Da der Weihnachtsbaum kein beliebiger Baum ist (obwohl jeder Baunr von sinnbildlicher Kraft strotzt), und ganze Mythologien mit ihm verknüpft worden sind, wollen wir ihn doch zunächst einmal in seinem rein sinnlichen Dasein betrachten. Es kommt nicht darauf an, ob er groß oder klein, kerzengerade oder ein wenig schief gewachsen ist: so wie er vor uns steht, wollen wir ihm das Gesetz abringen. Er schon in seinem Wuchs zeichnet uns vor, wie wir ihn schmücken müssen. Dann stehen die Zweige in zu spitzem Winkel zum Stamm, müssen wir einen schweren Schmuck suchen, der sie wagerecht spannt; faustgroße Aepfel oder auch Kartoffeln, die in Stanniol gewickelt oder auch bronziert sind. Sind die Zweige aber schön gewachsen, genügt auch der leichtere Schmuck, die Netze und Schlangen aus Glaspapier und Lametta. Ach, und weil die Menschen aus ihrer Schwäche nichts mehr lieben als den Fanatismus, gibt es auch gegenüber dem Weihnachtsbaum Parteien, fanatische Parteien; weiß, ganz weih muß er sein, sagen die einen und bunt, ganz bunt die andern. Welch verwirrender Streit! Warum sollen wir nicht von Jahr zu Jahr wechseln? Schließlich bleibt es die Hauptsache, daß wir keine Hausgreuel in die Zweige hängen, künstliche Käfige mit Vögelchen, Schaukeln mit Zwergen, Rodelbahnen und Pilze, und daß wir das Backwerk nicht vergessen, das die Kindern plündern wollen, schließlich auch wichtig, daß wir diesmal das Grammophon, dessen Gabe wir durchaus nicht immer verachten wollen, in der Ecke des Schrankes lassen und vor allem keinen Kranz elektrischer Birnen durch die Zweige ziehen; denn die Kerze ist ein Symbol des Einmaligen, sie verzehrt sich, indem sie spendet und einmal entzündet, muß sie ihre Form aufgeben. Wogegen ein Ruck am Schalter genügt, jene Birnen nach Belieben an- und abzudrehen, die man vielleicht auch als Sinnbild nennen kann, freilich des mechanischen Tuns. Ich hänge die Ketten am liebsten wagerecht um den Baum, sodaß sie den Raum zwischen Ast und Ast füllen und lasse das Lametta herniederriefeln von den Zweigspitzen und stelle die Kerzen ohne Pedanterie so in das Gezweig, daß sie in ungesähr gleichen Entfernungen zueinander stehen. So bilden sie den Raum nach, der durch den Baum gegeben ist, denn der Baum, wir spüren hier di« alte Sage nach, ist das Gleichnis des Weltraumes, und seine Ordnung drückt sich in den Sternen aus.
Die Krippe! Wieder parteiisch! Denn während di« einen behaupten, man müsse sie Jahr für Jahr in derselben Weise aufbauen, möchten andere von Jahr zu Jahr eine neue errichten. Aus Holz oder Papiermache, aus Ton oder Papier, weithin auf Moos über Berg und Tal mit Kiss und Brunnen und Palmen oder klein, mit einem Hüttchen und einem von innen leuchtenden Kerzchen — es ist wohl alles gleich schön. Die Kinder werfen sich auf die Erde und schauen in die kleine Wunderwelt und ahnen die selige Liebeswahrheit, die sie, erwachsen, schwer genug gegen die Welt behaupten müssen.
Wie deutlich und übersichtlich zeichnet sich doch an diesem Fest die Folge der Geschlechter ab. Zuerst haben wir vielleicht das Fest bei den Großeltern erlebt, beschenkt von ihrer natürlichen, überschwenglichen Freude an den Enkeln, dann sind wir selbst Eltern und bereiten den Kindern das Fest und dann werden wir selbst die Großeltern fein und wehmütig und glücklich in die vor dem Licht des Baumes aufgeriffenen Augen der Kleinen hineinschauen. Gerade durch das erhöhte Lebens- gcsühl, das diese Tage bei natürlichem Verlauf haben, wenn nicht überhaupt der Same der' Zwietracht alle natürliche Freude überwuchert, vererbt sich die Form des Festes. Man kann das auf verschiedene Weife auslegen. Ich will nicht abstreiten, daß es im Hause meiner Großeltern immer wieder am Weihnachtsabend denselben Soggpudding und denselben Heringssalat gab, doch wurde dem reicheren Matz der äußeren Genüsse, immerhin ein Gleichgewicht an innern gegeben. Denn langst, ehe die Bescherung begann, versammelten wir uns im untern Zimmer, die Weihnachtslieder klangen auf, ein Enkel nach dem andern trat vor, fein Gedichtchen herzusagen und wenn es auch jedesmal eine freundliche Kritik gab: es war doch eine Kritik, vor der wir zitterten. Beseh ich es recht, so war das Ganze eine Art Liturgie, die mein Großvater sehr wohl zu lenken wuhte. Er legte Wert darauf, daß diese kleine Feier in ihrer st ft en Form von Jahr z>l Jahr abgehalten wurde und ich glaube den Eindruck nicht zu fälsck-en, wenn ich behaupte, sie war uns Kindern ebenso wichtia wie die Bescherung oder doch untrennbar mit ihr verknüpft Hier wäre denn wohl der Angelpunkt unserer kleinen Betrachtung: es ist nun einmal so, daß in vielen Häusern der Wohlhabenheit sowohl wie der bescheidenen Lebensform diesem Fest das Odium einer allgemeinen Magenverstimmung voranging. Meistens bei Kindern, ich torifs, aber ich glaube, auch bet den Erwachsenen, die hier nicht das schöne Wort vorn Kind im Manne in Anspruch nefynen sollten. Jedenfalls ist das nicht der Sinn des Festes und es finden sich Stellen genug, wo man solchen Ueberschutz vorher abladen könnte. .
