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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang <928 Montag, den 3j. Dezember Kummer 10$
Ium Neujahr.
Von Eduard M ö r i k e.
An tausend Wünsche, sederleicht, Wird sich kein Gott noch Engel kehren, Ja, wenn es jo viel Flüche wären. Dem Teufel wären sie zu seicht.
Doch wenn ein Freund in Lieb' und Treu' Dem andern den Kalender segnet. So steht ein guter Geist dabei.
Du denkst an mich, was Liebes dir begegnet, Ob dir's auch ohne das beschieden fe;.
Neujahr 1929.
Von Alexander v. Gleichen-Rußwurm.
Wer vor seiner Zukunft steht wie vor einem Spieltisch und auf den blinden Zufall harrt, der ist ein Tor, aber der ist es auch, der sich vor dem Kommenden bang verkriecht und den Reiz der Stunde zurückscheucht vor ungewiß Drohendem, denn immer beantwortet sich die Frage: „Was ist die Zukunft für dich?" mit dem einzigen Wort: „Nichts als du selbst."
Wie du den Ereignissen gegenüberstehst, so wirken sie auf dich, selbst jetzt, wo es immer heißt, daß der einzelne in der Masse verschwindet. Auch die Angst vor der Zukunft ist etwas Persönliches, das dem einzelnen anhaftet, ihn schreckt und unfähig macht, ihm Entschluß und Tatkraft raubt. Aber sie ist auch ansteckend wie eine böse Krankheit, und dadurch wächst der Schaden, den sie anrichtet, ins Unendliche.
In den Reden an die deutsche Nation schrieb Johann Gottlieb Fichte: „Die Hoffnung einer besseren Zukunft allein ist das Element, in dem wir noch atmen können. Aber nur der Träumer kann diese Hoffnung auf etwas anderes gründen, denn auf ein solches, das er selbst für die Entwicklung einer Zukunft in die Gegenwart zu legen vermag".
Nur auf der eigenen, inneren Entwicklung, die unabhängig von den Freuden und Lriden der Außenwelt vor sich geht, beruht solches Hoffen. Wenn wir am Jahreswechsel Vorwärtsblicken ins Ungewisse, haben wir als festeste Stütze nur das eigene Selbst. Da ist wohl die Frage am Platze: Können wir uns darauf verlassen, sind wir gerüstet für alles was uns treffen mag? Je ernster die Zeit ist, desto berechtigter ist die Frage, und niemand, selbst nicht der gläubigste Optimist, kann leugnen, daß politisch und wirtschaftlich viel, ja allzu viel Zündstoff vor' uns aufgehäuft ist. Es handelt sich hier nicht darum, zu untersuchen, ob sich irgend jemand finden wird, diesen Zündstoff in Flammen zu setzen, sondern nur der einzelne soll veranlaßt sein, sich selbst gegenüber die Frage aufzuwerfen, ob er dem Schicksal tapfer ins Auge zu sehen vermag.
Es ist in den letzten Wochen des alten Jahres so etwas wie Angst durch die Reihen der Menschen geschlichen. War es die trübe Zeit, der ewig mit Wolken verhangene Himmel, der auf die Nerven fiel? War es die Aufregung des großen Lohnkampfes oder jene der äußeren Politik? War es die Wirtschaftskrise, die manches Opfer verlangt und nicht Halt macht vor Fleiß und Arbeitswillen?
Wir find so voll Sehnsucht nach Frühling und Sonnenschein geworden, daß neben dem offiziellen Fest der Jahreswende auch der Naturfeiertag zu einer erneuten inneren Bedeutung kommt. Er gibt die hoffnungsfrohe Stimmung, den Mut, den wir brauchen, fest und sicher im Leben dazustehen. Wenn in der Neujahrsnacht der Weihnachtsbaum noch einmal angezündet wird, wenn das Wachs leise von den Zweigen herabtropft, gewinnt mancher Wunsch Kraft und Leben angesichts des Symbols: Ewiges erneutes Werden durch die Kraft des Lichtes.
Alles, was Poesie ins Leben bringt und Freude rettet in dem schweren Kamps der Pflichten, ist heilige, unantastbare Ueberlieferung, wenn sich auch die Formen ändern, unter denen es verehrt und gefeiert wird.
Mitten im Streit, im politischen Hader, im Vorgefühl schwerer Tage steht der Beginn eines neuen Jahres als heller Lichtpunkt, dessen Toaste und Segenssprüche froh in die Zukunft klingen.
„So fingen wir, so trinken wir
Uns froh hinein ins neue Jahr!"
schrieb Hoffmann von Fallersleben, der Lyriker des gemütlichen Bieder- meiertums.
Man sagt sich wohl oft, und belegt es mit allerlei Vernunftgründen, daß die Jahreseinteilungen etwas ganz Unbedeutendes und Unwefent- liches - finö. Gewiß, die Zeit verginge ebenso gleichgültig oder ebenso interessant, wie sie jeder ergreift und wie er sie aufnimmt, wenn man
wcht daraus acht hätte, welche Woche, welcher Monat, welches Jahr „im Kalender steht". Allein diese trockene, vernünftige Philosophie verliert sich im Leben, und wer nur irgend Empfindung in' sich trägt» geht immer ganz anders vom 31. Dezember zum 1. Januar über, als von zwei anderen, beliebig aufeinanderfolgenden Tagen. „Es ist," schreibt Wilhelm von Humboldt in den Briefen an eine Freundin, „als menn ber Mensch versuchte, durch die Zeiteinteilungen der Flüchtigkeit der Zeit Einhalt zu tun, wenigstens ihren ununterbrochenen und ungeschie- denen Lauf zu unterbrechen."
