Vergleiches und der Feststellung wegen. Wie die Urstosse ausgenommen und umaebildet wurden, wissenswert, nicht um ihrer selbst willen. In weicher Art die Eindeutschung vor sich ging, zeigt Hans Sachs in seinen Fastnachtsspielen wie in seinen Schwanken. So sprang jeder Dich­ter der Zeit mit den alten griechischen Märchen, orientalischen Sagen U. a. m. um: souverän und ganz bewußt.

Das ausgehende 15. Jahrhundert sammelte die Einzelschwänke regel» recht in sogenannten Schwankbüchern, die altes und Neues Gut wahllos vereinten, meist unter Benutzung einer Hauptsabe! als Bindemittel, oft auch in losester Folge. Diese Schwanksammlungen wurden die Ansänge und Vorläufer derVolksbücher" des 16. Jahrhunderts, die Eigen- tum des Volkes wurden, unvergeßlich bis auf den heutigen Tag, in Schilderungen wie die Schildbürger, in den Gestalten wie dem Eulenspiegel. Ebenso die aus dem Schwankkreije hervor gewachsene Gestalt des Faust, die deutsche Art und deutsches Wesen im tiefsten Sinne symbolisiert, wenn auch die Schwankelemente, die Zauberei, Hexerei, Scharlatanerie und Maulheldentum, Spuk und Schabernak, Abenteuer und Unfug bis 1587 durchaus nicht vorherrschten.

Doch nicht nur darauf kam es dem deutschen Volksbuch« an: alte deutsche Stoffe auszuarbciten und weilerzudilden. Die Aufnahme des aus fremden Landen Herzugetragenen schwoll besonders im sechzehnten Jahrhundert ständig an. Infolgedessen verlor der deutsche Schwank immer mehr seinen reinen Aolkscharukter, wurde er mehr und mehrliterari­sches" Gut, Weltliteratur selbst. Es kommt den Schwankdichlern jetzt sehr darauf an, recht starken Tabak zu verabreichen, sie sind vielfach unflätig, enthüllen aber mit grobem Zynismus ein schweres Menschen- schicksal oder einen durchaus Rabelaisschen Humor. Die Zeit war robust, aljo auch ihre Kunst. Jörg W i ck r a m, der mit seinemRollwagen­büchlein" in bewußter Absicht zum erstenmal eine richtige Schwank- sammlung in deutscher Sprache ohne jede Zugabe 1555 herausgab, be» nutzte keine literarische Quelle und schöpfte stets aus dem täglichen Leben. Er bewahrte bei seiner SchilderungDezenz und Unbesargenheit", wie I. Bolte mit Recht jagt. Sein Buch ist infolgedessen die brauchbarste Handhabe, wenn man unter den zahllosen Schwänken, das dem Stoffe und den Motiven nach spezifisch deutsche Eigentum heraussuchen will. Leicht ist diese Aufgabe freilich nicht, aber ihre Ergebnisse strahlen ein Bild des deutschen Lebens wieder, wie selten literarische Werke jener Zeit, wie etwa die niederländische Gemäldckunst des folgenden 17. Jahr- hunderts. Denn von Gotteswort, Wallfahrt, Pänitenz, Einfalt und Fröm­migkeit, von Pfaffen, Mönchen, Nonnen, von ehrsamen Hausfrauen und Dirnen, von Ehe und Liebe, Bauern und Rittern, Knechten und Mäg­den, Fluchen und Schwären, Geloben und Versprechen, Falschheit un6 Betrügern, Herren und Junkern, Landsknechten, Reitern, fahrendes Volk, unnützem Gesindel, Narren, Handwerkern, Kaufleuten, von allen Ständen und mensch'ichen Händeln und Leidenschaften berichten die Schwänke in ihrer offenen humorigen Weise, in einem Realismus, der eine Weiterentwicklung verdient hatte, denn er war echtester Lebens- mederichlag und vermöge seines geistigen Gehaltes gerade im Schwank echt« Lebensoffenbarung, die den Sinn des Daseins suchte und dartat. Aber die ganze Gattung verlor sich, besonders unter dem Einfluß der kriegerische Ereignisse, infolge des die Deutschen mehr und mehr in Fesseln schlagenden Soldatenzaubers im Grobianismus und mit ihm härt« jede Mnfilerischs Formung auf.

Was ist Materie?

Z« Einsteins neuer Arbeit.

Von Dr, Ludwig Kühle, Heidelberg.

