Ausgabe 
31.1.1928
 
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| {eiligen Beziehungen, das jedem sattsam bekannt ist. Und was das Merk­würdigste ist von diesem oder jenem Auswuchs abgesehen es geht

Die Kunst der Geselligkeit.

Bon Kuno Grafen von Hardenberg.

Krau Rebekka.

Bon Matthias Claudius.

Wo war ich doch vor dreißig Jahr, Als deine Mutter dich gebar? Wär' ich doch dagewesen! Gelauert hätt' ich an der Tür Auf dein Geschrei und für und für Gebetet unb gelesen.

Und tam's Geschrei -- nun marsch hinein; Du kleines, liebes Mägdelein, Mein Reif'gefährt, willkommen!" Und hätte dich denn weich und warm Zum erstenmal auf meinem Arm Mit Leib' und Seel' genommen

Und hätte dich denn weich und warm Mit Leib' und Seel' auf meinen Arm Zum erstenmal genommen .....

Du frommes, liebes Mägdelein, Ich hab' dich sonst noch nicht geseh'n, Willkommen, bist willkommen!"

Wie bist du, lieber Reis'gefährt', In deinen Windeln mir so wert! O werde nicht geringer!

Du, Mutter, lehr' das Mägdlein wohl! Und wenn ich wiederkommen soll So pfeif nur aus dem Finger."

3u den zweitausend Betten".

Ein Bericht aus Marseille.

Von Hans Siemsen.

Ws ich sechs oder sieben Jahre alt war, bekam ich zu Weihnachten einenKaufladen". Seitdem liebe ich Kaufläden.

Da gab es Schubladen mit zehn Rosinen darin, oder nut zehn Kasfee- bohnen, kleine Säckchen mit Zucker, Tüten mit Salz, em Fäßchen m« nichts und eine Ladenkasse mit blanken Pfennigen aus Pappe. Und m -er Mitte stand die Hauptsache: eine Waage, dieging". Wenn man auf die eine Seite eine Kaffeebohne legte und auf die andere Seite eine Rosine, dann war die Rosine schwerer als die Kaffeebohne. Kaufmann

auch so! Und es wird noch besser werden, wenn die jetzige Generation, gereister und gefestigter und übersättigt von aller Tanzwut und dem Allzuviel an Sport, eingesehen haben wird, daß auch Seele und Geist Bedürfnisse haben, die gepflegt werden müssen, soll der ganze Mensch nicht darunter leiden und unsere schöne, in Jahrhunderten erwachsene Kultur in leeres Maschinenbarbarentum versinken. Und sie wird es ein« sehen, und die ältere Generation-, die noch das Wesen verfeinerter Gesellig­keit von früher her kennt, wird dazu beitragen können, wenn sie beginnt, die alte Kunst der Geselligkeit, wie sie zu allen Zeiten gepflegt wurde, im Sinne der freiheitlichen, der Jugend von heute nun einmal natür­lichen Formen, zu beleben! Dadurch wird es sicherlich gelingen, all­mählich die vielerwärts schroffe Trennung zwischen Alter und Jugend wieder zu überbrücken, und die nun einmal für alle Geselligkeit, soll sie wahrhaft fruchtbar sein, notwendige, aus allen Altersstufen bestehende menschliche Gemeinschaft, wieder herzustellen.

Die Wege zu einer Belebung der Geselligkeitskunst sind nicht so schwer zu finden, wie es manchem scheinen mag. Es kommt vor allem darauf an, die Mentalität der heutigen Jugend zu erkennen und ihr Rechnung zu tragen. Wie stellt sie sich dar?... Frühzeitig erschüttert und vorzeitig verernstet durch die Tragödien des Welkrieges und den Umsturz alles Herkömmlichen, ist das Wesen der meisten jungen Leute eine Art von pathetischem Skeptizismus, deni sich ein brodelnder, weltverbZferisci^r, aber vor den Alten sorgsam versteckter Idealismus gesellt. Sinn für Humor ist nur in geringem Maße vorhanden, woher sollte er auch kommen; desto stärker ist eine Neigung für das Feierliche zu beobachten. Sonst freigeistig tobende Wandervögel findet man plötzlich in brunftiger Andacht einer Messe beiwohnen, an geselligen Abenden junger Menschen von heute geht es meist feierlicher her als auf einem Hofball von ernst. Die Aefthetik der Jugend ist puritanisch, sie schwelgt in neuer Sachlichkeit und fühlt sich glücklich angeregt von einem Kaktus und eurigen tepmch- bedeckten Matratzen auf dem Erdboden als einzigem Mobiliar. Der Rest ist wie bei aller Jugend jene keusch verschleierte Unsicherheit, ine sich zu allen Zeiten als eine mimosenhafte Empfindlichkeit darstellte!

