Ausgabe 
31.1.1928
 
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SietzenerKnmIienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Dienstag, -en 31. Januar

Jahrgang 1928

Nummer 9

Das mitleidige Mädel.

Von Gustav Falke.

Trug mein Herz ich auf der Hand, Wehte ein Wind her übers Land, Weg war es.

Kam ein Mütterchen. Mit Verlaub,

Habt Ihr mein Herz? Die Alte war taub, Nickte nur.

Kam der Jäger, brummte was:

So ein Herz, schert mich das. Frag' weiter.

Fragt' ich die Wege auf und ab, Keiner mein Herz mir wiedergab. Weg war es.

Kam zuletzt des Hufschmieds Kind.

Mädel, sahst du kein Herz im Wind?

Lachte sie leis:

Hat's auch der Wind nicht, hast du doch keins. Dauerst mich, Bub, da, nimm meins, Aber halt's fest.

Verliebter Spaziergang.

Von Franz Hessel.

Von einer, die ich liebe, möchte ich gern erzählen, aber ich weiß nicht, wie ich anfangen soll; und dann werdet ihr Jungen von heute alles, was ich vorbringe, recht harmlos finden. Dabei hab' ich soviel Harm wie als Knabe, in der Zeit, als Erleben Ahnen war. Ist es jetzt schon Erinnern? Und lieb ich auch das an ihr, daß ihre schnellen Füße über Straßen- stein und Brückensteg und Diergartensand meiner Berliner Knabenzeit gehen? Denn so wie ihr glaubt, hab' ich nichts von ihr. Schleppend und immer von ihrer Eile mitgerissen geht etwas, wovon ich nicht weiß, ob es Ahnen oder Erinnern ist, um ihre vorstoßenden Jägerinnenknie wie ein langer Rock aus vergangener Zeit. Das junge Geschöpf, ich sehe es oft, immer nur ganz kurz und meistens auf der Straße. Wohl ist sie manch­mal auch bei mir, und ich bin manchmal bei ihr im Zimmer. Aber wenn sie dann liegt, und ihr spitzer Ellbogen steigt aus dem abgleitenden Aermel, das ist nicht gut für mich.

Es ist besser, sie gibt mir im Freien ein Stelldichein. Sie hat für uns erfunden, daß ich ihr immer entgegengehe oder irgendwo auf sie warte, auch wenn mir nachher in geschlossenen Räumen beieinander sein sollen. Da ist dieser Sonntagvormittag auf der Potsdamer Brücke, wohlgemerkt auf der kleinen, dem stilleren der beiden Brückenbögen, über den nicht die Bahnen, nur Wagen gehen. Ich stand vor dem Zeitungskiosk, ich ging ein Stück am Brückengeländer auf und ab, nie ganz bis ans Ende kehrte immer schnell wieder um. Ich wußte nicht, von welcher Seite und ob sie mit einer Bahn, einem Autobus oder zu Fuß kommen werde. Es war früher Frühling, sie würde wohl im Pelz sein. Manche, die in Pelzen von Tram- und Autoschwellen abstiegen oder auf dem Trottoir Zerkamen, hatten in der Schulter einen Augenblick den raschen Ruder- schlag ihres Kommens, ehe sie zu kurz oder zu breit wurden. Sie ist jo schlank und schmal. Und dann mit einmal war sie vor mir in einem Auto, das anhielt, und winkte wie von fern. Wißt ihr erfahrenen Frauen­kenner, wißt ihr überhaupt, wie das ist, wenn eine ganz Rahe wie von fern winkt?

Schön ist es auch, wenn sie mir eine Begegnung schenkt, bei der ich sie schon von. weitem kommen sehe. Da ist vom Lützow- und Nollendorf- Platz die alte Avenue, die Maaßenstraße heißt. Es ist gegen Abend. Leichter Regen sprüht. Reklameschrift wandert mit Riesenlettern über der Halle der Hochbahn, aus der sie kommen wird. Ich gehe entgegen ganz langsam von Baum zu Baum, und wenn ich beinahe am Platze bin, rückwärts zurück wie der Krebs, damit ich sie die ganze Strecke sehe, die sie herkommt. Sie ist in Eile, heute noch mehr als sonst, sie muß schnell viele Besorgungen machen. Besorgungen mit ihr zu machen, ist sehr interessant. Sie geht im verwirrenden Warenhaus sozusagen querfeldein ?uf das los, was sie braucht. Sie kann sehr verbindlich zu den aufge- jchreckten Verkäuferinnen sein, aber auch, wenn es nottut, kurz ange­bunden. Trefssicher durchkreuzt sie ausweichende Gegenrede. Alles geht schneller, als ich es wahrnehmen kann. Mit jeder Bewegung überholt sie mein Zuschauen. Wenn wir dann wieder auf der Straße sind, sagt sie plötzlich vor einem HausAuf Wiedersehen". Geht sie die Treppe hinauf Dl einem andern? Sie würde es mir vielleicht sagen, aber ich frage nicht. t»ie macht gewiß kein Hehl aus dem Leben, das sie führt, sie ist van

heutzutage. Aber ich möchte nicht sehr gern Bescheid wissen und vor­stellen müssen.

