Hoffnung ich
feg Auftreten in Gestalt eines höheren Beamten, endlich sein Wiedererscheinen in eigener Gestalt, — das alles ist weiter nichts als die Folge der Zaubereien, die Sie oder diejenigen getrieben haben, die sich mit solcherlei sauberen Sachen abgeben. — Ich meinerseits halte es für meine Pflicht, Sie im voraus zu warnen: Wenn die von mir erwähnte Nase nicht heute noch an ihrem Platz sein wird, so werde ich genötigt sein, den Schutz des Gesetzes anzurufen.
Im übrigen verbleibe ich mit vollkommener Hochachtung Ihr ergebenster Diener Platon Kowalew.
Sehr geehrter Herr Platon Kusmitsch!
Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Univerf itäts-Duch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.
Erwacht und unwillkürlich in den Spiegel blickend, sieht er: die Nase! Ein Griff mit der Hand: tatsächlich, die Rase! — „Ehe!" rief Kowalew, und in seiner Freude wäre er bald barfuß durchs ganze Zimmer getanzt, wenn Iwan, der hereinkam, nicht gestört Hütte. Er befahl ihm, sofort alles Nötige zum Waschen zu bringen, und nachdem er sich gewaschen hatte, blickte er noch einmal in den Spiegel — die Nase! Und indem er sich mit dem Handtuch abtrocknete, — noch einmal — die Nase!
„Sieh mal her, Iwan, mir scheint, ich habe da ein kleines Bläschen auf der Nase," sagte er und dachte dabei: „Daß Iwan jetzt bloß nicht agt — Herr, da ist nicht nur kein Bläschen, da ist überhaupt keine Nase."
Iwan aber erwiderte: „Von einem Bläschen sehe ich nichts. Die Nase ist glatt und schön."
„Gut! Hol's der Teufel!" sprach der Major zu sich selbst und schnalzte mit dem Finger. In diesem Augenblick schaute der Barbier Iwan Jakowlewitsch zur Tür herein, aber so ängstlich wie eine Katze, die eben dafür verprügelt worden ist, daß sie Fett genascht hat.
„Sag' zuerst — sind deine Hände rein?" ries ihm der Major schon von weitem zu.
„Rein."
„Du lügst!"
„Bei Gott, sie sind rein, Herr."
„Nun, sieh dich vor!"
Kowalew setzte sich. Iwan Jakowlewitsch hing ihm die Serviette um, und slugs hatte er ihm den ganzen Bart und die Wangen in solch eine Schlagsahne verwandelt, wie man sie nur auf Kaufmannshochzeiten vorgesetzt bekommt. „Sieh mal an!" sprach Iwan Jakowlewitsch zu sich selbst, indem er die Nase genau betrachtete. Dann bog er den Kopf auf die andere Seite, die Nase im Profil beschauend. „Nein, wirklich, wenn man bedenkt ..." fuhr er in Gedanken fort, die Nase lange, lange anschauend. Schließlich, ganz leicht und so zart wie nur irgend möglich, hob er zwei Finger, um sie an der Spitze zu fassen. Denn das war nun einmal das System des Iwan Jakowlewitsch.
„Na, na, na, Obacht!" schrie Kowalew. Iwan Jakowlewitsch ließ die Hände sinken und wurde so verlegen, wie noch nie in seinem Leben. — Schließlich, vorsichtig, vorsichtig, setzte er das Messer unter dem Kinn an. Und, obwohl er es höchst unbequem und schwierig fand, ohne den gewohnten Halt am Riechorgane, gelang es ihm schließlich doch, indem er seinen rauen Daumen an Wange und Unterkiefer abstutzte, aller Schwierigkeiten Herr zu werden und das Werk des Rasierens zu einem guten Ende zu führen.
