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Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
Jahrgang My Montag, den 3. Juni Nummer^
Tante Qualle und der Elefant.
Von Joachim Ringeln atz.
Die Tante Qualle schwamm zum Strand. Es liebte sie ein Elefant mit Namen Hildebrand genannt. Der wartete am Meeresstrand mit einem Sträußchen in der Hand. Das übergab er ihr galant, und bat um Tante Emailens Hand. Da knüpften sie ein Eheband.
Der Doktor Storch, der abseits stand, der dachte: „Armer Hildebrand!" Worauf er weiterging und lachte.
Warum der Storch wohl so was dachte?
Das Duell.
Von Hilaire B e 11 o c.
Im Jahre des Heils 1895 lebte in der Stadt Paris auf Kosten seiner Eltern ein junger englischer Gentleman namens Bilbury; und wenn sein Name auch anders lautete, so kam er diesem doch so nahe, daß es nichts ausmacht. Er sprach sehr gut französisch und besaß für sein Alter von 24 Jahren eine sehr beträchtliche Vertrautheit mit französischen Sitten und Gebräuchen. Unter den Studenten seines Verkehrs war er durchaus beliebt, und er fetzte feinen Ehrgeiz darein, nicht als Ausländer bei den zahlreichen Gelegenheiten aufzufallen, wo französisches Leben mit englischem einigermaßen kontrastiert. Ja, dieses warb bei ihm zu einer Art Manie, denn wenn er auch ziemlich patriotisch wurde, sobald englische Geschichte und englische Gebräuche herausgefordert schienen, so machte es ihn doch unerträglich nervös, sich als Ausnahme ober gar als Exzentrik in jener Stadt zu fühlen, wo er lebte. Und eben daher kam es, daß er ein Duell ausfocht.
Denn es traf sich, daß in der Stadt Paris zur selben Zeit ein anderer Gentleman wohnte, dessen Name Newman lautete. Ebenfalls jung, ebenfalls Engländer, war Mr. Newman von Beruf Ingenieur, während Mr. Bilbury Maler war. Und während Mr. Bilbury halbe Tage im Atelier eines Meisters zubrachte, den er (zugleich mit anderen Studenten) tief verachtete, war Mr. Newman unausgesetzt mit Billardjpielen beschäftigt, und zwar wiederum in Gesellschaft seiner studentischen Fachkollegen von der Universität. Während also Mr. Bilbury zwölf Stunden täglich darauf verwandte, ein Bild einem Ding gleichschauen zu machen, wenn man nur möglichst weit davon entfernt stand (was nämlich der Zweck und das Ziel seiner Schule in Paris war), hatte Mr. Newman bereits die Kunst gelernt, einen Billardball nach dem Anprallen an feinen Nachbarn direkt zum Queue zurücklaufen zu lassen. Mr. Bilbury hatte mit den anderen Studenten im Chor Lieder fingen gelernt, die sich durchaus nicht auf Malerei bezogen; Mr. Newman hingegen hatte jene Gesänge gelernt, die den Jngenieursstudenten eigentümlich waren, wiewohl sie keineswegs etwa angewandte Physik zum Thema hatten. Mit einem Wort: die beiden jungen ©entfernen waren einander nie begegnet.
Doch eines Tages traf Mr. Bilbury, der mit drei Freunden Arm in Arm zum Flusse hinspazierte, auf dem Trottoir der Rue Bonaparte den Mr. Newman in einer sehr ähnlichen Situation, nur daß dieser von einer weit größeren Leibwache begleitet war. Es mußte für jeden, der mit dem Temperament der Pariser Studenten wenig vertraut ist, erstaunlich sein (und in der Tat, es war sowohl für Mr.Newman als für Mr.Bilbury erstaunlich, obwohl sie bereits Monate mit den Bewohnern dieses seltsamsten aller Punkte des Universums gelebt hatten), — zu sehen, wie jener bedeutungslose Umstand sogleich einen Gegensatz hervorrief, der seinerseits bald in einen regulären Krach ausartete. Jede Partei lehnte es grundsätzlich ab, der anderen den Weg freizugeben, und die Mitglieder einer jeden begannen die von der anderen mit Tieren jeglicher Art, rote Schwein, Kuh, und sogar mit gewissen Bewohnern der Meerestiese zu vergleichen.
Mitten in diesem Lärm rief Mr. Bilbury, um in dem kraftvollen Wettstreit der Jugend nicht nachzustehen, dem Mr. Newman (welcher für ihn ebensogut ein russischer Revolutionär, wie ein Mann aus St. Cyr [ein konnte) ein Epitheton zu, dem er in der zeitgenössischen Literatur der Hauptstadt begegnet war, und von welchem er annahm, daß es in allgemein üblichem Austausch unter den frohen Seelen der Universität sti- Zu seinem Erstaunen — nein, seiner Bestürzung — folgte eine Totenstille auf den Gebrauch dieses einigermaßen vulgären und gewohn- ichen Wortes. Mr. Newman, an den es gerichtet, war nicht gerade tn Unkenntnis über dessen Sinn (denn es bedeutet nichts im besonderen und zwar aggressiv), jedoch ehrlich erstaunt über den Ernst seiner Kameraden, als das kleine Epitheton jetzt gefallen war. Mit einem Staunen,
das jenes von Mr. Bilbury weit übertraf, sah er seine Begleiter eine steife Haltung einnehmen, ihre riesigen Filzhüte mit weiten Gesten vom Kopfe lüften, und starr wie Lineale mit ihm zusammen abmarschieren, wobei sie die Bilbury-Gruppe in einem feierlichen Zustande zurückließen, — dem Zustande von Männern, die eine Pflicht zu erfüllen haben.
