Ausgabe 
4.2.1929
 
Einzelbild herunterladen

^rem Freund, bem Landmann Pietro Morlachinl, erkrankt von der jMadenbrut dieser zierlichen Geschöpfe? Du würdest diese armen Ge­isangenen nur befreien, damit sie selbst peinigen und quälen und Brut erzeugen, die tötet und mordet."

Während dieser Setzten Reden blickte Frate Joachimo unablässig aus die .'Spinne, die lauernd in der Mitte des Netzes hing, aber, offenbar durch ibie dichte Nähe der beiden sprechenden Männer furchtsam gemacht, sich !nicht rührte, statt sich nach ihrem Brauch über die Gefangenen herzu- stürzen,

Es wird erzählt, mein Vater," sagt er nun, ohne das Auge von dem !@rfpiiift abzuwenden,daß du, es war in der Zeit, ehe ich zu dir ge­kommen bin, einmal den Falken und Lerchen, den Nachtigallen und Reihern gepredigt habest. Ist dem so, mein erhabener Vater?"

Es ist so, mein Joachimo," erwiderte Franziskus und sah vor sich auf den Boden nieder,sie fatzen mir auf den Haaren und Schultern, auf den Armen und Knien und hörten mir zu."

Frate Joachimo blickte auf seine Zehen herab, die bloß und rosafarben und vom Wege bestaubt in den Sandalen staken; ohne aufzusehen, mit gedampfter Stimme, fragte er:Möchtest du nicht diefer Spinne predigen?"

Ich fürchte," sprach Franziskus leist und hob den Blick nicht vom Erdboden,sie ist unbelehrbar."

Der Blick des Frate legte sich wie ein schwerer Schatten auf das Antlitz des Heiligen; schamhaft setzte Franziskus hinzu: ,^Die Vögel waren «s auch".

Was aber hast du dann mit dieser Kreatur zu schaffen?" rief Frate Joachimo rauh und grob. Mit einem heftigen Hieb des Armes zerfetzte .er das Spinnweb.Du haft das Netz der Spinne geflickt," schrie er,ich habe es zerstöri. Beide haben wir getötet. Jawohl, auch du, mein großer, mein liebender Meister, hast getötet! Führe mich aus dieser Wirrnis!"

Franziskus hatte mit kurzem Blicke aufgeschaut, nun sah er wieder zur Erde; es war, als schäme er sich der Tat, die der Freund verübt hatte. Wir sind," sprach er,gesetzt zwischen Tod und Tod und gestellt zwischen Mord und Mord. Es bleibt uns nichts an unserem Teil als zu lieben."

Aber, mein Meister," flehte Joachimo,hast du ein Werk der Liebe Ketan, als du der Spinne halfest, zu töten?"

Es schien mir so", erwiderte Franziskus zaghaft.

Joachimo bückte sich und suchte nach den braunen Strähnen aus der Kutte des Heiligen; sie logen zwischen den Gräsern, die hier an der Mauer wucherten. Er kniete vor ihm nieder, drückte sie in seine Hand und um­schlang ihn.

Ich fühle es, daß ich einer der deinen nicht mehr bin, denn die Spinne, die du deine Schwester nennst, neune ich meine Feindin und habe sie erschlagen."

Franziskus strich ihm über die Stirn.Ich verwundere mich," sagte er,du hast mich etwas Seltsames gelehrt. Bis zu dieser Stunde hätte ich nicht geglaubt, daß man aus Liebe töten kann. Aber vielleicht sind wir beide im Unrecht. Diese Spinne ist nicht deine Feindin, aber sie ist, ich erkenne es, wohl auch nicht meine Schwester."

Er beugte sein Angesicht über ihn nieder; wie Spiegelung über Spie­gelung glänzte Antlitz über Antlitz.

Lassen wir die Tiere mit den Tieren sein! Mr wollen zu den Men­schen zurückkehren."

Er hob ihn auf, er faßte ihn unter dem Arm und ließ ihn zu feiner Rechten gehen. Nach einer Weile hielt Frate Joachimo plötzlich inne, drehte den Kopf voll nach links und fah den Heiligen an; fröhlich sagte er:Ob aber die Menschen belehrbar find?"

