„Im neuen Inhr eitt neues Glück."
Von Anna B o g d a n o w a.
Die Glocke des „großen Iwan" hatte mit dröhnendem Klang das Jahr 1853 eingeläutet: ihr waren die hundert und aberhundert Glocken Moskaus gefolgt, und nun schwang und klang die ganze frostklare Winterlust, daß man das ernste Tonen der großen und das eifrige Bimmeln der kleinen Glocken nicht mehr voneinander unterscheiden konnte: es war ein Meer von schwingenden Tonwellen. Die Kirchentüren standen weit offen. Die goldenen Altäre, von unzähligen Wachskerzen erhellt, glänzten bis auf die dunklen Straßen, und mit den vcharen der Andächtigen zogen blaue Wei^rauchwolken hinaus und erfüllten die Luft mit geheimnisvollem süßen Duft.
Vor der Tür einer kleinen Kirche in einer stillen Seitenstraße stand ein junger Mann und sah felis auf die herausströmenden Mel.,«,..., ...... ...
dem Auf und Ab von dem goldenen Hintergründe des Altars scharf abhoben. Keiner achtete auf ihn. In lebhaftem Sprechen und Lachen standen sie in Gruppen zusammen. Ucberall hörte man den alten Silvestergruß: „Im neuen Jahr ein neues Glück", und viele tauschten den dreifachen Brudcrkuß. Hier und da trat ein junger Mann oder ein junges Mädchen auf einen Fremden zu: „Wie heißt du?", und war je nach der Antwort froh oder enttäuscht, sollte es doch nach altem Volksaberglauben der Name des Zukünftigen sein, den man auf diese Weise erfahren konnte. Allmählich zerstreuten sich die Menschen, die meisten strebten in reichen fellbehangenen Schlitten ihrem warmen Hause zu. Es wurde still. Auch die letzte Besucherin der Kirche, die vor einem Seitenaltar in tiefer Andacht gekniet hatte, trat jetzt mit ihrer alten Dienerin auf die Straße. Sie sah den jungen Menschen stehen. „Da ist er wieder, der aus der Kirche! Ich werde ihn doch fragen, Njanja", und trotz des Widerspruchs der Alten ging sie halb ängstlich, halb keck auf den Einsamen zu und fragte: „Wie heißt du?" „Alexander", lächelte er, „und du?" — „Sonja". Befangen standen sie nebeneinander und wußten nichts mehr zu sagen, Die alte Dienerin mahnte ernstlich zur Heimkehr: Sonja gehorchte widerstrebend: „Und du? Gehst du nicht nach Hause?" — „Ich habe kein Zuhause, ich muß erst wieder eins sinden." Sie zögerte, sah ihn prüfend an und sagte entschlossen: „Du hast wohl in der Kirche neben mir zu unserem Schutzheiligen gebetet: komm mit zu den Eltern. Vater sagt immer: daran, wie einer betet, erkennt man, ob er ein guter Mensch ist."
Die ganze Familie saß um den Tisch, auf dem der Samowar kochte; mitten unter ihnen der blasse Fremde. Soeben hatte die Dienerschaft reich beschenkt das Zimmer verlassen, nachdem sie, alter Sitte gehorchend, vermummt und verkleidet ihrer Herrschaft Glück gewünscht hatte. Auch der obligate Bärenführer mit dem zottigen Bären im gewendeten Schafpelz hatte nicht gefehlt. Jetzt war es still nach dem fröhlichen Durcheinander, und alle hörten andächtig zu, wie der ehrwürdige Hausherr aus der Bibel vorlas. Als er geendet hatte, standen alle auf, wandten sich dem Heiligenbilde zu, bekreuzigten sich wiederholt unter tiesen Verneigungen und setzten sich wieder "auf ihre Plätze. Der Fremde war tief ergriffen. „Ihr habt mich nichts gefragt, nicht woher, nicht wohin. So will ich Vertrauen mit Vertrauen vergelten. Ich bin ein entlassener Sträfling, ein „Politischer" und komme direkt aus Sibirien von der Zwangsarbeit, zu der ich für sechs Jahre verurteilt war. Fürchtet nichts," sagte er lächelnd, als die alte Dienerin am Ende des Tisches hinter dem Samowar verstohlen ein Kreuz schlug, „ich habe nichts Schlimmes getan, nur einmal im Kreise junger Freunde eine „staatsgefähriiche" Rede gehalten. Ich wußte nicht, daß ein Spion in unserer Mitte war. Man brachte mich nach Sibirien. Laßt mich schweigen von der Zeit, die ich in Auflehnung und Verzweiflung unter niedrigsten Verbrechern verbrachte. Es war im besten Fäll ein ödes, hoffnungsloses Einerlei! Bis er kam! er — Feodor Dostojewski! Man erzählte sich von ihm, daß er im letzten Augenblick begnadigt worden wäre, als er schon mit verbundenen Augen vor den schußbereiten Kosaken stand. Er selbst sprach nie davon, ober es wird wohl wahr gewesen sein, denn seine Äugen sahen manchmal aus, wie die Augen des Heilands am Kreuz, auf einem alten