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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang <929 Montag, den 2. Dezember Nummer 9<
Gebet.
Von Eduard M ö r i t e.
Herr! schicke, was du willt. Ein Liebes oder Leides: Ich bin vergnügt, daß beides Aus deinen Händen quillt
Wollest mit Freuden Und wollest mit Leiden Mich nicht überschütten! Doch in der Mitten Liegt holdes Bescheiden.
Nußknacker und Mausekönig.
Ein Märchen von E. T. A. Hoffmann.
Der Weihnachtsabend.
Am 24. Dezember durften die Kinder des Medizinalrats Stahlbaum den ganzen Tag über durchaus nicht in die Mittelstube hinein, viel weniger in das daran stoßende Prunkzimmer. In einem Winkel des Hinter- stübchens zusammengekauert faßen Fritz und Marie: die tiefe Abenddämmerung war eingebrochen, und es wurde ihnen recht schaurig zu Mute, als man, rote es gewöhnlich an dem Tage geschah, kein Licht hereinbrachte. Fritz entdeckte, ganz insgeheim wispernd, der jüngeren Schwester (sie war eben erst sieben Jahr alt worden), wie er schon seit frühmorgens es habe in den verschlossenen Stuben rauschen und raffeln und leise pochen hören. Auch sei nicht längst ein kleiner dunkler Mann mit einem großen Kasten unter dem Arm über die Flur geschlichen: er wisse aber wohl, daß es niemand anders gewesen als Pate Droffelmeier. Da schlug Marie die kleinen Händchen vor Freude zusammen und rief: „Ach, was wird nur Pate Droffelmeier für uns Schönes gemacht haben!"
Der Obergerichtsrat Droffelmeier war kein hübscher Mann, nur klein und mager, hatte viele Runzeln im Gesicht, statt des rechten Auges ein großes schwarzes Pflaster und auch gar keine Haare, weshalb er eine sehr schöne weiße Perücke trug; die aber war von Glas (Perücken von seinen Glasfäden wurden früher tatsächlich angefertigt) und ein künstliches Stück Arbeit. Ueberhaupt war der Pate selbst auch ein sehr künstlicher Mann, der sich sogar auf Uhren verstand und selbst welche machen konnte. Wenn daher eine von den schönen Uhren in Stahlbaums Hause krank war und nicht fingen konnte, dann kam Pate Droffelmeier, nahm die Glasperücke ab zog sein gelbes Röckchen aus, band eine blaue Schürze um und stach mit spitzigen Instrumenten in die Uhr hinein, so daß es der kleinen Marie ordentlich wehe tat; aber es verursachte der Uhr gar keinen Schaden, sondern sie wurde vielmehr wieder lebendig und fing gleich an, recht luftig zu schnurren, zu schlagen und zu fingen, worüber denn alles große Freude hatte. Immer trug er, wenn er kam, was Hübsches für die Kinder in der Tasche, bald ein Männlein, das die Augen verdrehte und Komplimente machte, welches komisch anzusehen war, bald eine Dose, aus der ein Vögelchen heraushüpfte, bald was andres. Aber zu Weihnachten, da hatte er immer ein schönes künstliches Werk verfertigt, das ihm viel Mühe gekostet, weshalb es auch, nachdem es einbeschert worden, sehr sorglich von den Eltern aufbcroaftrt wurde. — „Ach, was wird nur Pate Droffelmeier für uns Schönes gemacht haben!" rief nun Marie; Fritz meinte aber, es könne wohl diesmal nichts andres fein als eine Festung, in der allerlei sehr hübsche Soldaten auf und ab marschierten und exerzierten, und dann müßten andre Soldaten kommen, die in die Festung hinein wollten, aber nun schössen die Soldaten von innen tapfer heraus mit Kanonen, daß es tüchtig brauste und knallte. — „Rein, nein", unterbrach Marie den Fritz, „Pate Droffelmeier hat mir von einem schönen Garten erzählt, darin ist ein großer See, auf dem schwimmen sehr herrliche Schwäne mit goldenen Halsbändern herum und fingen die hübschesten Lieder. Dann kommt ein kleines Mädchen aus dem Garten an den See und lockt die Schwäne heran und füttert sie mit süßem Marzipan." — „Schwäne fressen keinen Marzipan," fiel Fritz etwas rauft ein, „und einen ganzen Garten kann Pate Droffelmeier auch nicht machen. Eigentlich haben wir wenig von seinen Spielfachen: es wird uns ja alles gleich wieder roeg- genommen; da ist mir denn doch das viel lieber, was uns Papa und Mama einbefcheren; wir behalten es fein und können damit machen, was wir wollen."
Nun rieten die Kinder hin und her, was es wohl diesmal wieder geben rönne. Marie meinte, daß Mamsell Trudchen (ihre große Puppe) sich sehr verändere; denn ungeschickter als jemals fiele sie jeden Augenblick auf den Fußboden, welches ohne garstige Zeichen im Gesicht nicht abginge, und dann fei an Reinlichkeit in der Kleidung gar nicht mehr zu denken. Alles tüchtige Ausschelten helfe nichts. Auch habe Mama gelächelt, als sie sich
über Gretchens kleinen Sonnenschirm so gefreut. Fritz versicherte dagegen, ein tüchtiger Fuchs fehle feinem Marstall durchaus, sowie seinen Truppen gänzlich an Kavallerie; das fei dem Papa recht gut bekannt. — So wußten die Kinder wohl, daß die Eltern ihnen allerlei schöne Gaben eingekauft hatten, die sie nun aufstellten; es war ihnen aber auch gewiß, daß dabei der liebe heilige Christ mit gar freundlichen frommen Kindesaugen hineinleuchte und daß, wie von segensreicher Hand berührt, jede Weihnachts- gabe herrliche Lust bereite wie keine andre. Daran erinnerte die Kinder, die immerfort von den zu erwartenden Geschenken wisperten, ihre ältere Schwester Luise, hinzufügend, daß es nun aber auch der heilige Christ sei, der durch die Hand der lieben Eltern den Kindern immer das beschere, was ihnen wahre Freude und Lust bereiten könne. Das roiffe er viel besser als die Kinder selbst; die müßten daher nicht allerlei wünschen und hoffen, sondern still und fromm erwarten, was ihnen beschert werde. Die kleine Marie wurde ganz nachdenklich; aber Fritz murmelte vor sich hin: „Einen Fuchs und Husaren hätte ich nun einmal gern."
