Gustav Adolfs Paqe.
Novelle t>ott Tonrad Ferdinand M e yeL- ({Tortletiung.)
Seit jenen nächtigen Stunden ängstigte sich der Page furchtbar, bis zur Zerrüttung, über seine Larve und [em Gejch'.echt. Der nichtigste lmi= stand konnte die Entdeckung herbeifühcen Dieser Schande zu ei tgehen, beschloß der Aermste zehnmal im Abenddunkel oder in der Morgenfrühe, jein Roß zu satteln, bis an das Ende der Wett zu reiten, und Khnmal wurde er zurückgehalten durch eine unschuldige Liebkosung des Königs, der keine Ahnung hatte, daß ein We.b um ihn war Leicht zumute wurde ihm nur im Puloerdampfe. Da blitzten seine Augen und fröhlich ritt er der tödl.chm Kugel entgegen, welche er herausforderte, feinen bangen Traum zu endigen. Und wann der König hernach m feiner Abend stunde beim trauten Lichtschein seinen Pagen über einer Dummheit oder Unwissenheit ertappte, beim Kopfe kncgle und ihm mit einem ehrlichm Gelächter durch das krause Haar fuhr, sagte sich dieser in herzlicher Lust und Angst erbebend: „Es ist das letztemal!"
So fristete er sich und genoß das höchste Leben mit der Hilfe des Todes. „
Cs war seltsam. Leubelftng fühlte es: auch der .König lebte mit dem Tode auf einem vertrauten Fuße. Der Friedländer hatte den Angriff an sich gerissen und den Eroberer in die unerträgliche Lage eines Weichenden, beinahe Flächt gen gebracht. So legte der christliche Held sein Schicksal täglich, ja stündlich und fast herausfordernd in die Hände seines Gottes. Den Brustharnisch, welchen ihm der Page zu bieten pflegte, wies er beharrlich zurück unter dem Vorwand einer Schu'terwunde, welche der anliegende Stahl drücke. Ein schmiegsames feines Panzerhemde, wie die Klugen und Vorsichtigen es auf bloßem Leche trugen, ein Meisterstück niederländischer Schmiedekunst, langte an und die Königm schrieb dazu, sie hätte erfahren, der Friedländer trage ein solches, ihr Herr und Gemahl dürfe nicht schlechter beschirmt in den Kamps gehen Dies feine Geschm ede warf Gustav als eine Feigheit verächtlich in einen Winkel.
Einmal in der Stille der Nacht hörte Leubelstng. dessen Haupt von demjenigen des Königs nur durch die Wand getrennt war. sich dicht an dieselbe drückend, wie Gustav inbrünstig betete und seinen Gott bestürmte, ihn im Vollwerte hmwegzunehmen, wenn -seine Stunde da [et, bevor er ein Unnötiger oder Unm"g!!ch?r werde. Zuelst quollen der Lauscherin die Tränen, dann erfüllte sie vom Wirbel zur Zehe eine selbstsüchtige Freude, ein verstohlener Jubel, ein Sieg, ein Triumph über die Aehnllch'eit ihres kleinen m't diesem großen Lose, der dann mit dem albernen Kindergedanken, eine gemeinsame Silbe beendige ihren Namen und beginne den des Königs, sich in Schlummer verlor.
Aber der Page träumt? schlecht, de"n er träumte mit seinem Gewissen. In den richtenden Bildern, welch? vor seinen Traumaugen auf- stiegen, geschah es bald, daß der König den Entdeckten mit flammendem Blick und verurteilender Gebärde von sich wies, bald versagte ihn die Königin mit einem Besenstiel und den derbsten Scheltworten, wle die gebildete Frau solche am Tage nie über die Lippen ließ, jo weiche sie wohl gar nicht kannte.
Einmal träumte dem Pagen, feine Fuchsstute gehe mit ihm durch und rase du-ch eine nackte von einer zornigen Spatglut gerötete Gegend einer Schlucht zu, ter König setze ihm nach, er aber stürze vor den Augen seines Retters oder Verfolgers in die zerschmetternde Tiefe, von einem höllischen Gelächter umklungen.
