Ausgabe 
2.9.1929
 
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Bozen.

Von Wilhelm Hausenstein.

Seit vierzehn Tagen habe ich die Wahl zwischen Klobenstein, der Mendel, dem Latemar. Aber fast sind mir schon Runkelstein, Sarntal und die Serpentinen der Guntschna zu viel. Und sicherlich: so oft ich dort auf den sanften, sauberen Steigen, zwischen großen Eidechsen mit einer Haut aus blau und grün schillerndem Satin, Fuß vor Fuß setzte, hort oder auf der roten Promenade von Sankt Oswald, sicherlich also war ich lieber als in den großartigsten Fernen des Etschtals oder des Hochgebirgs, das Rosengarten heißt, auch mit den großen Blicken drun­ten in der Ebene um Bozen her. In der Tiefe breiten sich die wag­rechten Flächen der Rebgefilde, bläulich von verspritztem Vitriol, das der pflegende Winzer aus den Schläuchen schoß. Die Leute auf der Bank neben mir schrien über die Aussicht auf die roten Wände und Pfeiler der Dolomiten. Ich sah hinüber, erschrak bewundernd vor den bizarren Romanzen aus Stein; die doppelte Röte drauf, die des Gesteins und die der malenden Abendsonnenstrahlen, war von abenteuerlicher Pracht; allein ich senkte den Blick; ich zog ihn weg sogar von den näheren Bergen, die rechts und links des Flusses im Süden den Stil des Tretino, der Veroneser Klause melden; den einfachen, waldlosen Bergen nahm ich meine Aufmerksamkeit, obwohl ich sie liebe mit ihren Büschen, die wie krause grüne Wolle sind und mit der Schönheit der kahlen violetten Flecken. Zu Tale senkte ich den Blick, zu Tale, wo es matt war, wo um kleine Landhäuser und um Winzerhäuschen, die in der Dämmerung deutlicher wurden, unablässig die ebenen Rebäcker sich dehnen, grün von Laub und milchig blau von Vitriol. Der Anblick be­wegte mich. Richt auf sentimentale Weise; ich sah hinab mit inniger Sachlichkeit; auch mit der bewußtlosen Ruhe eines Toten.

Ader nicht dies war das Schönste. Das Schönste ist auch nicht der Hotelgarten mit Magnolien und Palmen, Zedern und Weimutskiefern und Zypressen, mit Bambusbüschen, Lorbeer und Rhododendron. Das Schönste ist die Porphyrwand hinter dem Hause.

Als ich ankam, todmüde und alle beklommenen Gesühle des allzu empsindlichen Fremden im Herzen, des Zureisenden, dem noch das Ver­trauen zu allen den doch zu offenbaren Schönheiten der Gegend fehlte, da legte mein befangenes Herz sich alsbald an diese rote und grüne und ganz nahe Wand.

Sie ist hoch, wohl über das Doppelte der Höhe meines Hotels hin­aus. Fast senkrecht ist sie und nur etwa um die halbe Tiefe meines Hauses von mir entfernt. So oft ich aus meinem Zimmer komme, oder in mein Zimmer zurückkehre, trete ich ans Fenster des Korridors und sehe diese Wand an; sehe das Rote, Grüne; das Rahe, Steile, das hell, leidenschaftlich und unerreichbar steht und im einzelnen auch nicht ohne behagliche Liebenswürdigkeit. Mit dieser Wand habe ich noch mehr zu tun als mit dem großen Ausblick aus meinem Zimmer. Es ist nicht ein Verhältnis der Zärtlichkeit. Mit Liebe hat es nichts zu tun, und es ist unberedt. Es ruht auf der gleichsam mechanischen Nähe, lebt i lnBegrenzien, zehrt vom Deutlichen, das dennoch ungreifbar bleibt; es nährt sich von der Enthaltung in so dichter Nachbarschaft; es wächst aus dem rastenden Bedürfnis eines Lebensalters, das jenseits der Jahre ab­schweifender Jugend ankam.

