stark zu beobachten ist. Aus dieser Zeit, aus dem Jahre 1874, stammt die „Soge", ein Bild, das die Sammlung Durand Ruel in Paris besitzt. Und dann die „Moulin de la Gallette" im Mus6e du Louxembourg von 1876, das die große Lebendigkeit Renoirscher Darstellung besitzt. Menschen im Freien, ein besonders beliebtes Renoirsches Motiv. Nicht übergangen werden darf das Bild, benannt die „Großen Boulevards", die große Menschenmasse ohne Einzelheiten, in dieser Massigkeit besonders wirkungsvoll, und das Gemälde mit dem überlebensgroßen Mädchen, genannt „La Source".
Betrachtet inan zusammenfassend Renoirs Stellung zu seinen Zeitgenossen, so muß man feststellen, daß er wie kaum ein anderer Künstler im tiefsten Grunde eigene Wege ging. Man hat sich daran gewöhnt, den Kreis von Fointainebleau als den der Impressionisten zu bezeichnen. Zwischen ihm und Renoir bestanden nur rein persönliche Bindungen, künstlerisch hatten die Delacroix, Manet, Corot fast gar nichts mit August Renoir gemein. Dazu waren vor allen Dingen die Temperamente zu verschieden. Renoir in fast stoischer Ruhe und Gelassenheit vereinfacht die Dinge, die die anderen Meister um ihn herum zu komplizieren suchen. Renoir gibt einen Frauenakt ohne szenisches Beiwerk als einfache Handlung, für sich sprechend. Delacroix — um ein Beispiel herauszugreifen — bereichert die Situation. Beide, Renoir und Delacroix, schulen sich an der Vergangenheit, in diesem Falle an Rubens, aber wie verschieden ist die Methode! Die Gewalt Rubenscher Dekorationen, äußerlich kenntlich durch das Riesenformat der Gemälde, zwängt Delacroix in den Bau des Staffeleibildes! Er rückt darin äußerlich von Rubens fort, innerlich jedoch bereichert er den großen Flamen, indem er eine Farbigkeit sprechen läßt, die sich mit der monumentalen Komposition nicht verträgt. Wer die zarte Farbigkeit, mit der Renoir das Jncarnat seiner Frauen malte, in sich aufgenommen hat, wird diesen Unterschied ermessen können. Es ist ein seines Wort, das Julius Meier-Gräfe einmal von Renoirs Kunst gesprochen. hat: „Was sich verschoben hat, ist die subjektive Sinnlichkeit. Ein höherer Begriff des Sinnlichen geht aus der Medea im Vergleich zur lachenden Schönheit einer Helene Fourment hervor; ein anderer — ob höherer Begriff, können wir nicht entscheiden — ans den reichsten Werken des Modernen."
August Renoir starb in Cagnes am 17. Dezember 1919. Aus einem Brief, den einer feiner Söhne an den besonderen Gönner Renoirs und eifrigsten Sammler seiner Werke schrieb und den des Meisters Biograph Ambrois« Vollard in seinem Buch veröffentlicht, wissen wir dies. Trotzdem begeht man in Deutschland den Todestag des großen Meisters aus unbekannten Gründen schon vierzehn Tage früher, am 3. Dezember. Wie dem auch sei — man braucht sich nicht an bestimmte Tage zu halten, um einem großen Künstler, einem wahrhaften Menschenschilderer, einem ringenden Genie, einen Totengesang zu singen.
Attersrekorde.
Bon Graf Carl v. K l i n ck o w st r o e m.
Kürzlich starb an den Folgen eines Autounfalls der „älteste Mann der Welt", der Türke Zaro Aga, im Alter von (angeblich) 147 Jahren, zu Konstantinopel. Wie das blinde Schicksal es oftmals will: Zaro Aga war als einzig dastehendes Phänomen von einer amerikanischen Filmgesellschaft engagiert worden und sollte sich nach Amerika einschifsen. Auf der Fahrt zum Hafen stieß seine Autodroschke mit einem anderen Gefährt zusammen, und Zaro Aga wurde herausgeschleudert. Obwohl seine Verletzungen nur leichter Natur waren, starb er im Krankenhause, vermutlich infolge des erlittenen Schocks.
Ob sein Alter als gesichert gelten kann? Zu beweisen ist es wohl nicht. Als er im Jahre 1921, in Erfüllung eines 120 Jahre alten Wunsches (den er faßte, als er zum erstenmal von Napoleon vernahm), Paris besuchte, da soll in seinem Reisepaß sogar das Jahr 1775 als das seiner Geburt verzeichnet gewesen sein. Und der Photograph, der den türkischen »alem 1927 in Konstantinopel interviewte, behauptet, daß seine
; hinsichtlich des Alters durch das erstaunliche Gedächtnis Zaro Agas bald in die Luft geschlagen worden seien. Immerhin fehlt der strikte Beweis, wenn auch alles dafür zu sprechen scheint, daß der alte Herr die äußerste Altersgrenze von 110 Jahren, die die Mediziner neuerdings dem Menschen trotz Shaw nur zuzubilligen geneigt sind, weit überschritten haben muß.
