Ausgabe 
1.2.1929
 
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«Kiff sich auf fein Leibrvß zu schwingen, um den zweiten fruchriosen SlutM auf die uneinnehmbare Sttllurg des Friedländern vorzubereiten. i?r hieß den Pagen folgen und dieser u>atf sich ohne Zaudern aus den ihm vo.geführten Fach-, denn er war von jui.g an im Satte! heimisch und ha>ie von seinem Vater, dem weiland w linsten Reiter tm schwe­disch ?l> Heere, einen schlanken und ritterlichen Körper geerbt Wenn der Koiilg, nach einer Weile sich umwendend, den Pagen tödlich erblassen sah, so taten es nicht die feurigen Sprünge des Fuchses und die Ungewohnt­heit des Sattels, sondern es war, werl Leubelfii g in einiger Entfernung eine ertappte Dirne erblickte, die mit entblößtem Rücken aus dem schwe­dischen Lager gepeitscht wurde, und ihn das nackte Schauspiel ekelte.

Tag um Tag denn der König ermüdete nicht, den abgeschlagenen Sturm mit einer ihm sonst fremden Hartnack gleit zu wiederhole» ritt der Page ohne ein Gefühl der Furcht an seiner Seite. Jeder Augen­blick konnte es bringen, daß er den tödlich Getroffenen in seinen Armen vom Rosse hob oder selbst tödlich verwundet in den Armen Gustav Adolfs ausatmete. Wann sie dann ohne Erfolg zurückritten, der König mit verdüsterter Stirn, so täuschte oder verbarg dieser seine Sorge, in­dem er den Neuling aufzog, daß er den Bügel verloren und die Mähne seines Tieres gepackt hätte. Oder er tadelte auch im Gegenteil seine Waghalsigkeit und schalt ihn einen Casse-Cou

Ueberhaupt ließ er es sich nicht verdrießen, seinem Pagen gute väterliche Lehre zu geben und ihm gelegentlich ein wenig Christentum beizubringen.

Oer König hatte die löbliche und gesunde Gewohnheit, nach be­endigtem Tag.werke die letzte halbe Stunde vor Schlafergehen zu ver­tändeln und allerhand Allotria zu treiben, jede Sorge mit geübter Wil­lenskraft hinter sich werfend, um sie dann im ersten Frühlicht an der­selben Stelle wieder aufzuheben. Und diese Gewohnheit hielt er auch jetzt und um so mehr fest, als die vereitelten Stürme und geopferten Men­schenleben seine Pläne zerstörten, seinen Stolz beleidigten und seinem christlichen Gewissen zu schaffen machten. In dieser späten Freistunde saß er dann behag'ich In seinem Sessel zurückgelehnt und Page Leubel- siiig auf einem Schemel daneben. Da wurde D une gezogen oder Schach gespielt und im Brettspiele schlug der Page zuweilen den König. Oder dieser, wenn er sehr guter Laune war, erzählte harmlose Dinge, wie sie eben in seinem Gedächtnisse obenauf lagen. Zum Beispiel von der pom­pösen Pred gt, welche er weiland auf seiner Brautfahrt nach Berlin in der Hoskirche gehört. Sie habe das Loben einer Bühne verglichen: mit den Menschen als Schauspielern, den Engeln als Zuschauern, dem den Vorhang senkenden Tode als Regisseur. Oder auch die unglaubliche Ge­schichte,'wie man ihm, dem Könige, nach der Geburt feines Kindes an­fänglich einen Sohn verkündigt und er selbst eine Weile sich habe be­trügen lassen, oder van Festen und Kostümen, seltsamerweise meistens Gesch'chte», die ein Mädchen ebenso sehr oder mehr als einen Jürgäng belust'gen konnten, als empfände der getäuschte König. ohne sich Rcchen- schaft-davon zu geben, die Wirkung des Betruges, welchen der Page an ihm verübte, und kostete unwissend den unter dem Scheinbilde eines gutgearteten Jünglings spielenden Reiz eines lauschenden Weibes Dar­über befiel auch wohl den Pagen eine plötzliche Angst. Er vertiefte feine Altstimme und wagte irgendeine männliche Gebärde. Aber ein nicht zu mißdeutendes Wort ober eine kurzsichtige Bewegung des Königs gab dem Erschreckten die Gewißheit zurück. Gustav unterliege demselben Blendwerk wie bei der Geburt seiner Christel. Dann geriet der rorber sicher Gewordene wohl in eine übermütig» Stimmung und gab etwas so Verwegenes und Persönliches zum besten, daß er sich eine Züchtigung zuzog. Wie jenes Mal, da er nach einem warmen ehelichen Lobe der Königin im Munde Gustavs die kecke Frage hmwarf: wie denn die Gräfin Eva Brahe eigentlich ausgesehen habe? S'cfe Jugendgeliebte Gustavs und spätere Gemahlin De la Gardie's, weichen sie, da ihr der tapferste Mann des Jahrhunderts entschlüpft war, als den zweittapfersten heiratete, besaß dunkles Haar, schwarze Augen und scharfe Züge. Das erfuhr aber der neugierige Poge nicht, sondern erhielt einen ziemlich derben Sch'ag mit der flachen Hand auf den vorlauten Mund, in dessen Winkeln Gustav die Lust zu einem mutwill'gen Gelächter wahrzunehmen glaubte.

