Ausgabe 
31.1.1928
 
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bin ich trotzdem, nicht geworden. Pappe. Aber eine Schwöche snr

Meine Psennige find noch immer aus Kaufläden habe ich behalten.

*

Sie Sehenswürdigkeiten von Marseiile stehen im Baedeker verzeich­net Der alte Hafen mit der eisernen Spinneweben-Brucke. Der mtc Hafen mit den großen Ozeandampfern.Notre Dame de la Garde , die Meer-Madonna, die fromme Lorelei, die, mit goldenem Kleid und gol­denen Haaren, hochoben auf ihrem eigenen Kirchturm steh und ins Meer hinaussieht und in der Sonne blitzt und funkelt, damit bie See- leute den Hafen finden. Schloß und Park Borely mit der schönsten Rennbahn der Erde, dicht am Meer. Sogar die kleinen Restaurants am alten Hafen, in denen man dieBouillabaisse, die Fischsuppen mit Langusten, Fischen, Safranbrot und Muscheln, die Austern, die Tmten- kische und die See-Igel bekommt, das alles steht im Baedeker und noch viel mehr. Nur die Kaufläden stehen nicht darin. Das kann auch kein vernünftiger Mensch verlangen. Aber gerade die Kaufläden find fn hübsch in Marseille.

Einer ist da, der heißtCastel Muro", Konfitüren und Patisserien gibt es dort. Das ist ja nun an und für sich nichts Besonderes. Das gibt es schließlich in jeder Stadt. Aber dieser Laden ist wie em Märchen aus Urlaub. Seine drei Schaufenster sind Juwelen aus Backwerk und Zuckerzeug. Mahagoni, Kristall und vergoldeter Stuck. Viel Spiegel und viel "Glas. Und auf den geschliffenen Glasfcheiben stehen kleine Schalen und Körbchen aus Glas und Silber. Und darin liegt nun das alles, was ein Konditorherz, ein Konditorgenie, ein Märchsnkonditor fsty ausdenken kann. Du lieber Himmel, was hat er sich bloß alles aus--

gedacht!

Da find zuerst die Kuchen. Kleine Kuchen in Rosa, in Orange, in Grün. Himmelblaue kleine Kuchen. Und Kuchen in Schwarz. Kuchen, die wie manikürt aussehen- und Kuchen mit kleinen Juwelen besetzt. Kuchen aus Luft, so leicht, als ob sie wegfliegen wollten. Und Kuchen, klein und dick, die schwer auf der Glasplatte und schwer im Magen liegen. Torten und kleine Torten. Obstkuchen mit Aepfeln, mit Erdbeeren, mit Aprikosen, Orangen, Hagebutten und Ananas. Runde kleine Kuchen, gerade groß genug, daß ein riesengroßer halber Pfirsich auf ihnen-ruhen kann, wie ein fettes dickes Himmelsgewölbe auf einer Erde aus Kuchen­teig _ verzuckerte Veilchen, verzuckerte Rosenblätter, violett und rosa und gelb. Orangenblüten weiß und Pistazien grün. Walnüsse, Mandeln, Kastanien und Kürbiskerne. Verzuckerte Birnen, Kirschen, Pflaumen, Mirabellen, Datteln, Zitronenscheiben. Grüne, braune, blaue Feigen und ganz große Feigen, die beinahe schwarz sind. Schokolade in jeder Art und Form, mit Nüssen, mit Früchten, mit Goldstaub, mit Pistazien- grüil, viereckig, rund, oval, als Katzenzunge, Taler, Weinlaub und Lor­beerblatt. Und über dem allen auf der obersten Platte durchsichtig grün, goldgelb, rot, rosa und braun eine Orgel von Gläsern und Flaschen mit Fruchtsaft, Limonade, Sirup, Gelee und Honig. Das ist kein Laden mehr, das ist die Verwirklichung eines Märchens. Ein Märchen, das wie alle Märchen mit Traum und Wunsch beginnt und, wie so viele Märchen, mit einem verdorbenen Magen enden wird. Aber was ist Hygiene, wenn es sich nm Märchen handelt? Ein Zweig von seinem eigenen Schokoladenlorbeer auf die Stirn des unsichtbaren Märchen- kondiwrs, der der Herr ist vomCastel Miro!"

Nun brauck)en wir bloß eben um die Ecke zu gehen, da liegt in einer dunklen kleinen Straße ein dunkler kleiner Laden. So klein, daß man schon Glück haben muh, um nicht vorbeizulaufen. Es ist der kleinste Laden, den ich je gesehen habe. Er ist so groß wie ein nicht sehr großer Schrank. In diesem Schrank sitzt der Ladenbesitzer. Er ist Schuhmacher und sitzt in seinem Schrank hinter einer Petroleumlampe und macht Flicken auf einen kleinen Damenschuh. Sein Schrank ist so klein, daß seine Frau nicht neben ihm sitzen kann. Sie steht auf der Straße unb' unterhält sich mit ihm durchs Fenster. Denn die Schranktür, die die Ladentür ist, ist aus Glas und hat ein Fenster. Wenn der Schuhmacher aus seinem Schrank heraus will, muß er erst die Tür aufmnchen, sonst kann er nicht aufstehen.