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Leubelfing erwachte mit einem jähen Schrei. Der Morgen dämmerte und der Page fand feinen König, der sich in einem Zuge kühl und hell geschlafen hatte, in der gelassensten und leutseligsten Laune von der Welt. Ein Brief der Königin langte an, der eben nichts Dringliches enthielt, wenn nicht die Nachschrift, worin sie ihren Gemahl bot, zum Rechten zu sehen in einem Fall und in einer Nöte, welche der. hilfreichen Frau naheging. Der Herzog von Lauenburg, ein unsitt! cher Mensch, der vor kaum ein paar Monaten eine der vielen Basen der Königin aus politischen Gründen geheiratet hatte, gab öffentliches Aergernis, indem er, von den blonden Flechten und wasserblauen Augen seines Weibes gelangweilt, seine Flitterwochen abgekürzt hatte und, in das schwedische Lager zurückgeellt. eine blutjunge Slawonierin neben sich hielt. Diese hatte er, a's ein Wegelagerer der er war, aus der Mitte einer niedergerittenen friedländischen Eskorte weggesangen. Nun ersuchte die Königin ihren Gemahl, diesem prahlerischen Ehebruch ein rasches Ende zu mach-n; denn der Lauenburger, die Blcke nur des Königs ausweichend, prunkte vor seinen Standesgenossen mit der hübschen Beute und gönnte sich, als einem Re'ch'fürsten, die Sünde und den Skandak dazu Gustav Adolf faßte die Sache als eine einfache Pflichterfüllung auf und gab den Befehl, die Slawonierin — man nannte sie die Korinna — zu ergreifen und ihm vorzuführen in der achten Stunde, wo er von einem kurzen Rekognoszierungsritte zurück zu sein glaubte. Streng und. menschlich zugleich, dachte er das Mädchen» dem er, den Lauenburger kennend, den kleineren Teil der Schuld beimaß, zu ermahnen und dann ihrem Baler in das maller stelnifche Lager zuzusenden. Er oerritt, den Pagen Leubelfing zurucklafsend mit der Weisung, die Königin brieflich zu beruhigen: er werde eine eigenhändige Zeile beifügen. Acht Uhr verstrich und der König war noch nicht wieder ang langt, wohl aber die Korinna, von ein paar grirnm'gen schwedischen Pikenieren begleitet, welche sie dem Pagen, der im Borzimmer über seinem Briefe saß, Degen und Pistolen neben sich auf den Tisch gelegt, überlieferten. Vor dem Tore des Schlößchens stand ja eine Wache.
Neugierig schickte der Page einen Blick über seine Buchstaben hinweg nach der Gefangenen, die er sich setzen hieß, und erstaunte über ihre Schönheit. Rur von mittlerer Größe, trug sie über vollen Schultern auf einem feinen Hatse ein wohlgebildetes kleines Haupt Wen g fehlte. Killere Augen, freiere Stirn, ruhigere Nasköcher und Mundwinkel, so
»ar es das süße Haupt einer Muse, wie unmusenhaft die Korinna fei* mochte. Pechschwarze Flechten und dunkeldrohende Augen bleichten da» stssetnde Gesicht. D.e tn Unordnung geratene buntfarbige Kleidung, von keinem südlich leuchtenden Himmel gedämpft, erschien unter einem not- dijchen grell und aufdringlich. Der Busen kiopste sichtbar.
Das Schweigen wurde dem Mädchen unerträglich. „Wo ist der König, Junker?" fragte sie m.t einer hohen, vor Erregung schreienden Stimm«. „Ist verriiteu. Wird gleich zurück sein!" antwortete Leubelfing in [einet tiefsten Note.
„Der König bilde sich nur nicht ein, daß ich von dem Herzog lasse", fuhr das leidenschaftliche Mädchen mit unbändiger Hefsig'.eit fort. „Ich liebe ihn zum Sterben. Und wo sollte ich hin? Zu meinem Vater? Der würde mich grausam mißhandeln. Ich bleibe. Der König hat dem Herzog nichts zu befehlen. Mein Herzog ist ein Reichsfürst." Offenbar plapperte die Angstvolle dem Lauenburger nach, welcher, ob auch an und für sich ein frevelhafter Mensch, seinen Fürstenmantei, Haid im Hohn, halb im Ernst, allen seinen Missetaten umhing.
„Nutzt ihm nichts, Jungfer. versetzt« der Page Gustav Adolfs. ..Reichsfürst hin. Reichsfii.st her, der König ist fein Kriegsherr, und der Lauenburger hat zu parieren."
„Der Herzog," zanite die Slawonierin, „ist vom alleredelsten Blut, der König aber stammt von einem gemeinen schwedischen Bauer " Ihr Freund, der Lauenburger, mochte ihr das aus dem Bauerkleide Gustav Wasas entstandene Märchen vorgcstellt haben. Leubelfing erhob sich beleidigt und schritt bolzgerade aus die Korinna zu. machte dicht vor ihr halt und fragte g.streng: „Was sagst?" Auch das Mädchen hatte sich ängstlich erhoben und fel setzt mit plötzlich verändertem Ausdruck dem Pagen um den Hals: „Teurer Herr! Schöner Herr! Helft mir! Ihr müßt mir helfen! Ich Hebe den Lauenburger und lasse nicht von ihm! Niemals!" So rief und flehte sie und küßte und herzte und drückte kett Pagen, dann aber wich sie in unsäglicher Verblüffung einen Schritt zurück und das seltsamste Lächeln der Welt irrte um ihren spöttisch verzogenen Mund.