Es begab sich eines Tages, daß der König feiner Christel das Ge­schenk eines ersten Siegelringes machte. Auf den edeln Stein desselben sollte der Mode gemäß ein Denkspruch eingegraben werden, eine De- vise, wie man es hieß, welche im Unterschiede mit dem ererbten Wappenspruche etwas dem Besitzer des Siegels persönlich Eigenes, eine Maxime fernes Kopfes, einen Wunsch seines Herzens, in nachdrück­licher Kürze aussprechen mutzte, wie z. B. das ehrgeizigeNondum" des jungen Karls V. Gustav hätte wohl feinem Kinde selbst einen Leib- sprach erfunden, aber, wieder der Mode gemäß, mußte dieser lateinisch, italienisch oder französisch lauten

So suchte er denn, lief auf einen Ouartband gebückt, unter den tausend darin verzeichneten Sinnsprüchen berühmter oder witziger Leute mit seinen lichtgefüllten, doch kurzsichtigen Augen nach demjenigen, wel­chen er seiner erst siebenjährigen, aber frühreifen Christel bescheren wollte. Er belustigte sich an den lakonischen Sätzen, welche das Wesen ihrer Erfinder meistenteils geschichtlicher Persönlichkeiten oft richtig, ja schlagend ausdrückten, oft aber auch, gemäß der menschlichen Selbst­täuschung und Prahlerei, das gerade Gegenteil.

Jetzt wies ein feiner Finger mit einem scharfen schwarzen Schatten aus das hellbeieuchtete Blatt und eine Devise von unbekanntem Ursprung. Es war der über die Schultern des Königs guckende Page, die Devise aber lautete:Courte et bannei" Das heißt: Soll ich mir ein Leben wählen, so sei es ein kurzes und genußvolles! Der König las, sann einen Augenblick, schüttelte bedenklich den Kops und Zupfte über sich greifend seines Pagen wohlgebildeten Ohrlappen. Dann drückte er Leubel- fing auf seinen Schemel nieder, in der Absicht, ihm eine kleine Predigt zu halten.Gust Leubelfing," begann er lehrhaft behaglich, den Kopf rückwärts in das Polster gedrückt, fo daß das volle Kimr mit dem goto»

haarigen Zwickel vorsprang und das schalkhafte Licht der haibgeschlofsenen Augen aus das lauschend gehobene Antlitz des Pagen niederblitzte,Gust Leubelf ng, mein Sohn! Ich vermute, diesen fragwürdigen Spruch hat ein Wektund erfunden, einEprkurer", wie Doktor Luther solche Leute nennt. Unser Leben ist Gottes. So dürfen wir es weder lang noch kurz wünschen, sondern w.r nehmen es wie er es gibt. Und gut? Freilich gut, das ist schlicht und recht. Aber viel voll Rausches und Taumels, wie der franz fische Spruch hier unzweifelhaft bedeutet. Oder wie hast du ihn. verstanden, mein lieber Sohn?"

Leubelfing antwortete erst schüchtern und befangen, dann aber mit jeder Silbe freudiger und entsch.ossener:Solchergestalt, mein gnädiger Herr: Ich wünsche mir alle Sttahwn meines Lebens in ein Flamnun- bündel und in den Raum einer Stunde vereinigt, daß statt einer blöden Dämmerung ein kurzes, aber blendend Helles Licht von Glück entstünde, um dann zu löschen wie ein zuckender Blitz." Sie hielt inne. Dem Könige schien dieser Stil und dieserzuckende Blitz' nicht zu gefallen, obgleich es die Lieblir.g.metapher des Jahrhunderts war. Er kräuselte spottend die feinen Lippen. Aber das noch ungesprochene rügende Wort unter­brechend, leidenschaftlich hingerissen, rief der Page aus-3a, so m cht° ich! Courte et bontie!" Dann besann er sich plötzlich und fügte demütig bei:Lieber Herr! M"gl.cherweise mißversteh' ich den Spruch. Er ist vieldeutig, wie die meisten hier im Buche. Eines über weiß ich und das ist die lautere Wahrheit: wenn dich, wem liebster Herr, die Kugel, welche dich heute streifte" er verschluckte das WortCourte et bonne! hätte es geheißen, denn du b'ft ein Jüngling zugleich und ein Mann und dem Leben ist ein gutes!"

Der König schloß die Äugen und verfiel kann, tagesmüde wie er war, in den Sch.ummer, den er erst heuchelte, um die Schmeichelei des Pagen nicht gehört zu haben ober wenigstens nicht zu beantworten.

So spielte der Löwe mit dem Hündchen und auch das Hündchen mit dem Löwen. Und als ob ein neckisches ober verderbliches Schicksal e» darauf ab sehe, dem verliebten Kinoe seinen vergötterten Helden aufs innigste zu verbinden, ihm denselben in immer neuer Gestalt und in seinen tiefsten Empfindungen zeigend, ließ es den Pagen mck seinem Herrn auch den herbsten Schmerz teilen, welchen es g bi, den väterlichen.

