Kinder des Volks.

Bon Alfred B o ct.

(Fortsetzung.)

Die Belloffeir wollte nicht mit der Sprache heraus. Da schickte Voll- Hardt den Buben fort und wiederholte seine Frage eindringlich. Nun packte sie aus und erzählte umständlich, was sich mit der Lene Launsbach und dem 'Notarschreiber zugetragen. Sie habe die Lene in ihr Herz ge­schlossen. Die sei treu wie Gold. Habe sie sich von dem Lumpes auch überstülpen lassen, sei sie doch tausendmal besser wie andere, die mit ihrer Ehrbarkeit die Backen voll nähmen, insgeheim aber grundver­dorben seien. Das sei das Schöne bei der Lene, daß kein Arg und kein Falsch an ihr sei, daß man durch sie durchgucken könne. Kaum aus dem Spital entlassen, habe sie sich mit dem Schollas auseinandergesetzt. Das Geld, das er ihr angeboten, habe sie zurückgewiesen. Das Ende vom Liede sei, daß der schlechte Kerl die Stadlern heirate. Das saubere Pärchen sei schon verkündigt. Run sitze die Lene wie tiefsinnig da, gehe keinen Schritt mehr in die Fabrik. Wenn sie sich nur kein Leid antue. Das Mädchen daure sie unbeschreiblich. All ihr Sprechen sei vergebens. Was nun? Da sei's heut nacht wie eine Erleuchtung über sie gekominen: wenn der Herr Lehrer der Lene einmal zureden möchte. Er habe die rechte Art, so ein arm Geschöpf wieder aufzurichten. Gott werde ihm die Guttat lohnen.

Vvllhardt war der Erzählung der Alten mit Teilnahme gefolgt. Da sie von ihrer nächtlichen Eingebung sprach, konnte er sich eines Lächelns nicht erwehren. In mancherlei Fällen war seine Vermittlung angerufen worden, in so delikater Sache hatte noch niemand seinen Beistand begehrt.

Frau Belloff," sagte er, den blonden Vollbart streichend,Sie sind eine gute Seele. Und daß Sie Ihr Mitleid an keine Unwürdige ver­schwenden, weiß ich. Aber bedenken Sie eins. Das Unglück ist über das Mädchen hsreingebrochen. Da begreife ich ihren Gemütszustand. Wäre ihr Gebaren anders, würfe es ein sonderbares Licht auf ihren Charakter. Und nun bitte ich Sie, was soll mein Zuspruch der Aermsten nützen? Das Beste muh die Zeit hier tun. Und dann der Gedanke an das Kind, der muß ihr in die Höhe helfen."

Die Belloffen ließ nicht locker. Sie habe sich's nun einmal in den Kopf gesetzt, daß der Herr Lehrer ihrem Schützling Mut zuspreche. Er solle ihre Hoffnung nicht zuschanden machen.

Vollhardt lachte.

Ja, wenn Ihnen ein Gefallen damit geschieht, will ich mit dem Müd- chen sprechen. Aber wo und wann?"

Dadesür lassen Sie mich nur sorgen", schmunzelte die Alte und humpelte fort ...

Am anderen Morgen lag die Belloffen wimmernd in ihrem Bett. Die verwünschte Gicht! Lene schleppte warme Krüge herbei. Nun ließen die Schmerzen etwas nach, allein an Aufstehen war nicht zu denken. Die Alte lamentierte, sie dürfe den Lehrer nicht im Stich lassen. Wenn der nicht seine Ordnung habe, sei ihm der ganze Tag verdorben. Da erbot sich die Lene, einzuspringen und machte sich alsbald auf den Weg.

Vollhardt hatte seine Lauffrau längst erwartet, als deren Stellver­treterin kam. Lenes junge; flinke Hände hatten die Arbeit bald getan. Da sie wieder gehen wollte, rief sie der Lehrer in sein Zimmer. Das Un­glück hatte ihre Züge veredelt, ihre Augen mit einem traurigen Ausdruck waren wie in die Ferne gerichtet.

Der Lehrer bat sie, Platz zu nehmen und fragte, wie es der Frau Belloff gehe.

Sie hat wieder ihr Gliederreißen," sagte Lene;'s mkß arg sein, sonst wär' sie nicht liegengeblieben. Sie hat erst partout hergewollt."

Vollhardt nlckte.

Ja, sie ruht nicht. Wie oft hab' ich ihr vorgestellt, daß sie den Lauf- dienst bei mir aufgeben sollt', schon der bösen Treppen wegen. Dann lacht sie und spricht:Sie werden mich nicht los, Herr Lehrer." Mir ist's ja recht, aber alles hat seine Grenzen. Sie mutet ihren Jahren zuviel zu. Run hat sie wieder neue Pflichten übernommen."