Bilde, das über dem Bett meiner Großmutter hing. — Er war immer ruhig und freundlich gegen alle. Bei den Rohen und Lauten galt er bald für dumm, andere mißtrauten ihm, denn auch unter den Verworfensten gab es immer noch Berworfenere unter uns, Spione, die für die Kerkermeister spionierten; wieder andere nutzten ihn aus. Mir war er verhaßt und verächtlich, weil er alle Leiden und Demütigungen durch die rohen Kerkermeister ohne Widerrede ertrug. Vollends lächerlich erschien er allen, als die Frau eines Dekabristen, der zur Ansiedlung in Sibirien verurteilt war, ihm das einzige Buch, das ein Sträfling besitzen durfte, die Evangelien brachte, und er jede freie Stunde eifrig darin las. Wie es kam, weiß ich nicht zu sagen, aber allmählich änderte sich das Verhalten der anderen zu ihm; sie schenkten ihm Vertrauen, er sand für jeden ein Wort des Verstehens, und es war, als ob jeder sich feiner Gefunkenheit und Schlechtigkeit schämte und aus feinem Herzen hervorholte, was vielleicht seit seiner Kindheit verschüttet, doch das Reinste seines Lebens gewesen war. Oft auch hörte ich ihn mit den wenigen „Politischen" sprechen. Als einer, der namenlos unter der Gemeinschaft mit den niedrigsten Verbrechern litt, auf französisch, um nicht verstanden zu werden, verzweifelt ausrief: „Ich hasse diese Räuber und Mörder", sagte er sanft: „Menschen sind überall Menschen, auch diese hier", und er sprach davon, daß in jedem ein „Gottesfunken" ist, den man sindet, wenn jnan an ihn glaubt. Und ost, wenn einer zu- sammenbrechen wollte, sagte er: „Leiden ist etwas Großes! Es bietet die größte, ja die einzige Möglichkeit, sich von Schlechtem zu befreien." Oder er sagte: „Bewußtes Leiden ist das Privilegium des Menschen, das ihn vom Tier unterscheidet, welches am Leidm schließlich zugrunde geht". Für viele war er der einzige Halt, nur ich lehnte mich gegen ihn auf, ja, ich haßte ihn und suchte immer eine neue Gelegenheit, den „sanften Dulder" auf die Probe zu stellen und zu entlarven.
Es war zu Silvester; an diesem Tage hatte Dostojewski durch meine Schuld eine empfindliche Strafe, wie sie nur ein sibirischer Kerkermeister
ersinnen kann, erlitten. Jetzt am Abend saß er neben einem Jüngling, dessen Heimat hoch in den Bergen lag und der vor Heimweh fast vergangen war, und lehrte ihn lesen aus dem einzigen Buch, das er hatte. Sie lasen die Bergpredigt, und als sie zu den Worten kamen: „Liebet eure Feinde", legte Dostojewski seine feine Hand auf die Blätter und versuchte, dem Jüngling den Sinn dieser Worte in ihrer ganzen Größe klarzumachen. Ich mußte zuhören, ob ich wollte ober nicht, und blickte nur dann weg von diesem leuchtenden blassen Gesicht, wenn seine Äugen die meinen suchten. Und in der Rocht, als alle anderen schliefen und es eigentlich streng verboten war, zu sprechen, da bat ich ihn, um Verzeihung, und er hat mir verziehen wie ein Bruder! Von da an war meine Kerkerzeit die schönste und reichste meines Lebens. Als ich meine Strafe verbüßt hatte, muhte man mich beinahe mit Gewalt wegdringen.
Jetzt bin ich wieder in der Heimat, aber ich weih, dah ich viel Mißtrauen, Verachtung und Haß werde ertragen müssen. Bei euch sand ich Geist von seinem Geist, und das werde ich nie vergessen! Ihr habt mir alle Glück gewünscht und ein großes Glück wartet meiner, ich weiß es. Darf ich doch i„ihm" den Weg bereiten, in seinem Sinn wirken. Ich will den Menschen zeigen, was für eine Barmherzigkeit Gottes es ist, wenn er uns leiden läßt. Ich will ihnen helfen, sich durch Leiden vom Bösen zu befreien. Und unermüdlich will ich in jedem den „Funken Gottes" suchen und ihn anfachen, bis er zur Flamme wird. Wenn dann er. Feodor Dostojewski, wiederkehrt, soll er diesen Flammen die Richtung, geben, dah sie zusammenschlagen zu einem gewaltigen Feuer, das reinigend und läuternd alle Menschenherzen mit sich zieht und bis ins tiefste Dunkel strahlt. Dann wird ein neues Menschengeschlecht erstehen, bann wird es hell und schön werden in unserem armen „Mütterchen Ruhland", dann wird unser Vaterland sich aufrichten in neuer Kraft, geläutert und gestählt durch bewußt erlebtes Leiden. Und welch tiefer neuer Sinn wird dann in dem alten Spruch liegen, wenn wir uns zu Silvester grüßen:
Im Neuen Jahr ein neues Glück!
