Reise in nordische Lander.
Bon Josef Ponte».
l. vssians Landschaft.
, „Die Luft voll von Nebelkügelchen, Wasserstaub. Hellgrau die Sicht, so hell, daß die Augen schmerzen, aber man sieht nur wenige Meter weit. Man sieht nicht den Mast, kaum erkennt man die Brücke des Schiffs, «der sem Pulsschlag hat ausgesetzt, die Maschine blieb stehen, das leichte Zittern des Plankenbodens hat aufgehört — das Schiff ruht. Ruht aus Angst, euS Vorsicht.
Aber jetzt wirb der Boden doch erschüttert: die Dampfpfeife tönt, tönt gewaltig, der Schiffskörper erbebt davon, und die Ohren schmerzen.
Und aus dem hellen Dunkel oder ans der grauen Helle andres Pfeifen und Tuten, vielfältig, da und dort, voraus und hinten: die Schiffe pfeife«, tuten sich an, um einander ihre Standorte zu kennzeichnen, denn bei der Bewegung kann eins aufs andere stoßen. Furchtbar, wen» da plötzlich ein mächtiger Körper, der seine Bewegung nicht im Augenblick hemmen kann, unmittelbar vor dem Bord aus dem Nebel auftauchte! Das Meer ,st glatt und still.
Unheimlich das gewaltige, die Luft erfüllende Tuten in einer Walt, ,n der man nichts sieht, in der man sich von allen Seiten umstellt weiß Und man weiß sich vor einer großen Stadt und einem bedeutenden Hasen- vor Ed,nburg, und seinem Hafen Leith in Schottland — man wird solch em Erlebnis, ein blindes Landschaftserlebnis sozusagen, niemals vergessen!
Und em toller Gedanke, aber von etwas geographisch durchaus Mdg» lichem: Würden während einer Seeschlacht die feindlichen Flotten von diesem allmächtigen Rebel überfallen, es bliebe ihnen nichts übrig als stillzulegen, sich anzututen, sich freundschaftlich vor einander zu warnen (denn auch die befreundeten Schiffe drohen Gefahr) und abzuwarten, bis Herr Wetter es für gut fände, die Tarnkappe vom Theater zu nehme» und das Schauspiel sich zu Ende spielen zu lassen. Aber dann hätte das Groß- attlg-Groteske des Vorgangs, dieser Landschaftswitz und Klimastreich, welcher der Geschichte gespielt würde, vielleicht — vielleicht I — denKämpfern der Flotten den Ernst für das Weiterspielen genommen — vielleicht, denn Helden verstehen sich wenig auf das Komische der Geschichte...
Emen halben Tag dauerte der rücksichtslos zur Untätigkeit zwingende Aebel — dann war er plötzlich wie weggeschöpft, weggeblasen. Und wir stnd m Schottland.
Die Bahn führte uns über Glasgow fort in das schotttsche Gebirge, die Grampians hinauf. Wir stehen vor einem langen, sich nordwärts verlierenden Schlauchfee, Loch Lomond, dem größten See Schottlands. Wir fahren auf ihn hinaus.
Es ist Samstagmittag. Arbeiterferien. Arbeiter füllen in Mengen das Schiff. Nach Gruppen (Bäcker, Fleischer, Barbiere) haben sie Urlaub, stumpf fitzen sie an dem feuchten kühlen Tage an Bord und starren dummselig rote befreite Tiere in die Landschaft hinaus. Aus verhängter Ferne ziehen lange Berglinien heran, und in der Tiefe der Landschaft erhebt sich em schöner edler Berg, der Ben Lomond. In der Parklandschaft des Ufers Landhäuser der Glasgower Reichen. Die Sonne bemüht sich durch zudringen. Schwere Wolken lasten auf Land und See, ihre Schatten an der Erde, auf den Bergen sind von tiefem «lau. Der See ist dunkelgrün.
