Ausgabe 
3.6.1929
 
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Hundert Frauen habe ich gesehen, solche, deren Leiber golden leuch­teten wie Elfenbein, andere, die heiß erglühten und solche, deren Glieder schlank und rankend waren wie die Leiber junger Pagen. Aber keine sah ich wie diese.

Da weiß ich, daß sich heute ein Sakrament begibt.

IV.

Am nächsten Nachmittag er liegt silberweiß und klar über den Tannen reiten wir zu zweit über die tiefoerschneiten Wege zum Teich und biegen gegen die bedeckten Wiesen, die sich da und dort, von einem Wald­stück durchbrochen, über den Hügel ziehen, gegen den aus dem großen Forst die Straße nach Malplaquet führt.

Als wir die dampfenden Pferde in Schritt fallen lassen und uns lang­sam über die sanften Hügelhänge ziehen, schlagen die beiden gefleckten Rüden lärmend an. Auf der Straße tauchen zwei Dragoner auf, die uns erst bemerken, als ich rufe. Ein Schreiben hoch in seiner rechten Hand haltend, sprengt der eine der beiden, ein junger Fähnrich, auf mich zu. Ich reiße den Bogen auf, der mir befiehlt, morgen um die elfte Stunde im Hauptquartier des Prinzen zu erscheinen.

Wir wenden die Pferde. Der junge Fähnrich reitet neben mir. Als wir eine kurze Weile, der Dragoner hinter uns, den Hang abwärts reiten, wendet sich das Gesicht des Reiters töte das eines Menschen, dem plötz­liches Erinnern wird, strahlend zu mir, und mit knabenhaftem Lächeln sagt er fröhlich:Auch hab ich zu vermelden, daß der Feldmarschall Euch von Herzen grüßen läßt."

Die Züge der Gräfin, die bis zu diesem Augenblicke vor Freude süßester Gedanken leuchteten, werden bei diesen Worten nachdenklich und düster. Den ganzen Abend bleiben sie so, und erst, als der Fähnrich zu lpäter Stunde, begleitet von zwei Leuten, die ich ihm gebe, abreitet, und wir allein vor dem Kamin sitzen, wird Maria wie seit der Stunde, die mir die Hand zum Schwur erhob.

Früh am Morgen sprenge ich, begleitet von meinem Leutnant, einem Wachtmeister und zwölf Kürassieren, auf der Straße nach Malplaquet. Hart schlägt mein Herz. Wird mein schwerstes Reiterstück sein, wenn ich den großen Eugenius in alleruntertänigster Devotion und schuldigem Re­spekt um den Abschied bitte. Mein Kopf wird mir wirr. Mir will ein Lied in den Sinn. Hab's irgendwo gehört und weiß nicht wo. Tausende Wiesen ziehen braun und weit gegen das ferne Dorf. Wir sprengen dahin. Horch, was schlagen die Hufe? Als wär' es das Lied: Von Caraffa Obrist, von Caraffa Obrist!

Vor dem Tor des Schlosses von Malplaquet hält auf seinem Roß der spanische Herzog, der in des Kaisers Heer die wallonischen Eisenreiter führt und des Eugenii Feldkanzlei. Tief mich vor ihm neigend, überreiche ich ihm das Papier, auf dem ich in wohlgesetzten Worten und submissest um den Abschied aus dem Heere bitte. Seine Stirne ist wild. Kalt und schwarz wie seine stählerne Rüstung fein Auge. Hart und rasch schlägt seine Hand in meine, die mich schmerzt, als wäre sie in diesen Tagen weich und zart geworden wie meine Seele.

Auf der Treppe des Schlosses dankt Marlborough, der zum Morgen­ritt geht. Ich sehe es kaum. Ein Größerer ist mir im Sinn.

In einem kleinen Saal steh ich vor ihm. Gnädig reicht er mir die Hand:Es freut mich. Euch zu sehen, Rittmeister! Geschäfte aller Art verwehrten es mir. Euch früher für die Affäre Dank zu sagen."

Tief bewegt mich sein Lob, und stockend kommen meine Worte. Kaum ertrage ich seine großen, klaren Augen, die sich staunend heben, als er von Abschied hört. Ernst schüttelt der Feldmarschall sein Haupt, gütig mahnend seine Worte:

Ueberlegt es Euch wohl, Rittmeister! Ich gebe euch acht Tage Zeit. Und noch eins der Kommandostock des Regiments Caraffa ist ledig, ich legt ihn gern in eure Hand."