Berechtigte Übertragung aus dem Russischen von 2t. Sieburg.
Markusdrot.
Don Per Schwenzrn.
Der heilige Marcus war nicht so heilig, dah feine Zunge die süße Mandelatzung verschmäht hätte — Brot des Marcus, Marei panis, Marzipan. Womit wir den süßen terminus technicus ethy- mologisch erklärt hätten. Daß er aus Mandeln und Jucker besteht und daß Schweine daraus gemacht werden, wissen wir alle. „Marzipan" und „Porzellan" haben mehr als den graziösen Klangnamen gemein, man möchte angesichts eines niedlichen Marzipanschweinchens geradezu von eßbarem Porzellan sprechen. Das Wort Marzipan hat etwas Spielerisches, und wüßte man nicht, daß es sich um ein Genuhmittel handelt, man könnte aus einen Märchenprinzen tippen. Es hat alle Eigenschaften einer richtigen Kostbarkeit: süß und südlich, von zartem Duft, liegt es schwer wie verschlucktes Gold im Magen des Maßlosen, es wird gefälscht wie Münzen und Danknoten, ckvird statt aus Mandeln aus gewässerten Pfirsichkernen hergestellt, in diesem Falle heißt es Persipan und feiert unter diesem Damen Triumphe der Volkstümlichkeit, obwohl es sich zum Marzipan verhält wie der falsche Prinz zum echten. 3a, Marzipan ist eine aristokratische, eine patrizische Sache. Die Türme der Hansastadt Lübeck sind sicher öfter in Marzipan als in Metall gestanzt worden. Lübeck und Königsberg, die beiden seeüberragenden Städte, sind die Herkunftsstätten unseres MandelbroteS, und unwillkürlich hak man bei der Mutterschaft solch altehrwürdiger Patriarchin wie der Hanse das Gefühl, unser süßes Kind müßte schon von den Kaufständen der Nürnberger Pfeffersäcke, der Lübischen Koggen an fremder Küste, ja schon vom Schmauchtisch des rauchigen Rittersaales über gebrochene Lanzen und Herzen lächeln, in der schneeweißen Linken ein Glas mit süßem Malvasier, in der nicht minder weihen Rechten ein süffisant grinsendes Marzipanschwein haltend ...
Dies alles könnte in einem Schäfergedicht von Arno Holz, aber nicht im 14. bis 17. Jahrhundert sich solchergestalt verhalten haben. Marzipan ist eine Errungenschaft des letzten Jahrhunderts, wobei nicht in Abrede gestellt werden soll, dah irgendein seliger Zuckerbäcker irgendwo früher mal Mandeln und Zucker mengte, nur dürfte das früher schon aus dem Grunde schwer gewesen sein, weil es keine so weihe schimmernde Raffinade gab wie heute, im Gegenteil ist die ganze Zuckerindustrie mit ihrem weltwirtschaftlichen Ausbau neuerer Prägung. Dedenkt man, daß Marzipan bis Mitte der siebziger Jahre nur in Konditoreien in kleinen Mengen her- gestellt wurde, so staunt man nicht weniger angesichts moderner gewaltiger Industrien, die heute pro Tag 100 Zentner Marzipanmasse herstellen.
Wer die Marotte und die Möglichkeit hat, des öfteren größere Werke zu besichtigen, der kennt eine Gefühlsordnung, die ich mit Fabrikpsychose bezeichnen möchte, eine Art lampenfiebriger 2leu- gierde, hinter die Geheimnisse des täglichen Lebens zu kommen, zu erfahren, wieviel Pferdekräste etwa zur Herstellung eines Kragenknopfes erforderlich sind und wieso eine Maschine tausend Tafeln Schokolade in der Stunde verpacken kann. Das Wesentliche solcher Psychose ist die erhöhte innere Alarmbereitschaft, die Gefaßtheit auf jeder Riederträchtigkeit hinsichtlich Geruch und Geräusch. Wer zum Deispiel in eine Kesselschmiede geht, tut gut, seine Ohren so lange beim Portier in Verwahrung zu geben, und wer gar eine Zellulosefabrik besichtigen will, soll sich vorher einen Stockschnupfen mn Garantieverschluß zulegen. Nichts von alledem widerfuhr mir beim Besuch der größten Berliner Marzipanproduktion.
Der Nestor der deutschen, das ist gleichzeitig der Weltmarzipanindustrie, führt mich durch die weiten, maschinendurchhallten Sale,
fremb unb boch mit großem Interesse