Dicht am roten Stein, der aber gründlicher besehen, nicht bloßrot" ist, sondern auch violett und grau und ockergelb, orange und schwarz, sitzen Agaven und Kakteen. Kreisrunde und längliche Scheiden, dicke Lebkuchen, doch grüne, die aufeinander wachsen und Blüten tragen so zartgelb wie Teerosen und fast von ihrer Form und Größe: das sind die Kakteen auf dem Porphyr. Die Agaven sind weniger fett anzusehen, trockener, härter auch; ihr kreidiges Grün ist lichter. Sie sind massive Schwerter, Säbel, Sägen und Dolche, manchmal am Rand verziert mit goldgelben Streifen wie kostbare Waffen, deren Stahl mit Gold aus­gelegt ist. Dies alles wächst von selbst da (denn wirklich ist es da, als ob es gar nicht erst hätte wachsen müssen). Beiseite gesetzte Nebensachen der Natur; ein Hinderhaus der Natur; einer ihrer unaufmerksamsten Augenblicke. O ja und es ist mehr als genug ich lebe davon! Sonst wachsen dort noch in der nämlichen Belanglosigkeit Granat­sträucher mit scharlachroten Blüten; auch weiße Hanflilien, die der Tiroler Sitten nennt das schöne wälsche Giglio krästig barbarifierenb. Ich gewahre etliches blankes Laub, das mir fremd ist; es ist wie angemalt mit hellgrünem und dunkelgrünem Lack. Eine Silbertanne dort drüben ist schon zu merkwürdig. Sie ist ich weiß nicht wie von zierenden Menschenhänden hingesteckt. Lieber ist mir der wildwachsende Mirabell­busch, dessen violette Früchte unter Blättern verborgen sind, die dem Laub, der Blutbuche ähneln. Zuweilen ist die warm dastehende Luft zwischen dem Hotel und der Porphyrwand vom Geschrei versteckter Zikaden grell ornamentiert. Es müssen nach der Stärke ihrer Stimme große Tiere sein Tiere von doppelter Größe unserer Grillen. Ich stehe in der Kühle. D>e Kühle meines Korridors begegnet der festen Wärme der Wand; die Kühle schaut-die Wärme an. Ich meine, in der standhaft warmen Luft, die selbst eine Wand ist, das Muster zu erblicken, das von den schnar­renden Stimmen der Zikaden hineingestochen wird. '

Spüre ich, anstatt zu stehen und zu schauen oder von der Bade­wanne aus die Wand zu betrachten, ein leises Gesühl, die Füße zu be= wegen, so suche ich kaum die Promenade an der Taster, auch nicht Bozen die Stadt, die kühlen Gewölbe der Lauben, die gehäuften Auslagen der Laden oder den Filigram am roten Domturm ober die Verwitterung der klobigen Portallöwen. Sondern ich finde mich, wie im Traum geführt, ouf einem Landweg zwischen zwei heißen Mäuerchen, ein Begleiter der uajten Glut, die wie eine Person ist. Dann begegnet mir, von einem Kind °.m Strick geführt, eine antike Ziege oder, von einem Buben gelenkt, einem zehnjährigen Kutscher, ein Eselchen mit weißer Schnauze, weißen »ußen, eleganten Husen, rundem Bauch und klugen, klugen samtbraunen -nngen. lieber den niederen Mauern hängen Frühbirnen in den still- nagenden Bäumen, auch Mandeln, Feigen alles noch grün; Trauben |tnö noch wie Erbsen. Jetzt erscheint überm grauen Stein eine Sonnen« otume, jetzt ein Garten mit Dahlien aus blutrotem Samt, mit Kapuziner­

kresse, karminroten Malven, und welken Vuschrosen um ein halbzermürb. tes Halzkruzifix; an den Händen des Gekreuzigten hängt je ein Kolben goldgelben Welschkorns. Im Staub des Weges arbeitet ein Hirschkäfer sich vom Rücken auf den Leib zurecht, mit einer bewußten Energie, die mir Schrecken einjagt. Jetzt sitzt er; jetzt richtet er gereizt die furchtbaren Zangen gegen einen imaginären Feind; ich gebe ihm das Ende meines Stockes, um seiner Erbitterung einen Gegenstand zu leihen, und er um­klammert es mit einer persönlichen Wut. Ich hebe Stock und Käser: der beginnt sich zu spreizen, entfliegt, und die wie Propeller surrenden Flügel scheinen gegen das Licht des Himmels blutrot.

Es geschieht auch, daß ich, ohne einer Absicht gefolgt zu sein, unter Reben wandle, die einen langen kühlen Korridor machen. Da bin ich wieder allein mit allem Sachlich-Nächsten, mitten in lauter Weingärten; es sei denn daß fremdartig, einem Dämon ähnlich, aus der sorgsam ge­häufelten, von Unkraut peinlich reinen Erde ein Winzer auftauche mit giftgrünem Hut, einer grünfpanigen Bütte auf dem Buckel, einen vitriol- farbenen Schlauch hantierend und schräghin die Patina verspritzend von unten ans Laub hin ober zwischen ben Reben durch in einer steigenden unb fallenben Vitriolfontäne. Das erstemal nur erschrak ich. Jetzt beklage ich bloß noch, daß ich nicht van Gogh bin, um den wunderlichen und blöd grüßenden Gnom zu malen.

So lebe ich dahin entlang dem Geringfügigen und sehr Nahen, ohne das gewesene Pathos der weiten Perspektiven. Es ist eine Schule; es hat seinen Sinn; man stirbt nicht mit einem Schlag, sondern man hat jetzt angefangen, zu sterben. Es ist eine Vorschule des Lebens für dis Dimensionen des Grabes; für das, was nahe beisammen ist und dennoch weit genug, und für die Sicht von unten.

Die Nase.

Von Nikolaj W. Gogol.

(Schluß.)