Der Mensch steht wie auf einer schmalen Grenze zwischen 23er- gaugenheit und Zukunft still. Er sammelt, er faßt in feinen Gedanken den vergangenen Zeitabschnitt und umspannt den Folgenden mit neuen Vorsätzen, Hoffnungen und Sorgen. Man wird sich vielleicht nicht immer klar darüber, aber man fühlt es bann unbestimmt, nicht bie Gegenwart ist unser Zweck, sie bilbet mit der Vergangenheit vereint nur das Mittel, diesem Zweck, der verborgenen Zukunft, mutvoll entgegenzusehen. Es ist unser Gluck, aber auch unsere Tragödie, daß wir nicht im Verweilen unsere Befriedigung finden, fonbern immer bie Hänbe nach vorwärts strecken, bas Neue, bas Unbekannte zu erhaschen. Deshalb liegt in der Sonnenwende unb den ihr folgenben Tagen, die uns zwingen, auf jedem Schriftstück, jeher Zeitung, jedem Theaterzettel eine neue Zahl zu sehen, auch für den Kulturmenschen eine Mystik, deren Aufdringlichkeit er schwer zu entrinnen vermag.
3n diesem Sinn liegt selbst für den modernsten Menschen eine Mah- nung in diesen Tagen des innerlichen Wechsels. Man wird sich der Unwiderbringlichkeit jeden Schrittes bewußt, den man getan hat, und steht nun zwischen dem Unabänderlichen unb bem Ungewissen ohne emen anberen Stützpunkt zu haben, als bas Vertrauen auf sich selbst.
„Wenn der Pöbel aller Sorten Tanzet um bie golb'nen Kälber, Halte fest! Du hast im Leben Doch am Enbe nur bich selber."
• ^n biefem Gedicht Theodor Storms, für feine Söhne geschrieben, hat jener Wunsch dichterischen Ausdruck gefunden, den ich an bie Spitze des
■ Jahres 1929 gestellt sehen möchte.
Von bem gesunden Selbstvertrauen scheint mir einiges verloren zu sein. Gewiß, es ist töricht, sich als Bramarbas unversuchter Kräfte zu rühmen. Aber nötig ist es, auf bie eigene Kraft vertrauend, jeder Gefahr sich gewachsen zu fühlen. Darin liegt der Mut des Kulturmenschen, gleichweit entfernt von tollkühnem Benehmen und feiger Angst.
Was haben wir vom Reichtum des modernen Tages, von allen Errungenschaften und allem Wissen, wenn wir beständig, für immer dies alles vielleicht nicht mehr in der nötigen Ruhe genießen können? Es 'st.'sterkwürdig, daß diese Furcht als Begleiterscheinung unserer Zeit auftritt, obwohl der Sport die Entschlußfähigkeit kräftigt und die Jugend lehrt, plötzlicher Gefahr stolz unb kühn ins Auge zu sehen.
Es scheint den Trägern der Zeit eben mehr jener sittliche Mut zu fehlen, der — nach Smiles — die höchste Stufe der Menschlichkeit kenn- zeichnet, der Mut, gerecht zu sein unb unter allen Umständen seine Pflicht zu erfüllen, ^chn zu gewinnen ober auch nur sich seiner bewußt zu werben, wo er etwa verloren fein sollte, sei der Wunsch iebes einzelnen an diesem Jahreswechsel, dann wird von selbst jedes Gefühl von Angst unb Unsicherheit aus ber Menge schwinben, was das Jahr auch bringen möge.
Vielleicht steht die Angst unb bie Scheu vor der Zukunft, die uns allen angeboren ist, mit der Unsicherheit aller Dinge im Zusammenhang, öe großer und intensiver eine Kultur wird, desto mehr sucht sie das Unmögliche, wirkliche Sicherheit zu erreichen. Deshalb bas Erstaunen, bas ungehaltene Erkennen, wenn Brandgeruch bie Luft erfüllt unb jeder gehalten ist, trotz ber guten Löscheinrichtung auch selbst ein wenig für die Sicherheit des eigenen Hauses Sorge zu tragen.
Diese liegt nicht darin, durch eigene Untätigkeit am Niedergang des wirtschaftlichen Lebens mitzuwirken, sondern in der inneren Zuversicht, im Selbstvertrauen, im Humor eines gesunden Optimismus, der bas tödliche Verzweifeln nicht aufkommen läßt. Nichts ist so schlimm, wie es von ferne aussieht, leider auch nicht so schon, wie wir es erträumen. Aber bas Schlimmste an allem ist bie vorhergehende Angst, wie auch bas Schönste bie Hoffnung ist, bie uns rosig umgautelt.
Der übertriebene Pessimismus ist von liebel, wie ber übertrieben« Optimismus gefährlich wirkt. Unb wer bie Angst zu überwinden Der- wachte, hat bie halbe Schlacht bereits gewonnen. Das gilt für den Kampf des einzelnen Lebens wie für die Kämpfe, in denen Interessen- gruppen, Nationen, Völker aneinander geraten.
Für diesen Kampf, ber keinem erspart bleibt, möchte ich bas neue Jahr mit dem Wahlspruch aus Virgils Aeneis begrüßen: Nunc animi» opus, Aenea, nunc pectore firmo! (,Zetzt ist Mut, Aeneas, dir not letzt männliche Fassungl") —