Nicht viel weiter ist der Laden:Aux 200 000 Bas".Zu den 200 000 Socken." Zweihunderttaufend Socken liegen da in den Fenstern, in den Regalen, auf Tischen und Stühlen und auf dem Fußboden. Man geht auf Socken. Nicht nur auf denen, die man anhat, sondern auch auf denen, die auf dem Fußboden liegen.

Sehr viel schöner aber ist der Laden:Zu den zweitausend Bette n." Er ist vielleicht der prächtigste aller Läden in Marseille. Die französischen Betten sind ja sehr schön. Schön breit sind sie vor allen Dingen. Man kann in ihnen spazierengehen. In Deutschland (auch wo anders) kenne ich Betten, die sind wie Särge. Wenn man sich umdreht, fällt man heraus. In Frankreich wird man oft gefragt, wenn man mit seiner Frau in ein Hotel kommt:Ein Zimmer mit einem oder mit zwei Betten?" Und das eine Bett ist dann so groß, daß man zu zweit in ihm spazierengehen kann. Nun istSpazierengehen" ja wohl nicht der eigentliche Zweck eines Bettes. Immerhin man kann nie wissen. Die Nacht ist lang und die Menschen sind sonderbar.

Solche Spaziergangs-Bettstellen stehen hier im Laden, im Schau­fenster vielmehr, denn der ganze Laden ist ein Schaufenster. Sie sind aus Messing, wunderbar blank geputzt. Cs gibt einfache, die sind ein­fach aus Messingstäben, durch die man hindurchgucken kann. Es gibt welche mit rosa Seideuschleifchen und seidenen Vorhängen zwischen den Messing- ftäben. Und manche haben am Fußende eine Platte, die ist wie aus Glimmerschiefer. Sie glänzt und glitzert silbern, blau und rosa, wie po­lierter Marmor, wie ein durchgesägter Riesenopal. Und die ganz feinen haben am Kopfende eine Verzierung, einen Engel, einen kleinen Amor mit Pfeil und Bogen, der leicht und lieblich über dem Messingbett da­hinschwebt und Nacht für Nacht gar schelmisch hinablächelt auf di«

Schläfer oder den einsamen Schläfer,, der in diesem verzierten Hochzelts­bett zu ruhen das Vergnügen haben wird.

Und dann gibt es da noch die Steppdecken! Sie sind Zierde und Krone des Ladens, seiner Betten, des menschlichen Komforts und der gs- samten Schöpfung. Cs ist unmöglich, sie zu sehen, ohne den Wunsch zu verspüren, zu Bett zu gehen. Sie sind aus Seide. Sie sind blau, gelb, rot, rosa, grün, bordeaux-rot. Sie glühen in Farben, die es in der ganjeft übrigen Natur nicht gibt. Sie sind so süß, so hell, so rein, so leicht, so reich und "warm, daß man nur einen Wunsch hot, wenn man sie sieht: So­fort zu Bett! *

Es ist Sonntag. Der Laden ist geschlossen. Man kann in ihn hinein- scheu, aber man kann nichts kaufen. Biele Menschen stehen da und sehen sehnsüchtig durchs Fenster. Die meisten sind Frauen. Albe und junge, reiche und arme. Elegante in Pelz und Sountagshut und Arbeiterfrauen im Umschlagetuch. Sie stehen und sehen: Mefsingbetten und Steppdecken. Ob sie morgen, am Montag, wiederkommen wollen und was kaufen? Ob sie ja, Gott und der Teufel werden wissen, was sie wollen, was sie denken. Sie stehen da wie angewurzelt und sehen durchs Fenster, als ab da, hinter dem Fenster, das Paradies zu kaufen wäre. Em Paradies aus Messingbettstellen und seidenen Steppdecken.

Welt-Inseln.

Was liegt hinter der Milchstraße?

Von Dr. Artur Beer, Reichenberg.

