Ausgabe 
4.3.1929
 
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Mo »tag, den 4. März

Nummer l8

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sitzen und daß es <

daß man in Afrika ist, wo von Rechts wegen die Löwen in kochenden Wüsten schmachten und die Palmenbäume aus brennenden Felsenwanden trauern sollten, so findet man's weiter nicht warm und macht seinen

Afrika bei Nacht.

Von Sofie 0. Uhde.

Dran. In Glanz und Glut des Sonnenunterganges steht über steil abstürzender Felsentüste die erste Palme Afrikas.

Am liebsten würde ich die wenigen Stunden, die wir hier zum Kohlen liegen, an die Reling gelehnt verbringen und mir angesichts dieser frei und königlich gefiederten Palmensilhouette einen Extrakt von Afrika träumen mit Oasen und Kamelen und Wüsteneinsamkeit und allem, was ^Vermeine Pflicht als Berichterstatter ich muß doch Oran einen Besuch machen, wenn ich darüber schreiben will!

Also klettere ich zur Erheiterung des umliegenden Hafens die furcht­bar schwankende Strickleiter an der Bordwand hinab und hinein ins Boot. Schon erlischt die strahlend weiße Stadt oben aus den Hangen in

Der Oelbaum.

Von Fritz Usinger.

O Glück, zu ruhen unter deinen Zweigenl Aus kühlem Silber schmiedest du sie fein Und läßt den Sommerhimmel noch darein. Den wolkenlosen, meerblau schweigen

O Baum des zarten Oeles, Baum der Ruh! Der Tag ist hell. Der Tag ist still und heiter. Der Esel Schrei macht nur die Stille weiter. Eidechsenauge sieht mir achtsam zu.

Wenn du dich rührst, von keinem Wind behaucht. So atmet wohl in dir noch die Dryade.

Dann weiß ich auch, daß Artemis dem Bade

Ganz nah, vor Augenblicken erst, enttaucht, Heimwärts zu ziehen mit des Tages Beute. Verklingt nicht fern das Kläffen ihrer Meute?

In den hohen, schmalen Gassen, in denen wir zur Höhe klettern, drängen sich die kleinen Cafes, Bars und Kneipen des Hafenviertels alle offen bis zum ersten Stock hinaufund wimmelnd von Leben. Das Blut aller Rationen fließt in diesen Mischlingen, di« hier unter unge- heurer Lärmentfaltung ihren Soda trinken. Zuweilen zeigt em festver­schlossenes Araberhaus die unerbittlichen Gitter der Frauengemacher.

Aus der schönen Place d'Armes steige ich aus und stürze Mich todes­mutig in den Hexenkessel: denn es ist die Zeit Mischen sechs und acht, wo alles, aber auch alles auf den Beinen ist. Man schiebt sich in dicht gedrängter Menge Schulter an Schulter vorwärts, und da ich aus einem geordneten Staatswesen komme, halte ich mit Inbrunst meine Hand­tasche fest Kaum habe ich Zeit, die wundervollen Gummibaume und Phönixpalmen zu bewundern, die Menge schiebt in die breiten Boule- vards, und ich schiebe mit. .

Man wird ganz wirr im Kopse. Roch hat man das Schwanken der langen Sturmsahrt im Blute, noch hat man sich nicht ganz aus der tiefen Einsamkeit der Wasser gelöst und nun dies tobende bunte Leben rings umher! _

Man such, Afrika. Französisches Militär kommt des Weges, das Liebchen am Arm, und dieses Liebchen trägt die sattsam bekannten sei­denen Strümpfe und das rudimentäre Röckchen die internationale weibliche Uniform.

Ein paar Autos hupen sich vorwärts, und es sind dieselben wiar- ken, denen man aus der ganzen Welt begegnet. (Rur die Löcher im Straßenpslaster sind noch bedeutend größer und tiefer als beispielsweise auf der Chaussee Berlin-Dresden.)

Elegante Flaneurs lassen ihre Blicke Jagd machen und unterscheiden sich durch nichts von ihren Artgenossen in Reuyork oder an der Spree. Und hier, in strahlend erhellter Auslage stehen die neuesten Parfüms von Paris.

Wo bleibt Afrika? _ ,

Doch da schieben sich Gestalten durch die Menge, eines Kopfes Lange höher als ihre Kolonisatoren, stolz und aufrecht von Gang Weiße Bur- imsse rauschen, und unter schön gestalteten Kopftüchern schweigen die

der raschen Nacht. , v ... __

Eine Straßenbahn führt mich hinauf, an der weiter nichts Abson- derliches ist. Rur d..ß rechts und links von mir Araber und Reger offene Wagen sind, die mich einen Augenblick ohne

winterliche Berlin denken lasten. Ueberlegk man aber,

bronzenen Angesichter. Zierlicher schreiten an ihrer Seite und selten nur die Frauen; Fesseln von hinreißender Zerbrechlichkeit schauen unter den bis auf den Boden reichenden Hüllen und weiten Pluderhosen hervor. Hinter den Schleiern brennen dunkle Augen

An Straßenhändlern ist kein Mangel Getrocknete Tintenfische wer­den angeboten. Aber ich muß nicht alles in meinen Wagen bekommen. Auch zu den seltsamen, verzuckerten Dingen unbekannten Inhaltes kann ich mich nicht entschließen, und ich hoffe, baß der Leser mir dahingehende Gründlichkeit der Berichterstattung erläßt. Desgleichen bitte ich um Dis­pens von zweifelhaften, dunklen Teigkugeln, welche ein Berber in höchst ungewaschenen Händen formt; nehmen wir an, sie schmecken schön.