Franziskus war mit ihm zusammen stehengeblieben. Er drehte den Kopf ein wenig nach rechts und fah an dem Antlitz des Joachimo vor­über:Es ist, mein Bruder, als Möglichkeit und Hoffnung in uns ge­hegt; und fo müssen wir versuchen und uns mühen". Darauf gingen sie weiter.

s

Als sie in die Hauptstraße kamen, drängten sich die Menschen noch dichter in Gewühl und Getümmel um sie her, als sie sonst pflegten. Die grünen, die gelben, die roten Jacken und Mieder leuchteten; die Männer, die Frauen, die Kinder bückten und neigten sich um die beiden her, es war ein Wimmeln und Flimmern, wie einst, als die Schwalben und Fal­ken um die Predigt des Franziskus flügelten. Sie warfen sich vor dem Heiligen nieder, doch auch vor dem Frate Joach'mo, sie küßten den Saum ihrer Kutten, sie griffen nach ihren Händen, sie tasteten nach ihrer Be­rührung und Segnung. Lärm, Gelächter und Licht, die breiten Schwaden der irdischen Sonne, und darin und darüber vielfarbig stäubender Glanz Himmlischen Frohsinns entzündet.Was ist denn geschehen, was ist nur geschehen, ihr Lieben?", untergcsaßt fragten die beiden, der eine zur Linken, der andere zur Rechten, in das Gewimmel von Köpfen und Leibern. Ein buntes Hallo, wie Feuerwerk am lichten Mittag, stieg und stob. Grüne, gelbe, rote Aermel funkelten und fackelten. Wurden Fran­ziskus und Joach'mo da auf der Markistraße verspottet? Das Haupt des Franziskus, das Haupt des Joachimo drehten sich langsam zurück, wandten sich einander zu und lächelten einander an.

Sie wissen nichts, gar nichts," hüstelte ein kleines, greises Mütterchen und schüttelte in heiterem Mißfallen ihr elfenbeingelbes Köpfchen,sie w.ffen wirklich gar nichts," und wandte in fröhlicher Mißachtung den beiden den Rücken und sprach zu den weiter rückwärts Drängenden und Guckenden:,Das sind mir Heilige! Wissen nicht, daß der heilige Schein unseres Franziskus nun auch um den Joachimo geschlungen stt." - 6if i«chen einander an. Staunen überklärte ihre Angesichte, Lächeln, selig in Lächeln spiegelte sich. Langsam gingen sie weiter, umschlungen, zwischen Jubel zur Linken und Jubel zur Rechten, die beiden Häupter in einem Heiligenschein,

Me ölte Kunst des deutschen Zchrvankesz

Eine Erinnerung zur flarnetials$eit

Von Hanns Martin Elster.

Der deutsche Schwank ist schon lange tot. Er ging In den Unruhe« des Dreißigjährigen Krieges mit fo vielem anderen echten Kuliurdcsitze zugrunde. ?Jn die Stelle des Schwankes, des kurzen neckischen Einfalles, der lustigen Erzählung mit ernstem Untergründe ist dieHumoreske", her Witz, die meist nur velständesmäßige Glosse, die Groteske getreten.

Die Kunst des alten Schwankes besaß vor allem eines: den Innere« und äußeren Zusammenhang mit dem, was man im unpolitischen, alten Sinne Volk nennt. Der alte Schwank stand mitten im Volke, nahm an dessen Erleben und Erleiden, Not und Glück, Arbeit und Sehnsucht, Empfinden und Denken einen ins einzekne gehenden Anteil, nicht bloß der Kritik, der Erkenntnis halber, sondern um Wesen und Form des Volkes, der Volkheit aufzufassen und durch das Mittel seiner Kunst bar« zustellen, zu offenbaren. Er stand auch vermöge seiner Erziehungstendenz, seines Lachtriebes zugleich wieder rein geistig über dem Volke und höher als das Volk, dessen Eigenheiten und Uebertreibungen, Haltlosigkeiten und Mängel gescholten und gebessert beseitigt werden sollten. Sein ethisches Motiv ist unverkennbar, wurde aber niemals dirigierender Anlaß und Einfluß für die Kunstform. Gerade weil die Schwankoichter volle Sünftler« Persönlichkeiten waren, gaben sie der Kunst was ihr gebührt, gerate weil ihre Gesinnung in großer Weise überall das Menschlich-Allzumenschliche sah und suchte, die Überschau über alle Lebensbeziehungen besaß, wurde ihre Moral, obwohl sie oft deutlich hervortrat, nie engherzig, sondern war ein Teil des dargestellten Lebens selbst, war frisch und derb und wohl- g:mut, so daß prüde Gemüter später Jahrhunderte sie nicht mehr sahen oder anerkennen wollten. Solche Stellungnahme heißt aber den Sinn und Charakter des alten deutschen Schwankes völlig verändern: sein Stoff mar das Volk, dessen natürliches, reales Leben, das natürlich und real angesehen wurde. Der Schwank war der erste Realismus in un­serer Literatur nach den Zeiten höfischer Formideale. Als Volkskunst wollte er auch stets auf das Volk wirken, dessen Spiegel er vorstcllte. Will der Kulturhistoriker, der GeAichisfreund heute Wesen und Lebensformen Denk- und Gefühlsari des Volkes im 15. und 16. Jahrhundert besonders wahr, unmittelbar und ungeschminkt erkennen, muß er zum Schwank greifen, der alles enthält, was die Zeit und jene Generationen bewegte und erregte. Denn Indem der Schwank oft von aktuellen und gegen­wärtigen Geschehnissen ausging, ihren Verlauf für feine Fade! ver­wandte und umbildete, oder an besondere Ereignisse Im Volksleben Ober« foimnene Geschichten und Motive in einer für jeden Fall zurcchtgc stutzte Weise anknüpfte, wurde seine Masse in der Gesamtheit eine große Chronik des Volkslebens und der Dolksgesinnung in Familie und Haus, in den Berufen und Ständen in Stadt und Land, bei der Arbeit und im Müßiggang. Keine einfach? Schilderung, keine noch fo forgfame Nach­erzählung, keine noch fo wisfensreiche Komplikation vergangenen Ge­schehens und Seins vermittelt derart den deutschen Geist und da? deutsche Herz, den Alltag und den Feiertag der Ncformationszeiten wie etwa der Till Eulenspicgsl, der schon mit manchem Vorbkid In die früheren Jahrhunderte zurückreicht, mit dem Pfaffen Amis, mit den wunderbarllchen Gedichten und Historien des Neidhart Fuchs, mit Philipp Frankfurters Pfaffen von Kahlenberg und Jochen Widmanns Peter Leu von Hall. Und sieht man nicht in denSchildbürgern" das Leben und Treiben einer süddeutschen Kleinstadt, wirklichkeitsgetreu Und durch den Humor zu reichster und unvergleichlicher Kunst erhöht, vor sich?