Als dies getan war, beeilte sich Kowalew, feine Toilette zu beenden, nahm eine Droschke und fuhr geradewegs zur Konditorei. „Kellner! eine Tasse Schokolade!" rief er schon im Hereintreten, und bann — sofort zum Spiegel: die Nase ist da! Er wandte sich fröhlich von seinem Spiegelbilde ab, und mit ein wenig zusammengekniffenen Augen, satyrisch lächelnd, beobachtete er zwei militärische Herren, von denen einer ein Näschen im Gesicht hatte — nicht größer als ein Westenknopf. Darauf begab er sich in die Kanzlei jenes Departements, bei welchem er sich um den Posten eines Vizegouverneurs bewarb. Durch Vorzimmer schreitend, blickte er schnell in den Spiegel: die Nase ist da! Hiernach fuhr er zu jenem andern Kollegien-Assessor oder Major, der ein großer Spötter war und dem er auf dessen spitze Bemerkungen häufig zu erwidern pflegte: „Nun du, dich kenne ich schon, an dir kann man sich stechen! Unterwegs dachte er: „Falls auch der Major njd)t gleich losplatzt vor Lachen, wenn er mich sieht, bann ist mir bies em sicheres Zeichen, daß alles an seinem richtigen Platz sitzt." — Aber auch biefe Begegnung verlief ohne Zwischenfall. „Gut, gut, hol's ber Teufel!" buchte Kowalew. Danach traf er unterwegs bie Frau Oberstleutnant Pobtotschma nebst ihrer Tochter, grüßte und würbe mit freubigen Ausrufen uneder- gegrüßi: — also wirklich, es war keinerlei Einbuße an' ihm zu bemerken. Er unterhielt sich mit ihnen längere Zeit, zog feine Schnups- tabaksbose unb versorgte absichtlich sehr lange seine Nase, erst rechts unb bann links. Dabei sprach er für sich: „Da seht mal, ihr Wechsieute, ihr Hühnervolk! Aber heiraten werde ich bas Töchterchen doch nicht. Bloß fo — par amour, — wenn's beliebt!" Und feit der Zeit fpazierie der Major umher, als fei gar nichts gewesen, und war sowohl auf bem Newski zu sehen als auch im Theater unb überall. Unb auch bie ->ia|e, als wäre nichts gewesen, sah an ihrem richtigen Platz unb ließ sich von ihren Seitensprüngen nicht bas geringste anmerken. Und immer say man ihn seitdem in guter Laune, lächelnd und hinter allen hübschen jungen Damen her. Und einmal sogar sah man ihn vor einem Geschah stehenbleiben, hineingehen und sich ein Ordensbändchen kaufen, Gott weiß wozu, — denn einen Orden hatte er nicht.
Das also ist die Geschichte, die in der nördlichen Hauptstadt unseres unermeßlichen Reiches passierte. Und erst jetzt, indem wir uns noch einmal alles recht vergegenwärtigen, sehen wir, daß viel Unwahrscheinliches darin vorkommt. Abgesehen davon, daß dieses übernatürliche eid)= entfernen der Nase und ihr Auftreten an verschiedenen Stellen der Stadt in der Gestalt eines Staatsrates wirklich recht sonderbar erscheint, müssen wir uns fragen: wie kam die Nase in das frischgebackene »rot, unb auf welche Weise ist Iwan Jakowlewitsch selber ...? aber nein: bies ist unbegreiflich, enischieben unbegreiflich! — Aber bas Sonderbarste unb bas Unbegreiflichste von allem ist boch bies: baß Autoren sich Sujets solcher Art wählen. Ich gestehe, baß bies wohl völlig unfaßbar ist, einfach ... nein, nein! bas verstehe ich nicht. Denn erstens: irgend einen Nutzen fürs Vaterlanb hat es nicht. Zweitens ... jedoch aua> zweitens hat es keinen Nutzen. Einfach, ich weiß nicht, was das soll ••• Und dennoch, trotz alledem und dessenungeachtet, zugeben kann man immerhin, baß bies unb bas und jenes gewissermaßen vielleicht ooq sogar ... und schließlich, wo, in welchen Geschichten kommen keine uin Wahrscheinlichkeiten vor? ... und wenn man’s überlegt, so ist an diehm allen tatsächlich doch was Wahres dran. Unb was man auch bagege einwenben mag, Dinge bieser Art kommen vor in ber Welt, zwar |euc - boch — sie kommen vor.
Ihre Alexandra Podtotschina.
„Nein," sagte Kowalew, nachdem er diesen Brief gelesen hatte, „sie ist wirklich nicht schuld. Es kann nicht sein! So schreibt kein Mensch, ber sich eines Verbrechens schulbig weiß."
Der Kollegienassessor hatte hierin Erfahrungen, benn mehrfach, schon im Kaukasus, war er mit ber Führung gerichtlicher Untersuchungen betraut gewesen. „Wie, um alles in ber Welt, hak bies sich zugetragen? Daraus wirb nur ber Teufel selber schlau!" — sagte er schließlich, inbem er bie Hänbe sinken ließ.