Ich setze mich in einen Taubenschlag von Cafe, mitten auf die Straße und laste das Leben vorüberfluten.

Ein wüster, schwarzer Mischling, alle Rassen und wahrscheinlich auch alles Ungeziefer des nahen und fernen Ostens auf dem Rücken, offeriert mir flüsternd französische Bücher unzweideutigen Inhaltes und grunzt gekränkt, als ich ihn zum Teufel schicke.

Zwei winzige Mongolenkinder Gott weiß wodurch hierher ge­schwemmt bahnen sich, einander fest bei den Händen haltend, einen Weg zwischen den Beinen der Spaziergänger, und in ihren kleinen, gelben Visagen lauert schon alle listige Verderbtheit menschlicher Sammelplätze.

Ein Beduine rennt mit einem Reger zusammen, und sie messen sich mit Blicken, die vor Verachtung rauchen. Aber ein gut gekleideter Fran­zose kommt und schiebt sie alle zwei beiseite wie Luft.

Von der gegenüberliegenden Hauswand erzählen schreiende bunte Plakate, daß heute nacht da und da la belle Dorinne und so weiter.

Man ist bald im Bilde, es ist überall das gleiche, ob sich's nun Afrika oder Europa nennt; nur die Hautfarbe wechselt, die Tönung der Ge­müter ist ziemlich dieselbe.

Und darüber wehen nun diese wundervollen Palmen In einem warmen Wind, der vom Meer kommt oder vielleicht aus der Wüste. Und in der Luft tanzt seiner Sand von ferne her.

Ich hoffe im Theater, vor dem sich die Menge staut, etwas Boden­ständiges zu finden; aber es istDer Graf von Luxemburg", der ge­geben wird, und dafür braucht man nicht nach Afrika zu fahren. So bummele ich lieber weiter durch die brausenden Straßen.

Doch schon um acht ist die ganze ungeheure Menschenmenge ver­schwunden wie weggefegt, und nun, da es neun vorbei ist, beginnt es un­gemein nächtlich zu werden!

Europäische Mädchen mit lebhaften Farben wandeln paarweise. Rote Mäntel farbiger Soldaten und weiße Burnusse dämmern aus dunk­len Nebenstraßen, aus einer unendlich hohen schmalen Arabergasse stürzt em Bursche im Fez, schreit auf und fliegt durch Lichtschein ins Dunkel, von drei anderen verfolgt.

Zwei Neger flüstern in einem Torbogen.

Es ist vielleicht ganz angebracht, nunmehr an Bord zurückzukehren.

Mein Boot führt mich zwischen den dunklen Kolossen der Schiffe hin zum Außenhafen Lichtschein zittert. Ueber dem ungeheuren Felsen Djebel Santon steht ein runder Mond, und phantasielose Gemüter könnten sagen, daß er nicht anders aussieht als über Kötzschenbroda. Ich finde, daß er sehr anders aussieht. Er blickt mit wildem Auge landeinwärts, dorthin, wo hinter den zerklüsteten Schluchten des Atlas der ewige Sand sich dehnt ..

Nur über diese verwünschte Strickleiter führt der Weg nach Hause; also Atem geholt und die hohe. Überhängende Bordwand hinauf!

Dort oben jdjauts lustig aus, da braucht man nicht lange nach Afrika zu suchen. Alle Stämme, nicht aber alle Wohlgerüche Arabiens wimmeln durcheinander, kleine krausköpfige, pechschwarze Neger, die wie Affen, die strohgeflochtene Körbe mit den Kohlen auf der Schulter, über die Strickleiter und übers Schiss klettern. Das ganze Deck lebt wie ein Ameisenhausen, Lieder, mit dem ganzen Zauber wilder Monotonie, schallen aus dem Kohlenbunker, weiße Augäpfel rollen, wenn sie an mir vorbeikommen, gurren sie lockend.

Die Offiziere atmen auf, als alles wieder von Bord Ist.

Doch sieh: kaum haben wir Oran verlassen und sind wieder auf der See, was steigt da aus dem Kohlenbunker, geschwärzt noch über Gebühr und zähnefletschend? Ein Negerlein, das sich mit wachsendem Entsetzen auf einer Meerfahrt sieht; diesesnur ein Viertelstündchen' auf den schönen Kohlen war zu lang.

Sie werden sich leicht vorstellen können, wie liebenswürdig dieses augenrollende Häuschen Unglück von den Offizieren empfangen wird. Was tun? Mithaben wollen wir ihn alle nicht gerne, und der Kapitän entschließt sich fluchend zur Umkehr.

Als wir vor dem Hafen von Oran wieder Signal geben, kommen gleich zwei Schlepper gedampft, die uns beschädigt glauben, und das Lotsenboot kommt angeschossen. Der alte Lotse ist nicht schlecht erstaunt.

SietzeimAmilieniMer

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger