Ich erinnere mich einer längst verklungenen Schulstunde, in der ich folgendes aufzusagen hatte: „Die Marsch ist alluviales Schwemmland an den Ufern der Meere und Flüsse, durchsetzt von mikroskopischen Organismen und besteht aus Lehm-, Ton- und Kiesschichten. Sie ist von Dünen begleitet und bildet einen vorzüglichen Weideboden, der seine Bewohner veranlaßt, sich vorwiegend mit der Zucht von Milch- und Masttieren, dem Rindvieh, zu befassen."
Bei dem Worte Rindvieh nickte unser Lehrer zustimmend, was ich sehr komisch fand, und woraus ich schloß, daß er mit mir zufrieden war. Damals hatte ich so gut gelernt, daß ich noch heute auf die Frage „Was sind Marschen?", ohne mich zu besinnen, geläufig Antwort geben kann. Niemand hatte mir gesagt, daß Definitionen keine hohlgeblasenen Glas- kövfe zu sein brauchen, sondern daß sich diese Glasköpfe auch füllen lassen. Damals war die Marsch für mich solch hohler Glaskopf: denn ich hatte weder eine gesehen, noch vermochte ich mir eine richtige Vorstellung von dieser Landschaft zu machen. Meine Phantasie erfüllten zwar Wiesen, Kälber, Hecken, Ochsen und Lehmklöße; doch erst viel später lernte ich aus eigener Anschauung die Kraft dieser Landschaft kennen, verstand ihre Schwere und die Notwendigkeit ihrer Menschengestaltung nach den Gesetzen irdischen Gebundenseins. Nun gehe ich schon seit zwei Jahrzehnten meinen „alten Marschweg", wenn ich einmal dem großstädtischen Ameisenhaufen entfliehen will, und fühle mich niemals erdgeketteter und schwerblütiger, denkfauler und arbeitsunlustiger als auf dem geborstenen, zu Stein verklumpten Lehm der Marsch. Wen eine Landschaft nicht zu formen vermag, wer auf hohen Bergen, auf weiter Wasferfläche, in dunklen Wäldern und auf lustigen Wiesen ein und dasselbe fühlt, nur frische Luft, Einsamkeit und die Lust nach dem nächsten Kaffeegarten in sich spürt, ist für jede Landschaft verdorben und soll getrost auf seinem Hausbalkon seelische Erholung suchen.
Die Menschen tragen das Antlitz ihrer Erde mit Ausnahme jener Dutzendware, wie sie skrupellose Postkartenfabrikanten vorwiegend für Liebespaare herstellt, ohne Geist und Gebärde, ohne Linicnzug und Ausdruck, die verdient, dem Zensor für „Schund und Schmutz" zur Aburteilung vorgelegt zu werden. Unter dieses Gesetz fallen meines Erachtens weit mehr Dinge, als sich der Laie träumen läßt. Nicht die aufreizenden Pseudokunsterzeugnisse dieser Gattung verderben durch ihr Gift, ihnen kann man am ehesten aus dem Wege gehen, sondern die bakterienhast verbreiteten, nichtssagenden Produkte harmlosesten Kitsches, von den anspruchslosen Machwerken lächerlicher Sentimentalität und grober Unnatur ganz zu schweigen. Gott sei Dank ist die Wirklichkeit, die Natur, von solcher Unkultur weit entfernt.
Auch der Marschenbauer trägt sein geprägtes Antlitz. Es zeigt dis Schärfe R o d i n f ch e r Formgewalt und die Kompaktheit Barlach- scher Gestaltung. Seine Glieder sind lässig: denn in dem ihm anvertrauten mesopotamischen Fruchtgefilde sorgt die Natur für den Ausgleich von Mahd und Nachwuchs. Altersrunzeln, die bei ihm erst spät auftreten, sind nicht die Folge sorgenden Schaffens und durchdarbter Mißernten, sondern gleichen seinem Lande und sind wie dessen Risse Spuren fa- vannenhafter Sommerdürre. Sein Mammon ist die Kuh, dieses plumpe Geschöpf mit glotzenden Stieraugen,, unholfenen X-Beinen, unnötigen Hornspießen und kottriesendem Tigerschwanz, am häufigsten schwarzweiß gezeichnet, das zu dem Grunde der oft farbenarmen Landschaft in Kontrast steht. Es ist eine alte Wahrheit, je nützlicher ein Tier ist, um so häßlicher ist es. Man denke an das Kamel, das unentbehrliche Schiff der Wüste. Was dem Kongoneger das Elfenbein, dem Lappen das Renntier oder dem Grönländer der Schlittenhund bedeutet, ist für den Marschenbauer die Kuh. Mit ihr lebt er unter einem Dache, für sie sorgt er, wenn die Weide dem Winterschlafs verfällt, ihr Gedeihen steht von allen seinen Nöten obenan; denn ihre Milch ist seine Zehrung, ihr Fleisch seine Nahrung und ihr Nachwuchs sein Geld. Nach ihrer Kopfzahl bemißt man seinen Wohlstand und errechnet seine Steuern, mit ihr dokumentiert er wirtschaftliche Macht und Ansehen, und von Jakobs Zeiten ist dieser alttcstamentliche, patriarchalische Herdefürstenstolz auf den Marschenbewohner vererbt.