Unterbetten hatte bas Gerücht von biesem ungewöhnlichen Ereignis sich durch bie ganze Hauptstabt verbreitet unb, wie es in beriet Fällen zu geschehen pflegt, nicht ohne verschiebene Zusätze. Damals waren bie Geister ganz besonbers empfänglich für alles Außer- und Uebergewöhn- liche. Experimente magnetischer, telepathischer Art waren erst kürzlich allgemein bekannt geworden. Auch die Geschichte von den tanzenden Stühlen in einem Hause an ber Konjuschennaja war noch in frischer Erinnerung. Unb so ist es benn nicht zu verwunbern, baß unter anberem erzählt würbe, bie Nase bes Kollegienassessors Kowalew gehe jeben Tag pünktlich um drei Uhr auf bem Newski-Prospekt spazieren. Neugierige sammelten sich in Mengen an. Jemanb hatte behauptet, bie Nase befinde sich im Geschäft der Firma Junker, und so entstand vor Junker ein olcher Auflauf, und das Gedränge wurde so groß, daß die Polizei ein« schreiten mußte. Ein spekulativer Kopf, ein Mann von ehrwürdigem Aussehen — sonst verkaufte er vor dem Eingang zum Theater trockne Konditorkuchen — verfertigte jetzt hölzerne sehr feste Bänkchen, die er an Neugierige, für achtzig Kopeken pro Person, vermietete. Ein im Dienste ergrauter Oberst ging extra zu diesem Zweck früher von zu Hause aus und drängte sich mit Mühe durch die Menschenmenge. Zu seinem großen Unwillen aber sah er im Fenster des genannten Magazins anstatt ber erwarteten Nase bloß ein gestricktes wollenes Wams unb eine Lithographie, auf welcher eine Jungfrau bargeftellt war, bie sich ihr Strumpfbanb zurechtmachte, während hinter einem Baum hervor em Geck in offener Weste, mit einem kleinen Bärtchen am Kinn, nach ihr blickte, ein Bild, das schon seit mehr als zehn Jahren an derselben Stelle hing. Sich hiervon abwendend, sagte er voll Verdruß: „Wie kann man nur mit solchen törichten und unwahrscheinlichen Gerüchten das Volk verwirren?!" r .
Sodann entstand das Gerücht, nicht auf dem Newski-Prospekt, sondern im Taurischen Garten gehe die Nase spazieren, — unb zwar schon seit längerer Zeit. Schon Chosrew Mirsa habe sich seinerzeit über bieses seltsame Naturspiel gerounbert. Einige Stubenten ber Chirurgischen Akabemie begaben sich sofort bahin. Eine bekannte sehr angesehene Dame wandte sich brieflich an den Oberaufseher des Gartens mit der Bitte, er möchte ihren Kindern dieses Phänomen zeigen, wenn möglich, mit für die Jugend geeigneten Erklärungen.
Außerordentlich erfreut über diesen ganzen Vorfall waren alle jene Leute von Welt, die bei keiner gesellschaftlichen Veranstaltung fehlen durften. Ihr Vorrat an Themen, womit sie ihre Damen unterhalten konnten, war zu der Zeit gerade vollkommen erschöpft. Sehr unzufrieden dagegen war eine kleine Gruppe von würdigen und sittsamen Leuten. Einer von diesen äußerte mit Entrüstung, er begreife nicht, wie man in unserem aufgeklärten Zeitalter solche Albernheiten verbreiten könne, und er wundere sich hierbei über die Gleichgültigkeit der Regierung. Dieser Herr gehörte offenbar zu denjenigen, die die Regierung gern in alles hineinverwickeln möchten, sogar in ihren eigenen täglichen Zank mit der Frau. Hiernach ... aber hier hüllen sich die Geschehnisse von neuem in einen Nebel, unb was weiter geschah, — bleibt völlig unbekannt.
3.
Unsinn geschieht in ber Welt. Die größten Unwahrscheinlichkeiten kommen vor: Jene selbe Nase, bie im Range eines Staatsrates urnher- fuhr unb so viel Lärm in ber Stabt verursacht hatte, war plötzlich, als wäre nichts geschehen, wieber auf ihrem alten Platz, bas heißt, sie faß wieber zwischen ben beiden Wangen bes Majors Kowalew. Es war bereits ber siebente April, als bies geschah.
Ihr Brief hat mich außerorbentlich erstaunt. Ich muß gestehen, das hatte ich nicht erwartet, besonders was Ihre ungerechten Vorwürfe betrifft. Jenen Beamten, ben Sie erwähnen, habe ich niemals bei mir empfangen, roeber maskiert, noch in feiner wahren Gestalt. Allerbings hat ein gewisser Philipp Iwanowitsch Potantschi- kow bei mir verkehrt. Auch hat derselbe sich tatsächlich um bie Hand meiner Tochter bemüht. Ich habe ihm aber, obwohl er ein anständiges unb nüchternes Betragen unb eine große Gelehrsamkeit an den Tag legte, nie irgendwelche Hoffnungen gemacht. Sollten Sie aber mit Nase gemeint haben, ich hätte Ihnen eine Nafe gedreht, das heißt, Sie in bezug auf meine Tochter abgeroiefen, fo wundert mich dies um fo mehr, als ich, wie Sie wißen, durchaus das Gegenteil meinte. Und wenn Sie jetzt in aller Form um meine Tochter freien wollen, fo bin ich sofort bereit, Ihnen meinen Segen zu erteilen, da eben dies schon längst mein lebhaftester Wunsch ist. In welcher stets zu Ihren Diensten verbleibe als


