Ausgabe 
1.7.1929
 
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Verantwortlich: Dr. Hans Lhyrivt. Druck und Verlag: Brühl'fche Universitäts^Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.

Unwandelbare Mode.

Zur Kulturgeschichte von Nahrung und Kleidung Von D#? E. Feige.

Immer wieder wird mit ärgerlicher Beharrlichkeit behauptet, daß die Mode launisch und wandelbar sei. Freilich denkt man dabei an die Mode des weiblichen Geschlechtes, an Kleider, Pelze und Federn. Bon der mehr aufs Materielle gerichteten Mode der Ernährung beider Geschlechter wird wenig geredet und geschrieben, denn sie paßt nicht in das Schema der ewig wechselnden Launen. Noch niemand ist bei uns auf den Gedanken gekommen, das ewige Einerlei unseres Küchenzettels durch neue, sehr naheliegende Erfindungen zu bereichern. Wir essen (obwohl beispiels­weise in den deutschen Schlachthöfen 1926 nicht weniger als 8198 Hunde geschlachtet wurden, ohne dieHausschlachtungen") im allgemeinen kein Hundesteak, denken nicht daran, Krähen der Sage nach beliebter Reb­huhnersatz in Weinkraut zu schmoren oder uns ein Hamsterragout zu bereiten. Auch an die küchengewerbliche Verwertung der zahlreich vor­handenen Ratten haben wir uns noch nicht herangewagt, obwohl die Nagetiere Hasen und Kaninchen oft eine Zierde der Tafel bilden.

Es ist also nicht ganz richtig, die Mode unserer Ernährung als launisch zu bezeichnen. Aber auch wenn wir die Kleidung berücksichtigen, ist von einem launischen Wechsel nicht viel zu verspüren. Wir kleiden uns immer noch in Wolle und Seide, je nach der Jahreszeit, und tragen nicht etwa Pelze aus Vogelfedern, sondern ziehen dem Pferd, dem Kalbe,

meisterhaftem Mienen- und Gebärdenspiel zu diktieren. Er sprach von Tyrannei und wie die schönen Worte alle heißen, harmlos, geistreich, frei, hoheitsvoll, gleichgültig, zynisch, spöttelnd, und zwanzig Masken lösten einander auf seinem Gesicht ab. Er erklärte den Genuesen, er habe auf der Insel Quartier genommen und habe nun als guter Nachbar die Pflicht, ihnen einen Besuch zu machen, was er mit ansehnlichem mili­tärischem Gefolge demnächst in Bastia selber zu tun gedenke das Ganze von Schmähungen durchsetzt; vor allem berührte er einen für die Genuesen sehr empfindlichen Punkt, die Geschichte jenes englischen Kaufmanns, der einen Brief an den Herrn Soundso geschrieben hatte, Dogen von Venedig und Fischhändler. ......

Seine Umgebung, lauter ins Wort verliebte Seelen, jubelte ihm zu, und der König verbeugte sich lächelnd.Das gehört zu meinen besten Schriftstücken. Ach ja, meine Herren," wiegte er den Kopf,eine gewandte Feder geht über alles!" Da kommt ein Kurier und meldet, der Armee vor Bastia fehle es an Geschützen, an Munition, Lebensmitteln und Ge­spannen und noch ein paar Nebensächlichkeiten der Art. Wer aber glaubt, der König rege sich darüber auf oder stutze auch nur, der irrt sich. Schon gut," sagte er mit fester Stimme, ,Herr Kanzler..

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Wie Maitre Jaques vertauscht Theodor den Rock des Staatssekretärs mit der Generalsuniform. Sein Ton, sein ganzes Gebaren ändert sich: Soeben noch geschmeidig, feinfühlig, Mazarin, tritt er jetzt härter auf, hochfahrend, stramm. Die Hand liegt auf dem Degenkoppel, das Auge scheint prüfend über ein unsichtbares Schlachtfeld hinzuschweifen.

Wir brauchen Leute, Herr Kanzler."Leute, Sire? Jetzt während der Juniernte? Wer den Korsen zur Erntezeit von Angriff spricht, findet taube Ohren."Wir brauchen ein stehendes Heer."Ach," seufzt Costa,könnte Eure Majestät dem Volk das nur begreiflich machen!" Er schüttelt den Kopf. ,Zch kenne sie. Acht Tage bleiben sie bei Eurer Majestät, und drei Tage darauf sind sie wieder daheim in ihrem Dorf, erholen sich und essen sich satt. Hundertzweiundsiebzig Kompagnien sind aufgestellt worden: weih der Himmel, wo sie stecken." ,^)ho," sagt der König,die wollen wir schon wiederfinden."

