Ausgabe 
1.3.1929
 
Einzelbild herunterladen

ptef, das ewige Knöcheln und Tempeln. Und wenn du noch glücklich 1 piektest! Ja. Hradscheck, das muß ich dir sagen, wenn du spielen willst, o spiele wenigstens glücklich. Aber ein Wirt, der nicht glücklich spielt, muß davon bleiben, sonst spielt er sich von Haus und Hof. Und dazu das Trinken, immer der schwere Ungar, bis in die Nacht hinein."

Er antwortete nicht, und erst nach einer Weile nahm er den Kranz, der über der Stuhllehne hing, und sagte:Hübsch. Alles, was du machst, hat Schick. Ach, Ursel, ich wollte, du hättest bessere Tage."

Dabei trat er freundlich an sie heran und streichelte sie mit seiner weißen, fleischigen Hand.

Sie lieh ihn auch gewähren, und als sie, wie beschwichtigt durch seine Liebkosungen, von ihrer Arbeit ausfah, sah man, daß es ihrer Zeit eine sehr schöne Frau gewesen sein mußte, ja, sie war es beinah noch. Aber man sah auch, daß sie viel erlebt hatte. Glück und Unglück, Lieb' und Leid, und durch allerlei schwere Schulen gegangen war. Er und sie mach­ten ein hübsches Paar und waren gleichaltrig, Anfang vierzig, und ihre Sprech- und Verkehrsweise lieh erkennen, daß es eine Neigung gewesen sein mußte, was sie vor länger oder kürzer zusammengesührt hatte.

Der herbe Zug, den sie bei Beginn des Gesprächs gezeigt, wich denn auch mehr und mehr, und endlich fragte sie:Wo drückt es wieder? Eben hast du den Raps weggeschickt, und wenn Leist das Del hat, hast du das Geld. Er ist prompt auf die Minute."

Ja, das ist er. Aber ich habe nichts davon, alles ist bloß Abschlag und Zins. Ich steckte tief drin und leider am tiefsten bei Leist selbst. Und dann kommt die Krakauer Geschichte, der Reisende von Olszewski-Gold­schmidt & Sohn. Er kann jeden Tag da fein."

Hradscheck zählte noch anderes auf, aber ohne daß es einen tieferen Eindruck auf feine Frau gemacht hätte. Vielmehr sagte sie langsam und mit gedehnter Stimme:Ja, Würfelspiel und Vogelstellen ..."

Ach, immer Spiel und wieder Spiel! Glaube mir, Ursel, es ist nicht so schlimm damit und jedenfalls mach' ich mir nichts draus. Und am wenigsten aus dem Lotto; 's ist alles Torheit und weggeworfenes Geld, ich weiß es, und doch hab' ich wieder ein Los genommen. Und warum? Weil ich heraus will, weil ich heraus muß, weil ich uns retten möchte."

So, so", sagte sie, während sie mechanisch an dem Kranze weiter flocht und vor sich hin sah, als überlege sie, was wohl zu tun sei.

Soll ich dich auf den Kirchhof begleiten", frag er, als ihn ihr Schweigen zu bedrücken anfing.Ich tu's gern, Ursel. *

Sie schüttelte den Kopf.

Warum nicht?"

Weil, wer den Toten einen Kranz bringen will, wenigstens an sie gedacht hoben muß."

Und damit erhob sie sich und verlieh das Haus, um nach dem Kirchhof zu gehen.

Hradscheck sah ihr nach, die Dorfstrahe hinauf, auf deren roten Dächern die Herbstsonne flimmerte. Dann trat er wieder an fein Pult und blätterte.

U.

Eine Woche war seit jenem Tage vergangen, aber das Spielglück, das sich bei Hradscheck einstellen sollte, blieb aus und das Lottoglück auch. Trotz alledem gab er das Warten nicht auf, und da gerade Lotterieziehzeit war, kam das Viertellos gar nicht mehr von feinem Pult. Es stand hier auf einem Ständerchen, ganz nach Art eines Fetisch, zu dem er nicht müde wurde, respektvoll und beinah mit Andacht aufzublicken. Alle Mor­gen sah er in der Zeitung die Gewlnnummern durch, aber die seine fand er nicht, trotzdem sie unter ihren fünf Zahlen drei Sieben hatte und mit sieben dividiert glatt ausging. Seine Frau, die wohl wahrnahm, daß er litt, sprach ihm nach ihrer Art zu, nüchtern aber nicht unfreundlich, und drang in ihn,daß er den Lotteriezettel wenigstens vom Ständer her- unternehmen möge, das verdrösse den Himmel nur und wer dergleichen täte, kriege statt Rettung und Hilfe den Teufel und seine Sippschast ins Haus. Das Los müsse weg. Wenn er wirklich beten wollte, so habe sie was Besseres für ihn, ein Marienbild, das der Bischof von Hildesheim geweiht und ihr bei der Firmelung geschenkt habe."