Dunkelblau und dunkelgrün sind die Farben dieser Landschaft — eigentümlich, rote das Rot des Schornsteins eines nahenden Schiffs in dieser Landschaft von Grün und Blau brennt.
Der Ben Lomond hat ab, der Ben Choinn erscheint. Die Berge find kahl. Das Wasser hat tiefe Rinnen in die leeren Hänge eingerissen, und dte Rinnen hinan (im Schutz vor dem ewigen Wind), steigen vom See aufwärts Waldungen das Gebirge hinaus, Waldungen in sehr spitzen Dreiecken, mit der schmälsten Seite stehen sie auf der userlinte. In viertel, in halber Berghöhe keilen sie aus. Etwas sehr Merkwürdiges, diese vereinzelten und zugespitzten Baumwälder, Baumhaine, die tote die Zinken einer Tyrannenkrone vom Reifen des Ufers aus sich erheben. Man würde sie nicht in einem Landschaftsbild erfinden. Natur erfindet in ihren örtlichen Bedingungen mit der Gültigkeit des jeweils Zutreffenden, Notwendigen und Rechten — und dann wirkt das Merkwürdige selbstverständlich! Selbstverständlich — und dadurch groß!
Bei Jnversnaid, nahe dem nördlichen Seende wird am dunkeln Tage (das Mühen der Sonne war erfolglos) das Schiff verlassen, es geht in Wagen einen kleinen Paß hinan. Es nebelt und regnet leise. In der milden Rässe verstärkt sich alles Grün, das hellere der Häuser, das dunllere des Laubs, das Blaugrün unzähliger Farne. Blauschwarz erscheinen die nassen Gneisfelsen. Die Erde ist braun. Die Berge nach oben hin sind kahl, aber moosig grün, die fast baumlose, braune Heide herrscht, besetzt mit ernstem Wacholder und Farnen. Kaum sieht man ein Haus, aber viel rauhhaarige Rinder und feinhaarige Schafe. Melancholisch tönt der Dudelsack eines Hirten. Da ist Moorgrund, und das ablaufende Wasser ist braun. Steifer Wind weht, ein glanzhaariges Schaf liegt geduckt im Windschatten eines dunkeln Gneisblocks. Feiner Regen sprüht einem ins Gesicht — still, tiejstill und schwermütig ist dte Landschaft: Ossians Welt!...
H. Die Windinsel.
Aus plattige» Sandsteinen flach gebaut, die Höhen weich und lang- gezogen, toindüberstrichen, fast ohne Bäume, meist unter wolkigem Himmel I iegen nördlich von Schottland die Orkneyinseln im Meer. Ein graues, helles, vernünftig aussehendes Städtchen steht da, Kirkwall mit Namen, die Häuser aus dem plattigen Sandstein aufgebaut, auch steingedeckt (mit dünnsten Platten auf dem Dachstuhl), in den regelmäßigen Fugen das weiße Adernetz des Mörtels zeigend, Häuser säst ohne Gesimse — Häuser ganz aus Stein. Blumen stehen in den Heinen Treibhäusern der kasten- artig ausladenden Fenster (bay-windows), viele Blumen, auch viele Blumen auf dem iaubern, die Häuser umgebenden Rasen. Da ist eines nur so hoch wie ein Mensch und sorgfältig mit Rasen und Blumen umgeben, eine otie Frau tritt heraus: ein Märchenhaus.
Auch die Wiesen sind mit Mauern umgeben, sorgfältig geschichteten und oft vermörtelten Mauern. In Mauerquadrate ist die Landschaft aus- geteilt. Im Windschatten einer Mauer liegt eine Schar weißer Hühner, im Grün der Wiese blühen die roten Kämme wie Mohn.