Lene senkte den Kopf und schwieg. Vollhardt fuhr nach einer Pause fori:

Sie müssen nicht glauben, daß sie sich darüber beschwert. Bei mir spricht sie sich offen aus. Daher weiß ich's Lene so heißen Sie doch? sie ist Ihrem Kind herzlich zugetan. Und Ihnen auch. Nur in der letzten Zeit hat sie sich gegrämt, weil Sie den Kops verloren hätten."

O nein, Herr Lehrer, den hab' ich noch," versetzte Lene wehmütig, aber wüst genug sieht's darin aus."

Vollhardt erhob sich und sagte herzlich:

Ich kann mich in Ihre Lage versetzen, Lene! Die Vertrauensseligsten müssen das Bitterste kosten. Hab' auch in meinem Leben mancherlei ver­schluckt. 's ist beim einen wie beim andern. Arglos geht man seinen Weg und meint, die Sonne scheint immerzu, lieber die Einfalt! Da trisft's einen, grausam hart. Womöglich unter den Leuten, vor denen man's ver­bergen will. Man taumelt heim. In seinen vier Wänden kann man sich frei der Kümmernis überlassen. Aber jetzt die Nacht, die schreckliche Nacht. Man meint, die Wett müßt' aus den Fugen gehen. Und die Stunden schleichen, Marterstunden. Dann wird's Tag. Du guckst mit brennenden Augen aus dem Fenster. Kein Stein, denkst, ist auf dem andern ge­blieben; alles ist tot und verloschen. Ja, was ist das? Da raucht der Nachbar gemütlich sein Pfeifchen. Im Kramladen feilschen sie, ganz laut. Kaust Kienholz, kauft!" dringt's von der Straße herauf. Die Welt steht und geht wie sonst, du bist allein mit deinem Harm. Und siehst, daß sich's in allen Ecken regt. Und schlägst mit dem heißen Kopf an die Scheiben, 's kann ja nicht fein. Und 's ist doch so. Und sträubst dich mit Macht. Am End' regst du dich selber wieder. Und sprichst: Ertrag's und schaff', so kommst du am ehesten drüber weg."

Sie blickte verwundert zu ihm auf. War sie denn hier beim Pfarrer? Nein, beim Lehrer. Ja, der gab's schöner von sich wie der Pfarrer. Und Deranlworilich: Dr. HanS Thyriot.

hatte ihn niemand dazu kommandiert. Tat's freiwillig aus gutem Herze». Nun fiel's ihr ein, wie die Belloffen ihn gerühmt.

Herr Lehrer," sprach sie ohne Scheu,ich geh' jetzt sieben Jahr' 1» die Fabrik. Eh' daß das Karlchen kommen ist, hab' ich keine Stund' ge­fehlt. Ich weiß wohl, ohne Arbeit kann niemand bestehen auf der Welt. Und ich arbeit' gern. Seit dem Unglückstag bei der Stadlern liegt mir'; gerad wie Blei in den Gliedern. Und ich dormel' so hin. Wann das st fortging', meint die Belloffen, müßt' ich wieder hinauf ins Spital. WnZ sollt' ich da? Was mir fehlt, dadegegen verschreibt der Herr Medizinalrai nix. Das ist schrecklich, Herr Lehrer, daß man das Schwerste allein vor- würgen muß. Die Belloffen ist ja herzensgut, und ich dank' Gott, daß das Karlchen bei ihr ist. Dessentwegen ist's nicht bös gemeint, wann ich sag': 's ist doch meine Mutter nicht. Ja, wie die war! Hott' ich was auf dem Herz, gleich sah sie mir's an. Und frug: Lene, wo drückt's? Da mußj's herunter. Und 's war mir leicht. Gucken Sie, Herr Lehrer, als jung' Ding denkt man nicht weit. Die Mannsleut' äugeln um ein' herum, und man lustiert sich dabei. Freilich hat sie acht gegeben. Besser bedacht, als be­klagt, war ihr Spruch. Jetzt in den Schollas war sie wie vernüttert. Dee könnt' sprechen, was er wollt', sie nahm's auf Treu und Glauben hin. Hott' er dazumal um mich angeholten, die Slutter wär' ach! wie froh gewesen. Wüßt sie's, wie der mir mitgespielt hat, sie töt sich im Grab herumdreh'n."

Sie preßte die Hand auf ihr Herz, und Tränen füllten ihre Magen. Vollhordts Blicke ruhten voll Mitgefühl ous ihrem verhärmten Gesicht. Es müsse ihr doch eine Beruhigung sein, sagte er sanft, daß ihrer Mutter auf ihre alten Tage der Kummer erspart geblieben sei. Wenn sie sich zusammennehme, werde sie auch die Kraft finden, durchzukiimpien, was ihr auferlegt sei. Hernach werde sie sich stärker fühlen denn je. Wer einen festen Willen in sich trage, den schlage so leicht kein Unglück zn Boden. Gar manch einen bring' es erst recht in die Höhe.

