frißt voll Sier, indes Bobby aufgerichtet neben Vater Liebetreu steht und prüfend die sauber gewaschenen Birnenschnitze betrachtet.
Stämmig ist der Gorilla und breit geworden. Sein einst graugrünes Fell glänzt jetzt kastanienbraun, fast schwarz. Er wiegt etwa 55 Pfund, fast doppelt soviel als im März 1928, da ich ihn an der französischen Riviera kennenlernte, mich mit ihm befreundete, Pflege und Fütterung übernahm, bis Hermann Ruhe, der große Tierimporteur, mir Gorilla und Schimpansen in den Reisewagen reichte und ich am Mittelmeer entlang fuhr, der italienischen Grenze entgegen. Zwei Tage und zwei Nächte waren wir zusammen in einem Eisenbahnkupee, unvergeßliche Stunden, naturnah und geheimnisvoll, über Schneeberge, den Rhein entlang, Richtung Berlin.
Im Sommer bekam Bobby über Nacht eine tüchtige Influenza; stöhnend lag er im Winkel seines Geheges und mußte schleunigst in die Krankenstube gebracht werden. Da kamen sorgenvolle Tage, Pflege, Wartung, der Tierarzt ging aus und ein; jeder Bissen Nahrung wurde überlegt, Inhalationen gemacht und Medikamente eingeflößt. Fieber hatte sich eingestellt, Verschleimung und Husten, Tag und Nacht saßen Liebetreu oder seine Frau bei dem Patienten, bis endlich die Lebensgefahr überwunden war.
Noch schlimmere Sorgen bereitete der kleine Schimpanse seinen Freunden. Wie manchesmal bin ich da in die Krankenstube unters Dach hinaufgestiegen, wo er wochenlang in Quarantäne lag, mit schwerem Atem und kläglich zu schreien begann, sobald er merkte, daß man ihn wieder verlassen wollte. Ich habe stundenlang in dem Kämmerchen ge- kessen und habe die heißen Finger des Fiebernden in meiner Hand gehalten, während sein müdes Köpfchen kraftlos zur Seite hing. Toto verlor im Lauf der Wochen fein ganzes Haarkleid, faß kläglich und packt, ein mitleiderregendes, krankes Kind, auf dem Deckel feiner Schlaf- kiste. Dann kam die Rekonvaleszenz. Und es ist nicht zu beschreiben, mit welchem Uebermut der Schimpanse nun seinen Besuch umtanzte. Das kleine Tier klatschte andauernd in die Hände, sprang über Tisch und Schlafkasten, sang hastig plappernde Leute, zog mir die Schuh aus und umschlang mich fast schmerzhaft fest mit seinen langen Armen.
Wer letzt vor dem großen Spielkäfig steht, kann sich so recht vom Wohlbefinden der beiden Tiere überzeugen. Toto ist dick und rund wie nie vor seiner Krankheit, hat langes, glänzend schwarzes Haar und einen veritablen Backenbart.
Nun sind die beiden Tiere mit ihrer Mahlzeit fertig. Sie hocken eng aneinandergeschmiegt unter ihrer Decke. Aber sooald das Heu im Schlafkasten aufgeschüttelt ist, schält sich der Gorilla heraus, balanciert auf seinen vier Händen über den runden Kletterbalken, kommt an die eiserne Leiter, nimmt sich gar nicht die Zeit, sauber die Sprossen hinab zu steigen, sondern rutscht wie ein übermütiger Schuljunge pfeilschnell zu Boden. Mit holpernden Sprüngen drängt er an den Pfleger, miest ein wenig, trommelt mit beiden Fäusten gegen die Schlafkiste, Vater Ltebetreu beugt sich zu Bobby herunter, eine herzhafte Umhalsung, und gravitätisch steigt der Gorilla in fein Bett, wo sich Toto bereits heimlich eingenistet hat. Der Schimpanse hält ein weißes Tuchstück in seinen Händen, das er im Schlaf fest gegen feine Wanden preßt.
„Morgen früh um 7 Uhr wachen sie auf, die Kinder, in der Nacht rühren sie sich nicht. Schlaf ist gesund", sagt Frau Liebetreu durch die Gitterstäbe zu mir herüber.
Im Angesicht des Mount Everest.
Indischer Reisebrief von Anton L ü b k e.