dmgs mcht ausschließlich, aber toaS neben ihnen stand, war, außer Mozart und einigen anderen klassischen, zum eisernen Bestand gehörenden Werken, em ganz entsetzlicher Kitsch, tote die beiden lange Zeit hindurch als Einzelwerke metstgespielten Machwerke „Mignon" und „Margarethe" — eine nicht w-eder gutzumachende Schande der deutschen Opernbühne. Die Musikalischen beschränkten sich auf Wagner, und lehnten aus dem Gefühl, päpst- dcher als der Papst fein zu müssen, alle, wie sie glaubten, rein melodiöse Musik ab, ohne zu wissen, daß Wagners Musik auf der Melodie beruht tote keine andere,- aber fte verschlossen ihre Augen, wohl auch angewidert von eben der erwähnten, sich breit machenden Banalität, ganz vor einer Musi- kalrtät, dte nichts mit starker seelischer Emotion zu tun hat, sondern, ganz in den Gefilden der Tonwelt blühend, aus sich selber heraus mit nationaler Kraft tm besten Sinne volkstümliche Kunst zu produziere» vermochte: wie kS Verdi gegeben war. Das Unpsychologische seiner Musik, die furcht- baren Texte ferner früheren, berühmtesten Opern, das knallende Theater ferner Ensembles und Chöre stießen die durch Wagner zur ersehnten, seelisch begründeten dramatischen Musik Gekommenen mit Hochdruck ab, ja, bestärkten fie nur noch mehr in einer gewissen Einseitigkeit, die jede mit Bewußtsein auf glänzende Effekte berechnete Bühnenwirkung in Arienfchlüssen oder Finalen als Frivolität brandmarkte. Die Entwicklung der dramatischen Musik schien ihnen rech t zu geben; Wagners Einfluß bestimmte seine Rach- folge rn allen Landern; und wenn auch in Frankreich die durch Debussys „Pelleas und Melisande" am reinsten vertretene Jmpressionisten-Schule das „Pathos" und die „große Geste" Wagners ablehnte, so fußte sie erstens ganz und gar aus ferner Harmonik (Tristan) und Orchesterbehandlung, »weitens aber übersteigerte sie sogar fein Pathos in musikalischer Hinsicht und verkroch sich, möchte ich sagen, in eine Innerlichkeit, der jedes freie, ungebundene, aus sich selbst kommende Musizieren — dem allerdings auch «mal ein paar weniger gewählte Phrasen unterlaufen können — ein Greuel war. Indessen war es einem Lande Vorbehalten, in dieser Be- ziehung bahnbrechend zu wirken, das schon häufig bedeutsam in die Musik- geschlchte eingegriffen hatte: Italien.
Es scheint fast, als habe sich die Empfindung, daß man aus der allzugroßen Innerlichkeit und nordischen Bergrübelung wenigstens zu Zeiten herauskommen müsse, in ein paar jungen italienischen Komponisten mit folcpec Kraft Wurzel geschlagen, daß es ihnen gelang, je ein ungeheuer wirkungsvolles Werk zu schaffen, damit aber auch ihre fchöpferischen Fähig- leiten ziemlich restlos zu erschöpfen. Maseagni schrieb die „Cavalleria rusticana", und Leoncavallo die „Pagliaeei", Werke, von deren Siegeszug in der Mitte der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts sich niemanb «ne Vorstellung machen kann, der ihn nicht miterlebt hat. Hier war mit «nem Male, was man lange vermißt hatte: rücksichtsloses Drauslosgehen, dramatische Kürze, bewegte Handlung, unbekümmertes Musizieren ans reicher Melodienfülke ohne jede Psychologie, und soviel jugendliche Feuerkraft, daß der schwächliche Überzuckerte, französische Kitsch der Thomas und Gounod nicht konkurrieren konnte. Man jubelte den beiden Werken zu, pries ihre Komponisten als Retter, führte sie unentwegt auf — die kurzen Werke boten keine Schwierigkeiten der Inszenierung und Besetzung — freute sich an der