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Mund aufsperren durfte, welches ihm doch im Grunde nicht gut stand. Luise gesellte sich zu ihr, und auch für sie mußte Freund Nußknacker seine Dienste verrichten, welches er gern zu tun schien, da er immerfort sehr freundlich lächelte. Fritz war unterdessen vom vielen Exerzieren und Reiten müde geworden, und da er so lustig Nüsse knacken hörte, sprang er hin zu den Schwestern und lachte recht von Herzen über den kleinen drolligen Mann, der nun, da Fritz auch Nüsse essen wollte, von Hand zu Hand ging und gar nicht aufhören konnte mit Auf- und Zuschnappen. Fritz schob immer die größten und härtesten Nüsse hinein; aber mit einem Male ging es — krack — krack — und drei Zähnchen fielen aus des Nußknackers Munde, und fein ganzes Unterkinn war lose und wacklig. — „Ach, mein armer, lieber Nußknacker!" schrie Marie laut und nahm ihn dem Fritz aus den Händen. — „Das ist ein einfältiger dummer Bursche", sprach Fritz. „Will Nußknacker sein und hat kein ordentliches Gebiß — mag wohl auch sein Handwerk gar nicht verstehen. Gib ihn nur her, Marie! Er soll mir Nüsse zerbeißen; verliert er auch die übrigen Zähne, ja das ganze Kinn obendrein, was ist an dem Taugenichts gelegen!" — (Fortsetzung folgt.)
Glockenspiel. Ein Herr in einem smaragdenen Mantel sah oft durch ein Fenster, winkte heraus und verschwand wieder, sowie auch Pate Drosselmeier selbst, aber kaum viel höher als Papas Daumen, zuweilen unten an der Tür des Schlosses stand und wieder hineinging. Fritz hatte mit auf den Tisch gestemmten Armen das schöne Schloß und die tanzenden und spazierenden Figürchen angesehen; dann sprach er: „Pate Drosselmeier! Laß mich mal hineingehen in dein Schloß!" — Der Obergerichtsrat bedeutete ihn, daß das nun ganz und gar nicht anginge. Er hatte auch recht; denn es war töricht von Fritzen, daß er in ein Schloß gehen wollte, welches überhaupt mitsamt seinen goldenen Türmen nicht so hoch war als er selbst. Fritz sah das auch ein. Nach einer Weile, als immerfort auf dieselbe Weise die Herren und Damen hin und her spazierten, die Kinder tanzten, der smaragdene Mann zu demselben Fenster heraussah, Pate Drosselmeier vor die Tür trat, da rief Fritz ungeduldig: „Pate Drosselmeier, nun kommt mal zu der andern Türe da drüben heraus!" — „Das geht nicht, liebes Fritzchen", erwiderte der Obergerichtsrat. — „Nun, so laß mal", sprach Fritz weiter, „den grünen Mann, der so oft herausguckt, mit den andern herumspazieren!" — „Das geht auch nicht", erwiderte der Obergerichtsrat aufs neue. — „So sollen die Kinder herunterkommen," rief Fritz; „ich will sie näher besehen." — „Ei, das geht alles nicht," sprach der Obergerichtsrat verdrießlich; „wie die Mechanik nun einmal gemacht ist, muß sie bleiben." — „So—o?" fragte Fritz mit gedehntem Ton, „das geht alles nicht? Hör' mal, Pate Drosselmeier, wenn deine kleinen geputzten Dinger in dem Schlosse nichts mehr können als immer dasselbe, da taugen sie nicht viel, und ich frage nicht sonderlich nach ihnen. — Nein, da lob' ich mir meine Husaren, die müssen manövrieren vorwärts, rückwärts, wie ich's haben will, und sind in kein Haus gesperrt." Und damit sprang er fort an den Weihnachtstisch und ließ seine Eskadron auf den silbernen Pferden hin und her frottieren und schwenken und einhauen und feuern nach Herzenslust. Auch Marie hatte sich sachte fortgeschlichen; denn auch sie wurde des Herumgehens und Tanzens der Püppchen im Schlosse bald überdrüssig und mochte es, da sie sehr artig und gut war, nur nicht so merken lassen wie Bruder Fritz. Der Obergerichtsrat Drosselmeier sprach ziemlich verdrießlich zu den Eltern: „Für unverständige Kinder ist solch künstliches Werk nicht; ich will nur mein Schloß wieder einpacken." Doch die Mutter trat hinzu und ließ sich den inneren Bau und das wunderbare, sehr künstliche Räderwerk zeigen, wodurch die kleinen Püppchen in Bewegung gesetzt wurden. Der Rat nahm alles auseinander und setzte es wieder zusammen. Dabei war er wieder ganz heiter geworden und schenkte den Kindern noch einige schöne braune Männer und Frauen mit goldenen Gesichtern, Händen und Beinen. Sie waren sämtlich aus Thorn (die preußische Stadt Thorn war berühmt wegen ihrer Pfefferkuchen) und rochen so süß und angenehm wie Pfefferkuchen, worüber Fritz und Marie sich sehr erfreuten. Schwester Luise hatte, wie es die Mutter gewollt, das schöne Kleid angezogen, welches ihr einbeschert worden, und sah wunderhübsch aus; aber Marie meinte, als sie auch ihr Kleid anziehen sollte, sie mochte es lieber noch ein bißchen so ansehen. Man erlaubte ihr das gern.