Da stockt mir das Blut. Der Boden wankt und die Wände drücken wie Berge. Grinsende Fratzen werden die Bilder und der Prinz ein drohender Schatten.

Erst im Schlagen der Hufs, im Klirren des Rittes werde ich wach. Doch zitternd flattert mein Herz. In meiner Seele streiten der unglück­selige Schwur, eines Weibes Lieb und das Lied: Von Caraffa Obrist.

Ich bezwinge mich, trete unbefangen vor Maria hin und durchlebe sieben Tage, die genügten, das Leben vieler Menschen auf lange Jahre zu erfüllen. Von der Glut dieser Leidenschaft betäubt, vergißt meine Seele die Worte des Prinzen, und erst am Abend des siebenten Tages fahren meine Gedanken schreckhaft auf. Das ist, als am späten Abend die Gräfin in ihrem hohen Sessel ruht, anzusehen wie damals, als ich die Hand zum Schwur erhob, und es mir einen Augenblick lang ist, als sähen mich ihre schwarzen, großen Augen, drohend an, als kenne ein Winkel ihrer klaren Seele Haß und Rache.

In dieser Nacht ist mein Schlaf unruhig, aber tief gegen Morgen. Als wollten meine Augen den Tag nicht sehen, an dem mein freies Reiterleben enden muß. Meine Pferde sind für die neunte Stunde ge­sattelt, da ich ins Hauptquartier reiten will.

Ich hebe eben den Mund von den Lippen, denen meine Seele ver­fallen, und löse mich aus den Armen Marias, die mich bis zur Tür ihres Gemachs geleitet, als ein Signal mich aufhorchen läßt, Pferdege­trappel zu hören ist und Kommandoworte durch den stillen Morgen gellen. Ich höre das Rennen und Laufen meiner Leute und eile über die Stiegen und Gänge. Da stürzt mir der Leutnant entgegen und ruft mir atemlos zu:Der Feldmarschall!"

Als ich über die breite Treppe springe, die zwischen hochoerschneiten Statuen zum Teiche niedertaucht, steigt der Prinz eben mit großem Gefolge vom Pferde, kommt mir mit seinen raschen Schritten entgegen und ruft: ,Zch komme mir meine Antwort selber holen, Rittmeister!" Waffenklirren ringsum. Pferde stampfen und schnauben. Reiterröcke fun­keln rot, blau, braun und golden, und meine Kompagnie steht hoch zu

Verantwortlich: Dr. Hans Thtzrivt. Druck und Verlag: Brühl

Roß vor der gelben Mauer des Schlosses. Einen Augenblick lang wende! der Prinz das Haupt. Er grüßt die Standarte Caraffa, und es löst fw. der Ruf:Vivat Eugenius!"

Nun steht er vor mir. Fragend hebt er die Hand. Da schlage ich -in Und wieder der Ruf:Vivat Eugenius!"

Ich fahre wie aus einem Traume erwachend auf, als der Felbmarichall mit seinen Reitern im Walde gegen Malplaquet verschwindet. Daß voll des Lobes über meine Compagnia war und vielen Leuten Gold­stücke schenkte, weiß ich erst wieder, als mein Leutnant sich tief vor mir neigt und sein Sprüchlein beginnt:Gnädigster Obrist ...!"

Die Gräfin, die noch einmal in Schlaf versunken ist, weiß nicht, mas geschehen ist. Ich verschweige es ihr wohl. Wohl ist meine Seele dieser Frau zu eigen, die sie mir nahm und ihr die süße Zartheit wieder- schenkte, die ich fühlte, als meine Seele aus den reinen Höhen der Kind­heit in die nebelvollen Täler meines Lebens stieg. Und jener knaben­hafte Zwiespalt früher Tage ist in mir, da ich die Schauer der Er­füllung noch nicht kannte und doch die Süße junger Stunden ahnte. Wie junge Triebe sich im März neigen und nicht die Süße kennen, die der Frühling bringt.

Doch was nützt es mir viel? Wildes Blut rumort Ist doch meine Sippe seit zweihundert Jahren bei allen Raufhändeln der Welt gewesen. Ob in Ungarn, Böheirn ober Flandern, in Hispanien und Italien oder gar gegen die heidnischen Völker der neuen Welt. Reue fühle ich nicht. Kärn ein Reiter weit, wenn er alle Schwüre halten wollte, die eines Weibes Sehnen seinem Blut entlockt!--Bin wieder der Geselle in

braunem Koller und groben Stiefeln und raube mir in einer letzten Nacht, was mir nicht mehr gehört.

Und alles, was geschah, kam so.

