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Gießen.

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GiehenerKmiilieÄMer |

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang {929 Montag, den l.Iuli Nummert«

Enzian.

Von Josef Schänder!.

Droben brandet um die Gipfelschroffen schauerlich ein Wolkenheer und kämpft. Unten auf tiefgrünem Plane leuchten abertausend Enziane dunkelblau, großoffen. Und gedämpft gleiten wir im leisen Nebelsprühen durch das blaue, traumhaft blaue Glühen, trinken aus den Kelchen uns die Stille. Selig wird uns eingelullt der Wille. Horch: ein Kuckuck ruft noch, ruft und stockt und wir küssen uns; er lockt und lockt ... Und bergan durch blauen Blust gezogen schweben wir, voll Süßigkeit gesogen, über Ahornwipfel, über Firne, über Wolkenwirrsal und Gestirne in den unermeßlich blauen Raum ...

Oberbayern.

von

Bahnen und Becken

die Seen ausbreiten,

Von Hans Brandenburg.

Unter Oberbayern verstehen wir hier einen rein landschaftlichen Be­griff, die große Einheit des deutschen Alpen- und Vorast>en andes^ die einerseits, beim gleichen Stamm verharrend, dre bayerisch-österreichische Staatsgrenze überschreitet, anderseits, die Stämme mehr noch mischend als schneidend, ins Schwäbische hinübergreift. Dieses Land hat, be= wegunasmüßig betrachtet, den Charakter des Wogenganges und, räum­lich statisch betrachtet, den Charakter der Faltung. Wir sehen Urland vor uns, bas unmittelbar aus dem Schwünge von Gottes Hand hervorge­gangen ist, als sie noch mit Meeren, Eis und Felsen spielte, das Feste dem Flüssigen schied, die Gebirge aufwarf und den Wassern ihre ~...,nen und Becken wies. Solcher Schöpfungsvorgang scheint noch kaum erstarrt, wir glauben ihm noch beizuwohnen, wenn ßch vor uns und unter uns die Täler furchen, die Moore dehnen die: Seen ausbreiten, wenn sich die Hügel schwingen und überschneiden, die Höhenrücken gegen- und ineinanderschieben und sich immer hoher aufstaffeln gegen den Alpenklamm, der selber wie steilster Wogenkamm ist, Kamme über Kämme, eben erst zur Ruhe gekommen und erstarrt, wie sie sich,aus- zogen und bäumten, brandeten, sich zackten und überschlügen. Jede: klein Bodenerhebung wird zur Aussichtswarte, zeder Punkt schon auf halbem Hange zum Sitz vor einem Schauplatz, der Ungeahntes aufdeckt, ent­faltet, auseinanderschlägt, vor einer Naturbuhne, auf der die Natur die Kulissen stellt und doch selber auch Spieler ist indem sie die grobart,gsten Handlungen einer eben noch erschütterten Erde zur klaren Ruhe des Raumes löst. Da stürzen uns zu Füßen die Spitzen, starr gefransten Kegel des Fichtenwaldes in die Tiefen des Flußtales jenseits hangt das Kloster über dieser Schlucht und ruht auf dem Hintergrundsder Vor- hügel, die sich nach rechts und links entkeiten dahinter steigt die weitere Reihe der eigentlichen Vorberge, noch bewaldet, zu den Körpern und Ge­stalten der Felswälle auf, die sich wieder m mehreren Schichten hinter und übereinander lagern, voneinander abgehoben durch Luftmantel durch Spiele von Licht und Schatten und schließlich hinterbaut und ubergipfelt von der Riesenburg der Zugspitze, zu der die Turmspitze jenes Klosters emporweist. Und wo die ineinandergeschobenen Kulissen einmal° einen Durchblick gewähren, da zipfelt der braune Strich eines Moores, der 'sm biZ L?'LLchKE«,and nur !m 61«.on land ist, versteht sich auch auf den ersten Blick. Wir erkennen es als junges Bauernland, wir sehen es eben erst im wörtlichen Sinneur geworden, wie in seiner Struktur eben erst aus ^^es Hand, so m seiner Oberfläche eben erst aus Menschenhand, aus Rodung hervorge­gangen. Jenes Kloster im Mittelpunkt unseres Bildes über derWalb^ schluckst bezeugt frühe und früheste Siedlung, und der Waldwuch Vorberge bezeugt, daß das, was sich so hoch gegen Wrad, Wetter unb Kälte behauptet, erst recht Alleinherrscher in jenen tteferen Regionen ge­wesen fein muß, ehe der Mensch Glauben und Sitte, ükleiß uu , ,, schäft bringend, von ihnen Besitz ergriff. Das Land .st dünn bevöl­kert und wird es bleiben, es ist Bauernland in jenem urtümlichen Sinne der an Viehbesitz und bloße Eigenwirtschaft gebunden ist, und-mrd es bleiben. Denn es ist nach gewöhnlichen Begriffen ziem ich unwwtlich und unfruchtbar. Einziger Reichtum des Landes ist Wald und Gras einziger Schmuck die Wiese aber saftigeres Gras und farbigere Vlumenwiefen gibt es nirgendwo. So ist es ein Lanb der W. f Weiden, ein Land des Rindes, seiner aufgeweckten, leichtfußigen Arten die t(etterfrol) die steilsten Hänge mit ihrem Geläut er ullen und ein Land des Pferdes, eines Bauernpferdes, das kein Gestüt und kein

