GiehenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
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Son Manfred Hausma ft a.
Ich Möchte eine alte Kirche (ein voll Weihrauch, Dunkelheit und Kerzenfchetn. Wenn du dann diese trüben Stunden hast, gehst du herein zu mir mit deiner Last-
Du neigst dich tief, die große Tür fällt zth nun sind wir ganz alleine, ich und du.
Ich streichle dich mit meiner Dämmerung, ich segne dich mit teisem Ampeljchwung,
Und wagst du nicht, allein zu Gott zu dringen, will ich als Orgel ferne mit dir fingen.
Dann summt die Wölbung und die Kerzenslammen fließen so golden über dir zusammen.
Die Engelsknaben wehen still herzu und (töten süß und lullen dich zur Ruh.
Ich möchte eine alte Kirche sein voll Weihrauch, Dunkelheit und Kerzenschein. Wenn du dann diese trüben Stunden hast, gehst du herein zu mir mit deiner Saft
»Zch erschrecke, geliebter Meister," sagte Frate Joachims, „diese Spinne, deren Netz du da mit Fäden aus deiner uns allen teuren Kutte gestopft hast, diese Spinne ist ein grausames, blutdürstiges Tier. Warum hast du dieser Mörderin geholfen! Der du selbst kein Fleisch ißest, und verbietest, Fleisch zu genießen. Wehe, Fäden vom Rocke des heilige» Franz, und daneben Fliegen und Mücken und andere schwirrende Kreatur, die langsamen Todes erwürgt wird! Vergib deinem Schüler: meine Seele, du weißt es, ist ein Knecht deiner Seele, aber dies vermag ich nicht zu begreifen."
Der heilige Franz sprach: „Was der Schwester Spinne befohlen ist, mag sie vollbringen und muß sie wohl vollbringen: jedoch mir ist befohlen, kein Ding außer mir, kein Du und kein Es zu verzehren. Darum, mein Bruder, nähre ich mich von Milch und Käse, denn es ist eine Wohltat für Küche und Ziegen, wenn ihr Euter entleert wird. Ja, selbst Brot zu gmießen, für bas die Aehren zerdroschen und zermahlen werden, ist mir nicht lieb, wenn ich es auch nur schwer vermeiden kann, und in einen Apfel zu beißen, verstatte ich mir womöglich nur, wenn er ohnedies Zu faulen begonnen hat. So habe ich kein Recht, das Spinnweb zu beschädigen. und habe mein Vergehen wieder gutgemacht."
Legende vom Spinnweb.
Von Ernst Lissauer.
(Nachdruck verboten.)
Sttemanb erblickte hier den Heiligen, sonst hätte, wie überall, wo er Hing und stand, stomm jauchzendes Volksgedräng in demütiger Neugier um feine braune Kulte gero.mmelt. Viele Stunden schon verweilte der heilige Franz an der Mauer hinter dem Palazzo des Conte Easerta. Seit Stunden hatte er sich nicht umgedreht. Die Welt war zusammen- mschrumpsl in ein kreisförmiges Muster von Linien: ein kreisförmges Muster von Linien sah die Seele des Franziskus vor sich. Er sah nicht die Fugen und Ritzen, in denen die Mauersteine aneinander lasteten, auf sie sah er nicht. Ein zierliches Gewebe zarter Strähne, alle um eine Mitte g.sponnen und schräg rings untereinander verflochten, dies schaute er an. Eine Kreuzspinne hatte ihr Retz in einen Lorbeerstrauch hinter der Mauer des Palastes gehängt. Jeden Vormittag um die elfte Stunde streifte die Sonne für einige Zeit diese Mauer, die der Gasse abgekehrt war «nd hinter der freies Feld sich ausbreitete. Der heilige Franz, der ja gern an den rückwärtigen Wänden der Häuser entlang schritt und das Niedere und Geringe wie bei den Menschen auch bei den Steinen auf- |ud)te, war hier vorbeigekommen, als das Spinnweb just im Sonnen- lichl funkelte. Er war herzugetreten, und er hatte durch eine wohl unvorsichtige Bewegung mit der Spitze des rechten Fingers ober mit dem Rand des St'ultcndrmcls bas behutsame und sorgfältige Netz versehrt, in dessen Mitte die Spinne saß und wob. Dies batte er nicht weiter beachtet, er war fortgegangen; aber vor dem Einschlafen, als er den Ablauf des Tages überprüfte, .wie es ihm seit vielen Jahren Pflicht und Gewohnheit war, da hatte er plötzlich vor Augen gesehen, daß er bas Gespinst beschädigt hatte, und nun stand er seit drei Stunden und bemühte sich, es mit vorsichtigen Fingern auszubessern. Ganz zarte Fäden zog er aus der braunwollenen Kutte, befeuchtete sie mit Speichel, drehte sie dicht und eng zusammen, und nun war es ihm nach langwieriger Bemühung endlich gelungen, ein Fädchen in bas Löchlein zu flicken und das Spinnweb hing wie unbeschädigt.