Ich meine nun, es ist gar nicht so schwer, diesen Zuständen, um nicht zu sagen, Eigenschaften der Werdenden, Rechnung zu tragen, und sie als Tatsachen für eine neue Kunst der Geselligkeit in Rechnung zu stellen. Im Grunde waren wir Steileren ja auch nicht wesentlich anders, und die Jugendstilbegeisterung oder die Böcklinschwärinerei machte uns unfern Eltern, Onkeln und Tanten gegenüber genau so überlegen und wider- harig wie es heute die neue Sachlichkeit unsere Jugend sein laßt, wenn sie nur Betonräume, kahle Wände und Metallrohrstäbe als Ideale gelten lassen will! Was taten die Meister und Künstlermnen von ixxmals mit uns? Sie ließen uns gelten, nahmen uns ernst, disputierten mit uns und -klärten uns, ohne daß wir es merkten, waren uns ÜSorbtlbei, die um nachahmten, und in deren Fußtapsey wir wanderten, ebenfallsohne daß wir es irgend einem Menschen, geschweige denn uns.i/lbst emgestand«! hätten, und sie ergossen so, indem sie uns auf alle Weisen immer wieder an sich zogen, auf uns den ganzen Segen jener edlen Kunst der GeseUig- leit, die immer Werdende zu Menschen machte, solange die G^ felt

Behaupte keiner, daß alte Rezepte auf unsere Zett nicht passen, ich alautn an die Magie des großen, allverstehenden Herzens uni» feine Zauberkraft, die immer hinter jeder Kunst der Geselligkeit stand, die ich teunen lernte. Ja, ich glaube nicht nur daran, ich weiß um sie, und aus diesem Wissen heraus empfehle ich allen denen, die in unserer Jugend die Zukunft unseres Volkes lieben, die es ehrlich und herzlich nut allen Werdenden meinen, es mit der alten Magie des Herzens als Grundlage für die zu revidierende Kunst der Geselligkeit zu versuchen.

Was sonst noch fehlen sollte, ergibt der Augenblick. Em feine- Tat.- gefühl das immer der sicherste Wegweiser in allen Lebenslagen ist, wird es diktieren, wie es im Grunde jedem Künstler diktiert,, wie weit er zu gehen hat wmn er ein Werk gestaltet! Mag es darum fein, daß kluge Frauen meift mehr berufen find, die Kunst der Geselligkeit zu üben als Männer, denen die Härte des Daseinskampfes das unmittelbare Emp- ftnben verkümmert! Aber auch noch anders pradestmiett die Fiau rar bie höhere Kunst der Gefelligkeit feit altersher: Ihre Mütterlichkeit und ihre häuslichen Talente! Läßt man die großen Meisterinnen der geselligen Künste wie wir sie uns aus allen Zeiten, dank der Jtunft«, Kultur- und Literaturgeschichte leicht heraufbeschwören können, Revue passieren, so findet man immer wieder, daß sich in ihnen nut einem seinen Ein­fühlungsvermögen, Mütterlichkeit und häusliche Ta ente zu verbinden pflegten Hatten sie obendrein noch Grazie des Geistes und wußten sie im rechten Augenblick zu schweigen die Kunst der Geselligkeit gehört durchaus nicht zu den redenden Künsten so verrichteten sie gesellige Wunder die noch immer mit Recht bestaunt werden!

Hoffen wir also auf die Frauen als Bildnerinnen einer neuen Geselligkeitskunst, hoffen wir aber auch auf Männer von Phantasie, Einsicht und Humor, die die Kunst der Gefelligkeit, nach der unsere ge° svaltene Zeit so sehr verlangt, fördern und ausbauen helfen, denn er märe eine schlechte Kunst an der nicht Männliches und Weibliches, Geist : und Seele gemeinsam zeugten.

