Ausgabe 
1.7.1929
 
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fünfzehn Jahre nicht gewesen, als nräre es anders Wommen, so tote sie Us mitunter vorgestellt hat. Jetzt weih sie, sie hat sogar davon ge­träumt, sie hatte den Traum nur wieder vergessen. Anna Dreesen wan­dert als hätte sie damals ja gesagt, als gehörte das rote Haus da vorn ihr selbst, Henning Voß und ihr; als wären Kinder da, dis auf sie war­teten, als wäre der Abend, als wäre der Taufall, als wäre der Wind »om See wie immer ihr eigen. Wehren möchte sie sich gegen die Vor­stellung, aber sie ist schön und grauenhaft, jeden Schritt kostet sie aus. Wie nachtwandelnd geht Anna Dreesen durch den Abend, wie hinter einer Nachtwandlerin sinkt alle Sehnsucht, alle totbringende Einsamkeit vergessen zurück, atmet sie wie ein Kind in alter Gemeinschast, gehört sie »u diesem unverbrüchlichen Kreis ihrer Jugend, wuchs wie es ihr wohl bestimmt gewesen, zur jungen Frau, wgndert zu ihrem Haus.--

Plötzlich hält der Schreitende vor ihr an, biegt vom Wege ab, mit einem sonderbar erstaunten Blick zur Fremden, die ihm folgt. Eine Tür össnet sich, nach halb wie im Traum will das Mädchen folgen, kaum ver­mag sie sich zu lösen von diesem tiefem zitternden Glück einer wiederge- sundenen, einer nie verlorenen Stimmung da steht im Lichtschein eine Fremde auf der Treppe.Guten Abend", hört sie.

Unö plötzlich, mit jener raschen Schulung einer langen entbehrungs­vollen Zeit, hat Anna Dreesen sich wiedergefunden.Mein Gott," denkt sie", was war eben?Empfindsamkeit? Du empfindsam?"

Sie stößt ein kurzes hartes Lachen heraus, sucht sich den Weg zurück, olle Gedanken darauf zusammengezogen, daß sie ja in diesen Tagen lächeln will, daß sie, allen überlegen, über Dorf und Freunde das Er­reichte empfinden will, um das sie sünfzehn Jahre arbeitete. Bis zum Haus, in dem sie wohnt, vermag sie die Stimmung aufrecht zu halten, lächelt hier, spöttelt dort, oh, so viele Bekannte, die sie sieht und von denen niemand sie kennt, von denen keiner sie anders als die fremde Dame aus der Stadt kennt. Aber wie sie bei der Wirtin vorbeikommt, spürt sie plötzlich, daß diese Stunde ihr in Wahrheit unerträglich war, daß sie keinen Tag wird länger weilen können, ohne daß ein mühsam ge­wonnenes Selbstbewußtsein in ihr zerreißen würde, weiß sie, daß eine Furcht in ihr droht, die größer als alle frohlockende Freude ist. Nie hätte sie hierher heimkehren sollen, es ist, als würde diese Furcht sie jetzt lange verfolgen, es ist

Noch am gleichen Abend mit dem Nachtzug flüchtete sie zur Stadt heim.

Seine Majestät...

Von Pierre Dominique.

Theodor, König von Korsika, kann es etwas Phantastischeres geben, als dieses Satirspiel, das der westfälische Baron von Neuhofs, nicht min­der gerissen wie dreist, um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts unter Mitwirkung der Großmächte dieser Welt in der Heimat des großen Na­poleon aufführte? Korsika gehörte damals den geschäftstüchtigen Genuesen. Der Freiheitsdrang dieses kleinen, durch Familien- und Sippenhader ge­bundenen Bauernvolkes kam der Abenteuerlust dieses deutschen Barons entgegen. Neuhoff hatte schon eine recht vielseitige Laufbahn in aller Herren Länder hinter sich, als er sich in Livorno von einigen korsischen Häuptlingen zum König von Korsika ausrufen ließ, von verschlagenen Biedermännern, denen er seine fabelhaften, aber leider nur in seiner Phantasie bestehenden Verbindungen zu den großen Höfen Europas vor- gefpiegelt hatte. Die Herrschaft König Theodors auf Korsika hat nur nach Monaten gezählt, aber als gerissener Geschäftsmann und skrupelloser Abenteurer wußte er bis zum Ende seines Lebens in einem verlassenen Winkel Londons aus seinem gewesenen Königtum Kapital zu schlagen. Der sranzösische Autor hat diesen interessanten Gegenstand in seinem RomanSeine M a j e st ä t ..." (Insel-Verlag, Leipzig 161) ganz außerordentlich fesselnd, mit einem köstlichen, feinen Humor, geschildert.

Im folgenden geben wir aus seinem Buch den Abschnitt wieder, der von der Krönung König Theodors und seinen ersten Regierungstaten auf Korsika berichtet.