Sie hörte ihm nachdenklich zu. In seiner Stimme lag etwas, das zu Herzen ging. Wie eine schöne Predigt kom's von seinen Lippen. Stunden­lang hält' sie so stehen und lauschen können.

Er erriet ihre Gedanken, und die Empfindung, daß sie ihn verstand, lieh seinen Worten wachsende Wärme.

Ich weiß es von der Frau Belloff, Lene, Sie haben ein liebes Kind. Da frag ich mit dem Evangelisten: Was will aus dem Kindlein werden? Das ist ein Schatz, den Sie hüten müssen. Dem Kind zulieb raffen Sie sich auf. Gehen Sie wieder an Ihre Arbeit. Der Bub wird mit jeden; Tag älter; Sie sind fein Stecken und Stab. Wie lang' wird's dauern, und er kommt in die Schule zu mir. Ich hab's oft erlebt, daß just so ein Kind sich vorwärts bringt. Und wenn Sie erst Freude an ihm erleben, sind Sie tausendfach belohnt!"

Dankbar ergriff sie seine Hand. So hatte noch nie einVornehmer" zu ihr gesprochen. Du lieber Gott, stieg einer von denen herab, roar's nur, wenn man sich alles gefallen ließ. Dem Vollhardt sah man's an, der hatte keinen schlechten Gedanken, dem durfte man vertrauen. Sie lieh sich sonst von niemand raten; dem Lehrer war sie entschlossen zu folgen.

Herr Lehrer," sagte sie mit Festigkeit,ich mein jetzt auch, ich müßi's verwinden. Alleweil hab' ich mir's vorgenommen, morgen geh' ich wieder in die Fabrik."

4.

Der Bürgermeister des Städtchens, der zugleich das Amt des Standes­beamten versah, sprach mit Stentorstimme:

Kraft des Gesetzes erkläre ich Sie nunmehr für rechtmäßig ver­bundene Eheleute."

Darauf wurden Oie Unterschriften vollzogen. Die Stadlern schrieb in einer jungfräulichen Anwandlung versehentlich ihren Mädchennamen. Während der Buckelmüller und der Schuster Reining als Zeugen ihre Namen kritzelten, übergab Herr Schollas dem Stadtschreiber ein Fami- lienstammbüch, damit der Trauungsakt noch einmal besonders zu Papier gebracht werde, lieber das verschrumpfte Gesicht des Beamten flog ein boshaftes Lächeln, und der Bürgermeister konnte sich nicht entbrechen, mit einem bedeutungsvollen Blick auf die Stadlern zu sagen:Wünsche viel Glück, Herr Schollas!"

Vor der Bürgermeisterei hielt eine altertümliche Chaise; darin nahm das junge Paar nebst den Zeugen Platz. Der Lohnkutscher Christ, der immer ein wenig benebelt war, hieb auf seine mageren Gäule los und fort ging's in die Kirche. Dort hatte sich die Hochzeitsgesellschaft bereits versammelt. Von Frankenhain war Schollas, der Vater, ein alter Man» mit Silberlocken, und feine Frau, eine würdige Matrone, herübergekom- men. Das waren kleine Leute, die sich in ihrem Marktflecken mit einem Gewürzkrämchen kümmerlich durchschlugen. Jetzt hofften sie sehnlichst, das! von der guten Partie ihres Sohnes für sie etwas abfallen werde. Die Familie der Braut war durch eine korpulente Tante aus dem Branden­burgischen vertreten. Beinahe vollzählig hatten sich die alten »Verehrer der Stadlern eingesunden. Einer der eifrigsten, der Buckelmüller, Ham' sogar seine Frau vermocht, an der Feier teilzunehmen. Unter den Hoch- zeitsgästen bewegte sich würdevoll ein Mann in mittleren Jahren, et trug einen Frack im Schnitt des achtzehnten Jahrhunderts und Bein­kleider von gelblich grauer Farbe. Sein langes, schwarzes Haar hatte er nach Künstlerart zurückgestrichen. Aus dem glattrasierten Gesicht traten ein paar große, wasserblaue Äugen hervor. Es war der Zahntechniker- Herr Wollenweber. Er hatte sich erst nach einigem Zögern entzchlohen, der Witfrau Einladung zu folgen. Einmal zerstreute er seine Bedenke» war er noch unverheiratet und konnte als Junggeselle etwas waaen- bann war die Stadlern seine gute Kundin, endlich hielt er sich als meinderatskandidat für verpflichtet, beizeiten die Kunst der Rede zu uuei. Dazu bot sich auf einer Hochzeit die paffende Gelegenheit. Nahe « Altar auf der ersten Bank nahm das Ehepaar Palmer Platz. Herr p» mer war ehemals als Vikar im Städtchen bestallt, hatte sich iedoch o ^ zugsweise in der Kirche aufgehalten, wo man mit den Gläsern zusamm läutet. (Fortsetzung sotzU,

-Druck und Derlag: Brützl'sche Universitärr-Buch- und Steindruckerei, D. Lange, Gieße"-