slch nicht den Deut darum, daß es jetzt über uns, unter uns empörter von allen Hauseinwohnern Beschwerde klopfte. Mochte das klopfen, so viel es wollte! Klavierstimmen war eben eine Kunst, die leider nicht ganz geräuschlos vor sich gehen kann. Aber — was das Zusammensetzen des Klaviers anbelangte — ja, wo gehörten denn eigentlich all diese größeren und kleineren Teile hin, die doch einmal ein schönes Ganzes gebildet hatten und wieder bilden mutzten, damit die Eltern von dem ganzen Spiel nichts merkten! Und meine Müdigkeit, mein immer intensiveres Gähnen, das meine Schwester längst wirklich geschwisterlich einträchtig begleitete, die geleerte Bischofsslasche im molligen Aermchen und so verklärt lächelnd.
„Ja — was ist denn hier los?" fuhr plötzlich die Stimme meines Vaters wie aus ganz unwirklicher Ferne an unsere Ohren. „Die Flasche — das auseinandergenommene Klavier — die schlafenden Kinder — ja, was ist euch denn!"
Ja — was und wie war uns denn? Wenn ich heute den damaligen körperlichen und geistigen Zustand nur annähernd andeuten soll, möchte ich jenen Mönch von Heisterbach einzig zum Vergleiche heranziehen — o Gott, o Gott — tat mir der Kopf weh und weshalb tanzten die immer noch merkwürdig entfernten Gestalten meines Vaters, meiner Mutter so vor meinen Augen!
Unser erstes Klavierstimmen blieb unser einzigstes; und zur Strafe durften wir nicht dabei sein, als in den nächsten Tagen der Klavierstimmer richtig in eigener Person wieder kommen mußte, ohne daß er dieses Mal ein Glas Bischof bekam, worüber er sich gewiß recht gewundert hat.
Was blieb aber noch? Wenigstens für mich — eine ganz ausgesprochene Vorliebe für den Bischof, der als Getränk doch längst unmodern ward. Und da ich nun lachend von dem harten Lager einer ziemlich schlaflosen Nacht, für die ich drei Mark zu zahlen habe, aufspringe, muß ich die Bischofssehnsucht mühsam Niederkämpfen, daß sie schleunigst einer Kaffeesehnsucht weicht und auch der Lust nach einem morgendlichen Bad im märkischen See. Aber durch die Tür da unten muß ich doch einen flüchtigen Blick werfen: richtig — der Klavierstimmer ist von einem dünnen, klapprigen Körper, nur viel, viel älter — daß plötzlich die letzten Verse aus Wolfgang Müller von Königswinters „Mönch in Heisterbach" auf meinen Lippen find:
„Ich weiß: ihm ist ein Tag wie tausend Jahr', Und tausend Jahre sind ihm wie ein Tag!" —
selbst wenn diese tausend Jahre in meinem Falle nur etwas lächerlich wenige zweiundvierzig sein mögen ...
Nein, keinen Bischof! Und auch keinen Kaffee! Das Bad im Sommermorgen ist wichtiger; und hernach ist es noch immer Zeit genug zum Essen und zum Trinken! Und der Klavierstimmer wird auch schon noch anwesend sein — wenn er nun schon einmal von der Stadt so früh an einem Sonntag in ein märkisches Dorf gekommen ist. Dann kriege Ich noch immer reichlich zu sehen, wie man eigentlich ein Klavier wieder ordentlich zusammenzusetzen hat — wovon ich mich in der Zwischenzeit leider nie unterrichten lassen konnte ...
Morgens.
Von Theodor Storm.
Nun gib ein Morgenkühchen!
Du hast genug der Ruh';
und setz dein zierlich Füßchen behende in den Schuh!
Nun schüttle von der Stirne der Träume blasse Spur! Das goldene Gestirne erleuchtet längst die Flur.
Die Rosen in deinem Garten sprangen im Sonnenlicht; sie können kaum erwarten, daß deine Hand sie bricht.
Menschen aus einer anderen Welt.
Merkwürdige Geschichten von zerstreuten Leuten.
Von C. G. v. Maaßen.
