SietzeimZamilienblötter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang <929 Freitag, den 4.Januar Kummer l

1 o 1

\y? 1

9m Grotzstadteafe.

Von Werner Bock.

Brich aus der Dumpfheit dieser Tage, Seele, flieh!

Stumpf hocken die Herden um runde Tische

Und blase» Rauch in die Deckenlichter.

Sie denken an Geschäfte und Spart,

Nippen an ihren Gläsern und lachen wie Tier».

Seele, flieh

Zurück in die Birkenwälder deiner Jugend!

Besitz und Bildung.

Nachklänge aus meinen Weihnachtsferien.

Von Johannes v. Dietz

Dieses Jahr wollten wir wirklich wieder einmal Weihnachten und Weihnachtsferien feiern. Stach langen Jahren, in denen nur von Feiern gesprochen worden war. Eigentlich kam es uns selber überraschend, daß wir wieder so etwas wollten: eigentlich wollten nämlich nicht wir, sondern der Arzt wollte. Er erklärte, so ginge es mit mir nicht mehr lange, und von meiner Frau erklärte er, sie sei völlig erschöpft, und mit ihr ginge es auch nicht mehr lange.

Der geneigte Leier wird bereits daraus erraten haben, daß wir zum guten Mittelstand' gehören, doch es ist noch schlimmer: denn ich bin Geistesarbeiter" ...

Trotzdem sah ich ein, daß der Arzt recht hatte. So nahmen meine Frau und ich unfern Mut zusammen, das heißt in diesem Fall unsere Gelder, rechneten und überlegten einen Abend lang, rissen einen neuen, ach so notwendigen Gasherd aus dem Herzen meiner Frau und zwei neue, ach so notwendige wissenschaftliche Werke aus dem meinen und kamen zu dem Ergebnis, daß wir uns vierzehn Tage Ferienerholung leisten könnten.

Freilich hatte der Arzt dringend gemahnt:Gehen Sie zuSchmidt", nicht zuSchmidtchen", sonst haben Sie nichts davon. Gute Verpflegung muß sein, und anständige warme Räume muß es geben, wo Sie sich untertags bei schlechtem Wetter aufhalten können." Auch das sahen wir ein. Wir schrieben also an acht bis zehnSchmidt«" (nicht anSchmidt­chen"), fragten nach den Preisen, nach der Verpflegung, nach den Ge­sellschaftsräumen und kamen uns ganzvorkriegsmäßig" vor. Vor allem aber fragten wir nach ruhigen, absolut ruhigen Zimmern Aus der Fülle der Antworten das Richtige zu wählen, war nicht leicht. Ueberall gab es beste Verpflegung",komfortable Tagesräume" und hohe Preise. Schließlich brachten den Ausschlag dieabsolut ruhigen Zimmer" in einem Kurhaus mit Höhenluft. Von 7,50 bis 9,50 Mark.Nur nicht kleinlich sein", meinte meine Frau und so bestellte sie telegraphisch und kaufte mir noch ein paar schöne Sportstrümpfe: denn bas ift eine ihrer ästhetischen Schwächen: sie entsetzt sich auf jeder unserer Wanderungen über diedeutschen Münnerwaden", die uns begegnen, an deren un­förmigem Umfang man genau sechs Etagen zählen kann: Stiefelrand Unterhosenwülste, Sockenende, Hosenrand und darüber die grellfarbige Borde der Ueberstrümpfe. Frohen Mutes fuhren wir unferm Ziel ent­gegen, und als uns gegen Ende der Reise die hohen dunklen Tannen aufnahmen, der erste Schnee schimmerte und alles so feierlich schön und still um uns lag, da atmeten wir aus Herzenstiefe auf. Ach, wie wird uns die Ruhe wohl tun! Ein kleiner Mißklang war es freilich, als sich bei unserer Ankunft herausstellte, daß dieVon"-Zimmer alle besetzt seien und dieVis"-Zimmer 10 Mark kosteten stall der angekündigten 9,50 Mark. Nun, wir wollten ja nicht kleinlich fein und da sonst alles hübsch, fauber und bequem war, ließen wir uns die Stimmung nicht verderben. Zu den Fenstern grüßten der Wald und die Sonne herein, und bald waren wir draußen und freuten uns all der Herrlichkeit. Etwas weniger erbaute uns die Mittagtafel. In einem großen Speisefaal schwirrte und schwatzte und klapperte es atemberaubend von etwa hun­dert Gästen. Noch weniger wollte es mir recht gelingen, mein Wohl­wollen aufrecht zu erhalten, als ich die einzelnen Gruppen ins Auge faßte. Alle ausnahmslos in elegantestem und modernstem Sportdreß. . Daß mancher und manche sich damit zur Karikatur machte, war ja ihre eigene Sache: woher aber diese Leute in unseren heutigen Zeiten, in unserem heutigen armen Deutschland das Geld zu solcher Ausstattung nehmen, war das eigentlich auch nur ihre eigene Sache?

