Die PerfonNchKett in der tzandschrist.
Don der Schulschrisl zur Lharcckker-Schrift.
Von Dr. K. Brauch.
Die Schrift des Erwachsenen hat drei Wurzeln. In der Schule lernt er die , Normalschrist, die diesetde Grundform bei den Völkern des Abendlandes hat, aber bei jedem Volt einen anderen Typ in den Nebenzügen aufweist. Wit der Grundform übernimmt also der Mensch die Schrift feiner Nation, und Sprachgemeinschaft. In seinen Reifejahren, in denen sich seine Seele ,ur Individualität und zu einen, eigenartigen Charakter bildet, in denen - -er Mensch sich selbst findet, macht ein jeder seine eigenen Versuchs in Gedichten und in seiner Schrift. Die Unterschrift z.B. soll seine Unterschrift fein, in Zug und Form unnachahmlich und ganz dem persönlichen B:dürfnis entsprungen. Mühsam-schwungvolle Schnörkel oder kraftvoll- lapidare gekürzte Strichführung zieren diese Schöpfungen der gärendreifenden Persönlichkeit. Sie sind aber meist nicht so selbstgewachfen, wie sie sich geben. Aus psychologisch leicht verständlichen Gründen ist bewußt und unbewußt gerade in diesem Alter der Lebensentfaltung der Führer, das Vorbild, von großem Einfluß und die meiften Ausschmückungen oder Vereinfachungen find irgendwo, abgesehen bei einer Persönlichkeit, die in der jugendlichen Phantasie eine maßgebende Rolle spielt. Jedenfalls hat der Jugendliche mit der Uebernahme des Vorbilds einen bestimmten, ihm zusagenden Typus gewählt, hat Stellung genommen in einer Bewertung von Schristformen.
Wo der Mensch über eine Sach« ein Werturteil fällt, sie annimmt oder ablehnt, kommt stets seine Individualität zum Vorschein. Das Gefallen oder Nichtgefallen läßt sich stets aus den einzigen Grund zurück- Sren, daß nämlich diese bestimmte Form dem individuellen Form- iihl, dem ganzen Denken, der ganzen Seelenstniktur am meisten ange- paßt ist. Nehmen wir nur den Unterschied der lateinischen und deutschen Schristzeichen. Mancher wird gewiß einwenden, daß es ein ganz äußerlicher Grund war, aus dem er dazu gekommen ist, z. B. die lateinische Schrift als seine Gebrauchsschrift zu verwenden. Das ist selbstverständlich möglich, daß jemand die deutschen oder gotischen Schristzeichen verwendet nur deswegen, weil er nur diese Schriftart, in der Jugend geübt hat. Aber der Graphologe wird in der einen Schriftart Merkmale finden, die seelisch zu einer anderen gehören, er wird von mancher lateinischen Schrift sagen,' daß sie eigenllich eine deutsche ist und umgekehrt. Das ■ Entscheidende ist die hinter den Schriftformen stehende Seelen- stru'tur, welche bewußt oder unbewußt gerade diese Schriftzüge wählt und sie in einer bestimmten Art ausführt. Daß es so sein muh, daß die Individualität in den Formen der Schriftzeichen in Erscheinung tritt, ist das Problem aller Graphologie als Wissenschaft. Sie sucht die Gründe, welche den innigen Zusammenhang zwischen Schriftbild und Persönlichkeit notwendig machen.
Ludwig K l a g e s, der Hauptvertreter der modernen wissenschaftlichen Graphologie findet den Grund in dem Phänomen des Ausdrucks. Er sagt: das Schreiben ist eine Bewegung, welche vom Individuum hervorgebracht wird. So gewiß, wie jedes Individuum vom anderen verschieden ist. so sicher ist auch jede lebendige Bewegung, die durch einen inneren seelischen Impuls veranlaßt und nicht durch nur äußeren Zwang vorgeschrieben ist, von der Gestaltungskraft und dem Ablauf dieses individuell-seelischen Geschehens in einer Abhängigkeitsbeziehung. Die Abhängigkeitsbeziehung ist die des Ausdrucks. Form und Ablauf einer lebendigen Bewegung find der Ausbri'ck einer gestaltenden Kraft. Wer die Bewegung in ihrer Geschwindigkeit und Kraft, in der Gestalt und dem Rhythmus nachzuerleben und nachzufühlen versteht, dem ist sie mehr als nur Zeichen eines seelischen Lebens, sondern das seelische Leben selbst in fixierter Form. Mit dem Sinn der geschriebenen Worte vertraut der Briesschreiber seine Gedanken und Begriffe dem Papier an, mit der Schreibbewegung aber offenbart er sein ganzes seelisches Sein, fein Temperament, seine Triebkräfte, [eine Ideale, feine Begabung, seine Sehnsucht und sein Leid. Die ganze Persönlichkeit liegt in ihrer Schrift, weil die fließende Bewegung das ganze seelische Leben widerfviegelt, so gewiß eine jede von innen kommende freie Bewegung des Körpers, wie Mienenspiel und Geste, den Impuls und die Tendenz offenbart.