Inzwischen möchte er einen militärisch gerillten Stab bewilligt be­kommen, gute Feldwebelarbeit. Adjutanten sollen ihn umschwirren, Säbel um ihn rasseln, und vor der Tür soll ein Posten stehen. Dann hat das Ganze doch schon einen heeresmäßigen Anstrich. Theodor spielt Soldat.

3m Grunde," sagt der Kanzler,ist es eine Geldfrage." *

Der König fährt auf. Vor einer Weile noch Propagandachef, oder, wenn man will, Staatssekretär des Aeußern, wurde er im Handum­drehen General und muß nun Finanzminister spielen; denn ein guter König versteht sich aufs Scheren und Melken und weiß wie ein geschickter Landwirt aus dem Boden, den er mit vieler Mühe gedüngt hat, alles Erdenkliche herauszuholen.

3a," sagt der König,es ist eine Geldfrage. Nun also ..."Nun also, Sire? Die Korsen haben keins."Wollen keins herausrücken. Wißt ihr denn kein anderes Mittel, Geld herbeizuschaffen, als die Steuer­einnehmer über die Felder zu schicken?"

Längeres Schweigen. Dann meint jemand:Da ist ja noch ,Sept- cervelles'."Ein Falschmünzer," erklärte Costa lächelnd,der früher einmal für seinen Bischof Dukaten geprägt hat/Das genügt mir", sagt der König.Hat er früher Geld gemacht, einerlei ob falsch oder echt, so kann er jedenfalls Geld machen und soll es auch heute tim."

Costa verneigt sich. Er ist sehr ehrerbietig, gehorsam wie ein Lamm und treu wie ein Hund. Und er sagt so oftSire" und schreibt es so regelmäßig, daß schließlich an der Majestät nichts mehr auszusetzen ist und Theodor ganz wie ein richtiger König aussieht.

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Zwei Tage darauf zogSept-cervelles auf seinem Esel in Ceroione ein, ein vielgewitzter Bursche, mit wenn nicht siebenmal, so doch sicher doppelt so viel Hirn wie der landläufige Kanonikus. Er hieß Giulo Fran­cesco, und auch ihm war kein Falschmünzerkniff fremd. Costa zweifelte nicht daran, daß, wer Genuesertaler geschlagen hatte, auch Korsentaler schlagen könne, und im Kloster zu Tavagna wurden Schmelzöfen aufge­stellt. Dann zog der König beim Schall der Muscheltrompeten in den Krieg und träumte von vollen Kassen.

Biber, Marder öder dem Kaninchen das Fell über die Ohren, km Not­fälle auch dem Fuchs. Das ist mehr eine Frage des Geldbeutels als bet Mode selbst. Wer seinen eigenen 30-?. 8.-Wagen steuert, leistet sich einen Nerz- ober Persianermantel, wer sich höchstens mit dem Omnibus ober dem Mietwagen befördern läßt, begnügt sich mit dem echten Seal electric, unserem Stallhasen.

Wenn aber behauptet wird, daß alle dieseModen" nicht wandelbar seien, so muß doch auch ein Beweis dafür geliefert werden. Meist pflegt diese Frage allerdings nicht berührt zu werden; es genügt uns, zu wissen, wie hoch die Preise für alle möglichen Fleischsorten beim Metzger sind' und ob die Butter wieder teurer geworden ist. Daß die Haustiere nicht immer ansHaus" gebunden waren, ist schon eine recht dunkle Er­innerung. Woher aber die Mode stammt, nur Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen und allenfalls Pferde, unserem Küchenzettel einzuverleiben' ist ein wenig beachtetes Problem. Selbst die Beiträge, die dasWild" der freien oder halbfreien Natur unserem Küchenzettel liefert, sind der Mode wenig unterworfen. Nicht einmal bei dem Wassergetier macht sich die Neuerungssucht, die dem Menschen sonst zugeschrieben wird, irgendwie bemerkbar. Er hält auch dabei an dem guten Alten sehr zähe fest; der deutsche Kaviar" hat das russische Produkt immer noch nicht zu ver­drängen vermocht.

Freilich: andere Völker, andere Sitten. Wie Chinesen und viele Negerstämme fetten Hundebraten als Leckerbissen betrachten, südameri- kanische Indianer Ameisen rösten, so wird in manchen Gegenden Asiens das Pferd sehr bevorzugt. Ja, diese barbarische Sitte ist bei uns auch erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit ausgestorben, soweit sie nicht als alte Erinnerung noch fortlebt. Für den Historiker sind einige hundert oder tausend Jahre ja kein so unüberwindliches Hindernis. Im Mittelalter noch wurden die in ganz Europa lebenden Wildpferde eifrig gejagt und als begehrtes Wildpret betrachtet, wie heute ein guter Rehbraien. Im Jahre 732 erst begann man, dieheidnische" Gewohnheit des Pferde­bratens zu bekämpfen; schrieb doch der damalige Papst Gregor III. an den heiligen Bonifazius, den Apostel der Deutschen:Du hast einigen erlaubt, das Fleisch wilder Pferde zu essen, den meisten auch das zahmer. Von jetzt ab, heiliger Bruder, erlaube dies keinesfalls mehr."