Ein wahres Musterbeispiel von Zerstreutheit bot der berühmte Newton. Er vergaß Essen und Trinken, wenn er an einem mathematischen Satz arbeitete. Eines Tages erhielt er den Besuch eines Freundes. Der Bediente führte ihn ins Wohnzimmer und bat zu warten, da der Herr noch oben in feinem Studierzimmer beschäftigt sei. Der Besucher ließ sich am Tische nieder, und schon stieg ihm der Geruch einer köstlich gebratenen Hammelkeule in die Nase. „Das Essen wird ja kalt, wenn Newton nicht bald erscheint", dachte er. Dann hob er den Deckel von der Schüssel und schnupperte hinein: „Vortrefflich zubereitet", lobte er. Und er wußte wohl selbst nicht, wie es geschah, aber schon hatte er sich den Teller hingeschoben, schon lag ein mächtiges Stück Fleisch darauf, Kartoffeln und Bohnen folgten, und schon gab er sich mit Genutz und Ausdauer den Freuden eines Mahles hin, das nicht für ihn bestimmt war. Er erschrak auf das heftigste, als er feststellen mußte, daß er alle Schüsseln ratzekahl ausgefressen hatte. Höchst betroffen erhob er sich von feinem Stuhle, lauschte und schlich sich auf den Zehen die Treppe hinunter und zur Haustüre hinaus.
Kurz danach betrat Newton das Zimmer, um feine Mahlzeit zu halten. Da fiel sein Blick auf geleerte Schüsseln und einen Teller, der deutlich zeigte, daß man bereits auf ihm gespeist habe. „Sonderbar, höchst sonderbar," brummte der Gelehrte kopfschüttelnd, „ich mutz offenbar schon gegessen haben. Aber es ist mir völlig aus dem Gedächtnis
entschwunden. Er blickte noch einmal verwundert und prüfend In die Schüsseln, und ein wenig besorgt darüber, wie er habe vergessen können daß er schon gespeist habe, begab er sich sofort wieder in sein Arbeitszimmer.
Ein anderes Mal satz Newton rauchend in einer größeren Gesellschaft von Herren und Damen und grübelte über ein wissenschaftliches Problem nach. Nachdenklich zog er an seiner Pfeife und bemerkte, daß sie nicht recht brennen wollte. Ohne aus seinen Gedanken herauszugehen, tastete er mit seiner Rechten nach einem Gegenstand, der ihm zum Pfeifenstopfen dienen könnte. Und dabei erwischte er die Hand einer neben ihm sitzenden Dame, ergriff ihren Zeigefinger und bediente sich dessen an Stelle des Pfeifenstopfers. Die erstaunte Dame lieh es eine Zeitlang ruhig geschehen, wenigstens so lange, als diese Manipulation noch schmerzlos war. Als sie sich aber an der Glut des Tabaks die Fingerspitzen verbrannte, stieß sie einen lauten Schrei aus. Und nicht weniger erschrocken ließ Newton ihre Hand fahren und mußte sich erst besinnen, was er da eigentlich gemacht hatte.
Lessing hatte einen Bedienten, dem er niemals recht trauen wollte, und so beschloß er, ihn auf die Probe zu stellen. Er legte ein paar Geldstücke auf den Tisch, um zu erfahren, ob sich der Diener einige davon aneignen würde. Bald darauf erschien ein Freund, dem er von seiner Prüfungsmethode Bericht erstattete. „Hast du dir auch ge. merkt, wieviel Geld du auf den Tisch gelegt hast?" fragte ihn dieser. „Nein," sagte Lessing aufs höchste betroffen, „das habe ich nicht getan!“ Der Göttinger Mathematiker Johann Andreas S e g n e r lebte ausschließlich in der Welt seiner Gedanken. So sehr, daß ihm alle Bedürfnisse des täglichen Lebens fremd blieben. Selbst die Freude am Essen und Trinken kannte er nicht. Seine Gattin behandelte er so, als ob sie überhaupt nicht vorhanden wäre. Einmal kam diese aus der Küche ins Wohnzimmer, um ihren dort arbeitenden Mann nach irgendeiner Sache zu fragen. Dabei hielt sie noch die glühende Kohlenschaufel in der Hand, die sie in der Küche gebraucht hatte. Aber der Mann war aus feinen Gedanken nicht herauszubringen. Höchst ärgerlich über eine solche Teilnahmslosigkeit, berührte sie den kleinen Finger ihres Mannes mit der heißen Schaufel und verbrannte ihn etwas an der Spitze. Der Finger zuckte wohl ein wenig zurück, aber der Besitzer desselben blieb ungerührt in seine Meditationen vertieft. Erst später beim Abendessen betrachtete er verwundert feinen kleinen Finger und konnte trotz allen Nachdenkens nicht darauf kommen, wo und wie er sich wohl verbrannt haben könnte.
