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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Freitag, den l. November Hummer 85
Antonius predigt den Fischen.
Von Hans Thyriot.
Vom Sande stößt der Nachen, treibt in den See hinein; inmitten fällt der Anker — Antonius steht allein Und richtet wie Johannes der Täufer sich zur Tat: fein Mantel weht im Winde als Segel und Ornat.
Nun singt er statt der Orgel zu tröstlichem Beginn Beschwörung und Verzauberung über das Wasser hin: Da regen sich die Wellen, der Nachen wiegt sich still, da kommen alle Fische, wie Sankt Antonius will.
Hundert silberne Leiber schweben zum Abendmahl, und tausend Schuppen blitzen im letzten Sonnenstrahl.
Unzählige Fischgesichter erheben fromm zum Boot die winzigen runden Mäuler gleichwie nach Wein und Brot. Durch tausend zarte Flossen ein kühles Zittern geht: Antonius hebt die Hände und sagt das Fischgebet. Und alle Fische spüren, da er den Segen spricht, den Hauch vom ewigen Leben in Gottes Angesicht.
Legende von einem Bildschnitzer.
Von Ernst L i s s a u e r.
Zu Ochsenfurt, auf dem langen Werktisch des Meisters Jörg Fenster- lin, in der linken Hälfte oben, lagen, je zu fünf nebeneinander gereiht, zwanzig weiße breite Briefschaften, genau zwanzig, jede ein Auftrag. Die runden, roten Wappensiegel von vieler Art, — Klostertürme, vom heiligen Geist als umleuchteter Taube bestrahlt; Kreuz, von Weintrauben umsponnen, und dergleichen, — waren zuoberst gekehrt. Zu Dinkelsbühl, im Rathaus, sollte das Bildnis des Altbürgermcisters Veit Semmelmann noch zu seinen Lebzeiten in Holz geschnitzt und im Wandgetäfel befestigt werden, auf daß er gewissermaßen den ewigen Vorsitz führte. Der Ritter Eberhard von Crumbach, oberhalb Rimpar, verlangte eine Geburt Mariä, auf der die heilige Anna die Züge seiner verstorbenen Mutter trüge, wie sie der Maler Stefan Peukert im Dorfe Rimpar gemalt hatte. Die Jo- hanncskirche zu Carlstadt bestellte einen Altar zu vier Flügeln, der in erhabener Darstellung die Geschichte des Täufers erzählen sollte. Das Kloster zu Volkach forderte eine Madonna, die hoch über dem Mittelschiff im Rosenkranz schweben und die Wallfahrer segnen würde. Und in allen Briefen war das mündlich Abgeredete klar in Sätzen und Absätzen, nach Sinn und Zweck, Wert und Frist stipuliert und unverrücklich ausgestellt. »
Wie am Namenstag Sträuße und Kuchen, die Kinder und Muhmen bringen, hatte er sich die Briefe, festlich angeordnet, vor Augen gelegt. Ihr Weiß und Rot leuchtete auf der bräunlich abgegriffenen Tischplatte, die hier sauber abgekehrt lag, indeffen die rechte Hälfte, wo der Meister arbeitete, mit gelblich weißen Splittern und Fasern des Holzabfalls überstreut war. Flache und gehöhlte Schnitzeisen waren griffbereit zur Hand gelegt.
Sein Antlitz stand über breitem Hals und breitem Rumpf schmal und eikig, als sei es von ihm selbst nach seiner Art in Holz geschnitzt worden, --»uer und wirr liefen Rinnen und Rillen, wie mit dem Messer ausgehoben; dichter noch als sonst waren sie ihm in die Stirn getieft, indessen mit beiden Händen das schneidende Eisen führte und stemmte. Von dem nun — Gott sei's gelobt, Gott sei's geklagt — seit Ostern vollen drittel Dutzend der Gesellen und halb Dutzend der Lehrlinge hatte keiner vermocht, ihm den Sockel nach seinem Sinn zu richten. Er sollte die ährenlesende Ruth am Kornspeicher des Hieronymus Limprccht zu Marktbreit tragen, und war gefertigt als ein Stück Wurzel und Stamm, aus dem ein
hölzernes Laubwerk, dann Aepfel und Birnen nisteten, sich üppig auf« raarts flocht und rankte. Jetzt am Sonntag, indes Gesellen und Lehrbuben m den Kneipen sahen oder sonst sich vergnügten, und die Frau sich mit den Emdern im Maintal erging, hatte er sich daran gemacht. Und schon, herangerollt harrte der Klotz, in dem die Volkacher Madonna schlief. Ueber den wollte er kommen, wenn er nur erst diesen Sockel gemeistert hatte, dessen Holz, seltsam, bald zu har" ^'^rstand, bald zu weich splitterte. Die Briefschaften leuchteten Sechs Blocke Lindenholzes standen längs den Wänden, hereingeschafft aus dem Rur. wo ein kleinwüchsiges Gehölz gekappter Stämme ragte vornehmlich Lmde die er wegen ihrer nachgiebigen und doch festen Masse beson« "UH em eichener, ein buchs- und ein nußbaumener