Während einer langen Nachtfahrt brachte mich der Darjilingexpreß dem Norden Indiens zu. Aus einem unruhigen Schlafe, der oft gestört wurde durch lautes Schreien in den Bahnhofshallen, erwachte ich im dämmernden Morgen in Siliguri, der Endstation der Eastern-Bengal- Eisenbahn. Ein fast winzig zu nennender Eisenbahnzug, der aus einer Spielzeugschachtel entnommen zu sein schien, wartet auf den Reisenden, der seinen Weg in den Himalaja nehmen wollte. Die Wagenabteile des Zuges sind so klein, daß man sich kaum unterbringen kann. Gleich nachdem das Züglein Siliguri verlassen und eine große Brücke überquert hat, gelangt man mitten in Urwaldgebiet, das dem Reisenden die ganze Großartigkeit tropischen Pflanzenwuchses zeigt. Die weite Ebene, die sich hier am Südfuße des Himalajagebirges auftut, ist sumpfiges Dschungelgebiet, in dem das Malariafieber feine Heimat hat und das deshalb trotz feiner feiner großen Fruchtbarkeit nicht bewohnt ist. Nach Verlassen der sumpfigen Ebene, die mit dichtem Buschwerk bewachsen ist, zeigt sich am Abhänge des nun beginnenden Berggeländes die ganze Pracht und Ueppigkeit tropischer Vegetation. Schlanker Bambus, Kokospalme, Akazien, farbige Vlütenstauden, kräftiger Schilfwuchs und die Wirrnis starker Wurzelbäume wuchern hier in ihrer unberührten Großartigkeit.
Unermüdlich pustet das kleine, dickleibige grüne Lokomotivchen den Berg hinan. Oft muß es halten, um Wasser ober Kohlen einzunehmen ober ben Aschenkasten zu säubern. Das Bähnchen, bas schon im Jahre 1888 gebaut mürbe, um ben Verkehr mit bem Himalaja zu vermitteln, ist ein kurioses technisches Wunberwerkchen. Auf kleinen sehr schmalen Schienen, bie mit Nägeln auf ben Holzschwellen befestigt finb, sucht es sich den Weg auf vielen Krümmungen unb Winbungen zweieinhalb- tausenb Meter hoch in die Berge. Das Gleise fährt an vier Stellen fpiralenförmig über ben unteren Bahnkörper hinweg, um befonbers starke Steigungen zu überroinben, bie oft 1:29 betragen. Mit zunehmender Höhe änbert sich bas Lanbschaftsbilb. Der Blick, ber bisher burch den bichten Urwald am freien Ausblick gehemmt ist, wirb freier unb weitet sich in bie unermeßliche Fläche bes sumpfigen Dschungelgebietes und in ber Szenerie ber bewachsenen Schluchten unb Bergabhänge. Je höher ber Zug hinaufsteigt, befto tiefer werben bie Schluchten unb befto umfassenber ist ber Ausblick in bie Berglanbschaft. Die sanfteren sonnigeren Bergabhänge finb meist auf treppenartigen Abstufungen mit Tee-
Derantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck unb Verlag: Brühl
Pflanzungen tuftioiert, dle einen Haupterwerbszweig der Bergbewohner bilden. Viele Bergwände werden zerrissen von zackigen Felsgedilben dunkelfarbige Blumen schimmern aus bem Gebüsch, Fächerpalmen Dattelstauben wuchern hier neben tiefernsten schlanken Tannen, welche ber Lanbschaft einen ganz neuen Charakter geben, ber etwas an italienische Natur erinnert.
Auch bie Menschen zeigen sich hier in einer anberen Rasse. Die düstere Schwermut der Hindus, die man im übrigen Indien findet, und der grübelnde Stolz der Mohammedaner ist hier im Gebirge vollkommen verschwunden. Menschen mit heiterem Naturell treten dem Reisen- den entgegen. Ihr Gesichtsausdruck ist anders als der im übrigen Indien, er ist heiterer, belebter und freier blickend. Die Frauen tragen schwarze, freihängende Zöpfe, die man auch oft bei Männern sieht, grauen mit gelbem Gesicht, geschlitzten Augen und lachendem Mund verkaufen auf den Bahnhöfen allen möglichen Tand, wie tibetanische Gebetsmühlen, Achatbüchsen, schöne gläserne, van innen bemalte Schnupftabakgläser und bunte Perlenketten. Betteljungen hatten ihren Wunsch in englischer Sprache auf einen Pappkartan geschrieben unb verlangten Bakschisch*), wie Überall an indischen Bahnhöfen. Auch diese Menschenkinder lachten aus ihrem schmutzigen Gesicht mit einer Un- befangenheit, die man nur bei Bergvölkern findet. In Chaam hat das Bähnchen seinen höchsten Punkt erreicht. Von 2257 Meter Höhe sieht man in eine unendliche Ferne, gewaltige und zerklüftete Felsgebirge. Die Temperatur hat an dieser Stelle bereits einen tiefen Stand. Man hüllt sich in wollene Decken, denn nach ber gewaltigen Hitze in Benga- lien ist bie Kühle im Gebirge boppett empfindlich. Trotzbem ist die Vegetation noch tropisch unb üppig wuchernd». Nachbem bie Bahn eine große Schleife beschrieben hat, öffnet sich ein Blick van unsagbarer Schönheit auf Darjiling unb auf bie schneebebeckten Himalajaberge.