Das macht nichts," meinte der Arzt,stellen Sie sich nicht so nahe an die Wand." Hierauf befahl er ihm, den Kopf nach rechts hin schief zu halten, befühlte die Nasenstelle und jagte:Hm!" Dann befahl er, den Kopf nach links zu wenden, und sagte wiederum:Hm!" Gab ihm wie­der mit Daumen und Zeigefinger einen Stüber, daß der Major hoch» fuhr wie ein Gaul, dem man ins Maul schaut. Nach dieser Unter­suchung schüttelte der Arzt den Kopf und sagte:Nein, es geht nicht. Besser, Sie bleiben so. Es könnte sonst noch schlimmer werden. Gewiß, ansetzen könnte man sie. Ich würde sie Ihnen sogar sofort ansetzen. Aber ich versichere Sie, es würde dadurch nur noch schlimmer werden/ Wie denn?" sagte Kowalew,soll ich ohne Nase bleiben? Schlimmer, meine ich, kann es nicht werden, als es jetzt ist. Das ist einfach, der Teufel weiß, was! Wo kann ich mich denn blicken lassen mit solch einer Lächerlichkeit? Ich habe gute Vekannie. Heute zum Beispiel müßte ich noch in eine Gesellschaft, sogar in zweie. Ich habe viele Bekannte. Die Frau Staatsrat Tschechtarewa, Frau Oberstleutnant Podtotschina ... obwohl ich nach dieser ihrer Handlungsweise mit ihr nichts mehr zu tun habe außer durch die Polizei. Seien Sie doch so gut," fuhr Kowalew mit stehender Stimme fort,gibts denn kein Mittel? Setzen Sie sie an, irgendwie. Mag es auch nicht ganz tadellos fein, wenn sie nur hält. In gefährlichen Momenten kann ich sie ja mit der Hand ein wenig festhalten. Außerdem, ich tanze nicht. Es ist also nicht zu befürchten, daß irgendeine unvorsichtige Bewegung die Sache in Gefahr bringt. Was meine Dankbarkeit betrifft für die ärztliche Visite, so seien Sie über­zeugt, soweit meine Mittel dies gestatten ..."

Sie können mir glduben," sagte der Doktor mit einer Stimme, die weder laut noch leise, aber sehr überzeugend klang,daß ich meinen Berus niemals aus Gewinnsucht ausübe. Das würde meinen Prinzi­pien und meiner Kunst widersprechen. Allerdings nehme ich etwas für meine Visiten, aber einzig und allein aus dem Grunde, um meine Patienten durch eine Ablehnung nicht zu kränken. Natürlich könnte ich Ihnen die Nase ansetzen. Aber ich versichere Sie bei meiner Ehre, wenn Sie es mir anders nicht glauben wollen, daß dies noch viel schlimmer sein würde. Ueberlaffen Sie das weitere der Natur selbst. Reiben Sie sich oft mit foltern Wasser ab, und seien Sie überzeugt, daß Sie ohne Nase genau so gesund fein werden, als wenn Sie sie hätten. Die Nase aber, würde ich Ihnen raten, tun Sie in ein Gläschen mit Spiritus, ober besser noch, Sie gießen zwei Eßlöffel absoluten Alkohol darauf, vermischt mit erwärmtem Essig. Und Sie können ein hübsches Stück Geld dafür bekommen. Ich würde sie sogar selber behalten, wenn Sie nicht gar zu viel bafür verlangen."

Nein, nein, um keinen Preis!" schrie der verzweiselte Major,mag sie zunichte gehn!"

Entschuldigen Sie," sagte der Doktor, sich empfehlend,ich wollte mich Ihnen nützlich erweisen ... Was ist da zu machen! Wenigstens meine gute Absicht Haden Sie gesehen." So sprach der Arzt und ver­ließ mit edlem Anstand das Zimmer. Kowalew bemerkte dabei nicht einmal das Gesicht, das der Doktor machte, sondern im Gefühl vollkom­mener Stumpfheit sah er nur die aus den Aermeln des schwarzen Frackes hervorschauenden Manschetten, die rein und weiß waren wie frischgefallener Schnee.

Er beschloß, gleich morgen, bevor er eine Klage einreichte, an die Frau Oberstleutnant zu schreiben, ob sie vielleicht gutwillig darauf ein­ginge, ihr Unrecht wieder gutzumachen. Der Brief hatte den folgenden Inhalt:

Sehr geehrte gnädige Frau

Alexandra Grigorjewna!

Ihre seltsame Handlungsweise ist mir unbegreiflich. Seien Sie überzeugt, daß Sie auf diese Art nichts gewinnen und mich hier­durch nicht zwingen werden, Ihre Tochter zu heiraten. Glaudcv Sie mir, daß die Geschichte bereits aufgeklärt ist, sowie auch, daß hierbei niemand anderes die Hauptschuld hat als Sie. Das plötzliche Ver­schwinden des betreffenden Wesens, seine Flucht und sein verkleide-