Seine Kühe sind seine Untertanen, über die er in seinem weiten Reiche der unabsehbaren Weiden regiert. Dieses Reich ist die schier unendlich einförmige, grüne Fläche zwischen Deich und Geest, dieses lang- gezogene Schachbrett mit den geraden Hecken und Zäunen, den aufhaltenden Stegen, hier und da unterbrochen durch ein Hirtenhaus, einen uralten Ziehbrunnen oder eine künstliche Viehtränke. Ohne diese Einschachtelung wäre die Marsch ein grünes Meer, in deren Langeweile man ebenso ertrinken könnte, wie in den Wasserwogen der See. Aber diese Wellenbrecher aus Weißdorn, das Flschtwerk buntester Zauntechnik und die einsamen Bauminseln, bestehend aus einer zitternden Weide oder rauschenden Esche, einer schwankenden Pappel oder geknickten Eiche lassen dcn im grünen Strudel Schwimmenden nicht untergehen. Sie geben ihm immer wieder schützenden Grund, verweilende Stützpunkte und auslohnende Ablenkung.
Vor dem ersten Grasschnitt ist diese Flut sogar ein Blütenmeer. Die Marsch hält dann den ganzen Zauber der Natur gefangen, und Schaumkraut, Wiesenkle«, Wucherblume, Hahnenfuß, Gänseblume, Zaunwicke, Schafgarbe, Bärenklau, Pastinak, Hornkraut, Pipau und Sinau wetteifern mit der Pracht ihrer Entfaltung; doch keiner tut es dem Löwen- r«yn gleich. Er ist der Herrscher unter ihnen, obgleich kein geachteter, seine sonderbaren Blätter und sonnenschönen Blüten zu verbreitet, »u alltäglich sind und kunstvolle Formen gemeiner Futterkräuter ebenso- ?Emg gelten wie Propheten im eigenen Vaterland«. Ich wüßte nicht, -A W je ein Blumenfreund für Löwenzahn begeistert hätte, gleich wie ^„„Kälberkropf und Petersilie nicht ans Herz gewachsen sind. Immer Ikk-n et ^kküstche Gewächse sein, mögen sie noch so verschroben aus- Snnh 1rln‘3 in 3ehn Jahren nicht zur Blüte kommen; sie erfreuen, ihre ">nge, die ihrerseits wiederum einen S p i tz w e g reizen, solche ,-rr kteenfreunde" der Nachwelt zu erhalten. Man wage sich getrost ein« infoVJn . Hukrautmaterie hinein. Dort tut sich einem eine nicht minder ~ljante Welt auf, an der man meistens oberflächlilch vorübergeht.
Gon der Name Löwenzahn flößt Respekt ein. Das ist kein psycholo-
gijches Geheimnis, sondern eine Binsenwahrheit, die jeder am eigenen Leibe verspüren kann. Der Name ist nicht nur eine Visitenkarte, sondern drückt Wesen, Empfehlung und ethymologische Sinndeutung aus und besitzt fraglos suggestive Gewalt, persönlichen Magnetismus und verschafft oftmals den persönlichen Mut im Kampfe ums Dasein. Es wird niemand glauben, daß eine schlichte Karte mit den einfachen Zügen „Willi Meier", „Heinrich Müller" oder „August Schulze" ohne weiteres Anziehung besäße. Jeder Handelsvertreter, Stellungsuchende, Kunstbeflissene oder Besucher eines Regierungs- oder Bureaugewaltigen weiß, was es heißt, mit „Arpad von Adlershorst" oder „Ingo von der Lessen" aufwarten zu können. Wer daran zweifelt, befrage Harry Domela. Ob sich der Name mit seinem Träger deckt, entscheidet erst in zweiter Linie. Mit jedem Namen verbindet sich eine Vorstellung, die durch spätere Wahrnehmung nach den Gesetzen der Apperzeption entweder zu einer positiven oder negativen Anschauung erwächst.
Löwenzahn hat etwas Souveränes in seinem Namen, das selbst seine Koseformen wie Pust-, Ringel-, Butter- oder Kuhblume nicht verwischen können. Er beherrscht Wiese und Feld, Landstraße und Garten, Berg und Tal, Geest und Marsch mit einer Virtuosität, der man Hochachtung nicht versagen kann. Vor diesen Löwenzähnen ist keine Landschaft sicher, am wenigsten die Marsch, auf deren endlosen Gefilden sie ihre propellerbewehrten Samenkörnlein wie Lustmaschinen segeln lassen können, und deren Fahrten im Reiche Floras nicht minder verblüffen als Arktis- und Atlantisflüge anläßlich der Bezwingung unseres Planeten. Die inneren Kräfte find dieselben, nur ihre Ziele sind verschieden, und erdgebunden sind sie beide.
