Ausgabe 
1.3.1929
 
Einzelbild herunterladen

SietzeimZamilienbliitter

UnterhaltungsbeilsZs zum Giehener Anzeiger

) chrgang <929 streitaHen Marz Hummer \I

Für den Schreibtisch.

Von Leo Sternberg.

Pelzkätzchen, perlmuttern, rötlich und grün, fangen auf meinem Schreibtisch an zu blüh'n. Aus hessischem Steinzeug, wilden Geweih's, springt ein weitzer Hirsch. Darin steht das Reis: Ein Bündel Ruten in Irdengeschirr.

Allein, aus dem besenkahlen Gewirr kommen so weich wie der Flaum der Maus sich plusternd die samtenen Pelzchen heraus. Man hat mir den Busch, wie beflockt von Schnee, vor die Rase gestellt, damit ich seh, daß auch an einem groben Span ein zarter Trieb nicht schaden kann.

Unterm Birnbaum.

Von Theodor Fontane.

I.

Vor dem in dem großen und reichen Oderbruchdorfe Tschechin um Michaeli 20 eröffneten Gasthaus und Materialwarengeschäft von Abel Hradscheck (so stand aus einem über der Tür angebrachten Schilde) wur­den Säcke, vom Hausflur her, aus einen mit zwei magern Schimmeln bespannten Bauerwagen geladen. Einige von den Säcken waren nicht gut gebunden oder hatten kleine Löcher und Ritzen, und so sah man denn an dem, was herausfiel, daß es Rapssäcke waren. Aus der Straße neben dem Wagen aber stand Abel Hradscheck selbst und sagte zu dem eben vom Rad her auf die Deichsel steigenden Knecht:Und nun vorwärts, Jakob, und grüße mir Oelmüller Quaas. Und sag ihm, bis Ende der Woche müßt' ich das Del haben, Leist in Wrietzen warte schon. Und wenn Quaas nicht da ist, so bestelle der Frau meinen Gruß und sei hübsch manierlich. Du weißt ja Bescheid. Und weißt auch, Kätzchen hält auf Komplimente."

Der als Jakob Angeredete nickte nur statt aller Antwort, setzte sich auf den vordersten Rapssack und trieb beide Schimmel mit einem schläf­rigenHüh" an, wenn überhaupt von Antreiben die Rede sein konnte. Und nun klapperte der Wagen nach rechts hin den Fahrweg hinunter, erst auf das Bauer Orthsche Gehöft samt seiner Windmühle (womit das Dorf nach der Frankfurter Seite hin abschloß) und dann aus die weiter draußen am Dderbruch-Damm gelegene Delmühle zu. Hradscheck sah dem Wagen nach, bis er verschwunden war, und trat nun erst in den Haus­flur zurück. Dieser war breit und tief und teilte sich in zwei Hälften, die durch ein paar Holzsäulen und zwei dazwischen ousgespannte Hänge­matten voneinander getrennt waren. Rur in der Mitte hatte man einen Durchgang gelassen. An dem Vorflur lag nach rechts hin das Wohn­zimmer, zu dem eine Stufe hinaufführte, nach links hin aber der Laden, in den man durch ein großes, fast die halbe Wand einnehmendes Schiebe­fenster hineinsehen konnte. Früher war hier die Verkaufsstelle gewesen, bis sich die zum Bornehmtun geneigte Frau Hradscheck das Herumtram- peln auf ihrem Flur verbeten und aus Durchbruch einer richtigen Laden­tür, also von der Straße her, gedrungen hatte. Seitdem zeigte dieser Vorflur eine gewisse Herrschaftlichkeit, während der nach dem Garten hinausführende Hinterslur ganz dem Geschäft gehörte. Säcke, Zitronen- unb Apselsinenkisten standen hier an der einen Wand entlang, während an der andern übereinandergeschichtete Fässer lagen. Oelfässer, deren stattliche Reihe nur durch eine zum Keller hinunterführende Falltür un- (erbrochen war. Ein sorglich vorgelegter Keil hielt nach rechts und links hin die Fäsier in Ordnung, so daß die untere Reihe durch den Druck der obenaufliegenden nicht ins Rollen kommen konnte.

So war der Flur. Hradscheck selbst aber, der eben die schmale, zwi­schen den Kisten und Oelfässern freigelassene Gasse passierte, schloß, halb ärgerlich halb lachend, die trotz seines Verbotes mal wieder offenstehende Falltür und sagte:Dieser Junge, der Ede. Wann wird er seine fünf Sinne beisammen haben!"

Und damit trat er vom Flur her in den Garten.

Hier war es schon herbstlich, nur noch Astern und Reseda blühten zwischen den Buchsbaumrabatten, und. eine Hummel umsummte den Stammm eines alten Birnbaums, der mitten im Garten hart neben dem breiten Mittelsteige stand. Ein paar Möhrenbeete, die sich, samt einem schmalen mit Kartoffeln besetzten Äckerstrelfen, an eben dieser Stelle durch eine Spargelanlage hinzogen, waren schon wieder umgegraben,

eine frische Luft ging, und eine schwarzgelbe, der nebenanwohnenden Witwe Jeschke zugehörige Katze schlich, mutmaßlich auf der Sperlings­suche, durch die schon hoch in Samen stehenden Spargelbeete.