Die Theorie von Klages ist in der Tat grundlegend und macht eine wissenschaftliche Graphologie erst möglich. Sie ist unumstößlich, weil sie auf das Gewisseste und Unmittelbarste unseres Seins aufbaut, auf der Tatsache unseres Lebens.
(Eine andere Richtung der Graphologie verfügt über ein ebenso unumstößliches Fundament. Es entdeckt zu haben, ist das große Verdienst von Rafael Schermann. Sein Ausgangspunkt ist aber nicht die Schreib- beweaung, sondern dos Schreibbild, die einzelne Form. Die Form eines Buchstabens, das Bild eines Schnörkels, ist etwas in sich Abaefchloslenes, ebenso wie eine ganze Buchstabengrnppe ein geschlossenes Bild darstellen kann. Das Wort „Bild" ist aber ganz wörtlich zu nehmen. Wie der Künstler ein Bild auf die Leinwand bringt, das fein ganzes Wesen und feine ganze Seele erfüllt, wie es ihm ein Bedürfnis ist, das Innere m äußerer Form mögstchst abäquat darzustellen, so ist jeder Mensch in feiner Schrift ein Künstler. Jeden Menschen treibt ein plastisches Bedürfnis beim Schreiben. Die Bilder feines Inneren projiziert er auf das Papier, und die Schristformen sind mehr als Buchstabenzeichen, sie sind „Symbole" seelisch-geistiger Gedankenmassen, seien es Ziele des Wollens, oder scheue Pbantasmen, Sinngehalte des beruflich-werktötiaen oder des scköpserisch-geistigen Schossens. Symbole sind abgeschlossene Bilder, denen Wan nicht die sie hervorbringende Bewegung nachsiihlt, die man vielmehr nur als Ganzes schauen kann. Das Entscheidende bei dieser Theorie Iß die Intuition, welche das Symbol schlechthin sieht und erlernt. (Eine Form allein kann dem intuitiven Graphologen einen .zentralen Gedanken- kompler enthüllen, von dem aus er tiefer in die Seele einzudringen vermag, als die Graphologie der Bewegung. Dafür ist auch die Intuition, das Erschauen be« Bedeutungsgehaltes im Symbol, eine persönliche, faü, nicht erlernbare Begabung, deren Verwandtschaft mit telepathischen Phänomenen zwar sehr ungewiß und umstritten ist.
Die ganz unbezweifelbaren Erfolge von Rafael Schermann stntz allein Beweis genug, daß feine Grundlage ebenfo berechtigt ist, wie die von Ludwig Klages. Und der Unterfchied ist auch gar nicht unüberbrückbar. Beide Haden ja den gleichen Ausgangspunkt, nämlich die lebendige Persönlichkeit, zu deren Wefen ein Drang, ein Bedürfnis gehört nach Ausdruck. Klages geht dem Werden des Ausdrucks, der Bewegung, nach und sucht ihre Gesetze und ihre Impulse nachzuempsinden und zu deuten. Rafael Schermann sieht den fertigen Ausdruck, das Symbol, er erfaßt die Gestalt und chren Sinn und weiß dann auch das Urbild in der Seele des Menschen. Wenn den beiden Wegbereitern der wissenschaftlichen Gra- . phologie 6er eine den anderen auch nicht fo sehr schätzen mag, und jeder naturgemäß in seine eigene Methode das größte Vertrauen hat, so muß der praktisch arbeitende wissenschaftliche Graphologe doch jedem Gerechtigkeit widerfahren lassen. Klages und Schermann sind beide bahnbrechend, beider Gedanken geben dem wissenschaftlich gebildeten Praktiker für lange Jahre noch viel zu tun und zu erproben, und er wird auch jedem danken für seine Leistung, die ein kritisches Arbeiten in der Graphologie ermöglicht. Denn jeder hat bewiesen, durch Theorie und bis Praxis, daß in der Schrift die Persönlichkeit lebt.
Die Stabt der Affen und Eichhörnchen.
Indischer Heifebtief.
Bon Anton Liibke.
Wer Bombay, die indische Millionenstadt, Zentralpunkt des Baumwollbandeis und rapiden Menschenzuwachses, sah. glaubt, Indien gesehen zu haben. Religiöser Kult, Seltsamkeiten und Wunder begegnen hier auf Schritt und Tritt. Und doch gibt diese Stabt nur eine blasse Vorstellung indischen Lebens, indischer Kultur und Gebräuche. Was sich, hier in den Eingeborenenvierteln, die in ihrem Hasten und Treiben nie zur Ruhe kommen, abjpielt, ist schon durchdungen von europäischer Zivilisation. Kinos und europäische Theater, Autos und europäische Kleidung verdrängen mit Vel^menz das alte Indien in Bombay und setzen an seine Stelle den Geist europäischer Zivilisation.