Wir kennen zahlreiche Beispiele von Leuten, die noch weit älter geworden sein sollen als Zaro Aga. Allerdings find hier Zweifel noch mit mehr Recht am Platze. Wir wollen von Peter Czartan, der 185 Jahre alt wurde (1539—1724) und von Louise T r u x o, die 1782 im Alter von 175 Jahren starb, nicht weiter sprechen. Ludwig Büchner erzählt in seinem „Buch vom langen Leben" von einem 180jährigen Greise, von dem im Jahre 1878 Dr. Louis Hernandez gelegentlich einer Aerzte- versammlung zu Bogota berichtet hat und der damals noch am Leben war: Miquel Solis, ein mischblütiger Landwirt aus der Gegend der Sierra Mesilla. Einige der ältesten Angesessenen jener Gegend versicherten dem Dr. Hernandez, sie erinnerten sich aus ihrer Kindheit des Greises Solis, der damals schon als Hundertjähriger gegolten habe. Seine Unterschrift zum Bau des 1712 gestifteten Franziskanerklosters bei San Sebastian, zu dem Miquel Solis beisteuerte, wurde von ihm beglaubigt.
Der älteste Mann, von dem H u f e l a n d in seiner bekannten Schrift „Sie Kunst, das menschliche Leben zu verlängere, zu berichten weiß, ist Josef ©urrington, der im September 1797 bei Bergen in Norwegen im 160. Jahre seines Lebens starb. Er war mehrmals verheiratet und Unterließ eine junge Witwe und mehrere Kinder. Sein ältester Sohn war damals 103 Jähre alt, fein jüngster neun.
Bemerkenswert ist auch die Geschichte von Thomas P a r r, geboren zu Shropshire im Jahre 1483, gestorben im November 1635, 152 Jahre alt. Parr war ein arbeitsamer Bauer, der mäßig lebte. Etwa in seinem 120. Jahre trat er in seine zweite Ehe mit einer Witwe, welche versicherte, sie habe ihm in den zwölf Jahren, die fie mit ihm zusammen-
tebte, niemals sein Mer angemerkt. Erst einige Zeit vor feinem Tode ließen seine Augen und fein Gedächtnis nach, Gehör und Verstand blieben jedoch bis zuletzt intakt. Als er 152 Jahre alt zählte, erregte fein hohes Alter in London Aufsehen, und der König ließ ihn dorthin kommen. Hier wurde Parr in der Hofküche verpflegt, was dem an einfache und reizlose Kost gewöhnten alten Manne aber schlecht bekam. Das war jedenfalls auch die Ursache, daß er bald danach, im November 1635, starb. Harvey, der berühmte Entdecker des großen Blutumlaufs, fand bei der Sektion alle Inneren Organe in völlig gesundem Zustande.
Cs würde zu weit führen, auf weitere unkontrollierbare Fälle aus älterer Zeit näher einzugehen. Erwähnt sei nur noch, daß Alexander von Humboldt in Lima dem Begräbnis eines Indianers beiwohnte, dem ein Alter von 143 Jahren zugeschrieben wurde, während seine Frau nur 117 Jahre erreichte. Wir beschließen diesen kurzen Ueberblick aus vergangenen Tagen mit einem Auszug aus einer Statistik, die I. E a st o n 1799 in feiner Schrift „Human Longevity" mitteilt:
Leute, die 140 bis 150 Jahre alt wurden: 7.
Leute, die 150 bis 160 Jahre alt wurden: 3.
Leute, die 160 bis 170 Jahre alt wurden: 2.
Leute, die 170 bis 180 Jahre alt wurden: 3.
Man wird nun mit Recht die Frage stellen dürfen, ob es denn nicht auch heute noch mehr Beispiele, außer Zaro Aga, für ein derartig hohes Alter gibt, wenn das früher wirklich so verhältnismäßig häufig vorkam. Nun, wir kennen in der Tat noch einige derartige Fälle, möchten aber nicht dafür einstehen, daß sie einer kritischen Nachprüfung (sofern eine solche möglich ist) unbedingt standhalien würde. Denn diese Nachrichten flammen immer aus entlegenen Gegenden, denen man eine ordnungsgemäße Führung von amtlichen Geburtsregistern usw. nicht zutrauen möchte.