Hradscheck aber hatte dessen nicht Acht. Er ging vielmehr rechnend und wägend zwischen den Rabatten hin und kam erst zu Betrachtung und Bewußtsein, als er, am Ende des Gartens angekommen, sich umsah und nun die Rückseite seines Hauses vor sich hatte. Da lag es, tauber und freundlich, links die sich von der Straße her bis in den Garten hineinziehende Kegelbahn, rechts der Hof samt dem Küchenhaus, das er erst neuerdings an den Laden angebaut hatte. Der kaum vom Wind« bewegte Rauch stieg sonnenbeschienen auf und gab ein Bild von Glück und Frieden. Und das alles war fein! Aber wie lange noch? Er sann ängstlich nach und fuhr aus seinem Sinnen erst auf, als er, ein paar Schritte von sich entfernt, eine große, durch ihre Schwere und Reif« sich von selbst ablösende Malvasierbirne mit eigentümlich dumpfem Ton aufklatschen hörte. Denn sie war nicht auf den harten Mittelsteig, son­dern auf eins der umgegrabenen Möhrenbeete gefallen. Hradschek ging daraus zu, bückte sich und hatte die Birne kaum ausgehoben, als er sich von der Seite her angerufen hörte:

»Dag, Hradscheck. Joa, et wahr nu Stieb. De Malvefieren kürnmen all von fütmft.*

Er wandte sich bei diesem Anruf und sah, daß seine Nachbarin, di« Jeschke, deren kleines, etwas zurückgebautes Haus den Blick auf feinen Garten hatte, von drüben her über den Himbeerzaun guckte.

Ja, Mutter Jeschke, 's wird Zeit", sagte Hradscheck.Aber wer soll die Birnen abnehmen? Freilich wenn Ihre Sine hier wäre, die könnt« helfen. Aber man hat ja keinen Menschen und muß alles selbst machen."

Na, Se hebben joa doch den Jungen, den Ede."

3a, den hab' ich. Aber der pflückt bloß für sich."

Dat fall woll fien, lachte die Alte.Een in't Töppken, een in*t Kröppken."

Und damit humpelte sie wieder nach ihrem Hause zurück, während auch Hradscheck wieder vom Garten her in den Flur trat.

Hier sah er jetzt nachdenklich auf die Stelle, wo vor einer halben Stunde noch die Rapssäcke gestanden hatten, und in seinem Auge lag etwas, als wünsch' er, sie stünden noch am selben Fleck oder es wären neue statt ihrer aus dem Boden gewachsen. Er zählte dann die Fässer- reihe, rief, im Vorübergehen, einen kurzen Befehl in den Laden hinein und trat gleich danach in seine gegenüber gelegene Wohnstube.

Diese machte neben ihrem wohnlichen zugleich einen eigentümlichen Eindruck, und zwar, weil alles in ihr um vieles besser und eleganter war, als sich's für einen Krämer und Dorfmaterialisten schickte. Die zwei kleinen Sofas waren mit einem hellblauen Atlasstoff bezogen, und an dem Spiegelpfeiler stand ein schmaler Trumeau, weißlackiert und mit Goldleiste. Ja, das in einem Mahagonirahmen über dem kleinen Klavier hängende Bild (allem Anscheine nach ein Stich nach Claude Lorrain) war ein Sonnenuntergang mit Tempeltrümmern und antiker Staffage, so daß man sich füglich fragen durfte, wie das alles hierherkomme? Passend war eigentlich nur ein Stehpult mit einem Gitteraufsatz und einem Guckloch darüber, mit Hilfe dessen man, über den Flur weg, auf das große Schiebefenster sehen konnte.

Hradscheck legte die Birne vor sich hin und blätterte das Kontobuch durch, das aufgeschlagen auf dem Pulte lag. Um ihn her war alles still, und nur aus der halboffenstehenden Hinterstube vernahm er den Schlag einer Schwarzwälder Uhr.

Es war fast, als ob das Ticktack ihn störe, wenigstens ging er auf die Tür zu, anscheinend um sie zu schließen; als er indes hineinsah, nahm er überrascht wahr, daß feine Frau in der Hinterstube saß, wie ge­wöhnlich schwarz aber sorglich gekleidet, ganz wie jemand, der sich auf Figurmachen und Toilettendinge versteht. Sie stocht eifrig an einem Kranz, während ein zweiter, schon fertiger, an einer Stuhllehne hing.

Du hier, Ursel! Und Kränze! Wer hat denn Geburtstag?"

Niemand. Es ist nicht Geburtstag. Es ist bloß Sterbetag, Sterbe­tag deiner Kinder. Aber du vergißt alles. Bloß dich nicht."

Ach, Ursel, laß doch. Ich habe meinen Kopf voll Wunder. Du mußt mir nicht Vorwürfe machen. Und dann die Kinder. Nun ja, sie sind tot, aber ich kann nicht trauern und klagen, daß fies sind. Umgekehrt, es ist ein Glück."

Ich verstehe dich nicht."

Und ist nur zu gut zu verstehen. Ich weiß nicht aus noch ein und habe Sorgen über Sorgen."

Worüber? Weil du nichts Rechtes zu tun hast und nicht weißt, wi« du den Tag hinbringen sollst. Hinbringen jag ich, denn ich will dich nicht kränken und von Zeit totschlagen sprechen. Ader, sage selbst, wenn drüben die Weinstube voll ist, dann fehlt dir nichts. Ach, das verdammte