Schreiberknecht und
den Stuhl oder im Hebungen und hielt
aber unterließ sie nicht.
„Weil du viel zu gut bist für so einen elenden
Hungerleider." ,
„Ich bin gar nicht so gut, wie du denkst.
„Mädel!" schrie er, „halt den Schnabel still und machst mich rasend."
Das wirkte. Hilde unterließ ihre schwungvollen
«ch für ihn, da er über ein starkes Selbstbewußtsein verfügte. Und angesichts dieses doppelten Vorzugs kam er zu der Einsicht, daß ihm die Welt dafür eine gleichwertige Leistung bis jetzt noch schuldig geblieben fcu Diese Schuld endlich einzufordern, dazu war er fest entschlossen.
Und seine verliebten Gedanken brachten ihn darauf, jene Schuld am glücklichsten durch die Person eines weiblichen Wesens abgetragen zu sehen. Mt einem Worte: Balthasar Bubke wollte heiraten! Und da er lerne Veranlassung fühlte, sich gegen der Welt Lauf zu stemmen, wollte er eine recht gute Partie machen. , „
Aus jeden Fall liegt in einem solchen Entschluß eine untrüglich egoistische Schnödigkeit, und jedes edeldenkende Herz müßte ihm jede Regung des Mitgefühls fernerhin entziehen, wenn er nicht auf ganz erheblich mildernde Umstände Anspruch hätte. ~ ,
Zunächst war Balthasar Bubke em armer Schlucker, und jebermann wird die Unwahrscheinlichkeit, ja die Unmöglichkeit eines Erfolges m ferner Heiratsangelegenheit sofort einsehen und dem irregeleiteten Mute des Jünglings die Gefühle der Achtung und des Bedauerns mcht versagen können. Ferner mußte die Erwählte trotz ihrer äußeren und äußersten Vorzüge auch eine reiche und schöne Seele besitzen, wenn sie sich jemals auf Balthasar Bubke Hoffnungen machen wollte. Sodann war dieses Wesen schon längst gefunden. Und endlich war sie allein die letzte geheime Ursache seiner anfänglichen Unzufriedenheit und der erste Anstoß zu fernem Entschlüsse gewesen. . .
Daß dieses weibliche Wesen in der roten Mühle wohnte und die einzige Tochter des reichen Müllermeisters und Mühlenbesitzers Moritz Krause war, erklärt zur Genüge die sonderbare Vorliebe Balthasar Bubkes für jenes Bauwerk und für ein gewisses klappriges Fernrohr, das augenblicklich unbenützt in der Fensterecke den gelben Messingrock tn den Strahlen der Abendsonne glänzen ließ, reicht aber noch nicht aus, das sonderbare Schriftstück des faustkräftigen Vaters zu rechtfertigen, das Balthasar Bubke unterdessen wieder aus seinem Notizbuch herausgesucht hatte und nun zum vierten Male überlas. ,
An der ganzen ärgerlichen Geschichte war tm letzten Grunde nur der Herr Pastor schuld. Seine Hochehrwürden waren nämlich Begründer und Leiter des ortsüblichen Jünglingsvereins und des ebenfalls stark m Anspruch Genommenen Jungfrauenvereins. Diese Vereine veranstalteten rn ledern Ähre um die Kartoffelblüte herum ein großes Kinderfest, bet dem die Jungen und Mädel der Stadt rechtmäßig unter Jünglinge und Jungfrauen verteilt wurden, die dann mit ihnen auf dem großen Wiesenplan hinter dem Schützenhaus „Jakob, wo bist du?", „Ein, zwei, drei, saug schon! , „Katze und Maus" und ähnliche allbekannte und bei dein kleinen Volk mit Recht beliebte Spiele zu traktieren hatten, und es auch mit wenig Geschick und um so größerem Eifer taten.
Und bei dem letzten Kinderfeste geschah es. Das war nun gerade ein
Balthasar schlenderte damals gemächlich durch die Menge der drehenden und singenden Kinderkreise, blieb hier und da stehen, wie ein Mann, bet Zeit zum Beobachten und Nachdenken hat, grüßte hier einen seiner Vor- ßten, gab dort einem Bekannten einen fröhlichen Zuruf wieder und
hm fich artig und zuvorkommend gegen das zarte Geschlecht, wozu ihm das stetig wachsende Gedränge mannigfache Gelegenheit bot. Da sah er sich plötzlich einem Strudel fünf- und sechsjähriger Mädchen gegenüber, von denen etliche herzzerbrechend schluchzten, die andern aber ausgelassen tobten, und fühlte, wie zwei große braune Augen angstvoll und hilfeheischend die {einigen suchten. Er begriff sofort die Sage und unterdrückte durch epi paar Worte männlicher Entschlossenheit den drohenden Aufruhr.
