Me Hostie Mer Stuten und Jungfrauen erhoben wird. Noch weiter drinnen, im Jsarwinkel, in Lenggries, Vorder- und Hinterriß, bestimmen Vieh und Wild, Wasser und Wald den Menschen, der uns dort nur noch in der Gestalt des Bauern, des Holzknechtes, des Flößers, des Jägers begegnet. Ein einsamer Nebenarm der Isar, der Jachen, kommt hinter der Benediktenwand vom Walchensee herüber. Und ist Tölz der Perlenschmuck des Isartals, so ist die Benediktenwand seine Krone.
Außer den Flußläufen führen die Seen in das Gebirge hinein. Der Ammersee ist von den stadtnahen der unberührteste; der größte, der Chiemsee, hat die fruchtbarsten Ufer, die der Garten von Oberbayern und fast ein Stück Süden sind, und die berühmten Inseln beherrschen im Angesichts der Berge als König und Köngin, Herrenwörth und Frauen- wörth. Der Starnbergersee läuft dem Isartal parallel, das auch einmal Staubecken eines Sees war. 21 n ihm führt die Bahnstrecke vorbei, die durch das Haupteinfallstor ins bayerische Hochgcbir'ge geht. Das ist das Loisachtal, wo es den gewaltigen Prospekt aus die Zugspitzgruppe öffnet, die auf Garmisch-Partenkirchen herabschaut. Sind von den kleineren Seen Bader-Eibsee Ziele des Garmischer Fremden- und Sommerverkehrs, so locken andere, wie Schliersee und Tegernsee, die näher an München liegen, mehr zu dauernder Siedlung, auch zu Ausflugs- und Sportverkehr. Da herrschen die Waldberge noch mehr wie die Steinberge vor, da sind im Winter die meisten Schneefelder für den Skilauf, und in den Hochwäldern tritt der Hirsch zu Hunderten an die Futterraufen.
Aber überall zeigt die Einheit von Naturwerk und Menschenwerk der Zusammenhang von Volkstum und Kultur die Schönheit dieses Landes in ihrer höchsten Blüte. Der Markt Murnau am Staffelsee konnte noch ein einzelner, ein Mensch unserer Zeit, ein moderner Architekt so erneuern, daß dadurch nur Volkstum, nur Kraft und Geschmack des Stammes zum Durchbruch und zur Erfüllung gelangten. Das kirchliche Barock und Rokoko umschlingt mit geschwisterlichen Beziehungen seine über Stadt und Land verstreuten Schöpfungen. Vornehmlich die herzogliche Hofbaukunst Münchens und die klösterliche Wessobrunner Stukkatoren- schule finden sich immer wieder zum Bunde und sammeln an den kultischen Orten von Gebirge, Vorland und Residenz den heimatlichen Glanz, der überall verwandt und vertraut begrüßt. Der Dom von Ettal reiste unter den Felsbastionen, Schwarzwäldern und Matten des Labergebirges ein Werk der Jahrhunderte: die Gotik gab die konstruktive Grundlage her, die Renaissance sand durch Zurückgreifen auf vorchristliche Architektur eine neue Formenwelt, das Barock konnte mit diesen Formen frei schalten, es erfand die bewegte Fassade, die unendliche Perspektive, die Schöpfung der schwebenden Kuppel, die das Provisorium des mittelalterlichen Zeltdaches verdrängte, und das Rokoko verfeinerte, vergeistigte, verflüchtigte dies alles ins Dekorative, ins Malerische, Musikalische, bis ein neuer Klassizismus der Auflösung eine Grenze setzte, eine Verfestigung gab. Der Katholizismus verstand die unveränderliche Volkhaftigkeit aus ältesten Zeiten, wenn er um einen grobgeschnitzten Bauernchristus, dessen Wunden bluteten, das beschwingteste Rokokogehäuse als Wallfahrtsstätte baute. Das geschah an der Scheide zwischen den oberbayerischen und schwäbischen Vorbergen, wo die Wieskirche des Dominikus Zimmermann in einsamen Mooren gegen die zackig aufspritzende Felsenbrandung der Allgäuer Alpen liegt. Das Oval dieses ganzen Raumes schwingt, er ist kein Raum mehr, weil er seine Grenzen überall verschiebt, durchbricht, auflöst; alles ist Durchsicht und Umgang, Umgang die Säulen, Fenster, Emporen um den Chor, und in den Reigen der Figuren schwebt die Kanzel herein, ein geschwellter, engeltragender Baldachin, von Spiegelchen flimmernd und flitternd.
Der Begriff und die Tatsache des Oberbayerischen werden zum Gesamterlebnis weniger allesumspannender Stunden, wenn man, was im Sommer jeden Tag möglich ist, mit dem Flugzeug von München nach Innsbruck fliegt. Da wird diese Landschaft ein einziger anschwellender Gesang, der sogar Urzeiten zum Augenblick wandelt. Mit dem Inn kommt uns die Kultur entgegen: Burgen, Städte, Türme, Brücken, da war Rosenheim, nun ist schon Kusstein da, versammelt um die aufragende Feste. Oder man überquert den Karwendel. Giehbäche des Lichts, die Wolken brechend, schlagen einzelne Zacken aus dem Gebirge, Gloriolen mit entspreiteten Strahlenfächern segnen die Stirnreihen einsamer Felsenbeter. Gewölk bleibt unter uns und schleicht in den Tiefen, Gewölk umlockt reglos die Versammlung bleicher Häupter, die in stummer Majestät unter und neben uns hinziehen.