Unbefangenheit ihrer Melodien, die bald, wie das Intermezzo aus der „Cavalleria" und der „Prolog" aus dem „Bajazzo" zur völligen Pest wurden: und die „Mnfikover", das nur auf Musik und Wetter Nichts gestellte Werk, war wieder da. (W,r dürfen nie vergessen, daß Mozarts, des großen Ironikers und Tragikers Werke, ebenso wenig wie der „Fidelio" zur „Musikoper" gehören, die bei den Romantikern zu Hause war; Wagners «sie Opern sind im letzten Grunde ebenfalls Musikopern, obwohl im Tann- Häuser" und „Lohengrin" bereits andere Elemente mitsprechen.) Leider versagten die Kräfte Maseagnis und Leoneavallos bei ihren späteren Versuchen, und auch die Leistungen ihrer Nachahmer und Nachfolger, wie Giordanos, die sich hauptsächlich auf grausige Mordkibretti stützen, vermochten nicht, tiefer zu interessieren. Verdis frühe Werke galten nach wie vor als nicht recht „salonfähig", seine späten, wie der herrliche „Falstaff" halten keinen Erfolg; die Musikoper schien wieder sachte einzuschlafen, bis Puecini sie mit seiner zwar gut gemachten, aber nicht anreißerischen .Boheme" und dann mit „Madame Butterfly", — welche bis auf eine Szene die erste nicht erreicht — wieder belebte.
Allmählich gewannen immer größere Steife Freude an der schwungvollen Unbekümmertheit italienischen Musizierens, während nun bereits °uf der anderen Sette die ganz strenge, auf mittelalterliche Prinzipien »urückgreifende Tendenz der atonalen, besser linearen oder polytonalen, Musik sich geltend machte, und die meisten erschreckte. Der oben erwähnte Generationswiderspruch gegen Wagner kam hinzu, so daß nun ein Retter erstehen mußte, der durch das reine Musikbedürfnis vieler Menschen, welche aber leinen, Kitsch wollten, herbeigesehnt wurde. Da es keinen jungen, lebenden Künstler gab, der dem Wunsche gerecht werden konnte, griff man aus oen einzigen zurück, der alle Bedingungen zu erfüllen imstande war, bet Genie mit Unbekümmertheit, Erfindung mit dramatischer Kraft, gar lerne Psychologie (bis auf die letzten Werke) mit unerhörtem Melodienreichtum zu verbinden gewußt hatte: Verdi. Die Renaissanee seiner Werke mußte mit Notwendigkeit erfolgen als Ausweg aus dem Dllemma, in das die Jntellektualität der Modernen, die GenerationSabneigung gegen Wagner, bet Mangel an schwungkräftiger Melodik der heutigen Musik das Publikum gebracht hatte: und es ist gut, daß in dem genialen Italiener der richtige Mann wieder auferstanden ist. Die Wahl seiner neueinjtubiert aufgeführten » h« öoigt deutlich, was man will: nicht die überlegte Feinheit des „Fal- Icasf , des „Othello", sondern die so lange verschrien gewesene, vor sechzig und mehr Jahren von tonangebenden Krittkem wie Hanslick völlig abge- ceynte hinreißende Farbigkeit bet „Macht des Schicksals", die leichte Melodik „1 »Su'fa Miller", die bunte Fülle des „Don Carlos" sind es, die heute das Publikum begeistern. Die ftüher üblichen Unaushaltbarkeiten haben hoffent- M ourch die kraftvollen Erfindungen Verdis, deren es noch eine ganze "v^uge zu beleben gilt, den Todesstoß erhalten; fchon dies allein wäre ein nnA llenng zu preisender Vorteil seiner Auferstehung. Aber er macht uuct) die Ohren wieder empfänglich für den leicht hinströmenden Zauber inet unbeschwerten Musikanterei; wer weiß, vielleicht ist die Zeit nicht fern, o UN Verständnis aller Opernfreunde, die völlige Synthese zwischen Verdi, e??“1 und Mozart, den drei größten Musikdramatikern, zum Vorteil der lZopser und des Publikums geschlossen werden wird.


