fophen interessierten gerade die nicht für mich bestimmten Aussprüche. Sie gewährten mir einen Einblick in die Volks- — Pardon in die hoher« Gesellschaftsseele. So etwa ein Gespräch zwischen Dame und Nurse. Dame: „Sie sind schon kein Kindskops mehr, Sie sind ein Kalbs- topf". Aus das empörte Gesicht der Nurse hin beschwichtigend: „toie wissen doch, Kalbskops in holländischer Soße ist etwas Feines. „Nurse: „Ihrer aber nicht!" — Tiefe Einblicke in das Familienleben gestattete uns das Wohnen Wand an Wand. Offiziell hieß das Kleinste Mädi, der Bub Georg-Joses, aber inoffiziell, wenn man unter sich war, hieß Mädi: das Mensch, und Georg-Joses: der Hund. Das Mensch und der Hund tobten tagsüber wie Naturgcwalten und wurden zwischenhinein ins Klosett gesperrt. Um auch in die Kinderseele einen Einblick zu geben, sei nur erwähnt, daß der sechsjährige Junge bei Tisch zu seinem Schwesterchen sagte: „Du schlechtes Luder!" Was mau mit allgemeinem Gelächter über feine Intelligenz quittierte, und daß er dann energisch vom Wein zu trinken verlangte, roa$ ihm zwar zuerst verweigert, aber nachher be- schoicht gend gewährt wurde. Ueberhaupt schien es den Leuten nicht nur unbequem, sondern auch unbillig, den Kindern irgend etwas zu versagen oder zu wehren: „das gibt sich später von selbst", sagte die Mutter
Lärm, Kindergeschrei, Bücklingen des Wirtes, entsührte nach einer Woche das Auto Spritoater, Spritmutter, den „Hund", das ',Mensch" und die Nurse. Als Ergebnis für den Wirt -stellte sich nachträglich heraus: Mädi oder „das Mensch" hatte alles Esten, das ihr nicht paßte, insbesondere Milch, Eier und Brei energisch in den neuen Teppich getreten und mit Tinte Linien darum gezogen. „Der Hund" oder Georg- Joses hatte mit seinem eisenbeschlagenen Skistöckchen aus die polierte Kommode Speerwürfe geübt und die Betten angeschnitzt. Das war die Weih- nachtsbescherung für den Wirt.
Nach zwei Tagen voll Tannenduft, strahlendem Himmel und köstlicher Ruhe — unfern einzigen ruhigen Tagen — nahmen wir als die letzten Gäste Abschied und fuhren heimwärts, der Arbeit und dem Alltag entgegen. Und während der Zug so dahinfuhr, Stück um Stück meines lieben Vaterlandes vor mir aufrollend und ich nachdenkend all das Erlebte noch einmal überschaute, da wurde mir bitter weh ums Herz. JD Deutschland hoch in Ehren" soll das deine Gegenwart sein! Vor allem: Soll das deine Zukunft sein? Sollen wir uns darein ergeben, daß neu erworbener Reichtum, Unbildung und Genußsucht die Oberhand haben? Sollen wir es glauben, wir arm gewordener Mittelstand, daß uns mit dem Geld auch die Macht, der Einflust und die Selbstsicherheit genommen sei? Nein! Nun gerade heißt es geigen, daß Idealismus, Bildung und tapfere Gesinnung eine Geistesaristokratie schafft, die unabhängig vom Geld auch in Armut bestehen bleibt. Und wir, die wir unsere Kinder nicht mehr in Ueberfluß und Sorglosigkeit aufwachen lasten können, haben wir ihnen darum gar nichts mehr zu geben? Manche Eltern fragen sich vielleicht so mit Bitterkeit im Herzen und denken nicht daran, welche Schätze gerade sie und einzig sie in der Hand haben. Was ihnen bis heute ein