S orf. Das Eisen bohrte; Holzstaub und -späne streuten sich als gelbliche Äsche nieder. Es grub eiliger; als ob es zugleich in die Stirn des Meisters grub, rieften sich die Runzeln und Falten enger und tiefer und zogen sich von der Stirn herab näher gegen Wange und Mund. Er lugte seitwärts auf den Block, in dem er die Madonna von Volkach ahnte — bann er sie wußte, blickte, schaute, sah. Durchsichtig war ihm der Stamm; das Holz war ihm Glas,— er warf das Eisen auf den Tisch, daß Staub und Spane aufhupften: nun hatte er in der linken Hälfte, nächst der e.ln fingerbreit zu großes Stück ausgebrochen. Er trat einen Schritt rückwärts: das Laub verwölbte sich nicht mehr so dicht, wie er es geplant
2a ?■ jedoch, wer ah es wohl? Niemand; wahrlich und gewiß und wahr- haftig — niemand! Wer gab Acht auf einen Sockel, einen — nichts als fi*9ter tJaftceL" Suns! Die Leute sahen der Ruth auf den Leib, der sich sanft auf die Aehren mederbog, maßen sie vielleicht vom langher- mederfallenden, gelbgesträhnten, — (ja, gelber Farbe schimmerte das Haar und es war doch nicht mit Farbe Übermalt, es war geschnitzt, daß es gelb leuchtete, man kann auch schwarz und grün und braun schnitzen, r-A:'eZn- man s. ^ann) ~ vom langabfallenden Haar hinab zum sanften Schienbein, an dem em Halmbüschel sich aufwärts bog zum holden Bug des Knies. Keines Menschen Auge aber sah den Sockel an. Die Siegel funkelten. Freilich, noch manches wäre bei anderer Zeit, gelassener an dieses Sockels Laub- und Fruchtschmuck zu leisten, daß er gänzlich' qe- biegen burch tue langen Jahre hange und trage, aber es mangelte nun einmal an geduldiger Muße. Und ohne Frage (gewiß, ohne Zweifel und Hrage — ohne Bedenken): wer ein paar Familien von Even und Adams Marien und Josefs samt dem Jesuskindlein und vielleicht noch eine win-
3l 2 30e ^aljl Heiliger als Gevattern und Hausfreunde auf die Erde stellen wollte, der mochte an einem Sims und Sockel schnitzen wie an der Ruth '2.«™ gelben Haar! Wer aber eine Schar — ein Geschlecht, — wer ein — Mechthm em Volk von Frauen und Männern, Alten Testaments, Neuen Testaments, nicht zu vergessen Legenda aurea und Acta sanctorum ""^Kirchenvater und Päpste, vollends heutige Klerisei aller Grade und endlich allerlei Herren, vielerlei Herren, einflußreiche, gutzahlende, aus Furstenschaft, Ritterschaft, Kaufmannschaft, — wer hölzerne Völkerschaften wandern machen wollte — über ganz Franken, nach Bayern, ja bis ins Sächsische, nach Polen hinein — mochte denn der Sockel ein wenig rof) und nur für ben ersten Aufblick zubehauen hingehen. Nicht recht dicht — unb nicht recht gewachsen legte sich Laub zu Laub, gewiß — wer — war die Frage, nur bies war die Frage: wer fatfs? Er aber, der Bildschnitzer Jorg Fensterlin, schuf für den Blick, für den sehenden Men- schcn den Bürger und Wanderer, der vorüber kam, stehen blieb und Freilich, nicht so üppig und reichlich, wie sich's zum sröh- ichen Korn und sommerlichen Glück der erntelesenden Ruth schickte — er wchte: ausroden, ausreuten muß man dieses faule Holz! Und trug den Block leicht mit der Linken in den Winkel hinter feinen Stuhl, aus dem Umkreis feines Auges und aus feinem Sinn.
Er streckte die Hand nach dem Schreiben des Volkacher Priors ein Sockel, als ein tragendes Glied, war ein Diener; ein „Dienst" wie die Bauleute sprechen — des Volkacher Priors, und begann nachzulesen, was im einzelnen vermerkt war — brauchte also nicht der Mühsal, wie die ozusagen, Herrschaft über ihm — er senkte den Brief: wer sah? Ein Auge ah. Irgendein Auge sah, das war ganz ohne Frage. Hatte er zwei andere Augen im Hinterkopf ober ein breites in der Mitte des Rückens wie ein Fabeltier aus griechischen Schiffermärchen, daß er, der doch vorn mit seinen sehenden Augen die Schrift des Priors Dietmann von Volkach las, ins Eck blickte, hinterwärts, auf einen mühseligen Sockel, des niemand achtet unb Acht haben wirb jemals zu irgenbwelcher Stunde durch die Jahrzehnte hin? Es war ein Auge im Zimmer und sah. Das selbe Auge sah, zur Linken, draußen im Weltraum hinter den Scheiben, durch die Scheiben. Das selbe Auge war hinter dem Hause und sah durch die Wände. Unb es war brinnen; bie Werkstatt füllte sich mit feinem Sehen. Der Sockel lag roh, ein begonnenes Stück, angearbeitet. Die Blätter rollten sich, als wären sie abgewelkt unb würben sich lösen und nieder- chweben; undicht flochten sie sich ineinander, als hätte Wind am Laub gepflückt und gewühlt. Ein dürrer Frühling war aus der Werkstatt aufgegangen, ein Mißwachs aus der Hand Gottes, ein Laub ohne Liebe.