Davon wollte nun aber der beständig zwischen Aber- und Unglauben hin- und herlchwankende Hradscheck nichts wissen.Geh mir doch mit dem Bild, Ursel. Und wenn ich auch wollte, denke nur, welche Bescherung ich hätte, wenn's einer merkte. Die Bauern würden lachen von einem Dorf* ende bis ans andere, selbst Orth und Igel, die sonst keine Miene verziehen.

Und so blieb denn das Los auf dem Ständer, und erst als die Ziehung vorüber war, zerriß es Hradscheck und streute die Schnitzel in den Wind. Er war aber auch jetzt noch, all seinem spöttisch-überlegenen Gerede zum Trotz, so schwach und abergläubisch, daß er den Schnitzeln in ihrem Fluge nachsah, und als er wahrnahm, daß einige die Straße hinaus bis an die Kirche geweht wurden und dort erst niederfielen, war er In seinem Ge- müte beruhigt und sagte:Das bringt Glück."

Zugleich hing er wieder allerlei Gedanken und Vorstellungen nach, wie sie seiner Phantasie jetzt häusiger kamen. 2(ber er hatte noch Krast genug, das Netz, das ihm diese Gedanken und Vorstellungen Überwerfen wollten, wieder zu zerreißen.

Es geht nicht."

Und als im selben Augenblick das Bild des Reisenden, dessen An­meldung er jetzt täglich erwarten mußte, vor seine Seele trat, trat er erschreckt zurück und wiederholte nur so vor sich hin:Es geht nicht."

So mar Mitte Oktober herangekommen.

Im Laden gab es viel zu tun, aber mitunter war doch ruhige Zeit, und dann ging Hradscheck abwechselnd in den Hof, um Holz zu spellen, oder in den Garten, um eine gute Sorte Tischkartosseln aus der Erde zu nehmen. Denn er war ein Feinschmecker. Als aber die Kartoffeln her­aus waren, fing er an, den schmalen Streifen Land, darauf sie gestanden, umzugraben, Ueberhaupt wurde Graben und Gartenarbeit mehr und mehr seine Lust, und die mit dem Spaten in der Hand verbrachten Stunden waren eigentlich feine glücklichsten.

Und so beim Graben war er auch heute wieder, als die Jeschke, wie gewöhnlich, an die die beiden Gärten verbindende Heckentür kam und ihm zusah, trotzdem es noch früh am Tage war.

De Düffeln sinn joa nu rat, Hradscheck."

Ja, Mutter Jeschke, seit vorgestern. Und war diesmalne wahre Freude; mitunter zwanzig an einem Busch und alle groß und gesund."

Joa, joa, wenn eens Glück hebben soll. Na, Se hebben't Hradscheck. Se hebben Glück bi de Tüffeln un bi de Malvesieren ook. I, Se müten joa wolln Scheffelrunnerpslückt hebb'n."

D mehr, Mutter Jeschke, viel mehr."

Na, bereden Se't nich, Hradscheck. Nei, nei. Man satt nix bereden. Ook fien Gluck nich."

Und damit lieh sie den Nachbar stehen und humpelte wieder aus ihr Haus zu.

Hradscheck aber sah ihr ärgerlich und verlegen nach. Und er hatte wohl Grand dazu. War doch die Jeschke, so freundlich und zutulich sie tat, eine schlimme Nachbarschaft und quacksalberte nicht bloß, sondern machte auch sympathetische Kuren, besprach Blut und wußte, wer ster­ben würde. Sie sah dann die Nacht vorher einen Sarg vor dem Sterbe­hause stehen. Und es hieß auch,sie wisse, wie man sich unsichtbar machen könne", was, als Hradscheck sie seinerzeit danach gefragt hatte, halb von ihr bestritten und bann halb auch wieder zugcstanden war.Sie wisse es nicht; aber das wisse sie, das frisch ausgelassener Lammta'g gut fei, versteht sich von einem ungeborenen Lamm und als Licht über einen roten Wollfaden gezogen; am besten aber sei Farnkrautsamen in die Schuhe ober Stiefel geschüttet." Und bann hatte sie herzlich gelacht, worin Hradscheck natürlich einstimmte. Trotz dieses Lachens aber war ihm jedes Wort, als ob es ein Evangelium mär, in Erinnerung ge­blieben, vor allem dasungeborne Lamm" und derFarnkrautsamen". Er glaubte nichts davon und auch wieder alles, und wenn er, seiner sonstigen Entschlossenheit unerachtet, schon vorher eine Furcht vor der alten Hexe gehabt hatte, so nach dem über das sich Unsichtbarmachen noch viel mehr.