selbstverständliches Gut schien, das ist heute selten und immer seltener geworden: eine gute Erziehung! Was nicht durch Geld einfach errafft werden kann, was jene andern nicht besitzen und was heraushebt aus dem schnell ausgekammenen Vergnügungsproletariat — das gebt eueren Kindern: eine gute Kinderstube. So einfach ist das freilich nicht, denn wo Erziehung nicht nur äußere Form, sondern in die Tiefe gedrungene Eigenschaft werden soll, da muh vor allem das Beispiel wirken. Die Eltern selber müssen wieder beginnen, sich täglich und stündlich in der Gewalt zu behalten, weder Zorn noch Müdigkeit darf sie davon abbringen. Nur so wird auch den Kindern von klein an ein höflicher, rücksichtsvoller und guter Ton zur zweiten Natur: nur Selbstbeherrschung der Eltern kehrt es die Kinder, sich selbst beherrschen. Man täusche sich nicht, die Zeit der kritiklos hingenommenen Autorität ist unwiderbringlich vorüber. Auch den Kindern gegenüber gift das Wort: es gibt aus die Dauer kein anderes Mittel, für das gehalten zu werden, was man wünscht, als es zu sein. Autorität und geistiger Einfluß auf die junge Generation muß durch eine Cigenpersönkichkeit errungen werden, die sich täglich selber neu bildet, veredelt, heobachtet und meistert. Die damit jene innere Beweglichkeit sich erhält, die die Jugend gefangen nimmt und von der Jugend gefangen genommen wird. Schenkt euren Kindern das Glück, s o erzogen zu werden und sie werden nicht nur einmal inneren Stürmen gewachsen sein, sondern sie werden ins Leben hinaustreten mit jenem Nicht einzuholenden Vorsprung, den die selbstverständliche stille Sicherheit der guten Herkunft und Erziehung verleiht, der niemals durch Geld wettgemacht werden kann. Um unserer Kinder, unserer Zukunft, um unseres Vaterlandes willen sühle sich hier jeder berufen, zu Helsen. Es wird soviel gesprochen von der Not des Geistesarbeiters und von der Armut des guten Mittelstandes: es llt Zeit, daß wir uns wieder besinnen auf den Reichtum des guten Mittelstandes, daß wir ihn wieder Hervorholen, uns seiner freuen und — ihn vermehren.
Auf Wilddiebe im polnischen Wald.
Von Th. v. ©Übungen.
Schneefall und rauhe Nordoststürme mit klingendem Frost brachten schon die ersten Dezembertage. Harte, schwerste Zeit tritt für das Wild letzt ein. Zunächst sind es Wind und Wetter, die unseren Freunden in Wald und Flur böse zusetzen. Die hart gefrorene Schneedecke reißt dem Rehwild über den Schalen die Decke schweißig und macht es ihm oft so schmerzlich schwer, sich ein paar kümmerliche Moospflänzchen als Assung zu suchen. Das Wild wird matter und magerer, es leidet schwer unter Hunger und Frost. Das Raubzeug aber weiß dies nur zu gut. Meister Reineke an der Spitze folgt jetzt gar gerne den Spuren des dem Verenden nahen, zum Skelett abgemagerten Schmalrehs. Firkäter streifen durch Wälder und Felder, gierig trachten sie das todmüde Reh zu reißen. Verwilderte Katzen wissen sich ihr Teil an den im Schnee recht unbeholfenen Wachteln und Rebhühnern, Fasanen und sonstigem Wildgeslügek zu sichern. Das gefährlichste aller Raubtiere aber ist der Mensch, der Wilddieb ist grausamer als Fuchs, Marder und Habicht.