Es war ganz finster geworden. Fritz und Marie, fest aneinander gerückt, wagten kein Wort mehr zu reden; es war ihnen, als rausche es mit linden Flügeln um sie her und als ließe sich eine ganz ferne, aber sehr herrliche Musik vernehmen. Ein heller Schein streifte an der Wand hin; da wußten die Kinder, daß nun das Christkind auf glänzenden Wolken fortgeflogen zu andern glücklichen Kindern. In dem Augenblick ging es mit silberhellem Ton: „Klingling, klingling!" Die Türen fprangen auf, und solch ein Glanz strahlte aus dem großen Zimmer hinein, daß die Kinder mit lautem Ausruf: „Ach! — Ach!" wie erstarrt auf der Schwelle stehen blieben. Aber Papa und Mama traten in die Türe, faßten die Kinder bei der Hand und sprachen: „Kommt doch nur, kommt doch nur, ihr lieben Kinder, und seht, was euch der heilige Christ beschert hat!"
Die Gaben.
Ich wende mich an dich selbst, sehr geneigter Leser oder Zuhörer Fritz — Theodor — Ernst — oder rote du sonst heißen magst, und bitte dich, daß du dir deinen letzten mit schönen bunten Gaben reich geschmückten Weihnachtstisch recht lebhaft vor Augen bringen mögest; dann wirst du es dir wohl auch denken können, rote die Kinder mit glanzenden Augen ganz verstummt stehen blieben, wie erst nach einer Weile Marie mit einem tiefen Seufzer rief: „Ach, wie schön — ach, wie schön!" und Fritz einige Luftsprünge versuchte, die ihm überaus wohl gerieten. Aber die Kinder mußten auch das ganze Jahr über besonders artig und fromm gewesen sein; denn nie war ihnen so viel Schönes, Herrliches einbeschert worden als dieses Mal. Der große Tannenbaum in der Mitte trug viele goldene und silberne Aepfel, und wie Knospen und Blüten keimten 'Zuckermandeln und bunte Bonbons, und was es sonst noch für schönes Naschwerk gibt aus allen Aesten. Als das Schönste an dem Wunderbaum mußte aber wohl gerühmt werden, daß in seinen dunklen Zweigen hundert kleine Lichter wie Sternlein funkelten und er selbst, in sich hinein- und heraus- leuchtend, die Kinder freundlich einlud, seine Blüten und Früchte zu pflücken. Um den Baum umher glänzte alles sehr bunt und herrlich — was es da alles für schöne Sachen gab — ja, wer das zu beschreiben vermöchte! Marie erblickte die zierlichsten Puppen, allerlei saubere kleine Gerätschaften und, was vor allem fchön anzufehen war, ein seidenes Kleidchen, mit bunten Bändern zierlich geschmückt, hing an einem Gestell so der kleinen Marie vor Slugen, daß sie es von allen Seiten betrachten konnte, und das tat sie denn auch, indem sie einmal über das andere ausrief: „Ach, das schöne, ach, das liebe — liebe Kleidchen! Und das werde ich — ganz gewiß — das werde ich wirklich anziehen dürfen!" — Fritz hatte indessen schon drei- oder viermal, um den Tisch herum galoppierend und trabend, den neuen Fuchs versucht, den er in der Tat am Tische angezäumt gesunden. Wieder absteigend, meinte er, es sei eine wilde Bestie, das täte aber nichts, er wolle ihn schon kriegen, und musterte die neue Schwadron Husaren, die sehr prächtig in Rot und Gold gekleidet waren, lauter silberne Waffen trugen und auf solchen weißglänzenden Pferden ritten, daß man beinahe hätte glauben sollen, auch diese seien von purem Silber.
Eben wollten die Kinder, etwas ruhiger geworden, über die Bilderbücher her, die aufgeschlagen waren, daß man allerlei sehr schöne Blumen und bunte Menschen, ja auch allerliebste spielende Kinder, so natürlich gemalt, als lebten und sprächen sie wirklich, gleich anschauen konnte — ja, eben wollten die Kinder über diese wunderbaren Bücher her, als nochmals geklingelt wurde. Sie wußten, daß nun der Pate Droffelmeier einbescheren würde, und liefen nach dem an der Wand stehenden Tisch. Schnell wurde der Schirm, hinter deni er so lange versteckt gewesen, roeg- genommen. Was erblickten da die Kinder! — Aus einem grünen mit bunten Blumen geschmückten Rasenplatz stand ein sehr herrliches Schloß mit vielen Spiegelfenstern und goldenen Türmen! Ein Glockenspiel ließ sich hören, Türen und Fenster gingen auf, und man sah, wie sehr kleine, aber zierliche Herren und Domen mit Federhüten und langen Schleppkleidern in den Sälen herumspazierten. In dem Mittelfaal, der ganz in Feuer zu stehen schien — so viel Lichterchen brannten an silbernen Kronleuchtern — tanzten Kinder in kurzen Wämschen und Röckchen nach dem