Und solche Furcht beschlich ihn auch heute wieder, als er sie, nach dem Morgengeplauder über dieTüffeln" und dieMalvesieren", in ihrem Hause verschwinden sah. Er wiederholte sich jedes ihrer Worte:Wenn eens Glück hebben fall. Se hebben't joa, Hradscheck. Awers bereden Se't nich." Ja, so waren ihre Worte gewesen. Und was war mit dem allem gemeint? Was sollte dies ewige Reden von Glück und wieder Glück? War es Neid ober wußte sie's besser? Hatte sie boch vielleicht mit ihrem Hokuspokus ihm in die Karten geguckt?

Während er noch so sann, nahm er den Spaten wieder zur Hand und begann rüstig weiter zu graben. Er warf dabei ziemlich vie< Erde her­aus und war keine fünf Schritte mehr von dem alten Birnbaum, auf den der Ackerftreifen zulief, entfernt, als er auf etwas stieß, das unter dem Schnitt des Eisens zerbrach und augenscheinlich weder Wurzel noch Stein war. Er grub also vorsichtig weiter und sah alsbald, daß er auf Arm und Schulter eines hier verscharrten Toten gestoßen war. Auch Zeug- refte tarnen zutage, zerschlissen und gebräunt, aber immer noch farbig und wohlerhalten genug, um erkennen zu lassen, daß es ein Soldat ge­wesen fein müsse.

Wie tarn der hierher?

Hradscheck stützte sich auf die Krücke feines Grabscheits und überlegte. Soll ich es zur'Anzeige bringen? Nein. Es macht bloß Gekkätsch. Und keiner mag einkehren, wo man einen Toten unterm Birnbaum ge­sunden hat. Also besser nicht. Er kann hier weiter liegen.

Und damit warf er den Armknochen, den er ausgegraben, in die Grube zurück und schüttete diese wieder zu. Während dieses Zuschüttens aber hing er all jenen Gedanken und Vorstellungen nach, wie sie seit Wochen ihm immer häufiger kamen. Kamen und gingen. Heut aber gingen sie nicht, sondern wurden Pläne, die Besitz von ihm nahmen und ihn, ihm selbst zum Trotz, an die Stelle bannten, auf der er stand. Was er hier zu tun hatte, war getan, es gab nichts mehr zu graben und zu d)ütten, aber immer noch hielt er das Grabscheit in der Hand und sah ich um, als ob er bei böser Tat ertappt worden wäre. Und fast war es o. Denn unheimlich verzerrte Gestalten (und eine davon er selbst) um* drängten ihn so faßbar und leibhaftig, daß er sich wohl fragen durfte, ob nicht andere da wären, die diese Gestalten auch sähen. Und er lu-cke wirklich nach der Zaunstelle hinüber. Gott sei Dank, die Jeschke mar nicht da. Aber freilich, wenn sie sich unsichtbar machen und sogar Tote sehen konnte, Tote, die noch nicht tot waren, warum sollte sie nicht die Ge­stalten sehen, die jetzt vor seiner Seele standen? Ein Grauen überlies ihn, nicht vor der Tat, nein, aber bei dem Gedanken, daß das, was eift Tat werden sollte, vielleicht in diesem Augenblicke schon erkannt und ver­raten war. Er zitterte, bis er, sich plötzlich aufraffend, den Spaten wieder in den Boden stieß.

Unsinn. Ein dummes altes Weib, das gerade klug genug ist, noch Dümmere hinters Licht zu führen. Aber ich will mich ihrer schon wehren, ihrer und ihrer ganzen Totenguckerei. Was ist es denn? Nichts. Sie sieht einen Sarg an der Tür stehen, und bann stirbt einer. Ja, sie sagt es, aber sagt es immer erst, wenn einer tot ist ober keinen Atem mehr hat ober bas Wasser ihm schon ans Herz stößt. Ja, bann kann ich auch prophezeien. Alte Hexe, bu sollst mir nicht weiter Sorge machen. Aber Ursel! Wie bring ich's ber bei? Da liegt der Stein. Und wissen muß sie's. Cs müssen zwei sein ..."

Und er schwieg. Bald aber fuhr er entschlossen fort:Ah, bah, es wird sich finden, weil sich's finden muß Not kennt kein Gebot. Und was sagte sie neulich, als ich das Gespräch mit ihr hatte?Nur nicht arm fein ... Armut ist das Schlimmste." Daran halt' ich sie; damit zwing ich sie. Sie muß wollen "

Und so sprechend, ging er, das Grabscheit geroefjrüber nehmend, wie­der auf oas Haus zu.

(Fortsetzung folgt.)