Die gleiche Frage drängte sich mir wieder abends auf, als alles in voller Gesellschaftstoilette zur Tafel erschien. Ich finde es sehr hübsch, ja die innere und äußere Ausspannung geradezu fördernd, auch darin aus dem Alltag heraüszutreten, daß man sich wieder mehr Zeit für feine äußere Erscheinung nimmt. Aber gut und geschmackvoll gekleidet

fein, bedeutet das denn, Abend für Abend in einer neuen Kombina­tion von Seide zu erscheinen! Ich meinte zwar, besonders teuer könnt» das nicht fein, denn die Kleider hörten unten so schnell auf und oben war auch nichts, aber meine Frau lächelte nur. Na, und wenn grauen- lächeln und nichts sagen, da sagen sie am meisten. Wer beschreibt aber unser Erstaunen, als gleich nach Tisch eine Geige zu stimmen anfing und alle Vorbereitungen zum Tanz gemacht wurden. Wir flüchteten un» in die Gesellschaftsräume, die aus einem Schreibzimmer, einer Jagd­stube und einer Diele bestanden, die Halle hieß, aber meist hall genannt wurde, mit möglichst dumpfem a, um anzudeuten, daß man des Eng­lischen mächtig fei. Aber auch in den Gefeüschaftsräumen fanden rott keine Zuflucht, denn dort wurde bereits von Männlein und Weiblein ganz kannibalisch geraucht (o weh, mtine angegriffenen Augen) und da» Grammophon spielte. Nebenan, beim Radio, war es ruhiger, aber hier wiederum konnten wir uns nicht entschließen, einen der Hörer über­zustülpen, die von Kopf zu Kopf wanderten. Was mochte da alles mit- wandern! All die alten und jungen Bubiköpfe, all die großen und kleinen Glatzen ach nein! Der Philosoph ist gewohnt, auch an bi» Folgen und die Zukunft zu denken, und so ließen wir denn den Vortrag der Londoner Heilsarmee ungehört und fliegen ziemlich kleinlaut le unser Zimmer. Nun, trösteten wir uns, frühzeitig schlafen gehört zur Er­holung, vielleicht ist es so das Beste. Kaum aber stehen wir in unserem Zimmer, da geht ein Höllenspektakel los: unter uns wird getanzt! Wahr­haftig, wir rechnen es nach, unserabsolut ruhiges Zimmer" liegt direkt über dem Saal. Die Geige quietscht, das Klavier klimpert, die Paave schleifen wir aber liegen in den Betten und schließen bei dem Lärm kein Auge. Lang nach Mitternacht erst verteilen sich die Gäste schwatzend und lachend in ihre Zimmer der erste Tag unserer Erholung war vorüber.

Natürlich hatte ich am nächsten Morgen schon eine gründliche Aus­sprache mit dem Wirt. Er bewies mir überzeugend, daß wir das ruhigst» Zimmer hätten denn die andern wären noch viel unruhiger. Uebrigens würde nur jeden zweiten Abend getanzt; die Leute kämen eben her, um sich zu amüsieren, dabei würde viel an Sekt verdient, nach ben Feiertagen sei wieder alles still. Was tun? Wieder einpacken, abreifen, etwas Neues suchen? Dabei versicherte uns das Zimmermädchen, das in fast allenKurhäusern" der weiteren Umgegend schon gedient hatte, baß es überall das gleiche fei: viel Lärm, viel Sekt, viel Tanz kurz, viel Erholung". So blieben wir mit dem festen Vorsatz, unsere heißersehnt» Ausspannung dennoch zu finden, dennalle großen Dinge geschehen trotzdem".

Von nun an versuchten wir, unter Ausschaltung aller persönlichen Gefühle und Wallungen, nur als reine Beobachter zu registrieren. (Es kam das Weihnachtsseft.Stille Nacht, heilige Nacht" unter uns schleiften die Paare, jammerte das Klavier, quiekte die Geige und tönte die große Trommel. Diese fei immer für hohe Feiertage da, er­zählte das Zimmermädchen. Es, kam Silvester. Draußen lag eine Sternen­nacht von berückender Schönheit und Majestät unter uns schleiften die Paare, wimmerte das Klavier, quiekte die Geige, tönte die groß» Trommel. Unter uns tobte die wildgewordene Masse Mensch in Papier» mützen, Papierschlangen, Sekt, Foxtrott und johlenden Schreien bis morgen vier Uhr. Am nächsten Tag schon reiften alle nach Hause, weg­geweht war plötzlich das ganze wilde Heer, die Sonne schien noch ein­mal so warm, die dunklen Tannen standen noch einmal so hehr und ber Wald war noch einmal so feierlich.

Doch wiederum sollte es nur die Ruhe vor dem Sturm sein. Untere Nebenzimmer wurden verdächtig rasch geputzt und eingeräumt richtig waren neue Gäste gekommen. Eine ganze Familie: Mann, Frau, kleines Kind und eine Nurse. Flüsternd und voll Bewunderung berichtete es das Zimmermädchen; sie hatten drei Zimmer genommen und das an­stoßende Bad der Wirt flog nur so vor Bereitwilligkeit und Ehr­furcht. Später erfuhren wir freilich, daß ber neue Gast sofort ein Arrangement" mit dem Wirt getroffen, so daß er für die einzelne Person weniger bezahlte als wir. aber trotzdem herrschte scheue Ehrfurcht im ganzen Hause, die Nurse war zu Überwältigend. Auch bestellten sich die Leute jeden Morgen zu dem überreichen Frühstück noch zwei über­volle Fleischplatten, die jedesmal glatt bewältigt wurden. Woher sonst wäre auch der Riesenumfang dieser Familienmutter gekömmen als von solchen Leistungen! Zum notleidenden Mittelstand schien sie nicht zn gehören, dafür war der Gatte auch Großhändler in Sprit. Wir konnten hier im Einzelfall beobachten, was wir während der Feiertage an ber Masse konstatiert hatten: bei Tisch nachlässige Manieren, eine Haltung, zumal der jungen Leute, als ob sie in einer Apachenkneipe zu Haufe wären, keinerlei Gedanken ober Rücksichten auf die Nebenmenschen, un­geheure Leistungen im Essen und Trinken, die uns immer wieder in Er­staunen setzten. So hörte ich die Spritfrau nach dem Mittagessen zn ihrem Gatten sagen:Ich kann kaum noch atmen!" Natürlich war der Ausspruch nicht für mich bestimmt, aber mich als Psychologen und Philo-