Der Page wurde bleich und fahl. „Schwesterchen," lispelte die Korinna mit einem schlauen Blick, „wenn du deinen Einfluß" — in demselben Moment hatte Leubelfing sie mit kräftiger Linken am Arme ge- packt, auf die Knie niedergedrückt und den Lauf seines rasch ergriffenen P.stols der Schläfe des kleinen Kopfes genähert. „Drück' los," ricf di« Korinna halb wahnsinnig, „und der Lust und des Elends sei ein Endel" wich aber doch dem Lauf mit den behendesten und gelenkigsten Drehungen und Wendungen ihres Hälschens aus.
Jetzt setzte ihr Leubelfing den kalten Ring des Eisens mitten auf die Stirn und sprach totenbleich, aber ruhig: „Der König weiß nichts davon, bei meiner Seligkeit." Ein ungläubiges Lächeln war die Antwort. „Der König weiß nicht; davon," wiederholte der Page, „und du schwörst mir bei diesem Kreuz" — er hatte es ihr an einem goldenen Kettchen aus dem Busen gezerrt — „von wem hast du das? von deiner Mutter, sagst du? — Du schwörst mir bei diesem Kreuz, daß auch du nichts davon weißt! Mach' schnell, oder ich schieße!"
Aber der Page senkte seine Waffe, denn er vernahm Roßgestamps, da» Gerassel des militärischen Saluts und die treppansteigenden schweren Tritte des Königs. Er warf noch einen Blick auf die [ich von den Knien erhebende Korinna, einen flehenden Blick, in welchem zu lesen war, was er nie ausgesprochen hätte: „Sei barmherzig! Ich bin in deiner Gewalt! Verrate mich nicht! Ich liebe den Stönigr
Dieser trat ein, ein anderer Mann, als er vor zwei Stunden »er« ritten war, streng wie ein Richter in Israel, in heiliger Entrüstung, in loderndem Zorn, wie ein biblischer Held, der ein h mmeischreiendes Unrecht aus dem Mittel heben muß, damit nicht das ganz« Volk verderb«. Er hatte einem empörenden Auftritt, einer ekelerregenden Szene beige- wohnt: der Beraubung eines vor dem Friedländer in das schwedisch« Lager flüchtenden Hausens deutscher Bauern durch deutschen Adel unter Führung eines deutschen Füisten.
Die Herren hatten im Gezelt eines der Ihrigen bis zur Morgendämmerung gezecht, gewürfelt, gekartet. Ein Abenteuer zwcifelhastcstek Art, der Bank hielt, hatte sie alle ausgebeutelt. Den mutmaßlich falschen Spieler ließen si« nach einem kurzen Wortwechsel — er war von Adel — als einen Mann ihrer Gattung unangesochten ziehen, brachen dagegen, gereizt und übernächi'g zu ihren Zelten kehrend, in ein Gewirr schwer beladener Wage« ein, das sich in einer Lagergasse staute. Der Lauenburger, der im Dorbeireiten sein Zelt öffnend das Rest leer g fanden und feinen Verdacht ohne weiteres auf den König geworfen hatte, kam ihnen nachgesprengt und feuerte ihre Raubgier zu einer Tat an, von welcher er wußte, daß sie, von dem Könige vernommen, Gustav Adolf in da» Herz schneiden würde.
Aber dieser sollte den Frevel mit Augen sehen. Mitte» in den Tumult — Kisten und Kasten wurden erbrochen. Rosse niedergestochen ober geraubt, Wehrlose mißhandelt, sich zur Wehr Setzende verwundet — rill der König hinein, zu we!ch:m sich flehende Arme, Gebete, Flüche, Verwünschungen erhoben nicht anders als zum Throne Gottes. Der König beherrscht und verschob seinen Zorn. Zuerst gab er Beseh!, für die mißhandelten Flüchtlinge zu forg»n, dann besah! er die ganze adelige Sippe zu sich auf die neunte Stunde. Heimreitend, hielt er vor dem Zelt de» Generalgewaltigen, hieß ihn seinen roten Mantel umwerfen und — in einiger Entfernung — folgen.
In dieser Stimmung befand sich König Gustav, als er die Beihälterin des Lauenburgers erblickte. Er maß das Mädchen, deren wilbt Schönheit ihm mißfiel und deren grelle Tracht feine klaren Auge» beleibigle,
„Wer sind deine Eltern?" begann er, es verschmähend, sich nach ihrem eigenen Namen oder Schicksal zu erkundigen.
„Ein Hauptmann von den Kroaten: die Mutter starb früh weg", erwiderte das Mädchen,'mit ihren dunkeln seinen hellen Augen au* weichend. (Fortsetzung folgt.)
Berantwortltch: Dr. Hans Thyrist. — Druck und Verlag: Brühl'fche Linivers itälS^Duch« und Stsindruckerei« A- Lange. Glehea-