Der Verfasser hatte Gelegenheit, sich mit Prof. Albert Einstein ausführlich über dessen neue Arbeit zu unter­halten, deren Erscheinen in der wissenschaftlichen Welt großes Aussehen erregt hat. Im nachfolgenden Aufsatz wird ver- sucht, Probleme, welche mit dieser Arbeit Zusammenhängen, und ihre Bedeutung für unseren Naturbegrifs darzustellen. Ein Philosoph de« Altertums wurde einmal gefragt, wie schwer der Rauch sei. Er antwortete:Ziehe vom Gewicht des Holzes das der Asche ob und du erholst das Gewicht des Rauches". Dieser Satz beleuchtet klar die Ausfassung von Wesen der Materie, welche wohl die ursprünglichste und älteste gewesen ist: Materie ist das Unwandelbare, das was durch alle äußeren Veränderungen hindurch sich erhält; aus dem Stück Holz wird Asche 4- Rauch, es geht nichts verloren bei diesem Umwandlungs- Prozeß und es kommt auch nichts hinzu: Holz, Asche und Rauch sind nur di« verschiedenen Formen der Substanz, die selbst das Ewige, die Grundlage aller materiellen Dinge ist. Dieser Substanzbegrisf war o>s zum Ausgang des Mittelalters die herrschende Grundvorstellung für die physikalische und die philosophische Auffassung von der Natur als der Gesamtheit der körperlichen Dinge.

Die Frage nach dem Aufbau und der Struktur der Substanz, führte sthließlich zum Begriff des Atoms, des letzten, kleinsten ElementarteU- chens. Der Atombegriff stammt schon aus dem Altertum Der griechische Philosoph Demokrit stellte sich die einzelnen Elemente, Feuer, Wasser, Lust und Erde aus kleinen, unteilbaren Urkörperchen gebildet vor, die sich durch nichts anderes unterscheiden sollten, als durch ihre geometrische Gestalt; so Lachte er sich die Feueratome als Kugeln. Die Entwicklung der modernen Chemie prägte dann einen anderen Atombegrisf. Die Chemie brauchte das Atom zum Aufbau ihres Systems der Elemente; sie Muhte die Elemente qualitativ voneinander unterscheiden können und sie konnte das Wesen der chemischen Verbindungen nicht anders erklären, als dadurch, daß sie jedem Element sein besonderes Atom zuschrieb. Ein Atvm von der Art Sauerstoff und zwei Atome von der Art Wasserstoff bilden ein Elementarteilchen Wasser. Die Chemie berechnete aus den Großenverhültnissen der Verbindungen und Trennungen, welche die Atome miteinander eingehen, sogar deren Gewichte und die Anordnung, m« sie in den kleinsten Teilchen der chemischen Verbindungen, den Mole­külen, zueinander Haden,

Während die Chemie sich in erster Linie für die elementare Struktur der Materie interessierte, suchte die Physik nach den Kräften und den Gesetzmuß gkeiten der Kräfte, welche die Ursache alles Geschehens in der Aaiur sind. Die Grundkrast war seit Newion die Gravitation, die als Anziehung der Massen die Planeten um die Sonne und den Mond um die Erde kreisen ließ, die Ursache ist für den Fall des Apsels vom Daum und sür die Bahn der Gewehrkugel. Die Schwerkraft war von ihrer Entdeckung an eine der rätselvollsten Erscheinungen. Die Physiker konnten nicht mehr von ihr sagen, als daß sie da war und nach welchen Gesetzen sie wirkt. Zu Newtons Zecken glaubte man, daß die Schwer­krast eine unmittelbar wirkende Fernkrast sei, die zeitlos im Augenblick dyrch den unendlichen Raum sich sortpjianze. Heute wissen wir, daß auch die Gravitation sich mit einer Geschwindigkeit ausbreitet, nämlich der des Lichtes.

Das Geheimnis der Strahlung war eine zweite rätselvolle Eigenschaft der Materie. Sie trat in vielsältiger Gestalt auf. Als Lichtstrahlen, als Wärmestrahlung und schließlich erkannte man Maxwell und Hertz waren di« Entdecker daß auch die elektrische Energie sich ta Form von Strahlung sortpsianzt. Das Problem der Strahlung wurde schließlich eines der Hauptprobleme der Physik, Strahlung wurde defi­niert als wellenförmige Fortpslanzung von Energie im Aether als Träger der Energie zusammen mit dem absoluten Raum völlig gleich- berccht gi neben die materiellen Elementarteilchen trat. Die Naturwissen­schaft verzichtet damit endgültig aus die Substanz als den einen Grund- stoss. Eine Vielheit von Daustenen schien für das Raturgebäude ruck- wendig zu sein.

