-loyalisten, von MngekenSer Anhänglichkeit an die Familie, und die schweigsamsten Menschen der ganzen Welt seien.
Für die übrig bleibenden Tage wurden Mr. Bilbury und Mr. Newman, jeder von seiner besonderen Freundesgruppe, geführt und begleitet, und zwar der erste zu einer Schießgalerie in der Nähe von Vincennes, der zweite aber zu einer Schießgalerie in St. Denis. Ihre Experimente vollzogen sich demnach viele Meilen voneinander entfernt, und das war sehr gut so. Es war bemerkenswert, welch ein Strom von Studenten im Laufe der Tage hinflutete, um sich Mr. Newmans kriegerische Hebungen anzusehen. Anfangs füllten den Raum fünfzig bis sechzig Jngenieur- studenten, sowie ein paar reine Mathematiker und einige Chemiker; doch kurz vor Ende der Woche konnte mau sagen, daß so ziemlich die ganze angewandte Physik und die positiven Wissenschaften um Vincennes herumwimmelten und Mr. Newman zu genaueren und immer genaueren Treffleistungen ermunterten.
In St. Denis war die Zahl der Künstler in ähnlicher Proportion angewachsen und zu diesen schlugen sich noch vor Ende der Woche große Haufen von Dichtern, Rhetorikern und sogar bloßen Symbolisten, welch' letztere Purpurschlipse und Perücken trugen. Auch diese drängten 3R_r. Bilbury zur Steigerung seiner Fertigkeit, und zuweilen kam die Hauptperson selber ein Schaudern an, wenn sie sah, wie ein langhaariges und anscheinend untüchtiges Individuum von grünem Gesicht entsetzlich nachlässig nach der Pistole griff und eine Kerzenslamme aus riesige Distanz mit untrüglicher Sicherheit abschoß.
Als der große Tag gekommen war, wanderten den Hügel von Meu- don zwei Prozessionen von solcher Größe hinauf, daß sie ein beredtes Zeugnis für den insgeheimen Wohlstand der Republik ablegten. Der Anlaß war viel zu feierlich für einen Schlenderschritt, und zumindest zwei der Anwesenden mußten mehrmals peinlich an Leichenbegängnisse denken. Im Zusammenhang damit muß ich erwähnen, daß ein großer Sarg auf hölzerne Böcke gesetzt ward — an weithin sichtbarer Stelle des Feldes, welches jetzt von jeder Partei durch zwei gegenüberliegende Tore betreten wurde, wobei man durch eine hohe Vierecksmauer von der Umgebung völlig abgeschlossen war.
Die beiden Freundesgruppen (jede mehr als hundert Mann stark: alle in Schwarz, die meisten in Zylinderhüten) zogen sich jetzt in die entgegengesetzten Feldecken zurück, wobei trotz der Jugend der Anwesenden nicht das geringste Zeichen von Uebermut bemerkbar wurde. Die vier Sekundanten, im Frack und voll unnatürlicher Wichtigkeit, deponiert auf der Zwischenfläche einen kostbaren Lederkasten, der nach dem Oeffnen zwei völlig neue Pistolen sehen ließ, und zwar von einer solchen Länge der Läufe, wie sie selbst für Araber ungewöhnlich ist, von zivilisierten Menschen gar nicht zu reden. Diese beiden wurden im geheimen geladen und den Kobattanten eingehändigt, worauf Mr. Bilbury und Mr. Newman, welche man angewiesen hatte, die Pistolen gegen den Erdboden gerichtet zu halten, getrennt, jeder an seiner Mauer, aufgestellt wurden, während ihre Sekundanten jetzt die Distanz abschritten. Mr. Newman erinnerte sich bei diesem Anblick der Krickett-Spiele seiner teuren Heimat, während Mr. Bilbury an gar nichts denken konnte, als an einen Gassenhauer, der ihm durch den Kopf klang und ihm schweres Mißbehagen verursachte. <■
Als die Zeremonie des Abschreitens vorüber war, wurden die beiden Unglücklichen ©entfernen Gesicht gegen Gesicht aufgestellt, jedoch mit seitlicher Drehung, so daß die rechte Schulter des einen der rechten des anderen zugekehrt war. Dieses geschah, um den tödlichen Projektilen die geringste Angriffsfläche zu bieten. Und nun zog sich einer der Sekundanten, mit dem Taschentuch in der Hand, auf eine geringe Distanz zurück, um das Signal zu geben.