Im Jahre 1926 ging eine Nachricht aus Tiflis durch die Presse, wonach dort ein gewisser Andrea Nikolajewitsch Smith gestorben sei, der laut „uebezweifelbar echten Dokumenten" 1776 geboren, also bei feinem Tode 150 Jahre alt war. Smith hat zur Zeit Napoleons als Rekrut im russischen Heere gedient und den großen Feldzug 1812/15 schon als altgedienter, keineswegs mehr junger Mann mitgemacht. Er blieb auch nach Friedensschluß beim Heere — wahrscheinlich der Not gehorchend, denn er hat in seinem Leben von anderthalb Jahrhunderten nicht einmal Lesen und Schreiben gelernt! 1828, also als Mann von 54 Jahren, wurde er in den Türkenkriegen schwer verwundet und erhielt eine Medaille sowie eine persönliche Auszeichnung von feinem Zaren. Als fast 80jähriger machte er noch den Krimkrieg mit und wurde nach diesem pensioniert. Diese Pension bezog er aus der Staatskasse nachweislich bis 1916; von da an sorgte die Stadt Tiflis für ihn. Er hat in seinem ganzen Leben weder Alkohol noch Tabak genossen, und auch mit dem schönen Geschlecht soll er jede Berührung vermieden haben.
Der älteste jetzt lebende Mensch ist (nach einer Mitteilung von Dr. Ludwig Karell.aus dem Jahre 1928) Nikolai Schapkowfky in der nördlich von Saturn am Schwarzen Meer gelegenen Sowjetrepublik Abchasien; er wäre heute 148 Jahre alt Er war viermal verheiratet. Seine jetzig« Frau war bei der Trauung 20, er über 90 Jahre alt. Die jüngst« dieser Ehe entsprossen« Tochter ist 29 Jahre alt. Er ist noch immer imstande, täglich drei Körb« voll Reisig zusammenzutragen.
Nach Athener Meldungen starb im Sommer 1929 auf der Insel Cy- pern ein Mönch, der ein Alter von 139 Jahren erreichte. Er sprach fließend Arabisch, Frarvzösisch, Englisch, Griechisch und Türkisch und war) ohne daß er besondere Lebensnormen eingehalten hätte, niemals krank. Er hieß Sa o b und war zu Anfang des vorigen Jahrhunderts ein Leibeigener Djesad Paschas, der in Palästina gegen Napoleon kämpfte. Später ging Saod mit seinem Herrn in die Verbannung nach Malta, bekehrte sich dort zum Christentum und trat in ein Kloster ein.
Ebenso alt wäre, wenn er noch lebte, ein wolhynischer Landmann namens Krasinsky.den ein Berichterstatter des „3ntranfigeant" im Jahr« 1922 in Warschau sprach. Er behauptet, im Jahr« 1790 geboren zu fein, würde also heut« 139 Jahre zählen. Er ist. wie er erzählte, fast 100 Jahre lang Soldat gewesen, denn er wurde 1809 bei der dritten Eskadron der kaiserlichen französischen Garde eingestellt und hat noch im russisch-japanischen Kriege fiiitgefämpft. Krasinfky wußte dem französischen Journalisten noch lebhaft von dem unglücklicUn Ucbergang über die Beresina zu erzählen. 1830 stand er in den Reihen der aufttändischen pof« nifchen Armee und focht für die Befreiung Polens von Rußland. Dafür wurde er 16 Jahre nach Sibirien geschickt. „Ich bin niemals krank gewesen" schloß er, „und das kommt daher, daß ich immer mäßig gelebt habe. Zu rauchen begann ich erst vor dreißig Jahren. Mein Vater starb mit 117 Jahren und meine Mutter mit 97."
Anfang 1928 wurde aus Lemberg der Tod eines anderen Rekord- greises gemeldet: in Lutowiska, Bezirk Lisko, unweit Lemberg, starb der dortige Kaufmann und Vorstand der Bethausgemeinde Leid Feld im Alter von 125 Jahren. Aus den Papieren und Matrikelaufzeichnungen geht einwandfrei hervor, daß der Verstorben« im Jahr« 1803 in der benachbarten Gemeinde Dydrow geboren wurde. Feld war genau 100 Jahre verheiratet. Seine Frau stand 1928 im Alter von 117 Jahren und war noch vollkommen rüstig. Ser Ehe entsprossen insgesamt 18 Kinder, von denen aber nur noch sechs, und zwar drei Töchter und drei Söhne, am Leben sind. Die älteste Tochter ist jetzt 81 Jahre alt
Man sollte meinen, daß eine enthaltsame Lebensweise Vorbedingung für ein hohes Lebensalter ist. Die erwähnten Beispiele scheinen das auch zu bestätigen. Ein Gegenbeispiel erwähnte 1890 der Physiologe E. F. W. Pflüger (Bonn) in einer Rede über die Lebensverlängerung: der Chirurg P o l i t i m a n, gestorben zu Vaudemont im Alter von 140 Jahren, erreichte nach Pflüger dieses hohe Alter trotz der eigenartigen „Medizin", die er sich nach Erledigung der täglichen Praxis gestattete: er betrank sich angeblich seit feinem 25. Lebensjahre fast jeden Abend! Dieses Mittel sei aber doch nicht zur Nachahmung empfohlen, da die Wirkung in den meisten Fällen wohl eine ganz andere fein dürfte!
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche AniversitätS-Duch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