Der Schützling.
Eigentlich mochte Marie sich deshalb gar nicht von dem Weihnachtstisch trennen, weil sie eben etwas noch nicht Bemerktes entdeckt hatte. Durch das Ausrücken von Fritzens Husaren, die dicht an den Baum in Parade gehalten, war nämlich ein sehr vortrefflicher kleiner Mann sichtbar geworden, der still und bescheiden dastand, als erwarte er ruhig, wenn die Reihe an ihn kommen werde. Gegen seinen Wuchs wäre freilich vieles einzuwenden gewesen; denn abgesehen davon, daß der etwas lange, starke Oberleib nicht recht zu den kleinen dünnen Beinchen passen wollte, so schien auch der Kopf bei weitem zu groß. Vieles machte die propre Kleidung gut, welche auf einen Mann von Geschmack und Bildung schließen ließ. Er trug nämlich ein sehr schönes violettglänzendes Husarenjäckchen mit vielen weißen Schnüren und Knöpfen, eben solche Beinkleider und die schönsten Stiefelchen, die jemals an die Füße eines Studenten, ja wohl gar eines Offiziers gekommen find. Sie faßen an den zierlichen Beinchen, so knapp angegossen, als wären sie darauf gemalt. Komisch war es zwar, daß er zu dieser Kleidung sich hinten einen schmalen, unbeholfenen Mantel, der recht aussah wie von Holz, angehängt und ein Bergmannsmützchen ausgesetzt hatte; indessen dachte Marie daran, daß Pate Drossel- meier ja auch einen sehr schlechten Matin (eine Art Mantel) umhänge und eine fatale Mütze aufsetzte, dabei aber doch ein gar lieber Pate sei. Auch stellte Marie die Betrachtung an, daß Pate Drosselmeier, trüge er sich übrigens so zierlich wie der Kleine, doch nicht einmal so hübsch als er aussehen werde. Indem Marie den netten Mann, den sie auf den ersten Blick liebgewonnen, immer mehr und mehr ansah, da wurde sie erst recht inne, welche Gutmütigkeit auf feinem Gesichte tag. Aus den hellgrünen, etwas zu großen hervorstehenden Augen sprach nichts als Freundschaft und Wohlwollen. Es stand dem Manne gut, daß sich um fein Kinn ein wohlfrisierter Bart von weißer Baumwolle legte; denn um so mehr konnte man das süße Lächeln des hochroten Mundes bemerken.
„Ach!" rief Marie endlich aus, „ach, lieber Vater, wem gehört denn der allerliebste kleine Mann dort am Saum?" — „Der," antwortete der Vater, „liebes Kind, soll für euch alle tüchtig arbeiten; er soll euch fein die harten Nüsse aufbeißen, und er gehört Luisen ebensogut als dir und dem Fritz." Damit nahm ihn der Vater behutsam vom Tische, und indem er den hölzernen Mantel in die Höhe hob, sperrte das Männlein den Alund weit, weit auf und zeigte zwei Reihen sehr weißer, spitzer Zähnchen. Atarie schob auf des Vaters Geheiß eine Nuß hinein, und — knack! — I; ritte sie der Mann zerbissen, daß die Schalen ab fielen und Marie den süßen Kern in die Hand bekam. Nun mußte wohl jeder und auch Marie wissen, daß der zierliche kleine Mann aus dem Geschlecht der Nußknacker abstammte und die Pcoftssion seiner Vorfahren trieb. Sie jauchzte auf vor Freude; da sprach der Vater: „Da dir, liebe Marie, Freund Nußknacker so sehr gefällt, so sollst du ihn auch besonders hüten und schützen, unerachtet, wie ich gesagt, Luise und Fritz ihn mit ebenso vielem Recht brauchen können als du!"
Marie nahm ihn sogleich in den Arm und lieh ihn Nüsse aufknacken; doch suchte "sie die kleinsten aus, damit das Männlein nicht so weit den
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Bon Advent bis Weihnachten.
Von Otto B r üe s.
Wir hatten einmal den Adventskranz über das Fest hinaus hängen lassen; einen uns lieben Menschen befiel eine schwere Krankheit. Was sollte uns nun noch der festliche Schmuck? Aber wir ließen ihn hängen, als ob er ein Zeichen guten Geschickes wäre und der Kranke genas. Doch immer noch ließen mir ihn an feinem Platz bis in den Frühling, der uns ein Kindchen schenkte; und erst als es fröhlich hinausschrie in die Welt und als die letzten dürren Nadeln von dem Kranz herabrieselten, nahmen wir ihn ab. Ich weiß, nicht der Kranz war es, der uns in den schweren Tagen das Glück bewahrte; ich weiß, man kann es einen Aberglauben nennen, daß wir ihn nicht entfernten; aber der hat keinen Teil an der ins Leben wirkenden Kraft der Symbole, der uns darum belächelt. Denn nicht nur die Grenzen zwischen Aberglauben und Glauben, auch zwischen Sinnbild und sinnvollem Handeln fließen, und wir find auf Erden nicht reich genug, dauernd auf Bild und Zeichen zu verzichten.