*
Zn diesem Augenblick hörte er sich angerufen. Sein Freund und Schüler, der Frate Joachimo. war um die Ecke gekommen und trat heran.
„Seit vielen Stunden," sprach er, „vermissen wir dich, geliebter Meister, und wenn es uns auch bewußt ist, daß du in der Hut des Himmels und der Heiligen stehst und ungesöhrdeter bist als irgendein Mensch, well du mit dir selbst geharnischt bist, so sind deine Brüder doch sthmache Kreaturen und sorgen sich, auch wo es nichts zu sorgen gibt.
es erlaubt, zu fragen, welche« Tagwerk du bei dieser verborgenen
„Ich habe," erwiderte Franziskus, „der Schwester Spinne gestern das Gewebe verletzt, das ließ mir keine Ruhe, und siehe, es ist mir gelungen, den Schaden wieder gutzumachen. Ihr sagt zwar immer, oder ihr denkt wenigstens, daß ich geschickt bin, zu sprechen und zu beten und die beschädigten Seelen zu flicken, aber meine Hände haltet ihr, gesteh' es nur, für recht ungeschickt. Und daß ich mit Schuhemachen wie der heilige Krispi« oder gar mit Teppichweben wie der heilige Paulus mich durchbringe, möchtet ihr mir nicht zutrauen, aber dies ist mir wohl nicht übel gelungen."
Seine schmale Hand, deren rosa Haut von der Sonne überbräunt war, wies heiter auf das Spinnweb.
„Ich verehre," sprach der Frate, „dein Wort. Aber ist es nicht so — wenn ich unrecht rede, so belehre mich und verweise es mir indem bu dies Spinnweb flicktest, machtest bu dich nicht zum Mitschuldigen dieser Spinne? Es schmerzt meine Augen, da sie sehen, baß beine Fäden in diesem mörderischen Gespinste eingcflochten sind."
„Wollte diese Schwester Spinne," erwiderte Franziskus mit Freundlichkeit, „aufhören, sich auf die Art zu ernähren, wie Gott es sie gelehrt hat, so hörte sie auf zu leben, und sie würde ihr eigenes Leben vernichten."
„Vergib meiner Unklugheit," sprach Joachimo, „es ist mir nicht lieb, undemütig und unbotmäßig mag es dir erscheinen und auch mir, daß ich mit Frage und Gegenrede dich behellige, jedoch nicht ich bin es, sondern es fragt und redet aus mir."
„Sprich und frage", erwiderte Franziskus liebreich. „Das Licht meiner Einsicht scheint nur, als ob es hinter den dicken Mauern dieses Palazzo brennte, kaum durch Ritzen und Fugen zu erblicken. Jedoch es ist ja in vielfältigem Sinne meine Pflicht, was ich als Antwort weiß, mit jedermann zu teilen. Und bist nicht du mir Freund und Bruder»"
„Wenn bu es denn also erlaubst," sagte barauf Frate Joachims, „die Fäden von deinem Nocke sind mitschuldig an der Tötung dieser Fliege, dies ist das Entsetzliche. Erlaube mir, daß ich die Schwestern Fliegen und Mücken befreie. Einige werden sich vielleicht noch erholen und retten, an- bere werben wenigstens eines raschen unb minber qualvollen Todes sterben."
„Würdest du," entgegnete Franziskus, „damit nicht vielleicht dennoch töten, da bu ber Spinne ihre Speise nimmst und gewiß etliche Zeit vergeht, ehe sie ein neues Netz zustanbe bringt?"
„Ja, jawohl," rief ber Frate, unb zum erstenmal, feitbem er bem Meister folgte, war feine Stimme härter gefärbt, „sie wirb Einfliegen und wiederum ein Netz machen, sie ist ja Netzmacherin von Natur, und sie wird kleine Tiere würgen und aussaugen, denn sie ist ja eine Täterin von Natur, ein Volk von Mücken und Fliegen wird sie morden!"
„Und wenn," erwiderte Franziskus und schaute ihn mit liebreicher Traurigkeit an, „unb wenn ich es bir gestatte, bisse Schwester Spinne zu töten — ich werbe es nicht giftaften, aber ich setze ben Fall —, wenn e» bir gelänge, alle Spinnen auf ber Eibscheibe auszutilgen: nähren diese Fliegen und Mücken sich nicht mit dem Blut von Menschen und yilfloseu Tieren? Sähest du nicht erst vergangenen Dienstag den Weizen bei uiH-
Da kam eine Fliege angeflogen. Zwischen ben Angeflchten der reden- den Männer hindurch schwirrte sie, angelockt von dem hellen Grün ' Gesträuches, auf das die Sonne noch eben leuchtete, ehe sie von ... hohen Front des Palazzo verdeckt warb. Das Tierchen stieß an bas Geweb, es verfitzte sich, es zappelte unb zuckte in ben Fäben, es verwickelte sich immer dichter In ben Schleim, ber an ihnen klebte, und hing es ohne Regung. Der Frate Ioach mo beobachtete dies, da „ merkte er auch, bah bereits vier ober fünf andere Fliegen in dem Netze hafteten, eingefangen in einem elenden Sterben.