V.

Zu früher Stunde ritt ich am nächsten Morgen an der Spitze der Compagnia Caraffa in den eisigen Tag. Bei des Prinzen Stab wurde ich ob meiner neuen Dignitäten genugsam belobt und abmirieret und erhielt bie Order, allsogleich nach Böhmen zu marschieren, wo mein Re­giment die Winterquartiere bezogen hatte.

So ritt ich in Eilmärschen durchs weiße Land. Hinter mir zwölshundert Hufe und sind bald oieltaufenb: Von Caraffa Obrist, von Caraffa Obrist!--

Haben nicht Ruhe noch Schlaf gesunden, die Bauern, Bürger und Herren vor Lärm, Gesang und Gezänk, wenn unsere Zelte vor ihren Toren lagen und meine Reiter in ihren Veiten. Die Kuttenträger hoben das Venerabile, fangen Te Deum und schwangen das Rauchfaß, wenn wir marschierten. Wir soffen den Wein dieses Jahres bei Karten und Würfeln.

Eines Morgens, an dem der Schnee unter den Eisen flirrte wie ber­stendes Glas, und der Atem der Pferde und Reiter wie eine Wolke über dem Fähnlein schwebte, jagte quer übers Feld in rasender Hast ein Reiter einher. Ein tiefer Schauer Überkam mich, als ich in ihn den alten Diener Marias erkannte, dem nur der Satan selbst die Kraft gegeben haben konnte, feine morschen Knochen noch einmal auf ein Pferd zu heben. Seine sonst fo gütigen Augen blickten kalt und verächtlich, als er mir den Brief übergab. Und ich las:Einmal will ich dich noch sehen. Weißt du, daß es meiner Seele Tod ist, wenn du von mir gehst?"

In einer Aufwallung jähen Zorns zerriß ich den Brief. Da sah mich der alte Diener so hilfeflehend an, daß mir bas Herz erstarrte, ich einen Zettel aus meinem Büchlein riß und bie Worte schrieb:Es ist vorbei, was soll das Reden!" Der Alte, der glauben mochte, daß das Schreiben gute Botschaft für seine Herrin bringe, neigte sich tief und ritt den Weg zurück, den er gekommen war.

An jenem Abend war es bas erstemal, daß ich mit Absicht so lange den Becher leerte, bis ich berauscht aufs Lager sank.

Wir waren durch Schwaben und Bayern marschiert, befanden uns feit zwei Tagen auf böhmischem Gebiet und ritten zur Feier der Neu­jahrsnacht eben auf einem Schlosse ein, als ich vor dem Torbogen eine dunkle Gestalt lehnen sah, die mich mit erloschenen und seltsam haß­erfüllten Äugen anftarrte.

Sieben Fackeln hoben sich über sie, und mein erstarrender Blick er­kannte den alten Franziscus. Sein schwarzes Gewand, fein verfallenes Antlitz sagten mir, was nun geschehen sei, noch ehe ich Marias letztes Schreiben las:ChLteau (a Rose, den 17. Dezembris 1711---

Gott fei dir und meiner armen Seele gnädig!"--

Ein schweres Fieber warf mich aufs Lager. Kranke Gedanken jagte mein Hirn. Glühende Wände bringen auf mich ein, unb rote Lohe fällt über mich.

VI.

Aus der brennenben Glut tauchen eines Pferbes Kopf und Hass unb schneiben ben abendlichen Himmel. Leiser Hufschlag pocht hinter mir. Ich wende ben Blick. Seltsames Spiel! Eben hatte ich einen scharlach­roten, spanischen Rock, ein schneeweiß seiden Kamisol, einen breiten Hut mit goldenen Borten, den ich tief vor einem großen Herrn zog. Stand nicht eben eine Frage über der Welt: Wofür?--

Zu ebenem Land senkt sich der Pfad und schwindet in grauen Dün­sten eines weiten Tals. Zwei hohe Föhren, deren Kronen von sterbender Sonne glühen, schwelen in steigenden Nebeln wie riesenhafte Leuchter, und dazwischen drohen feierliche Wolken wie ein Kreuz und sind zugleich Leib und Äntlitz einer wundersamen Frau im Rahmen eines hohen, dunklen Sessels. Mir ist, als hätte ich einmal solches erlebt und weiß nicht wo. In feuchte Gründe taucht unser Ritt. Nebel des Vergessens verlöschen das Bild. Dunkle Worte formt mein Mund: 17. Dezembris 1711 ...

Unb hinter mir im Sattel reitet bie Qual.

fche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.