Wer Indien kennenlernen will, muh ins Innere fahren, zu jenen seit- fatnen Städten, wo noch nicht der Arm des europäischen Kultivators tiefe Rinnen in eine alte festgewurzelte Kultur gegraben hat. Hier ist das Leben noch seltfam und grotesk, hier haben die Götter Indiens noch ihren prunkvollen Glanz, hier leuchten die Farben noch glutvoll, hier ist der eingeborene Mensch noch mit seiner Erde verwachsen und spricht die Sprache seiner Urväter, wie sie vor Tausenden von Jahren gesprochen wurde. Es lebt in diesem Menschen noch eine gewisse naive Kindlichkeit, etwas Unbefangenes, das unsere Zivilisation bewundert, wie wir ihr Alter, ihre Farbigkeit, ihre Formen und Gebräuche bewundern.
Der Weg von Bombay führt nordwärts, um zu einer solchen echt indischen Stadt zu gelangen. Ein Schnellzug fährt in schnellem Tempo während einer langen Nacht zehn Stunden am Gols von Camby entlang in nördlicher Richtung. Die Januarhitze Bombays verschwand, je mehr man sich dem dreißigsten Breitengrad näherte. Der Morgen, der ins Abteil schien, war kalt und frostig, ganz anders als die warmen Morgen» stunden, die man von Bombay her gewöhnt war. Ahmedabad, di« einstige mittelalterliche Millionenstadt zur Zeit der Großmogulherrjchast war erreicht. Zwei hochragende merkwürdige Türme direkt am Bahnhof fallen ins Auge und geben davon Kunde, daß hier einst ein herrlicher Palast gestanden hat, ehe die Maharattenkärnpfe den Verfall der glanzenden Stadt brachten. Ahmedabad ist eine der merkwürdigsten Stabte Indiens: ohne sie gefehen zu haben, würbe man inbifches Leben nicht öollftänbig gesehen haben. Sie ist noch fast unberührt von europäischem Einfluß obwohl sie über eine Viertelmillion Einwohner zahlt. Der größte Teil ber Bewohner setzt sich aus Hindus zusammen, in weitem Abstande folgen Mohammedaner und Iainos, letztere die reichen Geldf Verleiher der Stadt.
Durchfährt man mit den merkwürdigen zweirädrigen Karren, die mit buntoeschmückten und fchellenbehangenen Pferden bespannt sind, daq Straß°ngewühl, wird einem bei jedem neuen Ausblick offenbar, daß diese Stöbt eine reiche Vergangenheit hinter sich hat. Eine bitte Mauers ble von plumpen unb boch stilvollen Türmen durchbrochen wird, gibt ber Stabtarrfiiteftur einen mittelalterlichen, festungsartigen Charakter. Der Palast Az am Khan, jetzt ein Gefängnis, ragt wie eine trutzige Festung über bis Stabt heraus. Wunbervolle Moscheen unb Hinbutempcl, bereit prachtvoller Stil sich kontrastreich abhebt von dem fast armselipen Leben ber Stabt, gibt bem Frembling viel zu sehen. Es ist in diesen gewaltigen, architekturreichen Tempeln und Gebäuden der Abglanz einer Zeit zu spüren, in ber bie Stabt noch burch Macht hervorragte. Heute scheint sie sich zu neuer Blüte emporzuarbeiten durch die zahlreichen Baumwollspinnereien. , . ,,, „„ ,.
Charakteristisch für Ahmedabad Ist die mohammedanische Moschee Iama Masjid, die eine eigentümliche Vermischung sarazenischer und hin- dustischer Bauweise aufweist, fünfzehn Kuppeln besitzt und von 252 bünnen Säulen getragen wird. Dieser Säutenreiditum gibt dieser Moschee etwas geheimnisvoll Stilles und zugleich Ehrwürdiges. Ganz aus weißem Marmor ist der große Iainatempel, der einen ungemeinen Skulpturenreichtum gufroeift. Wie die meisten großen Indischen Tempel hat auch d-r Iainatempel in seinem gerämniaen Vorhof einen Badeplatz für die Pilaer welche bas Heiligtum auffuchen. In großer Zahl begegnet man in diesem Tempel b?n heiligen Tirthankars, die meist mit einem Emblem nackt barneftellt werben. . .. , .
Die Religion der Iainos, der dieser TemvA gehört, ist da« Wesen von Ahmebobob trnü^em bie Iainos bie starke Minderheit der Stabt blwen, ober wie bie Parsen in Bombay bie reichsten Leute von Ahmebabod sinb Die Iainos sind der buddh ttiseben Lehre verwanbt. bescwber« in ihrem Gottosbienst, aber in ihrer philosophischen Muffaffimn vorn Menschen geuubv«rsckü«ben Die Jaino« glauben an bie substanzielle E-Üstrnz der Seele, bie Bi'bbba nicht anerkannte, und an den Zustand der Seelen nach i bem Tobe de« Körpers als ein friedvo'les Fortleben im Himmel ber i Jainas. Im Himmel gewinnt bie Seele ihr wahres aus Erkenntnis be-


