wurden, sehr verbreitet waren. Auch gab es solche, die sich selbsttätig unter Einwirkung der Kohlenhitze drehten oder durch blecherne Flügel getrieben wurden, die sich mittels des im Schornstein aussteigenden Rauches in Drehung versetzten. In seinem „Ulenspiegel" gibt uns d e C o st e r eine Schilderung des eßfrohsn Propstes von Sankt Martin, der einen Brat- fpietz besaß, der sich „wie durch ein Wunder ganz von allein" drehte, ein Meisterstück des Schmiedes Pieter van Steenkiste. Ums Jahr 1700 sah der Mcchanikus Orffyrsin einem italienischen Mönchskloster einen sich selbst bewegenden Bratenwender, wodurch er auf den Einsatz geriet, ein Perpeduum mobile zu erfinden. Er verfertigte später wirklich einen solchen Apparat, der allerdings hinter jenem Bratenwender insoweit zu- riickblieb, als er auf einem Schwindel beruhte, auf den alle Welt hereinsiel, woraus man ersehen kann, daß damals die Leute auch nicht klüger waren als heutzutage.
Im allgemeinen wurden wohl die Bratspieße nicht mechanisch betrieben, dafür hatte aber die Findigkeit der Köche, menschliche Kraft zu sparen, die Haustiere ihrem Zwecke dienstbar gemacht. Geradezu grotesk mutet es an, wenn wir vernehmen, daß der Chemiker Memery einst eine Gans bewundern durfte, die einen Spieß drehte, um Truthühner zu braten. Welche Gefühle mochte sie wohl bei dieser Tätigkeit gehabt haben? — Ja, sogar einen Igel, den anno 1799 ein gewisser Herr Sample in Rorthumberkand besaß, hatte man abgerichtet, den Bratenwender zu bedienen. Weit häufiger besorgten die Haushunde dies Geschäft. Doch wir wollen vom Fasan erzählen. Dieser königliche Fasan stammt aus Kolchis (dem heuttgen Mingrelien) von den Ufern des Phasis, woher er seinen Namen hat. Hinsichtlich seines prachtvollen, metallisch glänzenden Gefieders möchte so mancher Gastronom glauben, daß unter dem goldenen Vlies nichts anderes zu verstehen sei als der Fasan. Ueberliefert ist jedenfalls, daß Jason, der Führer der Argonauten, ihn nach Griechenland brachte. Auf den Tafeln der reichen Römer tauchte er erst zur Kaiserzeit auf, in Deutschland etwa zur Zeit Karls des Großen. Am Bodensee war er im 11. Jahrhundert eine beliebte Klosterspeise. Im 16. Jahrhundert findet er sich durch ganz Oesterreich, Böhmen und Sachsen verbreitet. Von Böhmen aus brachte ihn im Jahre 1606 Graf Anton Günther, der Marstaller, in das nördliche Deutschland nach Oldenburg, von wo aus er seinen Weg nach Holland und England nahm, während Spanien und Frankreich, die ihn aus Italien bekommen hatten, sich feiner chon weit früher als Deutschland erfreuen konnten. Heutzutage ist er in Griechenland und Spanien recht selten geworden, sehr verbreitet dagegen in Ungarn, Oesterreich, Böhmen, Mähren und Schlesien. An Geschmack sind die böhmischen Fasanen allen anderen vorzuziehen, wie überhaupt die wildlebenden die in der Fasanerie gezüchteten übertreffen. Entgegen den Meinungen der Züchter, welche für die in der Kammer großgezogenen, kunstvoll durch eine Feder getöteten viel höhere Preise fordern, als für die geschossenen Fasanen bezahlt werden. In früheren Zeiten machte man mit Falken Jagd auf sie und hob den Geschmack der auf diese Weise erbeuteten bis in den Himmel.
Wir haben bisher vom Edelfasan gesprochen, von demjenigen also, der zumeist unseren Gaumen letzt. Doch sind alle Fasanenarten wohlschmeckend, auch die in unerhört prächtigem Feder- und Farbenschmuck prangenden aus China, wie die Königs-, Gold-, Silber-, Diamant- und Ohrfasanen, oder die entzückenden Buntfasanen aus Japan. Als ob die Natur sich eines solch verschwenderischen Aufwandes an Schönheit bei einem einzigen Geschöpf geschämt und versucht hätte, diesen Fehler auf einer anderen Seite wieder gutzumachen, hat sie die Fasanen mit einer ganz exorbitanten Dummheit ausgestattet, welche dieses unglückselige Tier unfähig macht, sich den Nachstellungen seiner Feinde zu entziehen." Daher ist die Fasancnjagd ein recht mäßiges Vergnügen und läßt selbst den erbärmlichsten Sonntagsjäger zum Schüsse kommen. Der Fasanenesser aber fühlt sich moralisch durchaus gerechtfertigt, denn auch er ist der landläufigen Ansicht, daß ein ausgesprochener Dummkopf keinerlei Schonung verdient, mag er noch so prächtig gekleidet daherkommen
So geschützt der Fasan auch auf unserer heutigen Tafel ist, die hohe Achtung, welche ihm frühere Feinschmeckergencrationen zollten, scheint er nicht Mehr zu genießen. Während er zur römischen Kaiserzeit, ja noch unser Ludwig XIV. und sogar hundert Jahre später nach der französischen Revolution, als so selten und kostbar galt, daß er nur bei- fürstlichen Gastmählern erschien, wurde er in neuerer Zeit immer häufiger und demgemäß wohlfeiler. In unseren Tagen, die sich doch nicht gerade durch niedrige Lebensmittelprcise auszeichnen, ist er so billig geworden, wie er es niemals vorher gewesen, und die Freunde eines leckeren Bratens sollten sick) diese günstige Konstellation zunutze machen.