Um den kameradschaftlichen Umgang unter den Professoren der Göttinger Universität zu fördern, hatte die hannoversche Regierung an- geordnet, daß sich die Dozenten jeden Sonntag mittag auf der Esplanade zu einem gemeinsamen Spaziergange einfinden sollten. So wollte Gegner einmal an einem solchen teilnehmen. Als die Stunde des Zusammentreffens schlug, hatte er bereits feinen Hut auf dem Kopse. Aber gleich darauf hatte er das auch schon wieder vergessen. Er ergriff also einen anderen Hut, den er aber nicht aufsetzte, sondern in der Hand behielt, und eilte fort zur Versammlungsstelle. Er bemerkte auch seinen Irrtum nicht, als er bereits mitten unter feinen Kollegen weilte, die alle neugierig waren, zu erfahren, aus welchem Grunde er eigentlich zwei Hüte mitgenommen habe. — Selbst auf einem gewissen verschwiegenen Oertchen versank diesem. Gelehrten die Umwelt derart, daß all« anderen Besucher die Tür auf Stunden verschlossen fanden und keinen Einlaß finden konnten.
Der berühmte Dr. Tillotson war ein Muster von Geistesabwesenheit. Einmal stach ihn eine Mücke, während er sich gerade mit einem Kollegen unterhielt. Er bückte sich also, um sich da zu kratzen, wo sie saß, nämlich an seinem rechten Beine. Aber er erwischte in seiner Zerstreutheit das Bein seines Nachbarn, das er heftig mit feinen Nägeln bearbeitete. Die Mücke stach also ruhig weiter, während Tillotson unentwegt das fremde Bein kratzte. Der Kollege war zwar sehr erstaunt, aber viel zu höflich, um nach der Ursache eines so seltsamen Beginnens zu fragen.
Ein anderes Diät machte Tillotson mit drei Freunden, die nicht weniger zerstreut waren als er, eine Wagenpartie von London nach Wind- for. Als sie etwa die Hälfte des Weges zurückgelegt hatten, fiel es ihnen auf, daß der Kutfcher sehr langsam fuhr. Der französische Gelehrte Desmaifeaux, der dabei war, steckte seinen Kopf zum Wagenfenstei hinaus und rief dem Kutscher zu: „Allons donc! Allons donc!“ (Vorwärts, zugefahren!) Der Kutscher, der kein Französisch konnte, verstand: A London! —, drehte um und sagte nur „If you please, gentleman! (Wie Sie wollen, mein Herr!) — Die gelehrten Herren merkten diese unerwünfchte Umkehr nicht eher, als bis sie statt zu Windsor, wieder an ihrem Ausgangspunkt in London angelangt waren.
Monsieur d'Ängouge, Bischof von Vannes, machte der Marquise Descartes einen Krankenbesuch. Er setzte sich auf einen Stuhl vor ihr Bett, ließ aber dabei sein Brevier fallen. Er bückte sich, um es wieder aufzuheben, erwischte aber statt heften einen Pantoffel der Marquise, den er in feiner Zerstreutheit in die Tasche steckte. Nach Beendigung der Visite begab er firfj in die Messe. Kaum war er gegangen, entdeckte die Marquise das Brevier und das Fehlen ihrer Fußbellei- dung. Sie rief einen Diener und befahl ihm, das Buch dem geistlichen Hern in die Kirche zu bringen, gleichzeitig aber auch nach einem Pantoffel zu fragen, den er aus Versehen eingesteckt haben könnte. Der Bischof freute sich, sein Brevier wieder zu erhalten, antwortete aber auf die Frage nach der Fußbekleidung, daß er von einem Pantoffel nm)» wüßte. Dennoch suchte er in seinen Taschen herum, wobei ihm cnNig) der ominöse Pantoffel in die Hand kam. Er zog ihn heraus und überreichte ihn dem Diener mit den Worten: „Da, mein Sohn, das 'N alles, was ich an Pantoffeln bei mir habe!" -
Ein in tiefes Nachdenken versunkener Professor klopfte einmal M dem Tische seine Pfeife aus. Auf das sich dadurch ergebende Geramm hin rief er sogleich: „Herein! Herein!" — Als aber niemand daraufyi eintreten wollte, schrie er ungeduldig: „Zum Henker noch einmal, • ein!!" — Und begriff durchaus nicht, warum der Klopfer nun nuy eintreten wollte.