Dann hörte er eine sanfte Stimme ein rührendes „Danke! flüstern.
Nun hätte er sich anstandshalber zurückziehen müssen, allein er blieb, und er wunderte sich nicht einmal darüber. Als gleich darauf wieder etliche Stimmlein sich erhoben und zu Mama wollten, warf er sogar seine ganze Person in die Wagschale bet Ordnung und Gesetzlichkeit, trat selbst in den Kreis und saug mit kräftigem Baß den schönen Rundreim mit vomMariechen, das da weinte und sterben wollte, und dem Bruder Karl, der das Messer herauszog und es ihr in bas Herz stach. Und jedesmal bei der Stelle fühlten auch zwei Herzen in diesem Kreise einen leisen Stich. Balthasar Bubke lächelte ganz seltsam dazwischen, während über die zarten Wangen des Müllerstöchterleins eine feine Röte huschte.
So hatte es begonnen, und weitergegangen war es wie bet andern verliebten Leuten.
Und nun kam des wilden Vaters Fehdebrief und hätte der Sache em Ende gemacht, wenn Balthasar Bubke nicht der gewesen wäre, der er wirklich war., , .
Er zog jetzt den Bleistift hervor und schrieb gelassen auf die Rückseite des drohlichen Schriftstücks die Worte:
„Geehrter Herr Krause!
Leider hatte ich bis jetzt weder die Ehre noch das Vergnügen genossen, Sie persönlich kennenzulernen. Sollte umseitiges Schreiben bezwecken, Ihre Vorstellung bei mir zu ersetzen, so bedenken Sie gefälligst, daß es Ihre Persönlichkeit sehr einseitig zur Beleuchtung bringt. Ich ersehe nur daraus, daß Sie sehr unbesonnen und unvorsichtig sind. Aus diesem Grunde gebe ich das Schriftstück in Ihre Hände zurück. Es liegt mir fern, einen Mann, der späterhin mein Schwiegervater werden soll, bei der Staatsanwaltschaft zur Anzeige zu bringen, wie ich es als pflichtgetreuer Bürger eigentlich tun müßte. Gegenüber Ihrer Verheißung handlicher Aeußerungen mache ich Sie darauf aufmerksam, daß ich nicht abgeneigt bin, gegebenenfalls von diesem Verständigungsmittel Gebrauch zu machen. Sollten Sie durch diesen Umstand sich veranlaßt fühlen, Ihre Mühlenknechte zu Hllfe zu rufen, ober mir mit irgendeiner Waffe in der Hand entgegenzuireten, so bin ich gezwungen, Ihnen die Eröffnung zu machen, baß ich vom heutigen Tage an nur noch mit geladenem Revolver und dem dazu gehörigen amtlich beglaubigten Waffenschein mein Haus verlassen werde. Sie sehen also, baß ich nicht gewillt bin, mit mein Recht unb meine Ansprüche auf die Hand Ihrer Tochter auch nur um Haaresbreite verrücken zu lafsen, und zeichne in diesem Sinne
ergebenst
Balthasar Bubke, Stadtkanzleidiätar."
Die Geschichte mit dem Revolver war nichts weiter als Flunkerei. Balthasar Bubke besaß ein solches Mordinstrument ebensowenig, wie den dazu gehörigen amtlich beglaubigten Waffenschein. Er nahm den Bries des Müllers für nichts andres, als eine leere Drohung. Aus diesem Grunde war auch der Entschluß Balthasar Bubkes, den Brief eigenhändig nach bet roten Mühle zu tragen, kein allzu heroischer. .
Balthasar Bubke steckte das nun beiderseitig mit Drohungen versehene Briefblatt in das alte Kuvert zurück, griff nach dem dünnen Spazierstöcklein hinter dem Kleiderschrank und begann seinen Gang.
Als er aus dem Hause trat, sah er gerade, wie die Sonne sich vergeblich bemühte, ihr rundes Gesicht zwischen den beiden schlanken Türmen der Pfarrkirche hindurchzupressen. Heber die Straßen der Stadt und über den Strom wannte schon der Abend seinen kühlenden Schirm. Das Wehr schwieg, nut die beiden Mühlen ließen ihr altes dumpfes Rollen und Grollen hören.
Moritz Krause, der Müller, warf den Getreidesack zur Seite, als wäre es ein Spielball, reckte feine lange, sehnige Gestalt, klopfte sich das Mehl aus den Fingern und ging zum Abendessen. .
Die Tochter erwartete ihn am gedeckten Tisch. Seit ein paar Tagen sprachen die beiden nur das Notwendigste miteinander. Hilde saß mit ge- kreuzten Armen da unb machte ihr trotzigstes Gesicht.
„Willst bu nicht essen?" fragte ber Baker heftig.