Um diese Zett fuhr ich alljährkich mit dem benachbarten Oberförster hinaus in die bis zur russischen Grenze reichenden Waldreoiere der ehemaligen Provinz Posen. So waren wir wieder einmal unterwegs, um uns auf neue an dem winterlichen Wald zu erfreuen. Die Futterplätze für das Wild mußten eingehend revidiert werden. Schließlich aber, und das war wohl der Hauptbeweggrund, wußten wir, daß von Russisch- Polen aus stark gewilddiebt wurde. Ebenso holten sich die polnischen Bauern gerne ihren Sonntagsbraten, und wenn es ein armseliges, w.lües Kaninchen war, das sie in der Schlinge fingen. Dieses Schlingenstellen oder „Strickeln", wie es auch genannt wird, habe ich stets als ganz verwerflich gehaßt. Dem Wilddieb, der aus Passion ober Not handelt, kann ich Verständnis entgegenbringen, nichts aber habe ich übrig für den '^grül^eif' Uhr^waren wir losgefahren; leichter Frost mittags tat uns nichts, dicke, weiße Schneeflocken rieselten vom grauschwarzen H.mmeil herab Das große, weiße Schweigen liegt über dem polnischen Wald. Dicht sind die Fichten mit Schnee umhangen. Auf dem bronzefarbenen Laub der Buchen und den sattbraunen Blättern der Steineichen haben sich dichte Schneenester abgelagert, und jeder freistehende Pfahl oder Grenz- ftein trägt ein aus die Seite gerutschtes, weißes Pelzbarett mit glitzernder Eisagraffe am Rande. Der hochbeinige, lange Schweißfuchs, den wir vor unserem Selbstfahrer haben, bringt uns in kurzem Trabe vorwärts, so das rechte Tempo, im Fahren aus den beiden Säcken, die hinten auf dem Kutschersitz unseres Wägelchens stehen, an möglichst schneefreien Stellen Eicheln und Bucheln, Kastanien und andere Leckcrb.ssen auszustreuen, die von Reh- und Rotwild, aber auch von den Schwarzkitteln gerne ausgenommen werden. An den Fütterungen ist das Wild sehr vertraut, Hirsche und Rehe, auch borstiges, braunes Schwarzwild trollt sich von allen Seiten herbei und „schnurpft" mit großen Behagen von den frisch geschnittenen Futterrüben. Da, auf dem Kahlschlag gleitet es schnell und katzenart g, rot weiß und grau über eine vom Windbruch gefällte Fuhre. Schon habe ich die Flinte am Kopf, es kracht, und Freund Reineke, den wir beim Mahl gestört haben, färbt mit seinem Schweiß die jungfräuliche „Neue". Rasch bin ich herunter vom Wagen, und fasse den Fuchs an der Lunte. Bei dem alten Erzgauner ist Vorsicht stets geboten, doch er bat feine schwarze Seele bereits ausgehaucht. Wunderbar ist der alte ,,'Jiuö im Haar, und der Balg ist sehr willkommener Zuwachs für die Schlitten- Pelzdecke, die ich zum nächsten Christfest bauen lassen will.
Langsam fahren wir der nächsten Wildsütterung zu. Es dämmert schon, obgleich es erst auf 3 Uhr geht. Eigenartig dunkelgrau und schwefel- gelb färben sich die tief und schwer toie wallende Schleier herabhangenden Wolken Da rollt ganz plötzlich ein im feurigen Golde leuchtender Kugel- blitz über das Firmament, mit prasselnden Donnerschlägen im Geso ge. Bald zucken Blitz aus Blitz über den Himmel, der bisweilen seine gewal- tigen Riesentore zu öffnen scheint, und wir schauen dann in ein Meer von strahlendem Blaufeuer. Dazwischen ertönen fast ohne Unterbrechung donnerndes Gepolter, peitschendes Knallen und betäubendes Krochen, das zuletzt in einem dumpf abschwellenden, murrenden Grollen ausklingt. Wir erleben etwa zehn M-nuten lang das außerordentlich seltene, herrlich« Naturschauspiel eines Wintergemitters. Nach dem schnellen Ende des Unwetters erscheint für einen Augenblick leuchtend und klar die späte Wintersonne am westlichen Horizont. Sie taucht die ganze, herrliche Winterlandschaft in eine purpurne, satte Farbe und überg eßt unser Gesichtsfeld mit wunderbar schonen, ruhig glühenden Lichtern.