Cs war in diesem kritischen Moment, wo Mr. Newman und Mr. Bilbury mit gen Himmel gewandten Pistolen dastanden und auf das Fallen des Taschentuches warteten, ein jeder mit heftiger Anstrengung auf die Erregung der Sekunde konzentriert, — daß ein ungeheurer Lärm und Geschrei und Geklopfe an einem der Mauertore hörbar wurde, und drei Herren — der eine mit einer so breiten Trikolorenschärpe, wie sie weder Mr. Bilbury noch Mr. Newman je gesehen — hereineilten und der ganzen Gesellschaft im Namen des Gesetzes Einhalt geboten. So apostrophiert, kletterte die ganze Versammlung mit äußerster Geschwindigkeit über die Mauer, drängte sich durch die Tore, und verkrümelte sich, kurz gesagt, auf jede zur Verfügung stehende Weise.
Der Herr mit der Trikolorenschärpe setzte sich jedoch in größter Seelenruhe auf einen der Holzböcke, drehte den Sarg um, daß ein Tisch daraus wurde, erklärte sich für einen öffentlichen Beamten, und notierte rasch alles, was vorgefallen war. Es war interessant zu sehen, wie ge- schästsmäßig die Sekundanten Aussage machten und wie höflich die beiden Hauptpersonen von dem Herrn mit der Schärpe als distinguierte Ausländer behandelt wurden. Er schien jung, erstaunlich jung für einen öffentlichen Beamten von solcher Wichtigkeit, doch wahrte er Haltung und war offensichtlich sehr tüchtig. Als er mit feinen Notizen fertig war, erhob er sich halb militärisch, stellte Mr. Newman und Mr. Bilbury vor sich auf, und las ihnen mit großer Geschwindigkeit eine Serie gesetzlicher Bestimmungen herunter, als deren Abschluß eine Strafe von hundert Francs pro Mann figurierte, worauf der Fall erledigt war.
Mr. Bilbury und Mr. Newman waren sehr erstaunt, daß versuchter Totschlag in diesem merkwürdigen Lande relativ so wenig kostete. Sie waren noch erstaunter, zu entdecken, daß die Etikette von den beiden Kombattanten unter besagten Umständen eine herzliche Versöhnung verlangte, und endlich völlig verblüfft, als sie nach dieser Versöhnung herausfanden, daß sie Landsleute waren.
Ihre Sekundanten bestanden darauf, sie beide an diesem Abend zu einem festlichen Diner einzuladen. Und somit war der ganze Zwischenfall sehr glücklich erledigt, — wenn man von einem vorübergehenden Mißbehagen absieht, das Mr. Bilbury (und ebenso Mr. Newman) beschlich, als er den Herrn, den er erst kürzlich als dreifarbigen Beamten der Republik getroffen hatte, nun gemütlich durch das Restaurant schlendern sah, wobei er mit höchster Stimme trällerte und herzlich zu ihrer Gruppe herüberwinkte, als er jetzt hinaus auf den Boulevard trat ...
Doch sie erinnerten sich, daß in Demokratien das Amt von dem Mann unterschieden ist. Zum Glück für die Demokratien.
Berechtigte Uebersetzung aus dem Englischen von S. v. R.
Konstruktivismus als Stil.
Die Baukunst in Moskau.
Bon Jeanneret Le Corbusier, Paris.
Im folgenden bringen wir einen Bericht des berühmten Schweizer Architekten Le Corbusier über seine Eindrücke von einer Studienreise, die er auf Einladung der Sowjetregierung nach Rußland unternommen hat.
Ich hatte geglaubt, daß ich in Moskau in den Begründern des „Konstruktivismus" grundsätzliche Gegner finden würde. Diese Ansicht suhle auf der neuerlichen Haltung eines Teiles der deutschen Baumeister, der seit einiger Zeit die Nützlichkeitsprinzipien der „Neuen Sachlichkeit^ proklamiert. Die Neue Sachlichkeit ist vielleicht nicht aus dem russischen Konstruktivismus hervorgegangen, doch hat dieser durch die energische Ausräumung mit allen Begriffen der traditionellen Architektur ein neues Suchen und eine neue Begeisterung entfacht, die aus dem Anblick der Maschinen entstanden find. Die Anhänger der Neuen Sachlichkeit haben aus diesem Ereignis den Sinn für das Mechanische, das Funktionieren, die Zweckmäßigkeit gelernt, und haben mit einem Enthusiasmus der an Fanatismus grenzt, geglaubt, sie täten am besten, wenn sie die Architektur ganz einfach den Gesichtspunkten der Zweckmäßigkeit unterwürfen. Kurz, ich glaube, daß die deutsche Seele den russischen Konstruktivismus nur als Sprungbrett benutzt hat, um selbst etwas anderes zu schaffen. In heftigen Strömungen vom Pol der Sentimentalität zu dem der reinen Vernunft getrieben, erklärt die von mir bezeichnete germanische Tendenz heute: „Nur das Nützliche ist schön." Sie geht sogar noch weiter: „Das Schöne gibt es nicht. Nur das Nützliche, das Zweckmäßige hat Lebensrecht." Demgegenüber verhält es sich mit dem russischen Konstruktivismus wesentlich anders.