Der alte deutsche Schwank stand in seiner Blütezeit Im 15. und 16. Jahrhundert in engster Verbindung mit der damaligen Weltliteratur, aus der er selbst ja ursprünglich her kam. Oft war feine Herkunft to einzelnen allerdings auch nicht festzustellen.

Niemals waren in jenen Jahrhunderten die Stoffe als solche Irgend­wie Privateigentum eines bestimmten Dichters, der als Urheber für dieses ober jenes Motiv hätte angesprochen werden können. Nur ihre Formung war der Besitz einzelner, der Schöpfer. So kam es, daß die gleichen Geschichten zu gleichen Stunden in den verschiedensten Gegenden auftauchten. Fahrende Leute, die eigentlichen Dichter und Sänger, die Spielleute und Gaukler, wie sie hießen, also Autoren und Schauspieler, sie trugen mit den Kaufleuten, reisenden Rittern und Pfaffen die Geschichten umher. In kürzester Frist verbreiteten sich die Stoffe, die auch in der krassesten Formlosigkeit, ohne jede Schmankge- staltung begierig aufgenommen wurden, weil sie die Unterhaltung hoher und niederer Kreise, oft auch ihre .Leitung", Las Neueste aus aller Welt bildeten und auf diefe Weife von neuem in direkte Verbindung zum Leben traten. Rein literarifch wurden sie eine willkommene Ergänzung zum weitfchichtigen Epos, das in Auflösung begriffen war und jenen Umformungsprozeß zur Prosaepik durchmachte, zum Abenteuerroman der Zeit. Das kurz Novellistische bildet sich rasch heraus. Je mehr 6k Stoff­menge des Schwankes an abenteuerlichen, erotischen Motiven zunahm, desto mehr konzentriert wurde seine Form, fo daß er sich schließlich auch scharf unterfchied vom Fastnachtsspiele, m t dem er rein geistig sehr verwandt war, selbst oft eine Art Übertragung des Dühnenspiels in die Novelle. So zogen sich die Fäden vom Schwanke zum Roman und Fastnachtsspiele und umgekehrt. Nichts stand für sich, sondern es war eine große Vorwärtsbewegung in der Literatur der Zeit, die wieder dem einzelnen zugute kam. Bereicherte sich dieses, fo gewann auch die Ge­samtheit und nahm diese zu, so zog auch jenes seine Vorteile daraus. Alles war im Flusse. Dies festzustellen ist wichtig. Nicht «der, daß fremdländische Motive aufgenommen wurden Das Fremd« ländische als solches scherte, dis aus die Wunderempfindung und Phanta­siebefriedigung, weder den Dichter noch das Volk in der großen Wirkung, sondern interessiert vor allem nur insoweit, als Dichter und Volk sich selbst darin wiederfinden und abspiegelten. Um dieses unbewußten Ziele» willen wurden die Stoffe ganz eingedeutscht, durchaus inneres Eigen­tum des Produzenten und Konsumenten. Deren' Geist und Herz ent­hüllten die deutschen Schwänke, deren Sinn und Sein bilden das allein £ Wertvolle an den Schwankem Die Herkunft der Motive ist nur b<»