Be? Müller^ brummte etwas in seinen struppigen Bart unb strich sich die Butter auss Brot.
„Was soll das Trotzen?" fragte er um einige Grade müder.
„Nichts I" sagte sie schnippisch und begann mit dem Stuhle zu wippen; sie wollte den Vater reizen, der diese halsbrecherische Bewegung nicht m» stehen konnte.
Der Müller fuhr auf, hieb den Messergriff energisch auf den Tisch unb rief: „Sitzt du mir sofort stille? Ist das ein Benehmen deinem Vater gegenüber, ber nur bein Bestes will?"
„Wenn bu mein Bestes willst, warum tust bu's mcht auch?" Das Wippen
den Schnabel. , , . ,,, .,
„Das eine will ich bir sagen, läßt sich ber Kerl noch einmal hier sehen, ich vergerb' ihm bas Fell, baß er für ewige Zeiten genug hat, unb Wenn bu nicht gleich ein andres Gesicht aufsteckst, kriegst bu auch beinen Teil weg. Hier ist mein Haus unb hier geht's nach meinem Kommando. Verstanden?
Hüde schwieg, aber bet herbe Zug um den Mund sprach von allem andern, nur nicht von Nachgiebigkeit. Vater unb Tochter waren aus demselben Holz geschnitzt. . . .
„Unb überhaupt," lenkte bet Müller ein, „wie kann man sich mit eine« solchen Hans einlassen."
„Du kennst ihn nicht." , „ .
„Ich hab' mich schon nach ihm erkunbigt. Du hülst ihn natürlich für de» edelsten, vügsten unb besten Menschen bet Welt. Hat betne Mutter mit mir ebenso gemacht, bis sie hinterher einsah, baß es recht viele Moritz Krausei gab."
„Lern ihn doch erst kennen."
(Fortsetzung folgt.)
Die Auferstehung der „Mustkoper".
Bemerkungen zur BerÄ-Renaifsance.
Von Dr. Anton Mayer.
Der jeweilige Zeitgeschmack des Publikums bestimmt die Programme unserer Opernhäuser; wenn et auch gewiß nicht einheitlich ift( so sind doq stets vothettschende Strömungen deutlich erkennbar, welche bie bevorzugte Richtung ber musikdramatischen Kunst erklären. Infolgedessen sind »>- Aufsühtungenszif f cm auch ber bebeutenben Komponisten in ben wechselns« Epochen bet Zu- unb Abneigungen sehr verschieden, unb nur ganz roenifl unb vollkommen übetragenbe, wie Mozart unb Wagner, können M Stellung in ber Borstellungsskala so ziemlich behaupten. .
Gegen Wagner machen sich jetzt temporär bebingte Meinungen geltens, bie, von einer durch Krieg sowie andere politische und kulturelle Verhältn is enttäuschten Generation ausgehend, alles „Heldenhafte" ober '>Pmhenm , wie es genannt wirb, bekämpfen, babei aber gänzlich am erstrebten h vorbeischießen; benn ber eigentliche Kern bet Wagnerschen Kunst 8 keineswegs in einigen, vielleicht allzu pathetischen Auswüchsen ober „helbenhasten Pose" seiner Werke —wir betrachten bas Oeuvre vom Jn 8 ab, ba bie frühen Opern hier nicht in Frage kommen —; es kommt a v Siegfried«, überhaupt kein „Helb" in ihnen vor, ba Tristan, Parsifal, höchst problematische Naturen sinb. Der wirkliche Wert ber ®agne w Kunst liegt ganz im rein Musikalischen, eine Tatsache, bte das tzu ... aller Länder stets verstanden hat; in fremden Gegenden, die dem germ« i nordischen Mythus ober ber Nürnberger Meistersinger- Hergang , absolut fernstehen, werben bie Werke Wagners nicht weniger hoch > wenn nicht noch höher, als in Deutschland. Es ist bei un§ em, erklärlichen unb für bie Beurteilung gleichgültigen Generatwnswiv m hauptsächlich snobistisches Gerebe übelwollenbet Literaten, WH äußere, im übrigen leicht durch einige Restaurationen auszufruche . abzuändernde lÄscheinung, mit dem inneren, also bichterisch-mm । Wert verwechseln; daß aber Werke, die fast ein Vierteljahrhund dauert Haden, manchmal reparaturbedürftig sind, scheint weiter rem “
Ist also Wagners Werken selbst teilt Vorwurf zu machen, fo allerdings die Tatsache bedauern: sie haben offenbar das J“ musikalischen Publikums viele Jahre unb Jahrzehnte so gefesfelt, baß für irgendeine andersgeartete, wertvolle Art ber öt Musik kaum Platz war — was natürlich auch roieber nur em -v ihre außergewöhnliche Qualität ist. Sie bominierten im Spieip