Der König bediente sich Leubelfing), dem er das undedingieste Ver­trauen bewies, um die regelmäßig aus Stockholm aniangenden Briefe der Hofmeisterin seines Prinzeßchens sich vorlesen und bann auch beant­worten zu lassen. Diese Dame schrieb einen krltzllchen schmalen Buch­staben und einen breiten gründlichen Stil, so daß Gustav ihre umstand- iich.-n Schreiben meist gleich dem Pagen zuschob, dessen rasche Äugen und bewegliche Lippen die Zeilen einer Briefseite nicht weniger behende hinuntersprangen als seine jungen Füße die urgezählten Stufen einer Wendeltreppe. Eines Tages bemerkte Leubelfing in der Ecke des Brief­umschlages bas große 8, womit man damals wichtige ober sekrete Schreiben zu bezeichnen pflegte, damit sie der Empfänger persönlich öffne und lese. Die Pageneigenschaften: Neugierde und Keckheit über­wogen. Leubelfing brach bas Siegel und eine wunderliche Gesch chke kam zum Vorschein. Die Hosmeifterin des Prinzeßchens hatte gemäß dem vom König selbst verfaßten und frühe Erlernung der Sprach n vor­schreibenden Studienplane an der Zelt gefunden, der Christel einen Lehrer des Italienischen zu bestellen. D»e mit Umsicht vorgenommene Wahl schien gcg'ückt. Der noch junge Mann, ein Schwede von guter Herkunft, welcher sich auf langen Reisen weit in der Welt umgesehen hatte, vereinigte alle Vorzüge der Erscheinung und des Geistes, einen edelsihlanken Körperbau, einnehmende Gesichtszüge, eine feingewölbte Stirn, ein gefälliges Betragen, eine befestigte Sittlichkeit, gleich weit entfernt von finsterer Strenge und lächerlicher Pedanterie, adeliges Ehr­gefühl, christliche Demut. Und die Hauptsache, ein echtes Luthertum, welches, wie er selbst bekannte, eist in der modernen Babylon angesichts der römischen Greuel aus einer erlernten Sache ihm zu einer selbstän­digen und unerschütterlichen Ueberzeugu''g geworben sei. Die kühle und verständige Hofmeisterin wiederholte in jedem ihrer Briefe, dieser Jüng­ling habe es ihr angetan. Auch die junge Prinzeß lernte frisch drauf los mit ihrem aufgeweckten Kops und unter einem solchen Lehrer. Da er­tappte die Hofmeisterin eines Tages die gelehrige und phantasiereich« Christel, wie sie, in einem Winkel geduckt, sich im stillen damit ver- geniigfe, die Kugeln eines Rosenkranzes von wohlduftendem Zedernholz herunterzubeten, an denen sie von Zeit zu Zeit mit schnupperndem Rüs­chen roch.Ein reißender Wolf im Schafskleide!" schrieb die brave Hofmeisterin mit fünf Ausrufungszeichen. ,Lch schlug die Hände über dem Kopf zusammen und wurde zur weißen Bildsäule."

Auch Gustav Adolf erbleichte, im Tiefsten erschüttert, und seine großen blauen Augen starrten in die Zukunft. Er kannte die Gesellschaft Jesu.

Der Jesuit war ins Gefängnis gewandert, und ihm stand, nach dem drakonischen schwedischen Gesetze, eine Halsstrafe bevor, wenn der König nicht Gnade vor Recht ergehen ließ. Dieser aber befahl dem Pagen, umgehend an die Hosm-isterin zu schreiben: Mit dem Mädchen seien nicht viel Worte zu machen, die Sache als eine Kinderei zu behandeln; den Jesuiten schaffe man ohne Geschrei und Aufsehen über die Grenze, denn"" so diktierte er Leubelfingich will keinen Märtyrer machen. Der verblendete Jüngling mit seinem gefälschten Gewissen ließe sich schlankweg köpfen, um in die Purpurwolke der Blutzeugen aufge- nvmmen zu werden und gen Himmel zu fahren mitsamt feiner geheimen bösen Lust, das bitofame Gehirn meines Kindes mißhandelt zu haben/

Aber mehrere Tage lang ließ ihndas Ung'ück und das Verbrechen" fo nannte er das Attentat auf die Seele feines Kindes nicht mehr los und erging sich in Gegenwart feines Lieblings, weit über Mitter­nacht, bis zum Erlöschen feiner Ampel, rastlos auf und nieder schreitend, freilich eher im Selbst- als im Zwiegespräche, über die Lüge, die Sophistik und die Verlarvungen der frommen Väter, während sich der im Halbdunkel sitzende Page entsetzt und zerknirscht an die klopfende junge Brust schlug und die leisen beschämenden Worte sich zurief:Auch du bist sine Lügnerin, sine Sophistin, sine Verlarvtel" (Fortsetzung folgt)

Derantworttich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühl'sche Univerf itäts-Duch. und Stetndxuckersh,R. Lange. Gießen.