Ich fand in Moskau keinen Widerstreit von Geistesrichtungen, sondern nur glühende Anhänger dessen, was ich für die Grundlage allen menschlichen Werkes halte: den „großen Gedanken", der das Werk über seine einfachen Dienlichkeitsfunktionen erhebt und ihm die Poesie verleiht, die uns die Freude schenkt.
Eine solche Auffassung ist übrigens echt russisch, denn die Russen sind eminent künstlerisch. Ich habe in Moskau eine ungewöhnliche Begeisterung für Fragen der Baukunst vorgefunden. Ganze Scharen leidenschaftlich glühender, entschlossener Menschen. Leute, die unablässig an der Ausarbeitung einer neuen Baukunst arbeiten, in Gemeinschaft des Geistes und des Ideals leben und, in gegenseitiger Befruchtung, ihre charakteristischsten und gleichzeitig möglichst ihre reinsten Lösungen zu finden suchen. Rußland baut; es muß bauen. An allen Ecken des Landes, vornehmlich aber in Moskau und Leningrad, gilt es, unzählige Probleme zu bewältigen. Cs handelt sich natürlich nicht um den Bau von Palästen: Fabriken, Werkhäuser, Stauwerke, Klubs (Stätten der Geselligkeit, der Diskussion und der Studien) und endlich zahllose Mietshäuser sind vonnöten, durch die die Wohnungskrise gelöst werden muh, die in Moskau schlimmer als anderswo wütet. In Rußland zu bauen, ist ein unermeßlich großes Unterfangen, denn die Weitläufigkeit feiner Flächen und Ebenen verwirrt die Vorstellung.
So hat denn auch die russische Architektur dem Steinbau und allen traditionellen Formen, die aus ihm hervorgingen, einfach den Rücken gekehrt. Beton und Eisen teilen sich in ihre Bevorzugung. Die kühnsten Projekte beherrschen die Gedanken und werden selbst schon in den Architekturschulen geboren, wo der Unterricht ersichtlich und bewußt auf die neuesten Formeln zutreibt.
In der Praxis herrscht der Betonbau mit seiner architektonischen Aesthetik und seiner technischen Freiheit von Bessarabien bis zur Mandschurei; das Eisen ist in seiner Verwendung auf den Bau kleinerer Fabriken beschränkt; demgegenüber steht der Ueberfluß an Zement. Moskau, mit seinem Zentraljuwel, dem Kreml, ist schon von Baudenkmälern dieser neuen Richtung durchsetzt; das Haus Senins liegt dem Rathause gegenüber; das Haus der „Jstvestija", der „Gostork" (Markthalle), die großen Kaufhäuser sind weitere Zeugen; wenn man die Stadt, deren Straßen mit lockeren Kieseln schrecklich gepflastert sind, in einer Renaultautodroschke — ihre Gesamtzahl übersteigt nicht dreihundert — oder in einem unbeschreiblichen „Jsvotschick" durchquert hat, so hat man im Verlaufe der Straßen weitläufige Bauten aus dunklem Beton bemerkt, die ganz mit strahlenden Spiegelscheiben illuminiert schienen.
In den Vorstädten werden Fabriken, Werkstätten und Elektrizitätsanlagen gebaut. In diesen Gebäuden wird eine Vereinigung der rationellsten Lösungen mit der neuartigsten Form gesucht, denn der leitende Entschluß ist, m o d e r n z u sein. Hier, wie in allen anderen Gegenden des unermeßlichen Territoriums der U. S. R. werden auch Klubs gebaut.
Die Regierung, die sich gezwungen sieht, in Entfernungen bis zu vierzehn Schnellzugtagen Verwaltungsgebäude zu errichten, macht diese jedesmal zum Gegenstände eines Wettbewerbes unter den Architekten. So kommt es, daß man in den entferntesten Gegenden, ganz nahe selbst an der chinesischen Grenze mit Ueberraschung Verwaltungsgebäude entdecken kann, deren Stil mit den modernsten Bauten in westeuropäischen Weltstädten übereinftimmt.
Rußland hat die Architekturbewegung geschaffen, die man mit „Konstruktivismus" bezeichnet. Mit diesem Wort sollte zum Ausdruck gebrachi werden, daß eine neue Epoche — die der Maschine, — daß neues Material — Beton und Eisen — daß endlich völlig neue Probleme — Fabriken, Arbeits- und Geschäftsräume und öffentliche Bauten — einen völlig neuen Ausdruck geböten, der bisher ungeahnten Organismen zu ent« sprechen hätte. .
Die Begründer der Bewegung des „Konstruktivismus" ist Alexanoe Vesnine, der Präsident der Bereinigung moderner Architekten, em hochherziger Mann voll künstlerischer Leidenschaft. Er gibt in der tinyi