Die große Kulturcaesur, die wir mit dem Weltkriege erleben muhten, zeigt sich auch im geselligen Leben wirksam. Das stark im Materialismus verödete Gesellschaftstreiben der Vorkriegszeit war vielfach zur Griinaffe , geworden, man sprach von teuflischen Dingen, wie Zweckessen und gesell- s schaftlichen Verpflichtungen, und wenn bessere Geister keine Freude daran ; empfanden, so war das kein Wunder. Snobismus, Heiratsmärkte,, ver­schleierte Geschäftskonferenzen, segelten unter der Flagge von Geselligkeit und geselligem Leben und diskreditierten dem Vorsichtigen von vornherein alles, was nach Gesellschaft aussah. Daß beste Geselligkeit auch ohne großen Aufwand von Geldmitteln denkbar ist, wurde vielfach ganz ver­gessen, es wurde vergessen, daß es eine Kunst der Geselligkeit gibt, eine Kunst, die Dachkammern zu Zauberpalästen, Menschenkinder in Glücks­prinzen und Märchenprinzefsinnen verwandeln kann.

Damit war die Geselligkeit auf dem besten Weg, ein Privileg der Reichen zu werden und den begabten Armen zum Parasiten zu er­niedrigen. Der. Mittelstand aber, der zu stolz war, zu nehmen, wo, er nicht wieder geb en konnte, geriet in ein gesellschaftliches Sorgennetz, das ihn so lange schmerzlich umspannte, bis er sich mit Opfern, Einschränken und Seufzern losgetauft hatte. Und was kam dabei heraus? Im Grunde nur eine Art von Nahrungsmittelaustausch, über dem ein all­gemeines Gähnen klaffte. Und doch wagte sich niemand gegen das Schreck­gespenst der gesellschaftlichen Schuldverhaftung und die Kuppler-Teufel der berechnenden Geselligkeit aufzulehnen. Und so begann das, was Ge­selligkeit im höchsten Sinne ist, fast auszusterben, und man konnte es in mittleren Städten erleben, daß dort Gesellschaften gegeben wurden, ohne daß man eigentliche Geselligkeit kannte.

Erst im Weltkriege ward tiefem oder jenem klar, daß Geselligkeit nicht von Aufwand und Kapital abhängig ist. Trotz aller seelischen und leiblichen Nöte fand es sich, daß es Häuser gab, die es verstanden, der Mitwelt etwas zu fein, nicht mit Schlemmeressen, sondern mit einer Ge­sinnung, die über dem Geschehen stand und mit den Herzen zu fühlen vermochte. Sie übten eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus, und es entstanden so zwanglose, gesellige Kreise, in denen in aller Stille etwas von dem lauteren, geselligen Glück genossen wurde, von dem wir hin und wieder in den Memoiren-Literaten der Freiheitskriege lesen und von dem die Goethezeit, materiell arm wie wir, noch deutlich spricht. Die In­flation mit ihren widerwärtigen Auswüchsen schien eine Zeilang diese feineren Regungen einer neuen vergeistigten Geselligkeit durch ein völlig kulturloses Treiben und durch Orgien eines sich überstürzenden Materia­lismus ersticken, zu wollen es gelang ihr nicht: Das gesundende Deutsch­land bewahrte sich die im Kriege gewonnene Erfahrung, daß man gesellig leben kann ohne straffe gesellschaftliche Bindungen und ohne gesell­schaftlichen Zwang; und entwickelte sie weiter. Vor allem bemächtigte sich ihrer die junge Generation, und so stehen wir heute vor einer neuen Ge­selligkeit, die mit dem nicht umzubringenden Gesellschaftstreiben, sagen wir alten, materialistischen Stiles, erfolgreich wetteifert und die Jugend fast ganz für sich gewonnen hat. Es ist das durchaus begreiflich: Was unsere Jugend, einerlei, ob weiblich oder männlich, von der von gestern wesentlich unterscheidet, ist der ausgesprochene Drang nach Selbständig­keit, die Abneigung vor jedem formalen Zwang, der Wunsch nach un­gehinderter Aussprache, der Wunsch nach Befriedigung des großen Zeit­ideals: Bewegung, Ueberminburog von Zeit und Raum! Da wollen die ewigen Formen der Gesellschaft, wie sie sich im Laufe der Jahrhunderte bildeten, nicht mehr passen, man sieht sich genötigt, neuere, freiere, heran­zubilden!

Und sie ergaben sich von selbst; was früher undenkbar erschienen wäre, daß junge Mädchen ohne mütterlichen Schutz an geselligen Vergnügungen teilgenommen hätten, nun wurde es Selbstverständlichkeit; der Sport, der Zeitgott, half der Jugend, sich weitere Gebiete der geselligen Freiheit zu erobern, und so haben wir nun das Bild einer neuen Ordnung der ge-