Neben di« Gravitation als die eine Grrmdkraft trat der Elektro­magnetismus als die andere. Neben die Atome trat der Aether uird neben di« körperlichen Dinge trat völlig gleichberechtigt der unkörper­liche Raum, in welchem sie wie in einem Gefäß enthalten sind. Die Fort­schritte der Elektrodynamik zerstörten dann auch die bisherige stosst che Auffassung der Atome, die man sich immerhin noch als körperliche Teil­chen vorst-llte. Nach der berühmten Hypothese von Bohr sollte auch das Atom nicht ein körperliches Ganze, sondern ein kleines Planetensystem sein, in welchem die positiv elektri ch geladenen Elektronen um den negativ elektrisch geladenen Kern frei en. An die Stelle des srossticheu Elementarteilchens tritt nun die unstossliche elektrische Elementariadung. Oer Bcgriss der Materie ist seiner körperlichen E genschasten beraubt, das Atom hat jetzt eine dynamische Struktur, es ist nicht mehr als ein Kraftzentrum. Jetzt sind die Atome der einzelnen Elemente auch nicht mehr wesensverschieden, sie unterscheiden sich nur noch durch die Zahl und die Anordnung der Elektronen, d. h. durch ihren Bau. Die physi­kalische Chemie beschilft gt sich von nun an mit dem Problem der Um­wandlung und der Zerstörung der Clcmentaratome.

Der letzte Schritt zur Entstosslichung der Materie ist aber die Ein­führung des Begriffs des elektromagnetischen Feldes, be­gründet von Faraday. Das Kraflseld mit seinen Zuständen und Span­nungen ist jetzt der Grundbegriff in dem System des Naturgcbäudes. Je mehr die exakte Naturwissenschaft in die Geheimnisse des Geschehens und des Seins eindrang, desto weniger ließ sie von unserer sichtbaren Welt, von den Dingen, die wir körperlich erleben und berühren, von der Welt unserer Sinne, übrig.

Aber immer noch war die Welt der Physik nicht einheitlich. Neben dem elektromagnetischen Feld als dem Träger des Lichts, der Wärme und der elektrischen Erscheinungen, steht als eine andere Urerschnnung das Schwerefeld, das die Bewegungen und Zustände der Körpsrwelt regelt. Auch als Einstein in seiner Relativitätstheorie die plMikali- schsn Grundbegriffe vereinfacht hatte, inbem er Raum und Zeit nut der Gravitation als der Wirkung oer körperlichen Massen aufeinander zu einem Gebäude vereinigte, dessen Struktur gleichzeitig die Gesetzmäßig­keit oller Bewegung und allen Naturgeschehens war, mußte er die. Zwei­heit der Kräfte, der Schwerkraft und des Elektromagnetismus bestehen lassen. :-u-

In allen ihren großen Epochen ging das Streben der PhiM auf Einheit und Einfachheit ihrer Grundlagen. Ernst Mach war es, der die ideale Forderung ausgestellt hatte: die Physik müsse mit der ge­ringsten Anzahl von Grundbegriffen aufgebaut werden. Einen ganz fun-- damentalen Schritt in dieser Richtung hat Albert Einstein mit keiner neuen, vor kurzem bekannt gewordenen ArbeitZur einheitliche» Feldtheorie" getan,Es war seit langen Jahren mein Traum, die Einheit zu finden, in welcher Schwerkraft und Elektromagnetismus zu­sammenschmelzen" so erklärte er bei einer Unterhaltung über seine neue Erkenntnis dem Verfasser dieses Aufsatzes.

Worin das Wesen dieser Arbeit besteht, die das Ergebnis zehn­jährigen Nachdenkens nur sechs Schreibmaschinenselten voll mathe­matischer Formeln umfaßt, das sei hier kurz auseinandergesetzt. Durch eine besondere Form der mathematischen Raumkonstruktion ist es Ein­stein gelungen, die Erscheinungen des Schwerefeldes mit denselben mathe­matischen Formeln zu beschreiben wie die Vorgänge im elektromagne­tischen Feld. Damit >st unsere Vorstellung vom Wesen der Naturkräste zu einem Begrifs von grandioser Einfachheit gelangt: dem einen Kräfte­feld, aus dessen Spannungen und Veränderungen die Vorgänge sich ebenso erklären lassen wie das Fallen des Sterns und die Parabelbahn der Kanonenkugel. Dieselbe Kraft ist es, welche das Elektron um den Atomkern und die Erde um die Sonne kreisen läßt. Die Zustände und Veränderungen dieses einen Feldes, das sind die Grundlage» aller Naturerscheinungen.

Was wir heute in der Physik Materie nennen, das hat mit dem ursprünglichen Begrifs der materiellen Substanz nichts mehr gemeinsam. Das Kräfteseld ist bisher die letzte Grenze der Entkörperlichung, zu der wir in der modernen Naturerkcnntnis gelangen konnten. Was jenseits dieser Grenze liegt, das werden wir wohl nie ergründen. Es gibl keine letzte Substanz im mittelalterlichen Sinne, aus die wir die Weit unserer Sinne zurückführcn könne», es gibt nur Energie und Spannung bte Gesetzlichkeit der Veränderung von Energie »nb Spannung-