Das Fest verrinnt, eine leise Hochspannung bleibt bestehen, denn nun kommt das neue Jahr und auch hier wäre es wichtig, bei einem Fest innerhalb der Familie die liturgisck)e Form zu finden Es ist Sache des Geschmacks, ob man sich dann in ein Lokal fetzen soll, um mit Grohlen und Lärmen den Anbruch des neuen Jahres zu erwarten. Ich kann mir gut vorstellen, daß es Menschen gibt, die nicht anders können, weil ihr Zuhause nicht von innerer Harmonie durchwaltet ist; aber man soll das nicht als die gute und wünschenswerte Art hinstellen, die Jahreswende zu feiern. Wir alle sind zu kurze Zeit auf dieser Erde und zu sehr ihre Gäste, als daß wir einander nicht Rechenschaft ablegen sollten von un- ferm Miteinandersein. Ein Jahr ist kurz, ein Jahr ist lang und wenn wir es nur einigermaßen so verbrachten, wie uns als Menschen auferlegt ist, dürfen wir nicht gedankenlos über die Schwelle gehen. Wohl beginnt uns oft an einem andern Tag aus einer Tat ober einer Einsicht em neues Jahr, aber auch zwangsläufig vor den Wechsel gestellt zu werden, hat seinen Sinn.
Es war in diesem Schriftsatz viel die Rede von „wir müssen und „es sollte", ein wenig viel Predigt und guter Vorsatz und wer bitter ist vom Leben, könnte darüber höhnisch lächeln, ober ich gestehe dieses „-Zuviel" gern ein. War es unwürdig, zu eifern für das reine Bild unseres schönsten Festes?
August Renoir.
Zu seinem 10. Todestage.
Von Dr. Olga Bloch.
Renoirs erste Jugenderinnerungen spielen da, wo Balzac die Liebesgeschichte des Barons Hulot und der Madame Marneffe spielen läßt: also in Paris. Doch des Meisters Vater stammte aus ganz anderer Gegend, ans Limoges. Getreu der uralten Tradition, die diese Stadt mit ihrer altangestammten Porzellanindustrie verkörperte, sollte der junge Renoir Keramiker werden, einen Beruf ergreifen, der in den tiefsten Wünschen des Vaters lag. Dem vielseitig Begabten juchten seine Lehrer aber auch für die Musik zu gewinnen. Man sieht: Renoir gehörte zu den Menschen, die nicht wußten, welche ihrer Anlagen sie völlig ausbilden, völlig schöpferisch gestalten sollten. Wie Goethe, wie Daumier, wie so viele Gestalten der Kunst- und Literaturgeschichte erging es also auch August Renoir.
Aber der Wille des Vaters errang schließlich — für den Anfang! — den Sieg. Ein Fabrikant, der glasierte Tonwaren herstellte, nahm den jungen Renoir in die Lehre. Ein Biograph des Meisters, Ambroise V o l l a r b, der viele Gespräche und persönliche Aufzeichnungen veröffentlicht hat, erzählt, daß es da,iials acht Sous für das Porträt der Marie Antoinette als Porzellanschöpfung gab, wahrlich ein Hungerlohn! Aber August Renoir betrachtete diese Lehrlingszeit stets als eine Periode des Uebergangs. In den Mittagspausen ging er in den Louvre, studierte dort die alten und die modernen Meister. Schulte sich an Rubens, dessen Frauenporträts ihn später so sehr anregen sollten. Die schweren Jahre fanden mit dem Abschluß der Lehrzeit noch kein Ende.
