter, bi« wir in der Ferne da« Lickt des Sckulhoiises sahen. Mir klingen noch seine Worte im Ohr: „Sie haben gar nichts zu bannen." Dann war er samt seinem Schlitten auch sckon unseren Bücken entschwunden. Ein khter kurzer Weg durch den saft kniehohen Sckree und die behaglichen Räume der beiden Lehrerinnen, die uns seit drei Vnr nachmittags erwartet hatten, nehmen uns auf — nachdem wir fast zehn Stunden lang in Wind und Schnee und fünfzehn Grad Kälte gewefen waren.
Um neun Uhr treffen noch zwei Profesioren aus Riaa ein. die uvn Sonntag in der Umaebung Schneeschuh laufen wollen. Trotz allgemeiner Ermüdung ift die Stimmung so out, daß wir uns alle zusammen vor Mitternacht in dem nahen, non San en und Svukaesckichfen umwobenen Wald begeben, um bei dem Anblick der mit schwerem Schnee beladenen und nun vom Mondlicht überooflenen oroßen und kleinen Tannen zum letztenmal an diesem Tag« in Naturschwärmerei aufzugehen.
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Aus der 160jährigen Geschichte Hirschenhofs fei kurz das erwähnt. Ein genaues Verzeichnis, das sog. Schiffsbuch, gibt die Namen der in den Jahren 1765 bis 1767 eingewanderten 86 Familien bekanm. Wenn es den kaiserlich-russischen Agenten gelang, ganze 321 Seelen nacy Livland zu bringen, während sich andererseits In dem folgenden hawe»