So schnell ließ sich dieser Gebrauch ober nicht ausrotten, und er ist ja noch in der Gegenwart nicht ganz ausgestorben. Denn die Benutzung des Pferdes als Wildbret ist uralt in des Wortes strengster Bedeutung. Ueberall, wo sich Kulturreste des Menschen seit seinem ersten Auftreten in Europa überhaupt vorfinden, das heißt seit der sog. älteren Stein­zeit, sind auch Jagdreste des Pferdes in so großen Mengen vorhanden, daß man stellenweise die Knochen industriell verwerten konnte. Die An­sammlungen in biefen Kehrichthaufen des steinzeitlichen Menschen lassen sich nur dadurch erklären, daß das Pferd als Wildbret beliebter war als alle anderen Wildtiere: es ist ja wehrlos und war offenbar überall sehr zahlreich vorhanden. Doch allmählich ist es sehr gründlich verpönt worden, mit ähnlichem Erfolge, wie unser Hausschwein schon einige be­trächtliche Jahrhunderte früher bei den Semiten Vorderasiens.

Doch das Pferd ist in dieser Beziehung die einzige Ausnahme von unserer Küchen- und Kleidermode, wenn wir es überhaupt als Aus­nahme anerkennen wollen. Als Jagdtier der Urzeit teilte es sein Schicksal mit dem Rinde, dem Schaf und der Ziege neben einigen anderen Tieren. In jener sicherlich schnupfenreichen Eiszeit, die in diesem Winter eine kleine Wiederholung erlebte, mußte der Mensch mit dem vorliebnehmen, was an wildem Getier zur Sättigung seiner Hungergefühle gerade vor­handen war. Trotzdem scheint jener Mensch, wenn er überhaupt viel Auswahl besaß, schon ziemlich wählerisch gewesen zu sein. Die erwähnten Müllhaufen seiner Siedelungen lassen zwei Arten von tierischen 3agb= reften erkennen, die heute noch als Nahrungsspender benutzten Arten, ferner einige kleinere Tiere, die offenbar in Beziehungen zur Kleider­mode standen und sich in dieser Verwendung noch heute vorfinden: Biber, Fuchs, verschiedene Marderarten und -Formen, die nach der Eis­zeit ausgestorben sind. Aber selbst unter den vielen Tieren der hohen Jagd ist eine merkwürdige Stetigkeit zu verzeichnen: Hirsche lieferten nicht nur ihr begehrtes Wildbret, sondern auch ihre Knochen und Ge­weihe zu allerlei Gerätschaften, wenn auch nicht zur Herstellung von Rauchgeräten und Kronleuchtern wie heute. Der Bär ist jetzt bei uns ausgestorben; Kenner versichern aber nach ausländischen Erfahrungen, daß nicht nur der Pelz außerordentlich praktisch sei, sondern auch, daß Bärentatzen ein sehr wohlschmeckendes Gericht liefern. Nicht weniger geschätzt war auch das Wildschwein oder vielmehr die verschiedenen Wildschweinformen, die nach der Eiszeit ganz Europa bevölkerten; bte Sauhatz muß dereinst eine viel größere Bedeutung gehabt haben als m der Gegenwart, wo die dringendsten Hungergefühle weit bequemer durch die zahmen Nachkommen des wilden Borstentieres befriedigt werden.

Von Anfang an war diese Ausgestaltung des Küchenzettels ein durch­aus männliches Gewerbe und vielleicht erklärt sich daraus die geringe Wandelbarkeit unseres ganzen Geschmackes. Denn selbst das natürlich nur zum Kältefchutz dienende Pelzwerk konnte nur als Nebenbetrieb der Jagd abfallen. Obwohl die meisten dieser kleineren Pelztiere in der Gegenwart noch vorhanden sind, hat sich die Menschheit aber nicht dazu entschließen können, sie in ihren Küchenzettel aufzunehmen, ja sie wurden nicht einmal der Zähmung für Wert erachtet. Erst ganz neuerdings Iw man infolge der immer anspruchsvoller werdenden Mode, in eigenen Pelztierfarmen zu retten, was nach zu retten ist. Für die ungcstorie Befriedigung der Nahrungsbedürfnisse haben schon unsere ältesten tir- vorfahren wohlweislich durch die Zähmung und reichliche Vermehrung von Rind, Schwein, Schaf und Ziege neben den erforderlichen Liess- ranten des sonntäglichen Huhns im Topfe gesorgt. Die Grundlagen un­serer Kultur sind also nicht zufällig entstanden, und wenigstens dicwf des Essens und Trinkens hat schon seit Jahrtausenden wenig Wai lungen erfahren.