Der Fasan ist von Natur aus etwas zäh, weshalb es sich empfiehlt, ihn je nach der Jahreszeit kürzer oder länger hängen zu lassen. Wohlgemerkt aber in seinem Federkleide, denn in gerupftem Zustande wird er keinesfalls das gleiche Aroma entfalten. Dieses gewinnt er nämlich erst durch besagte Prozedur. Ißt man ihn in den ersten Tagen nach feinem Tode, so wird man keinen sonderlichen Geschmack an ihm finden können, er kann sich dann mit keinem Rebhuhn, keiner Ente messen. Zur rechten Zesi genossen, besitzt er jedoch ein zartes, seines, wundervoll duftendes Fleisch, das sich mit dem keines anderen Geflügels vergleichen läßt. Leute, die einen Widerwillen gegen den sogenannten Hautgout des Wildbrets haben, sollten überhaupt auf den Genuß eines Fasans verzichten. Allerdings mögen sich heutzutage nur noch wenige Gastrophilen finden, die den Fasan solange am Schwänze aufhängen werden, bis er von selbst Yerunterfällt. Ja, man erschrickt, wenn man in Grimond de la ReyniSres „Kuchenkalender" liest, daß ein Fasan, der am Fastnachtsdienstag auf- gehangen wird, gerade am Ostermorgen für den Spieß reif geworden fein o , • n fe*nem „Manuel des Amphitryons" schränkt dieser jedoch sein i.™ unseren Vogel erheblich ein und meint, daß der übertriebene Verdienst^b^^h e$er 011 einem Vorurteil als auf wahrem
Einer gegenteiligen Ansicht- ist B r i l l a t - S a v a r i n, der sich im greifen des Fasans nicht genug tun kann. Für ihn ist das „Faifander", «« Erzeugen des Wildpretgejchmackes durch langes Hängen, eine unerläßliche Notwendigkeit, und er bezeichnet diejenigen als Banausen,
f die Anstoß daran nehmen sollten. Er findet die schönsten Worte für einer« Lobgesang aus diesen köstlichen Braten und beschenkt uns mit dem Rezept a la samte Alliance. Sorgfältig mit ausgesucht frischem und festem Speck gespickt, erhält ein solcher als Füllung eine Farce aus Waldschnepfen, Ochsenmark, Speck, Trüffeln und feinen Kräutern, um dann am Spieße gebraten zu werden, lieber alle Einzelheiten, auch über die Beigabe der höchst pikanten Brotschnitte mit der raffiniert bereiteten Paste möge man in der „Physiologie des Geschmacks" selbst nachlesen. Brillat-Savarin versichert uns, daß ein derartig zubereiteter Fasan würdig sei, Engeln vorgesetzt zu werden, wenn sie noch, wie zu Lots Zeiten, auf Erden zu wandeln geruhten. Als Getränk dazu empfiehlt er einen edlen Wein aus Hochburgund. „Ich gelangte," so schreibt er, „zu dieser Kenntnis auf Grund einer Reihe von Erfahrungen, die mir mehr Kopfzerbrechen als eine Logarithmentafel verursacht haben." In einem Kreise schöner Frauen wurde dies Gericht bewundert wie ein dem ersten Modeatelier entstammender Hut. Man sah ihre Augen glänzen wie Sterne und die Lippen schimmern wie Korallen. Einem Convivium hochwürdiger Herren dargebracht, löste es lebhafte Riechbewegung der Nase aus und legte heiteren Ernst auf ihre Stirnen.
Aber nicht einem jeden steht die Kochkunst eines Brillat-Savarin zur Verfügung oder der Geldbeutel des Königs von Thunis, N u l c a s f u s, der in Neapel für eine Fajanenfoße hundert Dukaten bezahlt haben soll. Mag der bescheidenere Ester aber den Fasan nun als Spießbraten mit Brunnenkressensalat, als Pfannenbraten mit Sauerkraut, mit einer sauren Rahmsohe oder nach altfranzösischem Rezept mit einer gepfefferten Sauerwein- oder Orangenfotze, auch mit einer Trüffelfotze anzurichten, stets empfiehlt es sich, ihm beim Braten ein Hemdchen aus einer fein- geschnittenen Speckscheibe anzuziehen und darüber noch ein in Olivenöl getrautes Papier zu legen, um ihn saftreich und frisch zu erhalten. Wer ihn pompös auftragen lassen will, möge ihm den gefieberten Hals nebst Kopf sowie die Schwanzfedern wieder anstecken, damit der Gast nicht vergesse, mit wem er es eigentlich zu tun hat.