Glück auf dem Weg.
\ Von Hans Friedrich B l u n ck.
Anna Dreesen zog die Gardine zurück und warf einen hastigen ersten Blick auf die weite Fläche des Sees, den Schilf und Wald in weitem Bogen umgaben.
Die Straße, die zwischen Fremdenheim und Wasser lag, war nur von einigen Sommergästen begangen. Im Erlenbusch, der jenseits des Weges lag, quäkten und schnarrten die Wildhühner, genau wie einst, wenn sie als Kind am Ufer entlang trottete. Nur das große Radnest auf Nachbar Breders Strohdach war leer geblieben. Richtig, die Störche kamen auf ihrer Winterfahrt um, hatte sie gelesen, man vergiftete die Heuschrecken do irgendwo in Afrika und die Vögel starben mit.
Anna Dreesen las viel, sie wußte über alles Bescheid. Seit sie als junges Mädchen das Dorf verlassen hatte, von einem unendlichen Bildungsdrang besessen, hatte sie anderthalb Jahrzehnte hindurch alles, was ihr versäumt schien, nachzuholen versucht, hatte unendlich viel Bücher gelesen, hatte sich vom ersten Unterricht an der Schreibmaschine rastlos in den großen Geschäften Der Stadt von Stufe zu Stufe empor gearbeitet. Jetzt war fie Prokuristin in einer guten Firma geworden, ein märchenhafter Weg. Den ersten Urlaub benutzte sie, um in das Dorf heimzukehren, von dem ste einmal ausgezogen war, ein wenig mit dem Wunsch, die UederlegenheU des von ihr Erreichten über die Daheimgebliebenen auszukosten, ein wenig aus der Angst der leeren Stunden heraus, die sie in der großen Stadt zu packen begann, wenn fie ühermüde vom
Werk helmkehrte und alles Gewonnene ihr wie ein verwehender Rauch schien, den der Wind am Weg auflöst.
Immerhin ein stolzes Gefühl. Die andern, bei Herd und Küche geblieben, wohnen in den kleinen neuen Siedlungen, die sie rund im Grünen erblickt. Sie werde hier auch im Winter wohnen müssen, wenn sie selbst abends guter Musik zu solgen sucht. Sie erkennt drüben just beim Erbsenauspahlen Mine Sievert, mit der sie zur Schule gegangen, ste lächelt über das Hochdeutsch der Bäuerin, bei der ste, eine fremde, vornehme Frau aus der Stadt, sich auf Kost und Wohnung eingemietet hat. Sie beobachtet den Sprung eines Hechtes im Wasser, den russischen Knecht, der bei Wilrats vom Krieg her ist und der mit Hü und Ho die Tiere zur Weide treibt. Dankbar, sehr dankbar, ist sie jener gutmütigen alten Frau, die vor fünfzehn Jahren in ihr den Drang über das Dorf hinaus entdeckte und den Weg zur Stadt, den Weg zum Lernen, zum Aufstieg, öffnete. Aber es kann nicht darüber hinhelfen, irgendwie bleibt ein verlegenes Staunen über das stille Leben derer, die daheim bleiben. Oft muß man sich quälend beweisen, daß man es wirklich bester hat, daß der ewige Wechsel, daß ihr Erfolg kein Gespinst ihres Hochmuts war.
Nun, das sind eben Stimmungen, dafür hat man ihr die ländliche Ruhe verordnet. Es sind jene Stimmungen, wo man plötzlich aus unbegreiflichen Gründen zu weinen beginnt, die ungeheure Einsamkeit empfindet und den Augenblick verwünscht, wo jene Fremde, in der Meinung, ein gutes Werk zu tun, den Weg in diese fünfzehn Jahre führte.
Die Sonne neigt sich schon dem Westen zu, der Dunst steigt höher über dem See. Anna Dreesen hat erst spät im Jahre auf Urlaub gehen können, erst nachdem die verheirateten Prokuristen mit ihren Kindern an der See gewesen waren. Dafür sind die Farben jetzt stärker, als in den hohen gelben Sommerwochen, das weiß sie. Dafür wünscht sie alle diese Menschen zu betrachten, mit denen sie aufwuchs, die sie vor fünfzehn Jahren verließ und von denen noch keiner sie wiedererkannte. Aber sie will ja auch nicht wieder erkannt werden. Es ist ihr Genuß, alles von fern zu beobachten, sehr überlegen, wie man eben fremde Kinder ansieht, an denen man vorbeiwuchs.