Kein Abschnitt des Jahres steckt so voller Symbole wie der weihnachtliche; sie wirken noch in unserer entgotteten Zeit. Wollen wir auch in diesem Jahr auf sie achten? Zwar Hilst der Wille nicht mehr, wo die Zeichen verbraucht find; aber die Bereitschaft, das noch Lebendige zu empfangen und in uns auszutragen, sollte grenzenlos sein. Was ein rechter Freund der Natur ist, der geht ja auch in den letzten Novemberwochen noch hinaus auf das winterbraune Land, sammelt sich den Zweig von Kiefer und Tanne und den Tannenzapfen, um sie zum Kranz zu flechtenz aber auch wer ihn beim Gärtner holt, tut daran nichts Falsches. Die Kerzen werden aufgesteckt, weiße und bunte und der grüne Reif bann an Bändern und Schleifen aufgehängt. Wir wissen alle, daß unter den Umschichtungen unserer Tage selbst die Grundzelle des Miteinanderlebens der Menschen, die Familie, gelitten hat; wir wissen auch, daß wir für sie neue Formen brauchen. Es sind die Alten, die wirklich Ehrwürdigen, ich weiß, die unter dem Druck sozialer und anderer Mächte verschüttet wurden; und gerade darum wollen wir nicht rückwärts sehen, sondern nach vorn. Sobald der Kranz in der Stube hängt, werden alle, die durch ihr Blut und die freie, sittliche Entscheidung eine Familie bilden, von feiner Kraft bestrahlt.
Denn es ist Abend und wir zünden zum erstenmal die Kerzen an und die Mutter singt die aus Jugendtagen vertrauten Lieder, und keiner kann daran vorbei, der frohen Botschaft wieder zu gedenken von den Hirten auf dem Felde und der Erscheinung des Engels. Die Gedanken eilen vorauf und kaum stellen wir unfern Sinn von innen auf das fest, so gilt es sich auch äußerlich vorzübereiten.
Wir wollen und können nicht daran vorbeisehen, daß es vielen Menschen nicht gegeben ist, eine rechte, durchstrahlte Weihnacht zu erleben, weil die Nahrung karg, die Kleidung schlecht und nicht einmal der kleine Uebersluß vorhanden ist, der zu Geschenken gehört. Aber wir wissen auch, daß es bei einem Geschenk nicht auf seine Kostbarkeit ankommt, sondern auf die Geste, mit der es gereicht wird und auf den Blick, der es begleitet. Wir setzen es zueinander und wenn auch zu jedem Geschenk Heimlichkeit die holdeste Mitgift ist, so gibt es doch vielerlei, was wir miteinander erarbeiten können. Da ist ein Freund des Hanfes, der in jedem Jahr zum Feste kommt; er soll das Buch, das für ihn bereit liegt, im felbftoerfertigten Einband, bekommen. Da ist eine alte Frau, die einsam lebt, und nur bei den hohen Festen des Jahres die Geselligkeit der Familie in guten echten Anspruch nimmt; wir sticken ihr, was sie sich lange wünscht und fo sind manche Winterabende und Sonntagnachmittage der Adventszeit voll beglückender Vorsorge. Einer unter uns lieft, was die innere Bereitschaft erhöhen kann. Einer bringt seine Geige mit, die er im Sommer ganz vergessen hatte und ein anderer singt ein seltenes Lied.
Nun, nicht alles kann im Hause fertiggemacht werden, aber hat nicht die Straße selbst der grauen Großstadt an jenen Sonntagen, die man den kupfernen, silbernen und goldenen nennt, ein anderes Gesicht? Wir wissen, daß wir die Verkäufer im Laden zwingen, mehr zu arbeiten als fernst und auf bas Ruheglück des Sonntags zu verzichten; aber doch nur darum, daß Menschen den Mitmenschen eine Freude machen. So streifen wir von Straße zu Straße, von Laden zu Laden, von Warenhaus zu Warenhaus. Die Kinder freuen sich über die Watte-Weihnachtsmänner im Schaufenster, den künstlichen Aufbau von Spielzeug und nützlichem Gerät, den sich drehenden Weihnachtsbaum und mancherlei andern Flitter; ihnen springt ein neues Tor auf, während wir Erwachsenen lächeln.
Ach, und nun müssen sie ihre Gedichtchen lernen! Holpernde, polternde, die ein Onkel ober ein Vater schlecht und recht dichtet ober schöne, bewährte, bie in Büchern stehen und sich von Jahr zu Jahr, von Jahr- Äju Jahrzehnt, von Generation zu Generation vererben, köstliches „it ber Weihnachtsdichtung, in mancherlei Büchern gesammelt, anderes findet sich in vielen großen Dichtungen eingesprengt.