Dem Freunde einen Fasan als Zeichen herzlichen Gedenkens zu übersenden, war gar oft die chevalereske Gepflogenheit eines kultivierten Menschen, und besondere Dichter „von Geschmack" hatten Verständnis dafür. Ein dichtender Dilettant sandte einst einen Fasanen an den witzigen Verskünstler und Komödienschreiber Alexis P i r o n, den Zeitgenossen Voltaires. Ms Feinschmecker war er von dieser Aufmerksamkeit aufs angenehmste Überrascht. Etwas enttäuscht und weniger erfreut zeigte er sich, als der großmütige Spender am andern Tage persönlich auftouchte und nach einigen höflichen Begrüßungsworten ein dickleibiges Manuskript aus der Tasche zog.
Piron machte eine entschlossene Miene. — „Ich ahne Ihre Absicht," sagte er, „aber unterlassen Sie das! Hier haben Sie Ihren Fasan wieder!" Ein Fasan ist gewiß ein gut Ding, aber der Preis für ihn, die Höllen« quat einer funfakttgen Trauerspiel-Vorlesung, war entschieden zu teuer, selbst wenn das Poem mehr Dualität ausgewiesen haben würde, als man von dem Elaborat eines Dilettanten erwarten konnte.
In Gustav Freytags dialogisiertem Versstückchen „Ein schlesischer Polterabend" meldet sich unter den Gratulanten nach der Rose auch der Fasan und bemerkt ebenso richtig wie opferfreudig:
„Der Blumenduft fährt freilich in die Nase, Allein was kann das luft'ge Zeug dem Magen helfen. Das Leben lob' ich mir beim Braten und beim Glase, Denn Tau und Morgenröte speisen nur die Elfen. Hier steh' ich fest, wühlt zwischen mir und jenem Haus, Ich biete bess'res Euch als bloßes Schauen:
Nehmt mich, rupft mich, tranchiert mich, eßt mich auf ... —. (mir müssen hier ein bißchen das Original verändern:) Zu selbstlos bin ich, selbst mich zu verdauen!"
Guftav Adolfs Paoe.
Novelle von Conrad Ferdinand Meyer (Sortierung.)
Doch auch der König, welcher aus der Schwelle des Gemaches den Auftritt belauscht hatte, brach jetzt in ein herzliches Eeläch.er aus. da er feinen Pagen mit dem Raufdegen an der linken Hüfte und einem Fingerhut an der rechten Hand erblickte. „Aber Gust," jagte er bann, „du schwörst ja wie ein Papist oder Heide! Ich werde an dir zu erziehen haben."
In der Tat achtete Gustav Adolf es nicht für einen Raub, die Krone zu tragen. Wie hätte er, welcher — ohne Abbruch der militärischen Strenge — jeden seiner Leute, auch den Gerii gsten. mit menschlichem Wohlwollen behandelte, dieses einem gutgearteten Jüngling von angenehmer Erscheinung versagt, der unter seinen Augen lebte und nicht von seiner Seite weichen durfte. Und einem unverdorbenen Jüngling, der bei dem geringsten Anlaß nicht anders als ein- Mädchen bis unter das Stirnhaar errötete! Auch vergaß er es dem jungen Nüremberger nicht,, daß diefer an jenem folgenschweren Bankett ihn als den „König von Deutschland" hatte hochleben lassen, den möglichen ruhmreichen Ausgang seines heroischen Abenteuers in eine kühne prophetische Formel fassend.
Eine zärtliche und wilde, selige und ängstliche Fabel hatte der Page Sjon neben seinem Helden gelebt, ohne daß der arglose Kön g eine hnung dieses verstohlenen Glückes gehabt hätte. Berauschende Stunden, gerade nach vollendeten achtzehn unmündigen Jahren beginnend und diese auslöschend wie die Sonne einen Schatten! Eine Jagd, eine Flucht süßer und stolzer Gefühle, quälender Befürchtungen, verhehlter Wonnen, klopfender Pulse, beschleunigter Atemzüge, soviel nur eine junge Brust fassen und ein leichtsinniges Herz genießen kann in der Vorstunde einer tötenden Kugel ober am Vorabend einer beschämenden Entlarvung!
Als der nürembergische Junker August ßeubelfing von dem Kornett dem König vorgestellt wurde, hatte der Beschäftigte kaum einen Augenblick gefunden, seinen neuen Pagen flüchtig ins Auge zu fassen. So wurde dieser einer frechen Lüge überhoben. Gustav Adolf war im Be-