Wie sie sich darauf freut! Sie wird auch Henning Voß wiedersehen, der damals Sonntags mit ihr tanzen ging, zwei, drei Sonntage, bis das Glück sich dazwischen schob und sie zur Ausbildung in die Stadt kam. Er hat ihr noch oft geschrieben, lange hatte er auf sie gewartet, er hat ihren Ausbruch ja nur schwer verwinden können. Wieder muß sie sich zu einem Lächeln zwingen. Voß ist jetzt Maschinenmeister drüben in der Meierei, sie ist eine gutbezahlte Prokuristin in einer guten Firma. Wie sie sich bei dem Lächeln im Spiegel sieht, erschrickt sie. Nun, fünfzehn Jahre sind keine Kleinigkeit, gut, daß sie die unverwüstliche Kraft von draußen brachte, es hätte kaum jemand ein Gleiches leisten können, wie fie. —
Es wird Zeit, einmal die Straße auf und abzugehen, wenn man vom Licht noch etwas haben will. Anna Dreesen wirft den Mantel über, sie steigt die knarrende Treppe hinab, sie geht mit dem Gefühl einer glücklichen Lösung von endloser Arbeit auf viele Wochen, den Weg am See entlang. Ein kleines Mädchen treibt das Vieh zum Hof ihres Bruders hinüber. Neugierig mustert sie es, sie wird es morgen kennenlernen. Ach, wie würde man in der Stadt lachen, sähe man sie auf solchen Entdeckungsfahrten, einen Roman könnte man darüber schreiben.
Dann kommt sie bei der Meierei vorbei. Ein Heizer steht in Kittel und Oeltuch vorm Feuer. Eine riesige Bogenlampe springt an, die Milchkannen klirren von dem Wagen, zwei Menschen nehmen fie an. Im Hintergrund, halb vom Kesselseuer beschienen, steht ein großer rußiger Mann. Anna Dreesen erschrickt doch ein wenig. Also so sieht Henning jetzt aus. Man baut eine neue Maschine ein, hört sie. Da ist ein Arbeiter, der mit prasselndem Lustdruckhammer ein Kesselgerüst schweißt, Maurer haben eine neue Wand gezogen, sie machen just Feierabend, werfen die Kittel über, einer räumt Zementreste zusammen.
Henning Voß steht grell beschienen unter der Bogenlampe, er spricht mit dem Heizer; jemand berichtet ihm, wieviel Milch eingefahren ist. Ein Mann lädt große runde Käse ab und schichtet sie auseinander. Dann steht Voß mit dem Heizer allein. Noch einige Worte und der Maschinenmeister drückt sich einen Hut in die Stirn und geht an der Wartenden vorbei den Weg zu den neuen Häusern am Wald. Ja, geht an ihr vorüber, er hat sie nicht erkannt, er hat nicht acht auf die fremde Same, es sind im Sommer so viele im Ort.
Der Heizer reißt die Kesseltllr auf, der rote Schein flackert durch den Raum, er fliegt bis zur Straße und macht erschrecken.
Anna Dreesen folgt dem Maschinenmeister; sie sagt sich, es fei Neugier, daß sie ihm folgt. Vielleicht ist es aber noch immer die Sehnsucht, frohlocken zu können. Sie hat ein grenzenloses Bedürfnis, die Arbeit dieser fünfzehn Jahre zu begründen, sie will wissen, warum sie glücklicher ist als die, welche daheim blieben. Sie will erschrecken, wenn sie sieht, wo Henning Voß wohnt, will Vergleiche ziehen, will sich vorstellen, welche Erbärmlichkeit ihr beschieden gewesen wäre, hätte das Schicksal nicht so glücklich die Wege offen getan. Im Halbdunkel folgt sie dem schweren großen Mann, der vor ihr zu den Waldhäusern stopft. Sie muß sich etwas beeilen, er hat einen langen Schritt.
Eine Amsel schlägt am Weg auf, trillert ihren Herbstschlag und huscht in den Knick hinein. Tau liegt im Gras und Überspinnt es grau wie Schlaf. Wie lange hat sie sich auf diesen Weg gefreut, so lange, so lange! Und doch fragt sie sich, ob die Freude groß genug ist. Anna Dreesen wartet eigentlich noch darauf, wartet, ohne daß sie recht zu ihr tarne. Dafür folgt sie Henning Voß. Ob sie ihn anruft? Dumm wäre es, was sollte sie nur sagen? Sie würde sich fürchten, dünkt ihr, er könnte lächeln, könnte sie fragen, ob sie es denn nun recht getroffen hat. Er könnte ihr sagen, ja, er würde ihr sagen, daß sie alt geworden, das alles, — oh, er hat gewarnt, aber sie hat die Briefe zerrissen. Wenn es damals anders gekommen wäre? Sie würde jetzt oben im Hause am Waldrand warten, fie hätte Henning vielleicht von der Arbeit geholt, würde jetzt neben ihm gehen, so wie sie hinter ihm geht.
Würde sie unglücklicher sein? Sie vermag sich die Frage nicht zu beantworten. In diesem Augenblick nicht. Sie wandelt, als wären alle inest