Mit Gottes Hilfe ist das neue monarchistische Grundgesetz verkündet worden; wunderlich genug wird Theodor darinSouverän und erster König des Reiches" genannt. Das ist besser als gar nichts, aber es hätte natürlich anders lauten müssen. Die Stämme trauen ihm nicht recht. Trotzdem kann Neuhoff sich wohl sagen, daß bisher alles unglaublich gut abgelaufen ist.

Am Morgen hatte er in der Klosterkirche zu Alesani die Messe ge­hört. In seinem schönen goldgestickten Rock nahm er das Gestühl und den Betschemel des früheren Bischofs von Aleria ein, eines Genuesen, der es vorgezogen hatte, in seine Vaterstadt zurückzukehren. Um ihn die Großen des Reiches. Am Altar zelebrierten drei Priester. Zu beiden Seiten des Chors standen in zwei langen Reihen die Mönche der sieben­undsiebzig Klöster und vier Stifter, fast alles Franziskaner, und fangen tief und feierlich ihre Choräle zum Preise des Höchsten, wovon auch ein wenig auf Theodor abfärbte.

Weihrauchduft. Hinter dem König die wogende Volksmenge. Er fühlte sich, wenn auch nicht gerade von der Liebe, so doch von der Sorge, der staunenden Bewunderung und Hoffnung eines ganzen Volkes getragen. Gr weiß genau, daß er nur den Schein der Macht hat und auch nie­mals mehr haben wird. Er blendet Genuesen wie Korsen, aber da er Gel Umgang mit Menschen gehabt hat, weiß er auch, wie mächtig der­gleichen Blendwerk ist. Schon wird Genua nervös, Korsika erhebt sich. Spanien, Frankreich, der Kaiser, England und Holland wissen sicher schon von ihm, und wenn nicht heute, so bald. Der Spaß ist eines Gottes würdig. Wo wäre schon einmal eine Posse so inszeniert worden! In emer korsischen Kirche sitzt Theodor als König verkleidet auf dem Ehren- watz, hört mit Mönchen und bewaffneten Bauern die Messe und ist "^halb über Nacht zur europäischen Persönlichkeit geworden. Er sagt: »Ich bin eine europäische Gefahr," und ist es,ich bin eine Macht, und ist es, weil er es sagt. Seine Macht besteht eben nicht in Gewehren, Kanonen und Geld, sondern in dem Vertrauen einiger tausend bewaff­

neter Bauern, in der Angst einer schlecht unterrichteten Stadtrepublik und in der sichtbaren Hilfe Gottes, der offenbar gut theodoristisch gesinnt ist.

Was die Bauern angeht, so erfüllen sie die Kirche mit hundert­köpfiger Ehrfurcht und gewaltiger Ausdünstung. Ihre Gewehre haben sie zu Hause gelassen und nur Pistole und Dolch mitgenommen. Aus der einen Seite drängen sich, stehend, die Männer, zur andern die Frauen auf den Knien. Die Männer, meist Dorfälteste, tragen alle ihre rauhe Jacke auspelone, mit Metallknöpfen geziert, ebensolche Hosen und ziegenlederne Gamaschen. Hier und da leuchten aus all dem Schwarz der Jacken und Mäntel bunte Flecken hervor, ein roter Gürtel, ein gelb und rotes Wams. Die Weiber kauern dicht beisammen auf den Fliesen, wie die Hühner, auch ihr Häuflein ist vorwiegend schwarz. Hin und wie­der kommt etwas Blau zum Vorschein, seltener Rot, ab und zu ein weißer Fleck. Eine Menge Witwen. Es ist unheimlich still. Von allen Seiten flammen die Augen. Als Theodor nach der Messe mit seinen Generalen durch den Chor der Kirche schreitet, um sich ins Refektorium zu begeben, steht zu beiden Seiten die Volksmasse und läßt kaum einen schmalen Mittelgang frei, und trotz der Helligkeit des Orts bricht aus den Kehlen der Männer ein einstimmigesEvviva", so gewaltig, daß das uralte Gewölbe fast zusammenstürzt und tausendfach mit allen Felsen, Engpässen und Gebirgshängen widerhallt, die vom Kap Corse bis zur Straße von Bonifacio über die donnernden Ströme hinweg ihrem Herr­scher brausend zujauchzen:Theodor, König Theodor!"