Stammbaum braucht, um rein eine Raste zu wahren, die von allen dem Urpferd am nächsten bleibt. Und so schön die Hochalmen sind, das ganze Land ist hoch, und das ganze Land ist Alm. Es dehnt sich noch genügend vom Fuße der Berge weg aus, und es hat genügend breite Täler um sich droben mit Sennhütten behelfen zu können, die Berg- wildnis Wildnis sein zu lassen und seine Siedlungen nicht hängend und schwebend bis in die Höhen zu schrauben. Die größeren Siedlungen. die Märkte liegen an den großen alten Straßen, in den breiten Ge- birastälern, an den Flußläufen und an den Seeufern, die kleineren die"Dörfer, Weiler, Einöden, Einzelgehöfte sind überall verstreut, auf den Aufhaltungen sowohl wie in den Einfaltungen, von dem Auf und Ab des großen Meeres bald erhoben, bald versteckt.

Oberbayern kennt in der Ebene und im Hügellande auch den Vier­eckhof, aber das Bauernhaus seiner Vorgebirgsgegenden vereinigt Mensch und Vieh unter ein und demselben Dache. Es hat keinen Hofraum und keine Anbauten, es ist, auch wenn Söller herausgebaut sind, ein einziger Quader, der feinen Inhalt nach der Längsachse ordnet, unten die Wohn­räume und dahinter der Stall, oben die Schlafräume und dahinter die Tenne, vorn der Eingang und hinten die gemauerte Auffahrt. Im Erd­geschoß sind vor allem Stube, Küche und Kammer. Von der Küche geht meist ein Fensterchen in den Stall, und Küche und Stall haben eigene Ausgänge ins Freie. Fast alle Zimmer des Hauses haben vier Fenster und sind lichterfüllt, die Stube ist besonders geräumig, ihre Fenster sind blumengeschmückt, neben dem Eingang hängt ein Weihwasserkesselchen und imHerrgottswinkel" ein Kruzifix; um den freistehenden Kachelofen läuft eine Bank und oben ein Holzgestänge zum Trocknen von Kleidern, und um die ganzen Wände läuft eine weitere Bank. Auch das dörfliche . Gasthaus ist nur ein Bauernhaus; die Wirtsstube entspricht in dem Hauptbestand ihrer Einrichtung und ihres Charakters der Wohnstube, und der zweite Hauptraum des Erdgeschosses, in dem sonst meist die Eheleute schlafen, ist hier das sog. Nebenzimmer.