Es ist Mittag. Wir stehen auf dem Lützowplatz.Hiermit muß ich in die Tauentzienstraße", sagt sie. Sie hat einen gefalteten Filzhut in der Hand wie eine kleine Muse ihr Attribut. Aber dann will sie doch lieber erst das Ufer entlanggehen. Es ist schwül und grün um uns. Die Bäume spüren ein kommendes Gewitter. Als ich sie etwas zuviel von der Seite ansehe, ist sie mit einem Schritt auf dem niederen Geländer am Rasen überm Kanal und balanziert mit rudernden Armen. Von den winzigen Lederelefanten, die sie selbst ausgeschnitten und auf ihr Helles Kleid ge­näht hat, schwankt der, welcher auf dem Rücken ist, mit tastendem Rüssel auf und nieder. Am Dammübergang zur Budapester Straße ist sie be­sorgt um ihren kleinen, drahthaarigen Foxterrier, der hinter uns her­läuft. Ich sehe ihre lange, magere Hand in die Luft nach ihm wie zum Greifen ausgestreckt. Mir ist, als greife sie an mein Herz. Damit sie nicht merkt, ich bin bewegt das würde sie wohl recht komisch finden, sag ich ihr schnell etwas Schmeichlerisches über ihr Halskettchen.Ach mein Schmuck," sagt sie,ich habe nur Christbaumschmuck, aber das soll anders werden." Das kommt recht entschieden heraus, sie wird es gewiß noch weit bringen! Nun biegen wir in die Nürnberger Straße ein, um in die Tautzienstraße zu kommen. Dort aber mag sie nicht gleich in das Hutgeschäft und zünden andern vielen Besorgungen, möchte mit einmal erst etwas trinken, too treiben wir weiter bis zur Kirche und hin­über zu der Terrasse des neuen Cafes. Dahin hätten wir eigentlich ge­radeaus gehen können. Aber es ist lüß, Umwege mit ihr zu machen. Vielleicht hatte auch ihr Kurswechsel einen Sinn, der mir verborgen bleibt. Ich weiß ja nichts von ihr, gleite durch gegenwartslose Dauer mit ihrer gegenwärtigen Erscheinung, einmal in fließender Tageslust, dann wieder abends durch den Schimmerkreis angeleuchteter Bäume am Straßenrand in unferm geliebten Berlin, das sich mit Blumenbalkonen und spiegelndem Asphalt, mit Laternen und Gesichtern an diesem seinem Kinde freut. Mag sein, es gibt viele so muntere Mädchen. Manchmal begegnet mir ein Blick, eine Gebärde anderer, die an sie gemahnen. Aber auch dann seh ich nur sie, deren Namen ich nicht nenne, er brennt mir auf der Zunge, aber ihr sollt ihn nicht wissen, und einen falschen, aus­gedachten, mag ich auch nicht an seiner Statt sagen.

Wenn sie weg ist, von einer Treppe, von der Tram oder aus einem Wagen noch winkt, das ist schmerzlich, dann möcht ich nachspringen, sik zurückreißen, hart am Handgelenk sie packen, rückhaltlos, mit Gewalt. Es ist nicht zu ertragen, daß sie weg von mir ist und bleibt doch in der Welt. Schön aber ist es, wenn sie nur weggeht, um wiederzukommen, und läßt mich warten, bis sie wiederkommt. Schön ist es, im Vorzimmer des Friseurs zu sitzen, während sie sich das Haar wüschen läßt. Da sitzt man auf rotem Polster, sieht bunte Wände wie aus Pasten und Salben, Glasschränke mit schillernden Schalen, spiegelnden Flaschen, milchigen Dosen. Cs ist ein eleganter Laden, ihr kennt ihn. Zur Linken hat man bei der Tür die Kasse mit der Sitzgöttin. Thronen können heut nur Kassiererinnen. Neben der stehen zwei Telephone auf dem Tisch. Immer­zu kommen Kundinnen und fassen nach den Hörern. Die eine sagt:Be­sorgen Sie noch Sprotten. Obst bring ich mit. Und wenn Herr Kommer­zienrat aus dem Bureau anruft, ich bin in einer halben Stunde zu Hause." Die andere sagt:Erwarte mich am Eingang der Untergrund­bahn an deiner Ecke, aber um acht muß ich unbedingt fort." Und die angestellten Fräuleins laufen hin und her in schwarzen Uniformkitteln mit roten Kragen. Eine dicke Dame möchte gern einer etwas geben, die sie gut manikürt hat, und beschreibt sie der Kassiererin. Die ruft ^Elsbeth!" Es war nicht Elsbeth," sagt die Dame des Hauses, die reklamehaft onduliert und kuchenschön im Vorhang erscheint,es war Frieda."Ja, so eine kleine Brünette", sagt die Dicke und zahlt. Und hinter all dem weiß ich die, die ich liebe. Vielleicht sitzt sie in der Zelle, die ich dahinten spaltoffen sehe. Sie wird von einem der Männer in weißer Kutte be­handelt, die sich so gut auf Frauenköpfe verstehen. Die Frauen lieben ihre Berührung, lieben es, daß sie sie zart und fest anfassen müssen und dabei so kühl bleiben. Ist es ihre Stimme, was ich manchmal weither zu hören meine? Bald wird sie fertig fein und erscheinen. Fast ist es schön, daß sie noch nicht da ist, daß ich ihr noch entgegendenken kann. Gegenwart ist schwer zu ertragen. Ihr andern, die ihr wißt, was ihr wollt, ihr habt es leicht mit eurem Entweder-Oder.

Morgen will sie mit mir vor dem neuen Bootshaus am Neuen See sitzen, wenn es nicht regnet. Lampen werden durch das Laub und aufs Wasser scheinen. Ich werde mich so setzen, daß ich sie viel von der Seite ansehen kann, ohne daß es sie stört. Aber nun beschreib ich euch nicht, wie sie von der Seite aussieht. Sonst erkennt ihr sie und sagt:Die? Um die machst du dir soviel Umstände? Das liebt sie ja gar nicht. Lächer­lich wird sie dich finden und wegschicken." Ja, das wird sie vielleicht, aber erst darf ich noch ein paarmal auf sie warten, bis sie kommt oder wiederkommt.