Es war im Frühjahr 1920, als von der größten astronomischen For« schungsstätte der Welt, dem großartigen, auf dem, 1700 Meter hohen Gipfel des Mount Wilson bei Pasadena m Kalifornien gelegenen Observatorium der Carnegiestiftung, eine kurze, aber um so bedeutsamere Meldung kam: Im Andromedanebel wurden veränderliche Sterne von Delta-Cephei-Typus entdeckt. Jemand, der der rastlosen, ungeahnt schnellen. Entwicklung der Himmelsforschung, wahrend der letzten Jahaw iücht ständig gefolgt ist, hätte sich auch bei dieser Nachricht nicht mel denken können. Die wissenschaftliche Welt aber horchte auf, denn sie er­kannte darin einen Schlüssel zu Größerem. Und m der Tat zelgten die Ergebnisse der folgenden Zeit bis in die jüngsten Tage hinein, daß em neuer Siegeszug des menschlichen Geistes eingelötet r^den war. Von neuem ist jetzt die Umgrenzung unseres kosmischen Weltbildes durch­brochen und die Grenzpfähle unseres Reiches find ungeheuer weit in den

Ä« WP-««». »tten.» «" -- «-»- Fahrt. Die Frage des Beförderungsmittels soll uns Nicht beunruhigen. Die Raumrakete", welche sich feit einigen Jahren in mehr oder minder phantastischer Ausmachung unseren Zeitgenossen °ls'-mke^lanetare Luf^ Hansa" vorstellt, wäre in jedem Falle mel zu langsam. Wollen wir uns lieber einer Radiowelle anvertrauen, oder dem gleichschnellen Lichtstrahl. Mit 300 000 Kilometern Sekundengeschwindigkeit starten wir so m den Raum hinaus. Nur einen Augenblick, li Sekunden, und wir sind am Monde vorübergesaust, die Bahnen von Venus und Merkur wer^n uber- sckritten und nad) 8 Minuten sind wir bereits an der 150 Millionen Kilometer entfernten Sonne vorbei. Nun buchen auch dieubrigen Pla­neten die Asteroiden und die Kometen vor uns auf. Mars, Jupiter, Saturn, Uranus werden hinter uns zuruckgelassen. Und knapp vier Stunden nach unserer Ausreise sind wir bereits an den Grenzen der Sonnenwelt Neptun ist erreicht! Dach jetzt gähnt die weiteLeere vor uns. Zwar ,zeigen die mitgenommenen Fernrohre Millionen und Abernüllionen von Sternen, Sonnen wie die unsere, aber Riesenraume trennen uns von ihnen, Räume, zu deren Ueberwindung auch unser so lckmelles Lichtfahrzeug Jahre benötigen wird. Langst ist indeflen die ganze Sonnenfamilie in einen einzigen Hellen, aber immer schwacher werdenden Stern zusammengeflossen. Und wenn wir die kürzeste Rich tuna einhalten, so könnten wir auch nach genau 4,06 Jahren aus Der Proxima Centauri", unserer nächsten Nachbarsonne, landen doch bei glühenden Gasbällen, wie dies die Fixsterne sind, ist solches:nicht rat­sam? llebrigens gibt es überhaupt nur 6 Sterne, die uns "aher stehen, als 10 unterer Reisejahre. Jetzt kennen wir auch den Zollstab des liftro- nornem bas -ßW&e", chic Strecke von mehr als 9 Billionen Kck°- mes?ür die Weiterreise würde unsere Lebensdauer nicht mehr aus- reichen, denn Hunderte von Lichtjahren brauchen wir, um auch nur bis zu vielen der hellsten uns vertrauten Sterne zu gelangen: so etwa sind es an bie 540 Jahre bis zum Riegel im Orion. Und reisen w r m ber Phantasie weiter, so müssen wir noch viele Tausende von üichtzahren durmessen, ehe wir die schwächsten Sterne erreichen, die unsere Riesen­fernrohre gerade noch aufspüren, so insbesondere jene, die den zarte, bfuten bat wie die beobachtete Verteilung der Sterne nach ihren Ent- fe nungen nnb Helligkeiten und nach ihrem Entwicklungsal er: ihren Svektren) zu verstehen fei, ist für die Forschung eine der mteresiantesten, aber auch eine der schwierigsten. Erst die letzten Jahrzehnte brachten ^ch hier entscheidende Fortschritte. Zwei Forscher U'-besondere der halla^ gSTetf, ?, SXÄKtÄ $8

konstruktionen, die trotz ihrer verschiedenen Grundlagen und einzelner Verschiedenheiten doch in wesentlichen Zugen ubereinfhmmen. Rach Kapteyn haben wir uns dasMilchstraßensystem als eine Sternhaufung vorzustellen, die sich zum Zentrum hin besonders.verdichtet. Von der um aefäbr zentral gelegenen Sonne aus mußten wir in der Richtung be Milchstraße etwa 26 000, senkrecht dazunur" etwa 5500 Lichtjahre durch- messen um bis an die Grenzbezirke dieses Universums zu gelangen, dieses riesigen Organismus, der nach Kapteyn etwa 47 piiaiarben Sterne umfassen mag. Shapleys Entwurf Ist noch viel umfassender, denn in ihm finden auch noch große, bisher nicht berührte Gruppen von Himmels-