Schnell hat sich der graue Wolkenvorhang wieder über dem herrlichen Naturschauspiel gesenkt, und langsam beginnt Frau Holle wieder ihre Betten zu schütteln. Der Oberförster berührt den Fuchs nur leicht mit der Pritsche, und schon setzt sich dieser in einen schlanken Trab. Ans der nächsten Futterstelle finden wir auffallender Weise kein Rot- und Rehwild: das ist eigenartig, denn auch auf unser Klopfen an die Futterraufe, ein sonst nie versagendes Lockmittel, zeigt sich kein Wild. Noch tauschen wir unsere Meinung über diese Erscheinung aus, ba hören wir einen Flintenschuß aus nicht allzuweiter Entfernung und gleich danach einen zweiten, dumpfen Knall aus derselben Richtung. Der Oberförster ruft mir zu: „Da sind sicher Wilddiebe am Werk, wahrscheinlich bei der letzten Fütterung!" Diese liegt nur etwa fünfhundert Meter von der russigen Grenze, und wir haben zehn Minuten Fahrt dahin. Wie der Blitz sind wir auf unserem Wägelchen, und es geht in windender Fahrt der Rich- tung zu, aus der die Schüsse kamen. Auf der Schneise, dicht bei der letzten Futterstelle fährt ein mit zwei Pferden bekannter „Panjewagen der russischen Grenze zu. Zwei Männer erkennen wir, von denen der eine vorne die Pferde zur Eile treibt, der andre hinten auf dem Wagen sitzt und anscheinend einen Sack hält. Unsere Zurufe „Halt!" und „Stoft bewirken mir, daß der Wagen schneller fährt. Wir kennen die Leute nicht doch ihr Verhakten verdächtigt sie schwer als Wilddiebe, zumal auch der gegen uns sitzende Kerl sein Gesicht geschwärzt hat. Noch nimmt es unser Fuchs auf mit den beiden kleinen, aber auch fixen Pferden. Wir bleiben dicht hinter dem Fuhrwerk vor uns, doch kommen wir in der engen Waldschneise nicht vorbei. Die Wilddiebe verhindern durch ge» chirktes Fahren das Vorfahren, so daß wir nicht vorbei können, um ihnen den Weg abzuschneiden. Die Kerle haben unsere Absicht wohl durchschaut. Weiter geht es über die Grenze, der vor uns liegende Wagen jagt im Galopp vorwärts. Trotz der „Stoj"°Rufe des Kosakenpoftens wir hinter- her. Ein Hohlweg nimmt uns auf, ein paar Kugeln von dem Grenz- poften pfeifen uns um die Ohren. Jetzt aber gewinnen mir freie Straße, und es wird möalich fein, den Wilddieben quer vor den Wogen zu kommen. Unseren Fuchs treiben wir zur höchsten Eile, und bald liegen wir mit unserem Pferd neben dem Wagen vor uns. Da wirft der rock- wärtssitzende Wilddieb unserem Fuchs einen Sack, der anscheinend Wild enthält, vor die Beine mit der Absicht, das Tier zu Fall zu bringen. Aber Pferd und Kutscher haben gut aufgepaßt. Mit eiserner Faust fuhrt der Oberförster die Zügel, und nur mit einem kleinen „Rumpler" fliegt unser Wagen über das Hindernis hinweg. Schweihbedeckt sieht unser Fuchs aus wie ein Schimmel; doch es geht um das Ganze, wir dürfen auf halbem Wege nicht haltmachen. Jetzt zeigt sich die größere Ausdauer unseres Blutpferdes, es gibt einen aufregenden Endspurt. Schließlich sind