Ein Fest auf Hadersievhuus.
Novelle von Theodor Storm.
(Fortsetzung.)
„Heiliger Hubertus!" rief Herr Dolf; „kümmert Gaspard der Nabe sich auch um Schiehzeug?"
Der Schreiber warf von unten seine scharfen Blicke auf den Frager: „Wenn ich nur treffen könnte!" sagte er.
Da lachte Rolf Lembeck: „So komm! Ich kenn« die Feuerröhre schon von Prag; wer weiß, ob nicht dein Treffer drinsitzt!"
„Vielleicht," erwiderte Gaspard, und da der andere nach dem Reitstall schritt, sah er ihm nach, als sähe er auf seine Beute.
Sn kurzem ritten sie auf Haderslev. Es war zu Ende Sunt; Rolf hatte sein Mäntelchen schon auf des Rappen Hals gelegt, denn die Sonne brannte: Gaspard warf die Gugelkappe in den Nacken. Do ritten sie in dem goldenen Staub der Heerstraße durch das Kirchdorf Hammelef; die Bauernkinder lagen im Sande vor den Hütten und wiesen mit den Fingern auf den schmucken Reiter. Von da führte der Weg durch den Wald, und die Rosse traten vorsichtig zwischen die Eichen- und Buchenwurzeln. Der Ritter blies den Ottern von sich: „Ah, Gaspard, das ging schier ums Gesottenwerden!"
Der Schreiber nickte nur; er hatte Gedankenarbeit. Der Wald hörte auf, und wieder kam der Sonnenbrand; nach einer Weile ein Hügei mit hohen Bäumen, an dem zur Linken sich eine andere Holzung hinzog; oben aus den Wipfeln sah die Krönung eines stumpfen TurmeS. Wie eine Gabel teilte sich der Weg nach rechts und links; und Gaspard, als ob es sich von selbst verstehe, spornte seinen Fuchs zur Linken in den Waldweg, er wollte an der Gartenwand vorüber, um dort des RitterS Mienen und Gebaren zu erforschen; doch da er umblickte, sah er sich allein; der Ritter war schon nach Osten auf dem Wege durch die freie Landschaft.
Der Ritter sah lachend von seinem Hengst auf ihn herab: „Sch wuhr nicht, Gaspard, daß du die Sonne fürchtetest!"
Gaspard wandte fein Pferd und ritt bald wieder neben ihm. „Ei, Herr," sprach er, „was meidet Shr den Schatten und reitet den weiteren Weg Hier in der Donnenglut?"
„Sch bin kein Ritter, Herr," sprach Gaspard und zog sich seine Gugelkappe in die Stirn, „Sst in dem Schlosse droben etwas, das Euer Auge haßt?"
„Meinst du," erwiderte Rolf Lembeck fröhlich, „daß man nur meidet, was man haßt?" Doch, als besänne er sich plötzlich, fügte er hinzu: „Wohl sehe ich lieber das freie Land hier als auf des Dänenkönigs Burgen; mir ist, er spinne wieder Anheil!" Der Zusatz kam zu spät, denn als er au!f den Schreiber blickte, sah er desseiw Kopf sich seitwärts drehen und mit der Rase nach der Erde fahren, daß ihm der Kappenzipfel um die Schulter schwenkte. „Hallo, Rabe," ries er. „Wonach trachtest du?"
„Shr wisset, Herr/' entgegnete der Braune, „ich sehe bisweilen Dinge, die nicht da sind."
„And was Beute sahst du denn dorten auf dem Sande?"
„So Shr es wissen wollet — nur eines Fädleins Erde! Sch dachte töricht, «S sei schier mitzunehmen; doch — Ihr habt recht, warum sollen wir die Königsburg betrachten!"
„Gi>, Gaspard!" rief der Ritter, „wozu der Faden! Hier ist kein griechisch Labyrinth!" Doch plötzlich überkam es ihm, als stehe er mit Dagmar vor aller Welt aus offenem Markt, und aus dem Haufen glühten seines Weibes Augen au das arme Kind.
Gaspard blinzte mit verknis enem Lachen auf den jungen Herrn und lie-h dann seinen Fuchs nach hinten gehen. So ritten sie, jeder in eigenen Gedanken, in die Stadt,
— Was mit dem Feuerrohr geworden, vermag ich nicht zu sagen; aber ein anderes. Sn Holstein, in einer engen Gruft, mußten di« Würmer sich durch einen Sarg gefressen und von dem gemunkelt haben. was sie in dem toten Mann gesunden hatten, der, als er oben ging, Hans Pogwisch hieß.
Am Nachmittage, da Rolf Lembeck mit dem Schreiber das Haus des Schmieds verlassen batte, sah in der Gaststube des „Schwarzen Stiers'^ zu Haderslev ein wüster Hvlstenkerl; er wollte zum König