Wiederum stürmt ein neuer Menschentyp auf den Zug, wenn dieser den kleinen Bahnhof in Darjiling erreicht hat. Frauen mit struppigem Haar, mit dicken Ringen um den Hals unb an ben Ohren unb bunten Filzstulpstiefeln bemühen sich um bas Gepäck ber Reisenben. Sie gehören ber Rasse der Bhutanen an, welche hier meist Sänftenträger finb ober Kulidienste verrichten. Die Hauptbewohner Darjilings wie überhaupt bes ganzen Gebietes sind die Lepchas, eine mongolische Rasse, bie vom siiblichen Tibet nach Inbien einroanberte unb bort sich von primitivem Ackerbau ernährt. Sie haben bas Aussehen von Chinesen, tragen schwarze Zopfe, Männer unb Frauen kleiben sich fast gleich unb finb von kleinem, aber sehr kräftigem Wuchs. Durch ständiges Bergsteigen finb ihre Beine übermäßig stark entwickelt. Ihre Lasten tragen sie auf dem Rücken und halten sie durch eine Gurte mit ber Stirne fest. Sie lieben ruhige, wechfelvolle Farben in ihrer Kleibung unb befonbers bie Frauen auffälligen schweren Schmuck von geflochtenen Haaren unb geschnitztem Holz. Ein befonberer Vorzug dieser Leute ist ihre ausgesprochene Heiterkeit; sie gehen stets mit einem lachenden Gesicht einher. Besonders die Frauen zeichnen sich aus durch ein gemütvolles ansprechendes Wesen. Eng verwandt mit dem Lepchas sind die tibetanischen Händler, welche im Winter aus dem Norden nach Darjiling kommen und dort in Zelten Hausen. Sie sind mit einem Leberriemen umgürtet, an benen Eßstäbchen, Holztassen, Pfeifen, Waffen unb ähnliche Utensilien hängen. Chinesen und Nepalesen haben sich meist als Teepflanzer niedergelassen, auch als Handwerker unb Diener finb sie im Gebirge sehr geschätzt. Meister sind sie beispielsweise im Verfertigen von Schulen aus Schlangen- unb Krokobilhäuten.
Darjiling mit seinen fast 20 000 Einwohnern hat eine Sage von einer Eigentümlichkeit unb Schönheit wie fast keine anbere Stabt ber Welt. In 5 Kilometer Länge erstreckt sie sich, durchzogen von einer großen Zahl schöner Promenabenwegen auf einem Bergkamm unb am Abhang des Berges. Zahlreiche Villen, Hotels und Wohnhäuser, bie zwischen dunklen Tannen versteckt finb, geben ihr einen anmutigen Charakter. Die Hauptanziehungskraft ist bie wunbervolle Sicht auf bas Bergpanorama ber höchsten Berge ber Erbe. Nebel unb Regen herrschen hier stänbig. In den Wintermonaten muß man Glück haben, um das prachtvolle Panorama genießen zu können ober vom Tiger Hill ben höchsten Berg ber Erbe, ben Mount Everest, zu sehen. Auch mir wäre es beinahe nicht geglückt. Die Auffahrt in die Höhe war noch von einer guten Fernsicht begleitet. Zwölf Stunden später drehte sich der Wind und brachte starke Schneeböen mit sich, die fast 30 Stunden mit wechselnder Stärke anhielten. Dabei siel bas Thermometer stänbig bis auf zwei Grab unter Null. Im Hotel saß man in biete Decken gehüllt vor bem offenen Kaminfeuer unb beklagte bie vergeblich gemachte Reise. Zu bem Trost bes Wirtes, ber immer roieber versicherte, baß es ganz sicher halb offene Sicht werben würbe, hatte keiner rechtes Zutrauen. Morgens um 4 Uhr würbe ich aus einem frostigen Schlaf noch burch starke Regenschauer geweckt, bie an mein Fenster klatschten. Um 6 Uhr, als es eben hell würbe, stürmte plötzlich mein Boy in mein Zimmer mit bem mehrmaligen Ruf „Sahib, Sahib, Snoro" (Herr, Herr, Schnee!). Ich wußte nicht, was er wollte. Mechanisch kleidete ich mich an unb ging auf ben an mein Zimmer grenzenben Balkon. Ich traute meinen Augen nicht, was ich sah. Wie von einer unsichtbaren Hanb würbe langsam eine bitte Nebelwanb aus ber weiten Berglanbschaft hinweggezogen und wie ein überirbischer Zauber weitete sich ber Blick in eine kristallklare fonnenbefd)ienene Landschaft, in beren Untergrunb ein gewaltiges Nebelmeer brobelte unb in weiter Perspektive bie weiße schweigende Majestät ber Himalajakette thronte. Es war ein Anblick von überwältigender Schönheit, ber einem bie Tränen in bie Augen trieb. Nur ein# Stunbe bauerte biefe Sicht, bann tarnen wieder schwere Nebelballen und verdeckten das Zauberbild. Auch eine Nachtfahrt zu dem zehn Meilen entfernten Tiger Hill wurde durch das schlechte Wetter vereitelt. Denn ber Nebel nahm in den nächsten Tagen an Dichtigkeit 3$ unb vertrieb mich roieber nach Bengalien in bie tropische Sonne.
*) Trinkgelb ober Almosen.
fche Universitäts^Buch» und Steindruckerei, D. Lange, Gießen.