Aber ein Zufall, wie er sich nicht alle Tage ereignet, brachte eine große Umwälzung im Leben des jungen Renoir. Sein Weg, der vielleicht in der Porzellanmalerei geendet hätte, änderte sich ganz unerwartet: um* diese Zeit hatte man nämlich die ersten Versuche mit einem Druckverfahren auf Steingut und Porzellan gemacht. Wie stets, wenn eine neue Maschine die Handarbeit ersetzt, war die Begeisterung des Publikums riesengroß. Die Porzellanmeister mußten fürs erste ihre Ateliers schließen. So war auch Renoir ohne Arbeit. Er schickte sich an, Fächer zu bemalen, auch dies keine Beschäftigung, die in seinen künstlerischen Ambitionen lag. Aber das Schicksal brachte ihn bei seiner neuen Arbeit mit der Malerei, mit der „großen Kunst" in Berührung. Die ersten Meister, denen er, als er nun Fächer für Fächer dekorierte, begegnete, waren — wie Vollard erzählt — Laueret, Boucher, Watteau. Wie oft wählte der junge Künstler Renoir ihre Vorlagen für eine Bemalung! Und schließlich malte er dann Kasfehcmssresken, in einem abgelegenen Lokal in der Rue de Dauphin^, in einem Hofhaus.
Und wieder eine Zeitlang später, als in Paris ein Arbeiter für Stores gesucht wurde, meldete er sich und stellte sich einem Storefabrikanten, wie vorher dem Kafseehausbesttzer, zur Verfügung. Wenn man heute Renoirs Bilder sieht, in Ausstellungen sorgsam und wie mit selbstverständlicher Anerkennung seiner Meisterschaft zusammengestellt, ahnt man nichts von diesen Kämpfen der frühen Jugendzeit. Als Renoir sich bei dem Storefabrikanten etwas Geld erspart hatte, zog er fort und wandte sich der Malerei zu, deren Gebiete er nun nicht mehr verließ. Im Atelier ©legres, des in Frankreich so bekannten Historienmalers, den Renoir als feinen Lehrmeister ermatte, traf er im Jahre 1861/62 Monet, Sisley, Bazille, gleichgestimmte. Freunde, die für feine künstlerische Entwicklung bedeutsam wurden. Und bann hatte er dort feinen Jugendfreund Laporte, der ihn schon jahrelang von dem Storefabrikanten fortgedrängt hatte, weil er an Renoirs Künstlerschaft glaubte.
Gleyre war nach Renoirs eigenen Worten ein achtbarer Maler, aber kein Talent, von ihm konnte er keinen Nutzen haben. So zog der Meister mit den befreundeten Malern nach Fointinebleau, wo er dem bejahrten Diaz begegnete, der dem noch immer äußerlich Ringenden Kredite bei den Farbenlaboranten verschaffte. Wie weit die ausgesprochene Landschaftskunst von Diaz den jungen Renoir beeindruckte, ist nicht so leicht zu sagen. Aber Diaz vermittelte auch die Bekanntschaft zwischen Renoir und C o u r b e t und bann weiterhin zu Manet. Alle diese Maler gelten uns Heutigen als vollkommene Franzosen: im Geschmack und in ihrer gesamten Tendenz. Hinzu kommen bei ihnen die Einflüsse der spanischen und der japanischen Kunst, ihr Trieb zum Analytischen, der sie uns als Vertreter ihrer Zeit so typisch erscheinen läßt. Ganz anders liegen die Dinge bei Renoir. Er absorbierte die fremden Anregungen, nimmt sie zutiefst in sich auf. Er rechnet sich selbst — um ein Wort Meier-Graefes zu gebrauchen — so wenig zu den Impressionisten, wie wir ihn dazu rechnen dürfen. Den innigsten Kontakt mit der Natur, der Monets Hauptforderung gewesen, lehnt Renoir von Anfang an ab: „Mit der Natur lernt man keine Kunst". Das sind seine eigensten Worte.
Der Wald von Fontainebleau, den er so oft mit seinen Kameraden durchstreift hat, wirb der Schauplatz des ersten Gemäldes. Wer kennt sie nicht, die sogenannte Life des Essener Folkwangmuseums, diese Dame, ganz in Weiß gekleidet, die sich von den dunklen Tönen der Waldlandschaft des Hintergrundes so wirkungsvoll abhebt! Courbets und Manets Kunst scheint hier nur das Gefäß gestellt zu haben, das Renoir mit Eigenstem füllte. Es scheint alles straffer, konzentrierter, weniger massig als bei den Zeitgenossen. Renoir war ihnen voraus in der Wahl der lichten Farben auf lichter Unterlage. Das hatte er sich in der Keramik erworben, wo sich auf dem Weiß des Porzellans Hellrosa und Hellblau wie von selbst absetzten. Die „Life" ist wie ein Auftakt zu den späteren Frauenbildern Renoirs. Da liebt er eine ganz bestimmte Art von Motiven. Nicht nur Frauen hat er gemalt, aber, wer näher in dieses Oeuvre schaut, der sieht, daß sein ganzes Werk eine Variation des gleichen Themas ist. Die Frau allein — ohne szenisches Beiwerk — das ist es was Renoir darstellt. Auf dem Wege über Delacrorx tarn er zu Rubens, dessen Werke alle diese Darstellungen beeinflußt haben. Doch wie anders ist alles geworden!
Höhepunkte Renoirscher Kunst bilden unbedingt die siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, wo die Entwicklung der Farbigkeit so