Und dabei liegt diesem Volk die kopflos tobende Begeisterung keines­wegs; es ist schweren Sinns, zurückhaltend von Natur, wortkarg und nachdenklich. Kaum ist Theodor im Kloster angelangt, so ruft es wieder nach seinem König. Theodor erscheint auf dem Balkon, und sofort fliegen alle Gewehre nach vorn, Schüsse blitzen auf, Rauchftreifen durchziehen die Luft, und unaufhörlich knallt es in den wilden Jubel hinein, der tosend und beständig anschwellend gen Himmel steigt und von den Ber­gen zurückgeworfen wird. Ja, Theodor fühlt, diese zweitausend Pa­trioten hat er in der Hand, die vereinigten Vertreter aller Gemeinden, Kirchen und Klöster Korsikas. Sie sehen in ihm die Verheißung von zehn Siegen, die er zur Tai machen soll. Von jeher sucht das Volk den Mann, in dem es sich verkörpert wissen kann. Seit hundertfünfzig Jahren hat es niemand mehr. So jubelt es dem ersten besten zu. Theodor wendet sich nach den Sippenhäusern um und mißt sie mit den Augen. Er fühlt, wie jeder von ihnen es auf einen besonderen persönlichen Erfolg ab­gesehen hat, wie er ihr Hebel ist, ihr Werkzeug, der Stein vielleicht, der dem Gegner in den Weg geworfen werden soll; aber er weiß auch, keiner von ihnen hat Gewicht genug, um sich Geltung zu verschaffen, und wenn er einen durch den andern lahmgelegt, gelingt es ihm vielleicht, sich als Herrscher zu behaupten. Mit Hilfe des Volks muh er die Macht der Führer brechen, mit Hilfe des allgemeinen Nationalgefühls die Macht der Sippen, eine andere Politik ist hier sicher nicht möglich. Aber diese läßt sich machen, und zwar mit Theodor rechnet nach soundsoviel Franken und Dukaten. Davon hängt alles ab. Mit ein paar Millionen will er wohl ein Königreich gründen, und um die Aktionäre anzulocken, fängt er einstweilen auf eigenen Kredit an. Jetzt müßte er im Lande bleiben und von dort aus Verhandlungen mit Frankreich, Spanien und dem Kaiser und so weiter anknüpfen, und das binnen vierundzwanzig Stunden. (Dazu brauchte er Telegraph, Telephon, drahltlose Telegraphie. Sein Unternehmen setzt technische Hilfsmittel voraus, die erst ein oder zwei Jahrhunderte später erfunden werden.)

Als der Diakon am Morgen das Evangelium abfang, und Theodor vor dem Altar stand und anscheinend der Gleichniserzählung ausmerksam folgte, hatte er sich gesagt, das Spiel lohne in der Tat den Einsatz, und selbst wenn das Unternehmen scheitern müsse, sei es wert, unternommen zu werden. War es denn möglich, daß es scheiterte? Heftig verscheuchte er den bösen Gedanken, den Zweifel an sich selbst. Noch vor dem Amen hatte er sich wieder in der Hand und stürmte von neuem die Bahn der Sieges­gewißheit hinan. Und während die Menge, ehe sie die Plätze wieder ein­nahm, in die Knie sank, raunte er sich selber zu, das alles sei vielleicht richtig, aber er, Theodor, sei eben trotzdem König. Ja, er sei König, und Hugo Capet, der. Ahnherr des großen Königs dort gegenüber.

Der König hielt ein Papier in der Hand, stampfte mit dem Fuß und schlug mit der Faust auf den Tisch.

Nun seht euch einmal an, was diese Halunken von Genuesen über mich ausposaunen! Vagabund schimpsen sie mich, die Tröpfe. Schwarz­künstler und Astrolog. Da hört doch die Weltgeschichte auf. Vagabund? Ich will sie lehren, hier von Landstreichern zu fabeln, die von Hof zu Hof und von König zu König vagabunWeren gehen. Kabbalist, Astrolog? Warum nicht Alchimist? Weiß der Teufel, in all den Künsten bin ich bester bewandert als der ganze Senat von Genua. Mein asiatisches Habit? Hahaha, sie ärgern sich über meinen Anzug? Also ziehe ich ihn jeden Tag an. Ich und Spitzbübereien! Es gibt wohl schlimmere Spitz­bübereien auf der Welt, als dies Ländchen und seine Bewohner zu klauen. Gauner? Habt ihr schon einmal so etwas erlebt? Ausgezeichnet! Nein, ihr genuesischen Diebshelden, ihr Blutsauger von Bankiers, ihr seid noch nie im Leben Gauner gewesen, und die San-Giorgio-Bank ist beileibe nicht, was sie von jeher war: die Königin im Gaunerreich! Verführer der Völker? Oho, das gefällt mir! Verführer, bei Gott! Von Völkern und von Frauen, fuhr er fort und äugelte feiner Mätresse zu. Groß­spurig ging er im Zimmer auf und ab, ein paar Korsen und die beiden Glücksritter waren dabei und sahen ihm bewundernd nach.

Weiter," sagte er,immer weiter, verehrte Genuesen! Schickt ruhig euer elendes Pasquill nach Korsika! Wer nur irgend Geist hat, wird sich dankbarlichst auf Kosten der Erlauchten Republik totlachen." Und er selber machte den Anfang, und die Korsenführer und Offiziere fielen aus vollem Halse ein.

Uebrigens," sagte er,habe ich keineswegs vor, mich auch nur in den Geschäften der Feder von diesem Piratengesindel überflügeln zu lassen. Setzt Euch, Herr Kanzler, und seid für heute mein Sekretär!"

Der brave Costa setzte sich an den Tisch, ein glückliches Lächeln auf den Sippen, und nahm die Feder zur Hand, und der König begann mit