Der böhmische Stamm der Bajuwaren ist bei Ausgrabungen be­weisen es gleich als das Kunstvolk in die Geschichte eingetreten, das es bis heute geblieben ist. Soweit dies Volk den rauhen Nordrand der Alpen besiedelte, auf Bier und nicht auf Wein angewiesen, hat es Musik und Poesie in höheren Formen nicht hervorgebracht. Aber im Dienste seines festlichen Sinnes gedieh aufs großartigste die Welt der sichtbaren Form und der Farbe; die Bildnerei erreichte mit der Hochblüte im Barock, einen das ganze Volksleben durchdringenden festlichen Sinn, so wie nirgendwo in Deutschland, und wie mit der bayerischen Schnitzkunst die bayerische Schauspielkunst zusammengehört, das steht der Fremde am deutlichsten in Oberammergau. Dieses Volk sorgte dafür, daß geistlich und profan dasselbe blieb, und lieh seine Giebel für die in seinen Kirchen beschäftigten Maler her, daß festlich bebilderte Märkte wie Tölz und Mittenwald entstehen konnten. Neben echter Bauernkunst in Feldkreuzen, Grabmälern, Botivkafeln, Hinterglasbildern und Marterln an Hausern, Schränken und Truhen hat sich auch alter festlicher Brauch, Tracht und Sitte vielfach erhalten ober ist roieber aufgelebt, Kräuterweihe unb Ge- wilterkerze, bie Krachleberne unb ber Jobler. München ist als einzige beutfche Großstabt eine große ßanbftabt geblieben unb wirb es immer bleiben unb aus feiner Einbettung in Bauernland und Bauernleben feine stärksten unb besten Kräfte fangen. Wie in biefer Hauptstadt das ganze Jahr Festtag ist, fo gibt es vollends auf dem Land ringsum mit geist­lichen und weltlichen Feiern, mit Primizen und Kirchweih, Theater- fpielen und Schuhplattlern, Hochzeiten, Fahnenweihen, Maibaumerrich­tungen, Trachtenbällen, Bergfeuern, Preis- und Eisschießen schier kein

Norbwesten von München liegen bie Moore von Dachau und Schleißheim auf ber Schotterhochebene, aber im ©üben kommt bie Alpen- lanbschaft mit ben Moränen des ehemaligen Jsarvorlanbgletschers bis nahe an bie weiteren Vororte heran unb mit bem gletfdjergrunen Fluß, der bas verworfene unb verschleppte Gestein des Hochgebirges tief burch- schnitt bis in die Stabt herein. Auenwalb unb Hangwalb mischt sich weiterhin flußauf; immer näher schauen bie Gebirgshäupter herein in das vielgespaltene Wildheit des Bergstromes, über feine kuhlgrauen Sandbänke, Kiesbarren unb Schwemminfeln, über Weibenbickichte und Föhrenränber. Tölz schon am Rande des Gebirges, ist die Perle biesex Landschaft, von ihr geboren und von ihr gefaßt. Bergkies unb Berg- maffer, Bergwalb unb weißblauer Firn, biefer klare Chor des Bayern- lanbes aus'kühlen, ungebrochenen Farben staut die Kraft bes rauben Flußlaufes zwischen Alpen unb Ebene zum steilen Festrausch bes Mark­tes baß sie bilberfroh unb geftaltenbunt aus allen Fronten unter ben schützenden Vordächern quillt und Fahnen aus allen Giebeln tragt Die Verehrung des Rosses vereinigt hier zum Umritt am ßeonarbitage die Eingesessenen des Jsartales wie vor Jahrtausenden; da sitzen bie Mädchen mit ihren Tellerhüten auf ben bemalten Truhenwagen bie Pferde finb mit den Talismanen ber Dachfelle unb Bluttucher am Kumt gefeit, unb bie Schauer eines uralten Fruchtbarkeitszaubers wehen, wenn

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