Diese Pflicht war sehr bald erfüllt. Der älteste und verantwortungsbewußteste seiner drei Kameraden teilte Bilbury sehr freundlich aber fest mit, daß die soeben erlebte Szene keinen anderen Ausweg als nur einen zulasse.
„Ich mach' dir keine Vorwürfe, lieber John," sagte er sanft (Mr. Bil- burys Vorname mar John), „aber du weißt, daß es hier bloß einen Ausweg gibt."
Unterdessen brachen Mr. Newmans Freunde, nachdem sie ihre strenge und stolze Parade fast über die ganze Länge der Rue Bonaparte ausgedehnt hat, beinah gleichzeitig ihr Schweigen und sagten: „Es ist schändlich und du wirst es nicht dulden!" Worauf Mr. Newman die Versicherung gab, daß er keineswegs gesonnen sei, der Würde der Situation auch nur das Geringste zu vergeben.
Mehr als dieses wußten weder Mr. Bilbury noch Mr. Newman, doch gingen beide an diesem Abend viel später schlafen, als jeder von ihnen beabsichtigte. Auch fühlte jeder in sich etwas von dem, was Ruth gefühlt hat, als sie zwischen den fremden Kornähren stand — ober doch Aehnliches.
Doch am nächsten Morgen erwachte jeder mit dem Bewußtsein, daß er irgendein gräßliches Geschäft auf dem Hals habe, mit irgendeinem Esel von Ausländer, der plötzlich aufgeregt gewesen — ober, genauer, plötzlich aufgehört hatte, aufgeregt zu sein — unb zwar aus völlig un= verstänblichen Grünben an einem bestimmten Punkte einer lebhaften Konversation. Beide, Mr. Newman unb Mr. Bilbury, waren also in ber geschilderten Geistesverfassung, als in Mr. Newmans Zimmer in ber Rue des Ecoles (welches er sich nur mit Schwierigkeiten leisten konnte) zwei feiner Freunde vorn Abend vorher eintraten unb ihm sehr einfach und schnell sagten, daß sie es am besten fänden, als seine Sekundanten zu fungieren, da die übrigen sie beide als geeignet ausgewählt hätten. Auf bas hin murmelte Mr. Newman feine Zustimmung unb wollte soeben angstvoll fragen, ob er sie bald Wiedersehen würbe, als sie mit ungewohnter Feierlichkeit sich beide zugleich nach einem steifen Rituale verbeugten unb sofort verschwanden.
Unterdessen spielte sich eine ähnliche Szene in Mr. Bilburys Vierten- stock-Zimmerchen ab; doch da er besser mit den Universitätsgebräuchen vertraut war, entlieh er feine Kameraden mit einem kleinen, schwungvollen Speech unb harrte ber weiteren Entwicklung ber Dinge.
Noch vor dem Frühstück wurde die Sache in die Wege geleitet und Mr. Newman, der in ziemlich trüber Verfassung auf die Rückkehr feiner Freunde wartete, bereits um zwölf Uhr davon benachrichtigt, daß alles festgelegt unb in Drbnung fei. Was kommen mußte, hatte am Ende der Woche oben in Meubon stattzufinden, auf einem Felde, das dem Onkel eines feiner Freunde gehörte. „Dort haben wir die meiste Aussicht, ungestört zu bleiben," sagte der Freund, „unb können die Affäre befriebi- genb durchführen." Dann setzte er hinzu: „Es ist von einer hohen Mauer umgeben."
„Ader," unterbrach ihn bann der Sekundant, „da wir Pistolen gewählt haben, wirb das nicht gut tun, weil bann der Knall zu hören ist.
„Nein," erwiderte der erste nonchalant, „mein Onkel unterhält einen Schießstand, unb ben Nachbarn wirb bas Geräusch gewohnt genug sein. Du hattest," erläuterte er höflich, zu Mr. Newman gewandt, „als beleidigter Teil die Wahl der Waffen, unb wir haben natürlich Pistolen gewählt."
„Natürlich", sagte Mr. Newman, der nicht die Absicht hatte, sich wegen solcher Kleinigkeiten zu blamieren.
„Die Gegensekundanten," fuhr Mr. Newmans Freund aufgeregt fort, „verlangten Degen, doch wir sagten ihnen, baß du nicht fechten kannst; übrigens kommt bei Amateuren nie was Vernünftiges mit Degen heraus. Unb bann," setzte er träumerisch hinzu, „bist bu geliefert, falls der andere Mann tatsächlich gut ist, während man mit Pistolen immer eine Chance hat."
Dem Mr. Bilbury, ber gleicherweise in recht trüber Seelenstimmung auf bie Mittagszeit wartete, wurde dieselbe Geschichte erzählt, unb zwar mutatis mutanais, wie man in dem, was auf ber Universität von der klassischen Schule übrigblieb, zu sagen pflegt. Sein Gegner habe Pistolen gewählt. „Und bu weißt," setzte einer von Bilburys Studenten herzlich hinzu, „er hatte das Recht ber Wahl, da er ja faktisch ber beleidigte Teil ist. Uebrigens sind Pistolen immer besser, wenn bie Leute sich nicht genauer kennen." . . t ,
Der andere Sekundant stimmte voll zu unb war der ausdrücklichen Meinung, daß Degen nur für intime Freunde ober Politiker in Betracht kämen. Sie erwähnten auch bas Felb bei Meubon, nur daß es in ihrer Schilderung ber uralte Feudalbesitz eines ber Ihren wurde, wobei sie mit besonderer Sorgfalt auseinandersetzten, baß bie Nachbarn sämtlich


